Android N: Die Rettung nach einem fehlerhaften Marshmallow OTA-Update

Geht ein OTA Update eures Android-Smartphones oder Tablets schief, verhindert in vielen Fällen ein gesperrter Bootloader das Einspielen von Android Factory Images. Wir zeigen euch, wie man via ADB, Fastboot und den Recovery Modus dennoch sein Gerät retten kann.

Vorgestern ist es passiert. Mein Google Nexus 9, gefertigt von HTC, erhielt mal wieder ein Security Update Over-The-Air (OTA), Marshmallow mit der Versionsnummer 6.0.1/MOB30D, knapp 145 Megabyte schwer. So weit so gut, das ist auf einem Nexus Device ja nichts besonderes, wegen dieser recht früh verfügbaren Updates kauft man sich die Dinger schließlich und darf dann über das Gejammer anderer Smartphone-Besitzer zufrieden lächeln.

Vorgestern hab’ ich nicht gelächelt. Und gestern auch nicht. Das Update, immerhin offiziell von Google ausgespielt, hat mir nämlich fein mein Tablet geschrottet, ein richtig sauberer Soft Brick. Das Ding lief völlig reibungslos durch, alles wie immer, bis zum Reboot.

Dort begrüßte mich plötzlich – erstmals in der Zeit, die das Nexus 9 nun hier seinen Dienst verrichtet – eine Fehlermeldung, die mir im Laufe der letzten 48 Stunden jede Menge Kopfschmerzen bereitet hat und mich schließlich irgendwann am gestrigen Tag zu folgenden Tweet veranlasste:

Lichthöfe, jenseits von Gut und Böse? Geschenkt. Sporadische Abstürze und eine Rückseite, auf der man nach 30 Minuten Goat Simulator ein Spiegelei braten kann? Ja, gut, nicht so schlimm. Ein Akku, der allenfalls im Standby seinen Namen wert ist? Verschmerzbar, das Ding kommt in der WiFi-Variante eh nur zu Hause zum Einsatz. Aber einen Klumpen Elektroschrott, der in einer Endlos-Boot-Schleife festhängt, das geht nun wirklich zu weit.

Nun ist man ja spätestens nach den ersten Versuchen mit CyanogenMod und ähnlichen Spielereien guter Dinge, schließlich kennt man sich mit Fastboot, ADB und ähnlichen Wegen an ein nicht mehr funktionierendes Nexus Device zu gelangen ein bisschen aus und hat bereits die Schritte im Sinn, die man jetzt machen sollte. Im schlimmsten Fall – so denkt man – sind alle Daten weg, aber die liegen eh’ in der Cloud und nach den unter Android ohnehin obligatorischen regelmäßigen Neuinstallationen freut man sich bei dieser Gelegenheit insgeheim schon auf ein Gerät, das frisch installiert wieder ein weniger besser, stabiler und schneller rennt.

Das Problem diesmal: man ist, anders als bei geplanten Experimenten wie z.B. dem zuvor beschriebenen Upgrade auf CyanogenMod 12, nicht auf die Situation vorbereitet. Das bedeutete für mich im konkreten Fall: es waren weder der USB Debug-Modus aktiviert noch der Bootloader entsperrt, so dass jeder Versuch, “hintenrum” an das Gerät zu gelangen, kläglich scheiterte. Der Weg ist eigentlich immer der gleiche:

  • Über ein gleichzeitiges Drücken des Power- und VolumeDown Knopfes startet man den Bootloader seines Nexus Gerät. Im Idealfall wurde dieser vorher über die normale System-Oberfläche entsperrt.

Dies war, wie bereits erwähnt, nun nicht der Fall, so dass das Flashen des Tablets mit dem passenden Recovery Image von Google zum Scheitern verurteilt war. Im Gegenteil: ein in vielen Foren empfohlenes und sodann vorschnell ausgeführtes Löschen des Caches führte lediglich dazu, dass das Nexus 9 nun endgültig im Bootloop hing und mehrere Stunden die verdammte Marshmallow-Animation anzeigte, bis es endlich den verdienten Akku-Tod starb.

In der Zwischenzeit bin ich dann endlich auf einen Workaround gestoßen, der – zunächst – Hoffnung machte. Auch mit gesperrtem Bootloader ist es möglich, ein eigentlich via OTA übertragenes Update per USB auf dem Tablet zu installieren – in der Hoffnung, dass dadurch die “korrupten” Daten repariert werden und das Nexus nach einem Reboot wieder normal startet. Gesagt, getan, das Ganze funktioniert folgendermaßen:

  1. Startet euer Nexus im HBOOT Modus (gleichzeitiges Drücken des Power- und VolumeDown Knopfes)
  2. Navigiert mit dem VolumeDown Button auf den Eintrag “Recovery”
  3. Das Nexus mach einen kleinen Reboot, das Google Logo erscheint, und kurz danach folgt das auf dem Rücken liegende Android-Männchen.
  4. Drückt und haltet nun den Power-Button und drückt gleichzeitig einmal kurz auf den VolumeUp-Button. Ihr landet nun im Recovery Modus des Nexus Geräts.
  5. Am oberen Rand erscheinen diverse Informationen über euer Gerät, darunter auch eine sechsstellige Versions-Bezeichnung. In meinem Fall lautete diese MMB29V. Merkt euch diese Bezeichnung und sucht euch eine der unzähligen Seiten, auf denen in regelmäßigen Abständen die Download-Links für die Security Updates gelistet werden. Die Dateinamen haben stets das gleiche Format, in unserem Fall ist es diese Datei. Wie ihr unschwer erkennen könnt ist dies das signierte Security Update “MOB30D” für die (momentan auf unserem Nexus Tablet installierte) OS-Version “MMB29V”.Downloadet euch die Datei, die ihr für euer Nexus Gerät (Nexus 5 “hammerhead”, Nexus 5X “bullhead”, Nexus 6 “shamu”, Nexus 6P “angler”, Nexus 7 “razor/g”, Nexus 9 “volantis/g”, Nexus 10″mantaray”) benötigt.
  6. Wir gehen an dieser Stelle davon aus, dass sich auf eurem Notebook oder PC bereits die Kommandozeilen-Tools ADB und Fastboot befinden und dass die entsprechenden Treiber für euer Nexus Gerät bereits installiert sind. Sollte dies nicht der Fall sein, erfahrt in den ersten Schritten des CyanogenMod-HowTos, wie ihr an die entsprechenden Dateien gelangt.
  7. Kopiert oder verschiebt das mittlerweile gedownloadete Security-Update (.zip) in den selben Ordner, in dem sich auch die beiden Tools ADB und Fastboot befinden.
  8. Nehmt erneut euer gebricktes Smartphone zur Hand, das immer noch im Recovery Mode auf euch wartet. Wechselt mit der Volume-Taste entweder auf den Eintrag “Wipe Cache Partition” oder auf den Eintrag “Wipe data/factory reset” und startet den Vorgang mit der Power Taste. Ihr verliert dabei alle eure Daten. Wartet bis der Vorgang abgeschlossen ist, die Meldung erscheint üblicherweise am unteren Bildschirmrand eures Nexus Geräts.
  9. Verbindet – sofern noch nicht geschehen – euer Nexus via USB-Kabel mit dem PC und navigiert mit dem Volume-Button auf den Eintrag “Apply update from ADB”. Das Gerät wartet nun darauf, dass ihr via USB/ADB das Update übertragt, das eigentlich via OTA hätte kommen sollen. Also das Update, das ihr soeben gedownloadet und in den ADB/Fastboot Ordner gepackt habt.
  10. Klickt bei gedrückter Shift-Taste mit der rechten Maustaste auf eine freie Stelle in diesem Ordner und wählt den Eintrag “Eingabeaufforderung hier öffnen” aus. Am Prompt gebt ihr dann adb[Leerzeichen]sideload[Leerzeichen][Dateiname] ein (in der Regel kopiert man sich diesen langen Dateinamen). In unserem Fall also, nur als Beispiel:adb sideload 6a2119f2077022c1ba852f2c613b8ce942c33836.signed-signed-volantis-MOB30D-from-MMB29V.zip und bestätigt die Eingabe mit Enter.
  11. Lasst das Update durchlaufen, euer Nexus Gerät informiert euch im dafür benötigten Zeitraum über den aktuellen Stand des Updates und im Konsolen-Fensterchen erscheint eine Prozentzahl. Nach dem Abschluss des Updates könnt ihr euer zuvor hoffnungslos gebricktes Gerät wieder ganz normal rebooten und ihr erhaltet ein frisches, neues Android System.
  12. Was das alles mit dem in der Headline erwähnten Android N zu tun hat? Nun … erstmal nix. Ausser, ihr wollt – wie ich – das eigentlich ärgerliche Ereignis dazu nutzen, nicht auf ein popeliges Android Marshmallow sondern gleich auf Android N in der aktuellen Beta zu wechseln. Ihr könntet euch so u.a. die umständliche – unter Punkt 4 erwähnte – Suche nach dem passenden Update sparen, denn jedes derzeit unterstützte Nexus Gerät akzeptiert als Pseudo-OTA Update über die Android Device Bridge auch die Images, die ihr euch für Android N bereits herunterladen könnt. Alle anderen Schritte bleiben gleich, ihr installiert einfach nur eine andere Datei, eben Android N als “Update”.

Der Grund, warum die Installation der Updates gelingt, während die Installation der “normalen” Android Stock Images fehlschlägt, liegt übrigens in der Signatur der Dateien. Ohne diese Signatur lehnt ein nicht entsperrter (und auch nicht nachträglich entsperrbarer) Bootloader die Stock Images als unsicher ab, während die Updates – inklusive Android N – durch ihre Signatur als sicher akzeptiert werden.

Android Beta Programm

Solltet ihr tatsächlich die Gelegenheit zum Umstieg auf Android N genutzt haben, solltet ihr spätestens nach den ersten Einrichtungs-Schritten das Gerät zum Android Beta Programm anmelden. Ihr erhaltet dann – und nur dann – auch auf diesem Gerät zukünftige Updates für Android N via OTA. Immer in der Hoffnung und Zuversicht, das keines dieser Updates euer Gerät so abschiesst wie das Nexus 9. Aber hey … wäre das nicht passiert, wäre dieser Artikel vermutlich nie entstanden ;-).

PS: Solltet ihr euch hingegen gegen Android N entscheiden, könnt ihr an dieser Stelle auch wieder aus dem Android Beta Programm aussteigen, den Bootloader entsperren und über ein ganz normales Stock Image wieder zurück zu Android Marshmallow wechseln.

Falls wir euch mit dem Lesen dieses Artikels gerade euer Nexus Gerät gerettet und viele Stunden erfolgloser Versuche erspart haben, dankt Artem Russakovskii und Cody Toombs von Android Police, die mich via Google+ (wo sonst?) auf den richtigen Weg gebracht haben. Und wenn ihr vorab noch ein paar zusätzliche Infos zu Android N haben wollt, lest unser bereits jetzt ziemlich umfangreiches Intro zum neuen Betriebssystem von Google.