Kommentar
Apple iPhone X Event: Tim Cooks große Chance

Gleich steigt die große Apple-Sause mit der Vorstellung der neuen iPhones - u.a. das heiß erwartete Apple iPhone X. Wird Tim Cook damit endlich aus dem riesigen Schatten Steve Jobs' treten können?
von Carsten Drees am 12. September 2017

Alles ist angerichtet für das große iPhone-Event in Cupertino: Erstmals wird sich das Unternehmen in seinem neuen Zuhause präsentieren, erstmals betreten aus diesem Anlass die Pressevertreter das ebenfalls neue Steve Jobs Theater, welches mitten im neuen Apple Park liegt, erstmals wird es ein iPhone mit OLED-Display geben, und erstmals werden bei einem iPhone-Event gleich drei neue iPhone-Modelle vorgestellt.

Das sind jede Menge Premieren auf einmal und der Anlass ist ja auch ein außergewöhnlicher: Vor zehn Jahren wurde das allererste iPhone von Steve Jobs der Weltöffentlichkeit präsentiert. Damit stellte das Unternehmen nicht nur den Smartphone-Markt völlig auf den Kopf, sondern sorgte auch dafür, dass die Firmengeschichte komplett neu geschrieben musste.

Mittlerweile ist ein Jahrzehnt vergangen, Apple sitzt mittlerweile — dank des iPhones — auf einem nahezu Dagobert-Duck-esquen Geldberg, hat allerdings in den letzten Jahren auch seinen technologischen Vorsprung gegenüber anderen Smartphone-Herstellern weitestgehend eingebüßt.

In der Zwischenzeit ist Steve Jobs leider verstorben, seit einigen Jahren leitet Tim Cook die Geschicke des Unternehmens. Finanztechnisch kann ihm niemand was, denn wie bereits erwähnt sitzt Apple auf einem Berg Kohle. Aber was die Innovationen angeht, so häufen sich die Stimmen, die nicht mehr daran glauben, dass es jemals wieder so einen Apple-Moment geben wird, der uns beim Verfolgen der Präsentation vor Staunen die Mäuler offen stehen lassen.

Tim Cook muss damit leben, dass sich einige Experten darin einig sind, dass mit Steve Jobs auch dieser besondere Spirit im Unternehmen verschwunden ist, die Strahl- und Innovationskraft des Apple-Gründers. Faktisch ist Tim Cook auch nicht annähernd das gelungen, was Steve Jobs mit dem iPod, dem iPhone und dem iPad gleich mehrfach hintereinander gelungen ist: Ein Produkt-Volltreffer, der einen kompletten Markt aus den Angeln hebt und neu definiert.

Derzeit ist es eher so, dass sich die Innovationen unter Tim Cook im Weglassen von Bauteilen ausdrücken: Das Weglassen der Kopfhöreranschlüsse bei den iPhones und das Weglassen des Kabels bei den Air Pods. Immerhin dürfte es das Geschäft mit passenden Adaptern befeuert haben.

Kein Wunder also, dass sich die Tech-Presse — und ja, natürlich auch wir — ausgiebig daran abgearbeitet hat, dass Tim Cook das Unternehmen nicht zum Vorteil umgebaut hat.

Das MacBook Pro 2016 zeigt das Apple Dilemma unter Tim Cook

Nichts gegen den Menschen Tim Cook, nur damit wir uns nicht falsch verstehen, denn dem zollen wir durchaus unseren Respekt. Aber er ist nun mal ein ganz anderer Schlag Mensch als Steve Jobs und selbst das können wir ihm ja unmöglich vorwerfen.

Es ist ihm aber schlicht nicht gelungen, einen veritablen Hit zu landen in den Jahren, die er das Unternehmen anführt. Beide Menschen leite(te)n Apple mit einer anderen Philosophie und es gibt sogar ein altes Interview mit Steve Jobs, in welchem er den Unterschied — unwissentlich von der Zukunft des Unternehmens — herausarbeitet.

Die veröffentlichte Hardware unter Tim Cook? Das iPad Pro ist alles andere als ein Reinfall, leidet aber unter der Marktsituation, die derzeit allen Tablets zu schaffen macht. Auch die Apple Watch ist nicht der gewünschte Erfolg geworden. Vergleicht man die Apple Watch-Zahlen mit denen der Konkurrenten für smarte Uhren, dann sehen die Umsätze und Gewinne zwar absolut großartig aus — dennoch ist die Apple Watch eher ein Nischenprodukt geblieben, welches nicht im Ansatz die Strahlkraft des iPhone besitzt.

Tja und die iPhones? Es sind immer noch bärenstarke Smartphones, die mit großartigen Kameras von sich reden machen und die in Sachen Performance Kreise um viele Mitbewerber drehen. Innovativ ist es jedoch schon längst nicht mehr. Software und iPhone selbst bekommen Upgrades verpasst, die man bei der Android-Konkurrenz teilweise schon seit Jahren kennt und so sind die neuen iPhones zumeist eher reine Modellpflege als Innovation.

Raus aus dem Schatten?

Heute also sehen wir das Apple iPhone X und damit ein Smartphone, welches sich signifikant von all seinen Vorgängern unterscheiden wird. Innovation in Form von Face ID, deutlich mehr Prozessor-Power, ein von Grund auf neues Design und dazu auch State of the Art beim Display in Form eines OLED-Panels, welches zudem nahezu randlos daher kommt.

Heute kann Tim Cook also den Bock umstoßen und sich vielleicht endgültig aus dem Schatten seines Vorgängers befreien. Es ist sicher nicht seine letzte Chance, diesen Schritt zu machen, aber mit Sicherheit die beste Chance, die ihm Apple bietet. Mit der Präsentation gleich und dem, was in der Folge zu lesen wird — Verfügbarkeit, bleiben Apple neue iPhone-„Gates“ erspart — stellt er die Weichen für seine persönliche Zukunft und auch für die des Unternehmens.

Nicht falsch verstehen: Selbst, wenn ein iPhone X nicht so einschlägt wie gewünscht, wird Apple nicht in absehbarer Zeit am Hungertuch nagen. Mit diesem Device könnte sich aber langfristig entscheiden, ob Apple immer noch DAS Unternehmen ist — oder lediglich irgendein Unternehmen unter vielen.