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Apple: Das iPhone-Märchen ist vorbei? Wohl eher das Smartphone-Märchen

Apple verliert ordentlich an der Börse, die iPhones verkaufen sich anscheinend auch schlechter und zu allem Überfluss werden aufgrund von Patentstreitigkeiten einige iPhone-Modelle in Deutschland derzeit nicht von angeboten. Zeit also für einen Abgesang auf Apple? Nee, Freunde - vertut euch da mal nicht.

von Carsten Drees am 21. Dezember 2018

Wir leben in verrückten Zeiten — darüber brauchen wir vermutlich nicht diskutieren. Aber dass sie so verrückt sind, dass ausgerechnet Mobile Geeks sich auf die Seite von Apple schlägt, kommt vermutlich ebenso überraschend wie das Abschmieren des Apple-Aktienkurses. Aber der Reihe nach:

Für die Tech-Giganten aus Cupertino kommt es derzeit wirklich knüppeldick. An der Börse ging es seit November um fette 30 Prozent nach unten, der Patentstreit mit Qualcomm hat dazu geführt, dass Apple in seinen deutschen Stores aktuell bestimmte iPhone-Modelle nicht mehr anbietet, außerdem klagen Nutzer über verbogene iPads und zu guter letzt zeichnen Analysten düstere, weil gesenkte Verkaufsprognosen für das iPhone.

Das ist eine Menge Holz, selbst für die erfolgsverwöhnte Tech-Diva aus Kalifornien. Kein Wunder also, dass medial von “Krise” die Rede ist und verschiedentlich auch das Ende des iPhone-Märchens verkündet wird. Und wenn man es ganz nüchtern und möglichst neutral zu betrachten versucht, hat Apple tatsächlich schon Zeiten gehabt, in denen man vor Weihnachten deutlich angenehmere Schlagzeilen produziert hat.

Kritik an Apple ist berechtigt

Wenn wir mit dem verbogenen iPad Pro anfangen wollen: Das halte ich in der Tat für ein starkes Stück, dass man als Begründung für diesen Makel nichts weiter als “das ist eben so” zu verkünden hat. Wer Apple hier Arroganz und zu wenig Kundennähe attestiert, dürfte wohl richtig liegen.

Das Patent-Gerangel mit Qualcomm hingegen beschäftigt uns und die Gemüter in den jeweiligen Chefetagen ja bereits länger. Sowohl in China als auch Deutschland droht da Ungemach, hierzulande ist Apple dem Gerichtsentscheid jetzt zuvorgekommen und hat mehrere iPhones aus den Regalen der Apple Stores geräumt. Die aktuellen Modelle sind davon nicht betroffen, dennoch ein mindestens mal unschöner Umstand für Tim Cook und seine Mannen, dass das Gericht zugunsten von Qualcomm entschieden hat.

Hier wird jetzt vermutlich der übliche Patent-Tanz stattfinden: Apple geht in Berufung und wendet sich an die nächsthöhere Instanz. Entweder wird dort dann anders entschieden, oder man wird später zähneknirschend in die gut gefüllte Kriegskasse greifen und Qualcomm ein entsprechendes Angebot unterbreiten. Irgendwie wird man diese Story jedenfalls zu einem Ende bringen, bei dem in Deutschland wieder flächendeckend alle Modelle zu haben sind. Wobei es ja auch jetzt faktisch kein Verkaufsverbot gibt: Bei den anderen Technik-Anbietern bekommt ihr schließlich auch aktuell alle Geräte, auch die in den Apple Stores aussortierten.

Was ist gerade an der Börse los? Jau, Apple hat da in letzter Zeit ordentlich einstecken müssen. Über zehn Prozent ging es binnen eines Monats runter, seit Oktober sogar deutlich über 20 Prozent. Das kratzt natürlich an diesem “uns kann keiner was”-Nimbus — erst recht, nachdem Apple ja im August noch feiern konnte, dass man aktuell das einzige Billionen-Dollar-Unternehmen der Welt ist.

Allerdings müssen wir fairerweise hier auch erwähnen, dass die aktuelle Lage in den USA die Börse dort (und nicht nur da) durchaus stark belastet. Trumps Steuer-Ideen zünden nicht so wie geplant, der geplante Shutdown, der Handelskrieg mit China und jüngst auch der verkündete Truppenabzug aus Syrien: Die Börse reagiert derzeit durchaus empfindlich auf das, was jenseits des großen Teiches passiert. Das könnt ihr auch am Dow Jones ablesen: Im Oktober kratzte man noch an der Marke von 27.000 Punkten, mittlerweile ist man auf unter 23.000 Punkte abgeschmiert.

Bleibt noch ein Punkt, der auch ordentlich ins Gewicht fällt bei der derzeitigen Gemengelage rund um Apple: Die neuen iPhones sind tatsächlich alles andere als erschwinglich und der hohe Preis dürfte der Grund dafür sein, dass sich die Käufer — nach Analystenmeinung — aktuell mit dem Smartphone-Kauf ein wenig zurückhalten.

Offizielle Zahlen gibt es dafür natürlich nicht, aber wenn Analyst und Apple-Fachmann Jun Zhang von Rosenblatt Securities seine Prognose bei den iPhone-Verkäufen abermals senkt um noch einmal vier Millionen Geräte, dann hat das schon was zu sagen. Ein weiterer Analyst, Ming-Chi Kuo von TF Securities, formuliert es ebenfalls drastisch und geht davon aus, dass im schlimmsten Fall “nur” 188 Millionen iPhones im Jahr verkauft würden. Zum Vergleich: Für dieses Jahr wird mit etwa 217 Millionen Einheiten gerechnet.

In der Summe gibt es also durchaus Gründe, bei Apple aktuell den Finger in die Wunde zu legen und sie für die ein oder andere Entscheidung oder Äußerung an den Pranger zu stellen. Aber rechtfertigt das diese Abgesänge, die es mitunter schon zu lesen gibt? Immerhin berichtet Focus (ja, ich weiß – sagt nix) von einem “dramatischen Niedergang” und schreibt:”Apples Stern droht gerade rasant am Firmament zu verglühen”. Ist also Weltuntergang angesagt in Cupertino?

It’s the smartphone, not the iPhone, stupid!

Muss man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen: Wenn es Apple laut Analysten nächstes Jahr so richtig verkackt, dann verkaufen sie nur noch 190 Millionen iPhones! Rechnet euch selbst aus, wie es selbst in diesem Worst-Case-Szenario in der Firmenkasse klingeln wird. Nur Huawei und natürlich Samsung mit ihren riesigen Smartphone-Portfolios verkaufen noch mehr Smartphones — Hunger wird also bei Apple auch 2019 niemand leiden müssen, verlasst euch drauf.

Das Problem, welches ja faktisch vorhanden ist, ist allerdings ein ganz anderes und nichts Apple-spezifisches: Es liegt am Smartphone-Markt selbst! Die ganz fette Euphorie gibt es nicht mehr, überall bröckelt der Lack ein wenig und das macht auch vor dem iPhone nicht Halt. Natürlich muss man die viel zitierten 1 600 Euro nicht wirklich verlangen, aber das hat Apple-Fans in der Vergangenheit ja auch nicht abgehalten, dass sie tiefer in die Tasche greifen als andere.

Happy Birthday, Apple iPhone – Du hast die Welt verändert

Natürlich können wir darüber reden, dass die Konkurrenz nicht schläft und mitunter sogar bessere Smartphones für kleineres Geld anbieten (was auch immer im Auge des Betrachters liegt, was die Qualität angeht). Der Punkt ist aber, dass der Markt voll ist mit unendlich vielen starken Smartphones. Damit meine ich gar nicht mal die Flaggschiffe. Wer viel ausgeben möchte, bekommt natürlich auch tollere Features, mehr Speicher, stärkere Kameras usw. Aber auch für 200 Euro kauft ihr euch ein Gerät, welches meilenweit davon entfernt ist, eine Smartphone-Gurke zu sein.

Immer mehr Hersteller buhlen um die Käufergunst und wirkliche Totalausfälle gibt es qualitativ vielleicht noch, wenn ihr euch bei Wish eine 30-Euro-Möhre kauft, sonst aber eben nicht. Ich vergleiche es gern mit dem CD-Player- oder DVD-Player-Markt: Dort gab und gibt es auch so eine Vielzahl an Geräten, die Features sind weitestgehend gleich, die Designs ebenso. Man entscheidet sich also aufgrund von Kleinigkeiten, lässt sich vom persönlichen Geschmack oder von der Treue zu einem Hersteller leiten.

So ähnlich wird das auch beim Smartphone laufen und natürlich merkt man das auch bei Apple. Es ist ja kein Zufall, dass das iPhone-Portfolio schon längst nicht mehr aus einem einzigen Device pro Saison besteht. Der Smartphone-Kuchen wird einfach nicht mehr so deutlich viel größer — die Zahl derer, die mit am Tisch sitzen und auf ein paar Krümel hoffen, hingegen schon.

Ja – natürlich hat Apple einen Plan B

Ich staune immer wieder, wenn Apple zur 1-Produkt-Company erklärt wird, weil das iPhone den Löwenanteil der Einnahmen ausmacht. Rechnet das ruhig mal alles raus und ihr behaltet immer noch einen Konzern, der im Geld schwimmt. Wenn wir vierteljährlich die Quartalszahlen analysieren, weisen wir euch stets drauf hin, dass gerade die Service-Sparte mehr und mehr zunimmt, also Dienste wie Apple Care, iTunes und Apple Music, ebenso Apple Pay.

Apple wird zusehen, dass man sich ein gehöriges Stück vom Smart-Home-Kuchen sichert und über allem schwebt ja auch immer noch das Apple Auto, welches es sicher irgendwann in irgendeiner Form geben wird. Ihr müsst nicht denken, dass in Cupertino nur Pappköppe sitzen, die nicht in der Lage sind, einen Schritt weiter zu denken. Natürlich ist bei Apple vieles derzeit zu sehr auf die Aktionäre und zu wenig auf die Tech-Nerds ausgerichtet in der Unternehmenspolitik. Aber das ändert nichts daran, dass wir hier einen Tech-Giganten vor uns sehen, der zwar gerade mal ordentlich was vor die Mappe bekommen hat, aber dabei nicht mal ansatzweise ins Schwanken geraten ist.

Geht mal davon aus, dass das Unternehmen bestens für die Zukunft aufgestellt ist und noch so manchen Pfeil im Köcher hat. Wenn wir uns künftig wieder über merkwürdiges Geschäftsgebaren bei Apple aufregen oder ein Produkt mäßig finden, werden wir das selbstverständlich auch weiterhin so kommunizieren. Aber aktuell habe ich nicht das Gefühl, dass die Jungs und Mädels in Cupertino schlecht schlafen müssten und halte jegliche Abgesänge für deutlich verfrüht.