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Android Auto: zukünftig auch ohne kompatibles Radio-System nutzbar

von Bernd Rubel am 19. Mai 2016

Update 19. Mai 2016, Bernd
Auf der I/O 2016 war selbstverständlich auch Android Auto ein Thema. Offenbar ist es Google nun leid, auf die Kooperation der Fahrzeughersteller zu warten und kündigt an, dass Android Auto zukünftig auch ohne ein kompatibles Radio- und Navigations-System funktionieren wird.

Bisher deaktivierte sich der Bildschirm eines angeschlossenen Smartphones, sobald es an ein kompatibles Fahrzeug angeschlossen wurde. Die Bedienung von Android Auto erfolgte dann über den Bildschirm in der Mittelkonsole des Fahrzeugs. Damit ist nun – optional – Schluss.

Android Auto kann zukünftig auch direkt über das Smartphone- oder Tablet-Display bedient werden, wobei man selbstverständlich eine gute Halterung einsetzen sollte.

Original-Artikel vom 03. Juni 2015
Android Auto soll 2015 durchstarten – eine Einführung in Googles Autoradio-Interface

Android Auto wurde zwar schon vor einem Jahr auf der Google i/O 2014 vorgestellt, doch bisher sieht es mit der Verbreitung eher mau aus. Im Jahr 2015 soll sich das endlich ändern, mehr als dreissig Auto-Hersteller haben mittlerweile Fahrzeuge mit Android Auto angekündigt. Wir fassen die wichtigsten Fakten zu dem speziellen “Betriebssystem” zusammen und zeigen euch, wie das Ganze funktionieren soll – hier gibt es nämlich noch einige Missverständnisse.

Bei Android Auto handelt es sich genaugenommen “nur” um einen Standard, der die Verständigung zwischen eurem Smartphone und dem im Fahrzeug eingebauten Audio- und Navigationssystem regelt. Zum einen muss sich also die Android Auto App auf eurem Smartphone befinden, zum anderen muss das im Fahrzeug eingebaute System diese App “verstehen”. Das Entertainment-System des Fahrzeugs führt kein Android-Betriebssystem aus, es fungiert lediglich als externer Bildschirm und Eingabegerät. Android Auto hat auch nichts mit selbstfahrenden kleinen Google-Autos zu tun – lacht nicht, dieses Missverständnis gibt es wirklich.

Entertainment-Systeme für Android Auto

Erst langsam bringen die Autohersteller Fahrzeuge auf den Markt, deren Audio-und Navigationssysteme schon ab Werk mit Android Auto und/oder dem Konkurrenten Apple CarPlay umgehen können. Die meisten, auch die schon etwas älteren Geräte beherrschen zwar die Kopplung eines Smartphones via USB oder Bluetooth und stellen dann eine Freisprecheinrichtung oder einen Player für die auf dem Smartphone abgespeicherte Musik zur Verfügung – mit Android Auto hat das aber nichts zu tun, in diesen Fällen handelt es sich meistens um proprietäre Lösungen.

Käufer, die sich erst in den zurückliegenden Monaten einen neuen Wagen angeschafft haben, könnten Glück haben, denn ein paar Audiosysteme einiger Autohersteller lassen sich anscheinend mit einem Software-Update auf Android Auto erweitern. Eine allgemeingültige Aussage lässt sich hier nicht treffen – weder die deutschen noch die amerikanischen oder japanischen Autohersteller haben sich hier bisher besonders profiliert. In den letzten Wochen ist vermehrt zu lesen, dass besonders Audio-Systeme von Pioneer diese Upgrade-Option schon sehr früh bieten könnten, zu einem dieser Geräte konnten wir euch schon einen ersten Erfahrungsbericht liefern.

Android Auto Bedienung

Für alle anderen heisst es: warten bis zum nächsten Neuwagenkauf oder zähneknirschend den Einbau eines anderen Audio-Navigationssystems in Erwägung ziehen. Mittlerweile tauchen die ersten Billig- und Markensysteme auf, wobei sich die Auswahl natürlich auch auf die zum eigenen Armaturenbrett passenden Abmessungen beschränkt. Den aus früheren Zeiten gewohnten “Standardschacht” für den problemlosen Austausch eines Autoradios gibt es in diesem Bereich eher selten und vermutlich kommen deshalb zu den Anschaffungskosten des Systems in vielen Fällen noch die Kosten für einen professionellen Einbau hinzu.

Lollipop 5.x ist Mindestvoraussetzung

Ist man glücklicher Besitzer eines kompatiblen Systems oder hat die o. geschilderten Hürden überwunden, kann man theoretisch sofort mit Android Auto loslegen. Theoretisch, denn es gibt noch eine weitere Voraussetzung: das eigene Smartphone muss mit mindestens Android 5.x Lollipop bestückt sein, mit z.B. Android 4.4 KitKat ist die Android Auto App nicht kompatibel. Zudem muss es sich anscheinend auch zwingend um ein im Play Store als Smartphone klassifiziertes Gerät handeln, ein mit Android 5.x Lollipop ausgestattetes Tablet ohne SIM-Kartensteckplatz wird als nicht kompatibel gelistet. Im letztgenannten Fall bliebe noch die manuelle Installation der .apk-Datei . Ob Android Auto jedoch ohne mobile Datenverbindung immer Sinn macht, sei mal vorsichtig dahingestellt. Dass man spätestens mit Android Auto auch eine etwas üppigere mobile Daten-Flatrate benötigt, dürfte auch fast jedem klar sein.

Android Auto USB-Verbindung Smartphone

Die Android Auto App steht bereits seit März 2015 im offiziellen Google Play Store zur Verfügung und wird seitdem ständig aktualisiert. Sie ist nach einer erfolgreichen Installation die Grundlage für die Google- und Drittanbieter-Dienste, die sich dann tatsächlich über das Entertainment System des Fahrzeugs nutzen lassen. Selbst macht die App eigentlich gar nicht so viel, (sehr) oberflächlich betrachtet sorgt sie nur für die Verbindung, schaltet den Bildschirm des Smartphones aus und “beamt” die Inhalte und Funktionalitäten der jeweils aktiven App auf das Display des Entertainment-Systems. Nicht umsonst lautet die im Play Store genutzte Bezeichnung für Android Auto “projection.gearhead”.

Das Ausschalten des Smartphone-Bildschirms war und ist übrigens ein ganz elementarer Antrieb für die Entwicklung von Android Auto. In den Vereinigten Staaten soll der Anteil der durch den Gebrauch eines Smartphones verursachten Unfälle mittlerweile bei 25% liegen, seit Monaten läuft dort eine “Don’t text and drive” Kampagne mit unzähligen Dokumentationen. Plakaten und z.T. furchtbar drastischen Spots. Android Auto soll hier zumindest helfen und Menschen tatsächlich daran hindern, ihr Smartphone während der Fahrt in die Hand zu nehmen. Ja, das geht vielleicht auch wie hierzulande mit Verboten und hohen Bussgeldern – aber es könnte auch so funktionieren.

Nichts für schwache Nerven [Explicit Content]

Kompatible Apps für Android Auto

Doch zurück zu den Apps. Momentan ist die Liste der kompatiblen Anwendungen noch ziemlich überschaubar: Google selbst steuert die Navigations-App Google Maps, eine spezielle Version der Google Suche und den Musik-Streaming-Dienst Google Play Music bei. Bei den bisher zertifizierten Drittanbieter-Apps handelt es sich, Stand heute, beispielsweise um die Musikdienste Spotify, Songza und TuneIn sowie die hierzulande eher weniger verbreiteten Apps MLB at Bat, Stitcher und iHeart Radio.

Android Auto kompatible Apps

All diese Apps lassen sich also über die Bedienelemente des eingebauten Entertainment-Systems steuern. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Touchscreen oder “normale” Knöpfe handelt, sofern der Hersteller des Systems die entsprechenden Bedienungen korrekt umgesetzt hat. Auch eine evtl. zusätzlich eingebaute Lenkradsteuerung sollte dann problemlos erkannt werden, was die Bedienung natürlich noch komfortabler und sicherer machen würde. Ihr könnt also Musiktitel, ganze Playlisten oder Internetradio-Stationen auswählen, Vor- oder Zurückspringen, die Lautstärke verändern – das übliche Prozedere eben, wie ihr es bei der App auf dem Smartphone gewohnt seid.

Android Auto Spot (2014)

Android Auto für Entwickler

Google Maps überträgt das Kartenmaterial auf euer Fahrzeug-Display, abgespeicherte oder neue Zielorte lassen sich auswählen, über die ohnehin vorhandene Synchronisation des eigenen Google-Accounts ergeben sich hier sehr komfortable Möglichkeiten zur frühzeitigen Routenplanung mit dem Desktop-PC oder Notebook. Die Optik ist in allen Anwendungsszenarien an das Display des Entertainment-Systems und an die leichtere und somit sicherere Bedienung angepasst, alles ist “irgendwie” ein bisschen grösser und auf die wichtigsten Elemente beschränkt. Nochmal zur Erinnerung: Android Auto ist kein Schönheitswettbewerb im Google Material Design – hier geht es um grosse, dicke Buttons und die darüber ermöglichte sichere Bedienung.

Neben dem Einsatz als Navigations- und Audiosystem kommt die Kombination mit dem Smartphone selbstverständlich auch bei der Telefonie oder beim Empfangen von Textnachrichten zum Einsatz. Dabei rücken die Spracherkennung und Text-To-Speech-Funktionen in den Vordergrund: eingehende SMS-Nachrichten werden vorgelesen oder dem Smartphone diktiert, Anrufe lassen sich per Sprachbefehl beginnen und beenden, Kontakte lassen sich namentlich per Spracherkennung auswählen. In diesem Bereich wird besonders viel Wert auf den “Hands free” Betrieb gelegt – wer schon einmal die Speech Recognition an seinem Smartphone ausprobiert hat wird sich damit sehr schnell anfreunden können.

Ein weiterer Dienst dürfte im Zusammenspiel mit Android Auto ebenfalls eine besondere Rolle einnehmen: Google Now. Der digitale Assistent, der schon heute am Smartphone “vorausschauend” verschiedene Informationen aus anderen Diensten wie Gmail oder dem Suchverlauf zusammenführt, könnte via Android Auto z.B. seine ortsbasierten Funktionen ausspielen. Denkbar wäre, dass man an eine mit Google Keep erstellte Einkaufsliste erinnert wird, wenn man sich mit dem Auto dem Lieblings-Supermarkt nähert oder dass ein per Gmail vereinbarter Termin automatisch als Route auf dem Fahrzeug-Display landet. Und ja, völlig richtig, an dieser Stelle darf man sich auch über den Datenschutz, die Privatsphäre und die “irgendwo irgendwie von irgendwem” verarbeiteten Daten Gedanken machen. Mach’ ich jetzt hier nicht, erwähnen wollte ich es trotzdem kurz.

Die bisher noch ziemlich eingeschränkte Auswahl an kompatiblen Apps sollte sich mit zunehmender Verbreitung von Android Auto und dem SDK (Software Development Kit) schnell ändern. Zudem werden für den Musik- und Messaging-Bereich APIs bereitgestellt, die für eine einheitliche Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Systemen verschiedener Hersteller sorgen sollen. Der Zertifizierungsprozess, in dem die einfache und sichere Bedienung der jeweiligen App ein Hauptkriterium ist, soll angeblich zügig von statten gehen.

Fahrzeugdaten lesen? Kommt später.

Ein bisher ziemlich wenig beachteter Bereich ist die Unterstützung von Android Auto für die “Hardware” des Fahrzeugs. Android Auto ist konzeptionell darauf ausgelegt, nicht nur “Daten” (Musik, Karten, etc.) vom Smartphone zum Entertainment-System des Fahrzeugs zu senden, sondern kann auch Daten verschiedener Fahrzeug-Sensoren und Bedienelemente zum Smartphone schicken und diese dort verarbeiten.

Dazu gehören als offensichtlichste Beispiele die Benutzung der GPS-Antenne des Autos für Google Maps oder eben die Audio-Regler des Fahrzeugsystems bzw. der o. bereits erwähnten Lenkradsteuerung. Aber auch die Daten eines eingebauten Kompass oder evtl. vorhandene Geschwindigkeitssensoren an den Rädern können schon heute mit Android Auto abgefragt und von einer kompatiblen App ausgewertet werden.

Was tatsächlich noch nicht funktioniert ist die Abfrage von Motordaten, dieses Feature befindet sich noch in der Entwicklung. Es ist also nicht möglich mit Android Auto z.B. die Umdrehungsgeschwindigkeit, den aktuellen Kraftstoffverbrauch, die Batteriespannung oder die Motortemperatur auszuwerten. Dafür bräuchte man – Stand heute – immer noch einen sogenannten OBD-Adapter, der an die auch von Werkstätten genutzte Schnittstelle des Fahrzeugs angeschlossen wird und die Daten sodann in Echtzeit via USB an ein (leistungsfähiges) Smartphone oder Tablet weiterleitet. Dort wiederum müsste dann als “externer Bordcomputer” eine App wie z.B. Torque Pro laufen.

Das unterstützt Android Auto (noch) nicht: die professionelle Auswertung von Motorwerten mit z.B. Torque Pro.

Torque Pro (OBD2 / Auto)
Torque Pro (OBD2 / Auto)
Entwickler: Ian Hawkins
Preis: 3,55 €

Wie gesagt, dieser Einsatzbereich befindet sich noch in der Entwicklung und dürfte zukünftig sehr vom guten Willen der verschiedenen Fahrzeughersteller zur Implementierung abhängen. Für die Drittanbieter der o. erwähnten Nachrüst-Systeme könnte sich hier einerseits eine Chance ergeben, diese Lücke früh zu schliessen. Andererseits hätten die Auto-Hersteller selbst hier eigentlich einen strategischen Vorsprung – könnten ihre Geräte aber auch künstlich beschränken. Diese noch offenen Fragen sind zwar nervig, aber auch spannend – die Antworten werden zeigen, welche Hersteller es mit Android Auto wirklich ernst meinen.

Fahrzeughersteller in der Open Automotive Alliance

Apropos Hersteller: entgegen der landläufigen Meinung wurde die Unterstützung für Android Auto mittlerweile von sehr vielen Unternehmen zugesichert, darunter u.a. Audi, Fiat, Ford, Honda, Hyundai, Kia, Mazda, Mitsubishi, Nissan, Opel, Renault, SEAT, Škoda und VW. Fällt euch was auf? Richtig: BMW, Mercedes und Porsche fehlen (bisher). Bei den Herstellern von Audio-Systemen haben sich u.a. Alpine, Clarion, Kenwood oder Pioneer ausdrücklich zu Android Auto bekannt, während auf den ersten Blick z.B. Bose oder JVC in den publizierten Listen der eigens gegründeten “Open Automotive Alliance” nicht auftauchen.

Android Auto Technikpartner

Android Auto Fahrzeughersteller

Es ist jedoch kaum anzunehmen, dass die nicht genannten Hersteller diese Entwicklung an sich vorbeiziehen lassen oder sogar exklusiv auf den Konkurrenten Apple CarPlay setzen. In einem Punkt sind sich nämlich tatsächlich diesmal alle einig: jedes Fahrzeug mit einem vergleichbaren System, egal ob von Apple, Google oder einem anderen Hersteller, macht die Strassen für alle Beteiligten sicherer.

In diesem Sinne: Don’t text and drive, fahrt vorsichtig und kommt immer gut an.

Quellen: android.com/auto/, developer.android.com