Kommentar
Apple Music vs Spotify: Sorry, Apple – so bekommst Du mich nicht

In Kürze geht Apple Music an den Start und will den Markt der Streaming-Dienste wie Spotify und Deezer durchwirbeln. Machen wir uns nichts vor: So wird es auch kommen - dafür werden Millionen iTunes-Nutzer sorgen. Aber lohnt sich der Umstieg? Ich hab 'meinen' Dienst Spotify mit Apple Music verglichen - und erzähle euch, wieso ich bei Spotify bleibe. 

Irgendwie haben die das bei Apple schon drauf: Sie stellen eine Uhr vor und die ganze Welt redet darüber, nachdem die Konkurrenz mit seinen Smartwatches mehr oder weniger unter dem Radar der Normalverbraucher geflogen sind. Jetzt wiederholt man kurze Zeit später dieses Kunststück mit Apple Music – dem Streaming-Dienst, der Spotify und anderen Konkurrenten ordentlich Feuer unter dem Hintern machen soll.

Apple Music: Was kann der neue Cowboy in der Streaming-Stadt?

Es gibt ja beileibe nicht nur Spotify, wenn wir über Musik-Streaming reden. Dienste wie Ampya, Deezer, Rdio buhlen auch in Deutschland um die Musik-Fans und so ist es wahrlich kein Leichtes, als neuer Anbieter auf diesem Markt ein Rad an die Erde zu bekommen – ein Schicksal, mit dem sich derzeit beispielsweise Tidal herumschlagen muss.

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Apple muss sich da wohl weniger Gedanken machen: Der Name allein ist schon fast sowas wie eine Erfolgsgarantie und wir wollen ja auch nicht vergessen, dass es 800 Millionen Menschen mit iTunes-Konto gibt, von denen sich wohl so mancher für Apple Music entscheiden dürfte. Dass man spät dran ist im Vergleich zu anderen Anbietern, dürfte Apple nicht stören – auch, wenn die Rdio-Begrüßung ziemlich hämisch klingt:

Aber hat Apple für seinen Musik-Service auch jenseits von seinem sehr guten Namen und den loyalen Kunden Argumente, die jemanden überzeugen könnten, von Spotify zu Apple Music zu wechseln? Wie ihr vielleicht wisst, bin ich begeisterter Spotify-Nutzer und habe daher mal das Angebot aus Cupertino abgeklopft und für mich persönlich überlegt, ob ich mir vorstellen könnte, auf den Streaming-Neuankömmling zu bauen.

Preis, Qualität und Song-Anzahl

Beim Preis sind beide auf Augenhöhe – einen Zehner bezahlt ihr monatlich, sowohl bei Apple Music als auch bei Spotify. Die ersten drei Monate sind kostenlos bei Apple, aber auch Spotify bietet aktuell immerhin zwei kostenlose Monate an – sicher nicht zufällig.

Spotify Premium zwei Monate kostenlos

Unterschiede gibt es beim Familien-Angebot, welches beide anbieten und wo Apple preislich die Nase vorne hat. Beide Male werden knapp 15 Euro bzw. Dollar fällig, bei Apple gilt das allerdings für eine Familie von bis zu sechs Personen, bei Spotify lediglich für zwei Personen. Will man mit insgesamt fünf Personen Spotify Premium genießen, blättert man bei Spotify mit 30 Euro im Monat glatt doppelt so viel auf den Tisch des Hauses. Kostenlos werdet ihr auch bei beiden bedient, wobei ihr bei Spotify auf manche Features verzichten und Werbung ertragen müsst, bei Apple gibt es auch nur rudimentären Service.

Die Menge an Songs dürfte ziemlich identisch sein, beide sprechen von 30 Millionen Liedern, die man im Angebot hat, an mangelnder Musik wird es euch also weder bei Apple Music noch Spotify mangeln. Der Punkt für die bessere Qualität geht dabei allerdings an Spotify – 320 Kbit/s stehen hier 256 Kbit/s gegenüber, wobei ich fast unterstellen möchte, dass die wenigsten von uns in der Lage sind, diesen Unterschied zu hören. Dank iTunes könnt ihr bei Apple aber auch direkt zuschlagen und euch gewünschte Songs kaufen. Das ist allerdings ein Feature, welches ich bei Spotify so gar nicht vermisse.

Ohne es selbst getestet zu haben, unterstelle ich Apple mal, dass bei Apple Music ein Rädchen perfekt ins andere greifen wird, was die unterschiedlichen Facetten des Dienstes angeht und die Integration eurer bereits gekauften Musik. Allerdings habt ihr auch bei Spotify die Möglichkeit, lokal gespeicherte Tracks in euer Musikerlebnis einzubinden. Weitere Gemeinsamkeit: Offline-Verfügbarkeit findet ihr bei beiden Angeboten.

Was hat der eine, was der andere nicht kann?

Selbstverständlich gibt es auch Funktionen, die ihr nur bei einem der beiden Kontrahenten geboten bekommt. So legt Apple sehr viel Wert darauf, dass man mit Beats 1 ein Radio anbietet, welches 24/7 sendet und von den angesagten DJs Zane Lowe (Los Angeles), Ebro Darden (New York) und Julie Adenuga (London) live befeuert wird und zum Beispiel bei 9to5mac.com als Alleinstellungsmerkmal gefeiert wird.

Ich frage mich zwar, wie viel Programm in sieben Tagen wirklich effektiv von den dreien live kommen wird, aber faktisch kann Spotify dieses Live-Radio nicht bieten. Apple verspricht hier – bei den Songs übrigens auch – viele exklusive Inhalte wie Interviews mit Stars und will sich auch dadurch von Spotify und Co absetzen. Weitere Stationen werden sowohl von Menschenhand zusammengestellt als auch eurem Geschmack entsprechend generiert.

Apple Music Radio

Eine Radio-Funktion gibt es bei Spotify aber natürlich auch: Egal, ob Künstler, Album, Playlist oder Genre – quasi aus allem kann ein Radiosender erstellt werden, bei dem ihr dann eure bevorzugte Musik hört, aber auch dazu passende Tracks. Außerdem gibt es Playlists, die von Künstlern, Radiosendern, Magazinen oder von Spotify selbst kuratiert werden, selbst für bestimmte Anlässe, Zeiten und Stimmungen werden Playlists angeboten.

Es ist natürlich immer eine Frage des persönlichen Geschmacks, aber was die Radio-Frage angeht und die generierten Stationen sowie Playlists, da bietet mir Apple Music gegenüber Spotify überhaupt nichts, was mich reizen könnte. Ich glaube auch, dass man mit den drei DJs nur sehr wenig Nutzer wirklich begeistern kann, weil die musikalische Bandbreite viel zu eng ist, als dass Beats 1 als Killer-Feature flächendeckend gefeiert werden könnte. Wenn ihr das anders seht und euch darauf freut, das Radio-Feature auch als Android-Nutzer kostenlos ausprobieren zu können: Freut euch lieber nicht, denn exakt diese Funktion wird es in der im Herbst erscheinenden Android-Fassung von Apple Music nicht frei geben, sondern nur für zahlende Kundschaft! Gizmodo.com schreibt:

While iOS users will get a free tier, mostly allowing users to listen to the Beats 1 radio station, and other Apple Music radio stations (with limited skipping), that option won’t be available to Android users.

So erstaunlich es war, dass Apple überhaupt erstmals eine Android-App in Erwägung zieht, so vorhersehbar war es auch, dass die Funktionalität nicht heranreicht an das, was ihr bei iOS geboten bekommt. Und da wir gerade von der Hardware reden: Neben den Apple-Devices unterstützt Apple Music wie erwähnt Android und auch Windows, während Spotify nicht nur alle bekannten, großen Systeme abdeckt, sondern auch Exoten wie BlackBerry auftaucht, zudem auch auf der PlayStation und Sonos präsent ist. Sonos-Fans schauen bei Apple Music leider – zumindest vorerst – in die Röhre.

Für meinen Geschmack (und ja, natürlich ist das subjektiv) fehlt bislang die Über-Funktion, die mich überlegen lässt, ob ich auf meinem Androiden einen Testlauf mit Apple Music wagen möchte. Das gilt auch für die Siri-Unterstützug: Schön, dass ich Siri nach einem Lied fragen kann, welches 1980 auf Platz 1 war – in der Praxis will ich aber wirklich immer den Song hören, unabhängig davon, wann und wo er in den Charts war, also würde ich so schnell nicht auf die Idee kommen, nach Charts-Platzierungen zu fahnden.

Connect: Ping oder MySpace reloaded?

Apple Music hat die Künstler mehr im Blick, das beansprucht das Unternehmen für sich und das könnte hinkommen: Zum einen wird man es auch Musikern ohne Label ermöglichen, ihre Musik via Apple Music anzubieten, zum anderen ist da auch noch die Connect-Funktion – ein Hybrid aus wiederbelebtem (und damals gescheitertem) Ping und dem musikaffinen Social Network MySpace. Damit will man den Künstlern die Möglichkeit geben, näher an ihr Publikum heranzukommen und ihnen besondere Inhalte zu liefern, aber mal ehrlich: Bekomme ich die nicht eh schon auf Facebook und Twitter, wenn ich sie denn haben möchte?

Vielleicht muss ich den Spaß auch selbst erst einmal ausprobiert haben, um zu erkennen, dass es mir einen gewissen Mehrwert bietet, aber ich möchte für meine zehn Euro im Monat Musik hören, nicht den neusten Pop-Tratsch lesen oder lustige Bildchen der Künstler sehen – das passiert eben woanders. Ich frage mich, wieso Apple glaubt, dass „Ping 2.0“ deutlich besser angenommen werden sollte als vor ein paar Jahren.

Mein Fazit:

Jetzt möchte ich mein persönliches Fazit ziehen und mir ist dabei klar, dass wir es hier mit zwei starken Plattformen zu tun haben, bei denen je nach Geschmack und Verwendungszweck andere Musikfans eben auch einen anderen Favoriten ausmachen als ich. Mir persönlich ist nicht wirklich eine einzige Geschichte beim Vergleichen im Kopf hängengeblieben, bei der ich mir denke, dass das etwas ist, was ich bei Spotify vermisse.

Die Frage des höheren Preises stellt sich für mich nicht, da ich nicht auf das Familien-Angebot angewiesen bin, ich bekomme mindestens ebenso viel Musik angeboten und auf ein Live-Radio von drei Szene-DJs, von denen keiner wirklich meinen Musikgeschmack trifft, kann ich locker verzichten. Mag sein, dass auf dem iPhone alles ein wenig schnuckeligere ausschaut als auf meinem Android-Smartphone, aber auch das ist in meinen Augen zu vernachlässigen, ebenso wie die Unterstützung für Siri.

Möglich, dass ich das anders empfinden würde, wenn meine komplette Bibliothek bei iTtunes untergebracht wäre, aber so gerate ich nicht einmal ansatzweise in Versuchung, Spotify den Rücken zuzukehren. Viele Millionen Nutzer werden selbstverständlich Apple Music antesten und auch von Spotify ins Cupertino-Lager wechseln dabei – das dürfte feststehen. Ich gehe davon aus, dass die 15 Millionen zahlenden Spotify-Nutzer (von insgesamt 60 Millionen) am Ende des Jahres zahlenmäßig hinter Apple Music zurückliegen werden: Qualitätsgründe hat das dann aber für mein Empfinden absolut keine. Von daher schließe ich mich Saschas Meinung an, der euch ja bereits erzählt hat, dass er trotz iPhone bei Spotify bleiben wird.