Kommentar
Apple iPhone Xs Event: Die “One more thing”-Party ist vorbei

Seit heute kann das iPhone Xs und das iPhone Xs Max vorbestellt werden. Beide Geräte werden sich wieder wie blöde verkaufen. Der ganz große Zauber vergangener Jahre wurde bei der Vorstellung dennoch nicht entfacht.
von Carsten Drees am 14. September 2018

Alles war irgendwie wieder wie immer beim Event in Cupertino: Apple ließ keine Gelegenheit aus, sich selbst auf die Schultern zu klopfen, sich selbst zu feiern und so zu tun, als wäre man Quell jeglicher Innovation, die es im Bereich Smartphones jemals gegeben hat. Früher hat mich das wirklich aufgeregt, dass diese Veranstaltungen immer so schrecklich drüber sind.

Aber erstens muss man das durchaus anerkennen, dass Apple solche Events grundsätzlich super aufziehen kann und dort ja auch tatsächlich starke Hardware präsentiert, zweitens hab ich mich längst damit abgefunden — dieses Sich-selbst-Feiern ist für mich mittlerweile fast schon eine lieb gewonnene Tech-Folklore geworden.

Irgendwas war dann aber dennoch irgendwie anders, habe ich das Gefühl. Gründe zum Lästern gäbe es eigentlich zuhauf, so dass man durchaus der guten, alten Mobile-Geeks-Tradition zuliebe einen schönen Pallenberg-Gedenk-Rant raushauen könnte:

  • Wieso kommt ein 849 Euro teures Smartphone im Jahr 2018 nur mit einem HD-Display und wieso ohne 3D Touch?
  • Wieso kostet das Spitzenmodell des iPhone Xs Max mehr als ein MacBook und wieso bekommt man kein iPhone Xs für einen dreistelligen Preis?
  • Was ist mit Fast Charging?
  • Wieso gibt es keinen Gratis-Dongle mehr zum Smartphone?
  • Wieso war die Vorstellung der Kamera so merkwürdig und wimmelte vor vermeintlichen Innovationen, die wir irgendwie aber doch schon von Android-Geräten kennen?
  • Wieso spricht man bei iOS vom am stärksten personalisierbaren mobilen Betriebssystem, wenn nach dem Ende des Wallpapers schon fast schicht ist mit Personalisieren?
  • Wieso gibt es keine richtigen Dual-SIM-Geräte für Deutschland?
  • Wieso kommt das iPhone Xr erst so spät und wieso hat Apple auf einmal drei Flaggschiff-Smartphones gleichzeitig auf dem Markt?
  • Xs Max – wieso wählt man so einen behämmerten Namen?

Ihr seht, eigentlich machen es uns die Kalifornier leicht, dass man sie für irgendwas anzählt, was sie hätten besser lösen können. Aber wie gesagt: Die Stimmung ist irgendwie anders, so dass mir selbst die Lust zum Ranten ein wenig vergangen ist. André Vatter hat dazu das passende Video gepostet:

Nach den vergangen Tagen in Deutschland und Europa kann ich die Apple-Keynote heute leider nur so kommentieren:

Gepostet von André Vatter am Mittwoch, 12. September 2018

Das Problem ist ein anderes: Der Zauber ist irgendwie verschwunden! Wenn ich mich an iPhone-Events in den vergangenen Jahren erinnere, dann war das mal so, dass tatsächlich fast die komplette Timeline hibbelig war, egal ob bei Twitter oder Facebook. Alle waren heiß und nach der Vorstellung dann komplett aus dem Häuschen (na zumindest die vielen Fanboys).

An Tagen wie heute, wo die Vorbestellungen für die iPhone starten, konnte man sich online nicht vor Postings mit “ich hab bestellt”-Beweisfotos retten und ich bilde mir ein, dass selbst bei der Veranstaltung die Begeisterung trotz aller Buzzwords und Superlative zu wünschen übrig ließ.

Bitte versteht mich da jetzt bloß nicht falsch, denn ausdrücklich will ich ja nicht über Apple ranten. Das wäre auch Quatsch, weil das iPhone Xs und das iPhone Xs Max ja nun mal tatsächlich die besten iPhones aller Zeiten sind, sich auch die neuen Modelle wieder wie geschnitten Brot verkaufen werden und weil wir bei ausnahmslos jedem Hersteller von Android-Smartphones eine Mängel-Liste erstellen könnten, die länger wäre als die oben angeführte.

Die fetten Jahre sind vorbei…

iphone xs

Ja, ich weiß — abgelutschte Überschrift. Aber sie beschreibt das Problem, auf das ich hinaus will. Auch Apple muss einem gesättigten Markt Tribut zollen und kann nun mal nicht Jahr für Jahr ein schon fast perfektes Rad neu erfinden. Mit “fett” meine ich auch keinesfalls, dass es nicht mehr in der Kasse in Cupertino klingeln wird. Im Gegenteil: Apple hat sich doch toll aufgestellt und wird wieder tonnenweise Geld machen.

Die fetten Jahre für uns Konsumenten hingegen sind so gut wie vorbei, dessen bin ich mir ziemlich sicher. Schaut euch die ganze Flaggschiff-Riege an: Wir sehen bombige Gerätschaften von Samsung, Huawei, HTC, LG, Sony und auch den ganzen Chinesen wie Xiaomi, OPPO, OnePlus und so viele mehr. Wenn ihr irgendwas zwischen 400 und 800 Euro investiert, bekommt ihr wirklich klasse Smartphones, mit denen ihr auch locker zwei Jahre lang Spaß habt, noch besser ist es bei den noch teureren Modellen.

Das bedeutet aber auch, dass Samsung, Huawei und eben auch Apple nicht mehr jedes Jahr eine Smartphone-Revolution raushauen können. Ein iPhone Xs ist nun mal nur ein klitzekleines bisschen besseres iPhone X und mir fallen nicht viele Argumente ein, wieso ein iPhone X-Besitzer zum neuen Modell greifen sollte.

Für Apple ist das ein Marketing-Dilemma: Technisch tut sich im Laufe eines Jahres nicht mehr so schrecklich viel, man will aber dennoch jedes Jahr neue Hardware vorstellen. Also tut man weiter so, als hätte man gerade ein iPhone entwickelt, bei dem den Leuten reihenweise die Kiefer runterklappen, aber ehrlich gesagt klappen sie nicht mehr runter. Es ist ein sehr routinierter Prozess geworden, bei dem wieder eifrig vorbestellt wird und die Besitzer der neuen iPhones auch zweifellos dann eines der besten Smartphones der Welt in Händen halten.

Dennoch ist eine solche Präsentation mittlerweile nur noch große Langweile für mein Empfinden. Die Fans, die ein neues iPhone möchten, kaufen es doch eh, unabhängig davon, ob bei der Keynote von Cook erzählt wird, dass der neue Prozessor 20 oder 30 oder 800 Prozent flotter ist. Mag sein, dass ihr das anders bewertet, aber für mich würde es ausreichen, wenn Apple nächstes Jahr einfach eine Pressemitteilung raushaut mit einem Berg Fotos und Videos und sich diese zweistündige Promo-Veranstaltung klemmt.

Irgendwann wird man mal wieder so einen “One more thing”-Moment haben — vielleicht, wenn man ein eigenes Auto präsentiert oder eine Produktklasse, an die wir jetzt noch gar nicht denken. Bis dahin bleibt aber nur schrecklich viel Langeweile — wie fast überall auf einem sehr vorhersehbar gewordenen Smartphone-Markt.