Das Credo des Tages: Fremdschämen mit Apple

Apple nutzt Umstrukturierungen bei den Stores zur Veröffentlichung eines neuen "Glaubensbekenntnisses" für die Mitarbeiter in den Filialen. Das Credo aus Cupertino ist ein Sammelsurium aus emotional angehauchtem und letztendlich nichtssagendem Blablabla, fernab jeder Realität.

Einhergehend mit einer Umstrukturierung und Umbenennung seiner Stores hat Apple ein neues „Credo“ [lateinisch „ich glaube“] veröffentlicht, das die Firmenphilosophie des Unternehmens widerspiegeln und insbesondere den eigenen Mitarbeitern als Leitfaden dienen soll. Das Glaubensbekenntnis der Apple-Gemeinde macht im Netz bereits die Runde und wird von Benutzern teils belustigt, teils hämisch aufgenommen. Andere merken an, dass der emotionale Singsang auch ohne musikalische Untermalung schon arg an eine Sekte erinnere.

In Musik- oder Reimform gebrachte Unternehmensphilosophien sind nicht wirklich etwas besonderes. Weltweit haben sich schon viele Firmen an der Herausforderung die Zähne ausgebissen, in möglichst prägnanter Weise einen vergleichbaren Text zu erstellen. Andere Unternehmen belassen es bei kurzen Sätzen und mehr oder weniger rituellen Abläufen. Ein bekanntes Beispiel sind morgendliche Fitnessübungen auf dem Dach japanischer Konzernzentralen.

Das Problem mit einem solchen Credo zeigt sich immer dann, wenn sich der Inhalt an der Realität lassen muss. Ausgerechnet hier liefert Apple genügend Angriffsfläche. Der Widerspruch zwischen dem, wie man sich in Cupertino offenbar selbst gerne sehen würde und dem, wie man von einem großen Teil der Außenwelt wahrgenommen wird ist z.T. erheblich.

Das neue Apple Credo im Volltext:

ENRICHING LIVES

We are here to enrich lives.
To help dreamers become doers,
to help passion expand human potential,
to do the best work of our lives.

AT OUR BEST

We give more than we take.
From the planet,
to the person beside us.
We become a place to belong
where everyone is welcome.
Everyone.

We draw strength from our differences.
From background and perspective
to collaboration and debate.
We are open.

We redefine expectations.
First for ourselves, then for the world.
Because we’re a little crazy.
Because “good enough” isn’t.
Because what we do says who we are.

We find courage.
To try and to fail,
to learn and to grow,
to figure out what’s next,
to imagine the unimaginable,
to do it all over again tomorrow.

AT OUR CORE

We believe our soul is our people.
People who recognize themselves
in each other.
People who shine a spotlight
only to stand outside it.
People who work to leave this world better than they found it.
People who live to enrich lives.

Bereichern, Träumer, Macher, Leidenschaften, Potential, Leben, Planeten … dieser ganz tiefe Griff in die große Emotionskiste erfolgt selbstverständlich aus knallhartem Kalkül. Hier soll, vor dem Hintergrund eines „großen Ganzen“, die Aufopferung des Einzelnen für die elitäre Gemeinschaft möglichst emotional in ein Wattebäuschen-TschakaTschaka verpackt werden, damit die „crazy“ Mitarbeiter auch morgen noch ihre Seele für den Konzern geben. Ok, das war jetzt vielleicht … ne, eigentlich nicht.

„Wir sind hier, um Leben zu bereichern. Um Träumern dabei zu helfen, Macher zu werden, um dabei zu helfen, dass Leidenschaften das menschliche Potenzial erweitern, um die beste Arbeit in unserem Leben zu vollbringen. […] Wir geben mehr als wir nehmen, von diesem Planeten bis zur Person neben uns. Wir werden zu einem Ort, an dem jeder willkommen ist. Jeder. […] Wir sind offen […]“ Apple Credo

Das speziell für die Mitarbeiter der nun umstrukturierten Apple Stores überarbeitete Credo muss für einige Ex-Kollegen wie blanker Hohn klingen. Immer wieder tauchen trotz zuvor unterzeichneter Verschwiegenheitsklauseln Berichte von ehemaligen, z.T. langjährigen Mitarbeitern auf, die den tatsächlichen Tagesablauf in den Apple Stores schildern. Vorgabe der Konzernleitung sei das Verkaufen von Zubehör und Apple Care Paketen, die Zahl der verkauften kostenpflichtigen Zusatzleistungen werde permanent protokolliert und verglichen. Wer sein „Soll“ nicht erfülle, werde zur Store-Leitung zitiert.

Dabei sei es normal, dass man – wie ein Staubsaugervertreter, Zeitschriftendrücker und Multi-Level-Marketing-Klinkenputzer – möglichst schnell versuche, eine persönliche und pseudoemotionale Bindung zum Kunden aufzubauen. Die Mitarbeiter würden angehalten, sich gegenseitig zu bewerten – man könnte auch sagen: einander zu verpetzen, während es Aufstiegschancen innerhalb einer Filiale so gut wie nie gäbe. Betriebsräte gebe es bei Apple ebenfalls nicht.

Wie MacRumors berichtet sollen nun innerhalb der Store-Hierarchie neue Positionen geschaffen werden, die den Kenntnisstand des einzelnen Mitarbeiters detaillierter berücksichtigen. Als „Pro“ werden demnach zukünftig diejenigen bezeichnet, die noch besser als ein „Expert“ über Apple Produkte und die oben erwähnten Services Bescheid wissen. Ein „Creative Pro“ ist noch besser als ein „Creative“ und ein „Technical Expert“ soll sich demnächst statt einem „Genius“ um die Abwicklung von Reparaturen und Troubleshootings kümmern. Die existierenden Positionen werden zudem umbenannt:

  • Red Zone Specialist → Specialist
  • Family Room Specialist → Technical Specialist
  • Business Specialist → Business Expert
  • Back-of-House Specialist → Operations Specialist
  • Inventory Specialist → Operations Pro

Einen völlig entgeisterten Blick auf das neue Apple Credo dürften selbstverständlich immer noch die Mitarbeiter des taiwanischen Auftragsfertigers Foxconn werfen. Dort kann man sich ja mittlerweile nicht einmal mehr sicher sein, ob mit dem nächsten iPhone 7 nun Sonderschichten oder überraschend verordneter „Urlaub“ anstehen.

Wir hingegen, in unserer luxuriösen Situation des Fremdbeobachters, stolpern unterdessen immer wieder über die Zeile

„We redefine expectations.“

Pardon – welche Erwartungen denn?

So, seid ihr einmal im Fremdschäm-Modus? Dann schaut euch noch den folgenden Spot der Sparda-Bank an. Auch so ’ne Art „Credo“.