Kommentare
Apple Car Analyse

Analyse: Anstatt Apple Car – iPads & Software fuer autonome Autos

Das Geruecht, dass Apple ein eigenes Auto bauen will haelt sich hartnaeckig, dabei ist es aehnlich irrational wie der Apple Fernseher. Wir tragen ein paar Fakten zusammen, analysieren den Markt und erklaeren, was Apple da letztendlich auf den Markt bringen will.

von Sascha Pallenberg am 18. Oktober 2016

Apple nimmt laut Bloomberg Abstand davon, ein eigenes Auto zu entwickeln und will bis Ende 2017 ueber das Schicksal des Projekts entscheiden. Wie die Kollegen berichten, will sich Cupertino lieber auf Software fuer autonome Plattformen konzentrieren, was den zweitgroessten Smartphone-Hersteller der Welt weitaus flexibler aufstellen wuerde. Aber schauen wir uns doch einfach mal an, was wir hier bereits am 30. Oktober 2015 analysierten. Zu einer Zeit, als es noch sehr viel Gegenwind fuer unsere sehr rationalen Thesen gab. Der Hype um ein vermeintliches Apple Car, liess die elektrischen Gaeule mit so einigen vermeintlichen Insidern ordentlich durchgehen.

Original Artikel vom 30.10.2015

Anstatt Apple Car: Apple baut iPads fuer alle Autos

„Apple wirbt Mitarbeiter von Mercedes und Tesla ab“, „das Apple Auto kommt“, „Apple mietet Teststrecke an“. Welcher Automobil-Journalist auch nur ansatzweise was auf sich haelt, der hat derartige Nachrichten und Spekulationen schon im guten Dutzend durch die hauseigenen Kanaele geschosssen. Apple zieht ja irgendwie immer und in Kombination mit den „4 Raedern die die Welt bedeuten“, kann man nun ein ganz neues Feld beackern.

Bevor Apple ein eigenes Auto baut, werden die iPhones mit Android und MacBooks mit Windows anbieten.

Techmedien oeffnen sich der automobilen Welt und klassische Auto-Gazetten finden sich auf einmal in einer Situation wieder, in der sie sich mit Displays, Prozessoren, Arbeitsspeicher und vor allen Dingen Apps und Services auseinandersetzen. Wenn jetzt auch noch der Hersteller aus Cupertino ins Spiel kommt, dann wird auch dem letzten Publisher langsam klar, wie dynamisch dieser Markt und damit auch der Content der Zukunft sein wird.

Was liegt da naeher als so ziemlich jedes noch so kleine Geruecht aufzupusten, als wuerde es kein Morgen mehr geben? Ja, Apple muss einfach ein Auto bauen… das ist doch klar, oder? Ich meine, die sollten ja auch schon seit Jahren einen Fernseher auf den Markt bringen nur… ja wo ist der denn?

Richtig, es gibt weder einen Fernseher von Apple, noch wird es ein Auto von Apple geben und das sollte jeder halbwegs denkende Newspublisher langsam mal zwischen die Ohren platziert bekommen. Bevor Apple ein eigenes Auto baut, werden die iPhones mit Android und MacBooks mit Windows anbieten.

Der Kampf ums „Dashboard“ der Smart Cars

Keine Angst, ich bin weder pessimistisch, noch in irgendeiner Fanboy-Blase gefangen… wir muessen die Nummer mal ganz realistisch angehen und all diesen Geruechten mit ein paar Fakten begegnen, um den zukuenftigen Markt der Connected und Smart Cars verstehen zu koennen. Denn dieser ist nicht nur extrem komplex, sondern wird in den naechsten Jahren rasant wachsen:

Connected Car Umsatzprognose des Marktes bis 2018

Mal davon abgesehen, dass die Analysten sich in ihren Vorhersagen durchaus ein wenig unterscheiden, so zeigen die verschiedenen Diagramme alle in eine Richtung und die geht steil nach oben. Die auf den Daten von GSMA und SBD beruhenden Statistiken zeigen einen Trend auf, der weder den Automobil, noch den “klassischen” Smartphone-Herstellern verborgen geblieben ist.

Das naechste grosse Schlachtfeld ist das Dashboard in den kommenden Smart Cars und dabei geht es nich nicht einmal um die Einnahmen der verbauten Hardware. Diese ist letztendlich nur das Fenster in die Appstores und damit der “Point of Sale”-Terminal fuer den eigenen Content und passende Apps.

Auto Dashboard OS - Wachstumsprognose Apple CarPlay und Android Auto bis 2020

Nach Angaben des Business Insiders, werden im Jahre 2020 nahezu 80 Millionen Autos mit Android Auto oder Apple CarPlay ausgestattet sein. Was sich im Vergleich zum Smartphone-Markt eher anhoert wie die Verkaufszahlen, die Apple mit dem iPhone innerhalb eines Quartals generiert, wird auf die Umsaetze der beiden Firmen ordentliche Auswirkungen haben. Alleine bis 2018 soll der Markt fuer Services und App-Sales in diesem Segment gut 25 Milliarden an Umsaetzen generieren und damit fast 2/3 der Connected-Car Einnahmen ausmachen. Merke, Hardware macht zwar Umsaetze, die fetten Gewinner werden aber mit “weicher Ware” eingestrichen.

Was waere denn, wenn Cupertino mit einem “Elchtest”-Senario umgehen muesste?

Und genau das ist der entscheidende Punkt, denn Apple moechte sich nicht ansatzweise antun eine Plattform zu entwickeln, die aus tausenden Einzelteilen besteht und auf Komponenten von mehr Zulieferern setzt, als saemtliche Apple-Produkte zusammen. Das wuerde naemlich auch bedeuten, dass die Kalifornier eine ganze Menge Verantwortung und Kontrolle aus der Hand geben muessten. Es ist dann doch durchaus was anderes ein iPhone/iPad von Foxconn oder Pegatron zusammensetzen zu lassen, als die Fertigung eines Fahrzeugs in die Haende eines weiteren Herstellers zu geben.

Man stelle sich mal alleine all die Erlkoenig-Leaks vor, die dann auf Apple zukommen werden und was wuerde denn passieren, wenn dieses Fahrzeug einfach bei den Tests durchfaellt? Was waere denn, wenn Cupertino mit einem “Elchtest”-Senario umgehen muesste? Im Vergleich dazu waere Bendgate eine absolute Lachtablette und koennte das Image der Firma nachhaltig beschaedigen.

Margen aus einer anderen Welt

Und dann haetten wir da noch die die Gross Margin. Generierte das erste iPhone noch 55%, so liegt diese seit dem iPhone 5 bei ca. 69%. Richtig abkassiert wird uebrigens bei den Beats Headsets. Da liegen die Margen zwischen unglaublichen 87 und 95%. Woran das liegt haben wir ja schon ausfuehrlich beschrieben, aber das muss man dennoch erstmal so hinbekommen.

Und jetzt schauen wir uns mal die  bei den Automobil-Herstellern an:

Noch Fragen? Kann sich hier jemand einen Tim Cook im Konferenzgespraech mit den Analysten vorstellen, in dem er dann erklaeren muss, dass die Profitmargen mal eben richtig eingebrochen sind? Oder wie er wohl auf die Fragen nach den Verkaufszahlen eines “Apple Cars” reagiert? Die Apple Watch kann man noch unter “Sonstiges” verstecken, aber mit einem Auto muessten man dann die Hosen runterlassen und koennte sich nicht damit rausreden, dass man der Konkurrenz durch konkrete Zahlen keine Vorstellung von der Groesse des Marktes geben moechte (was sowieso der wohl groesste Quatsch in der Geschichte der Unterhaltungselektronik ist).

Das iPad fuers Auto der Zukunft

Koennen wir uns also bitte darauf einigen, dass Planung und Herstellung eines Automobils nicht mal eben so nebenbei gestemmt werden koennen? Auch fuer eine Firma wie Apple, wo inzwischen ueber 1000 Mitarbeiter am Projekt “wir machen da irgendwas mit Autos” arbeiten, ist das ist eine Nummer, die eine Menge Risiken birgt. Genau deshalb wollen wir jetzt mal alle realistisch bleiben und schauen, was da wirklich aus Cupertino kommen wird.

iPad Padbay im VW Passat

Die oben eingefuegten Fotos sind zum Teil ueber 4 Jahre alt und zeigen zum einen Loesungen von Zubehoer-Herstellern und zum anderen “Bastelarbeiten” von Usern, die eine Verarbeitungsqualitaet erreichen, als wuerden sie direkt von Apple stammen.

Dieses Video stammt aus dem November 2010, also dem Jahr, in dem die erste iPad Generation vorgestellt wurde. Das ist nicht nur unglaublich beeindruckend, es zeigt aber auch wie umfangreich man schon damals Daten seines Wagens abrufen und darstellen konnte.

Und noch einmal… dieses Video ist 5 Jahre alt. Jetzt stelle man sich mal vor, wie sowas heute aussehen koennte und vor allen Dingen, wenn Apple das Ruder uebernimmt. Apple CarPlay gibt uns ja schon einen ersten Ausblick.

Lesenswert: Angetestet: Apple CarPlay im Skoda Superb

Aber was passiert denn erst, wenn Apple auch noch einen kleinen Dingle fuer den OBD-II Port des Autos rausbringt, der dann komplett mit dem ‘iPad for Cars” kommuniziert und diesem Terabytes an Daten zukommen laesst?

Schauen wir uns mal moegliche Datenstroeme, Analysen und Features einer derartigen Plattform an:

  • Automatisches Fahrtenbuch
  • Verbrauch, Durchschnittsverbrauch und CO2-Ausstoss
  • Dynamische Verkehrshinweise und Warnungen (Radarwarnungen durch andere User)
  • Benachrichtigungen zu Stoerungen von Komponenten
  • Geschwindigkeits-Benachrichtigungen und Warnungen
  • Auslesen der Diagnose-Codes mit ausfuehrlicher Beschreibung
  • AutoStop – Abschalten des Motors bei laengeren Rotphasen
  • AutoKy – Oeffnen des Wagens sobald man sich mit einem authorisierten Smartphoner naehert

Und dies alles sind wirklich nur ganz simple Funktionen, die man selbst in der fundamentalsten und guenstigsten Grundausstattung liefern wuerde. Wir reden hier ja weder von umfangreichen Service-Angeboten, noch “Third Party”-Apps.

Wir gucken uns hier eine Plattform an, die noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs der moeglichen Monetarisierung darstellt. Ein eigener Appstore ist unvermeidlich und duerfte ganz andere durchschnittliche Umsaetze erwirtschaften als ein iPhone. Wer sich ein Auto fuer 30, 40 oder gar 50 000 Euro leistet, der ist auch viel eher bereit mal 30, 40 oder gar 50 Euro fuer eine App oder einen Service zu bezahlen, wenn ein entsprechender Mehrwert geboten wird.

Update: QNX CEO abgeworben

Die Anzeichen verdichten sich, dass ich mit meiner Analyse vom Dezember 2015 wohl gar nicht so daneben gelegen habe. Ich gehe nachwievor davon aus, dass Apple kein eigenes Auto auf den Markt bringen will, sondern sich als Zubehoerhersteller sieht, der ein komplettes Paket fuer “Dumb-Cars” zusammenstellen will.

Dan Dodge
Dan Dodge

Wie Bloomberg nun berichtet, hat man den QNX CEO Dan Dodge fuer sein sagenumwobenes “Project Titan” abgeworben. Bei QNX klingeln fuer mich sofort die Glocken, hat diese Firma doch im Bereich Frontend und embedded CarOS Entwicklung doch seit Jahrzehnten die Nase vorn. Nicht nur, dass QNX ( 2010 von BlackBerry aufgekauft) das sensationelle TabletOS fuer das Playbook entwickelte, auch BlackBerry OS 10 stammt aus dieser Schmiede. Insbesondere die Erfahrungen mit dem Playbook haben mir gezeigt, wie nah sie an der Hardware entwickeln und welche Performance sie dadurch aus selbiger quetschen koennen. Das Playbook war trotz recht konventioneller SoCs in der Lage 1080p Flashvideos abzuspielen und das wohlgemerkt parallel, waehrend man in Multitasking-Demonstrationen weitere Anwendungen oeffnete!

Aber nicht nur das… die diversen Varianten der QNX Car Platform for Infotainment, hielten u.a. Einzug in Wagen von VW, Mercedes und Ford.

Nach Angaben von Bloomberg soll Dodge an Software fuer selbstfahrende Autos arbeiten, weshalb Apple auch direkt im kanadischen Waterloo ein neues Office eroeffnet hat. Wohlgemerkt in Wurfweite zu QNX und Blackberry.

1,2 Milliarden potenzielle Neukunden

Hier geht es um einen Milliarden-Markt, der den fuer Musikstreaming und Wearables wie eine Taschengeld-Veranstaltung aussehen laesst.

Inzwischen sind weltweit 1,2 Milliarden Fahrzeuge auf den Strassen unterwegs und wenn man den Vorhersagen der Analysten glauben schenken darf, dann werden es in 20 Jahren gar 2 Milliarden sein. Gehen wir einfach mal davon aus, dass 99% der bisher verkauften Autos alles andere als smart sind, so ist dies nicht nur eine riesige Chance fuer Apple, es ist genau der Umsatz-Schatz, den das Team aus Cupertino heben moechte. Warum also sollten sie erst teuer eine Plattform entwickeln, testen, ein Haendlernetz aufbauen, teure Service-Infrastrukturen installieren und sich einer Konkurrenz aussetzen, die zum Teil seit mehr als 100 Jahren diesen Markt beackert?

Nein, denn Apple will sie alle haben! Egal ob Kia oder Bentley-Kaeufer, die Plattform an der Apple arbeitet, soll jedes Auto smart machen und seinen User komplett in die Apple-Welt ziehen. Ein universales Dashboard, welches aus einem “Dumb Car” ein “Smart Car” macht.

Und damit werden sie sich all die Zeit lassen, die es braucht. Wenn Apple was macht, dann machen sie es richtig Dies ist kein Apple Music oder Watch-Hack. Hier geht es um einen Milliarden-Markt, der den fuer Musikstreaming und Wearables wie eine Taschengeld-Veranstaltung aussehen laesst.