Apple: Tim Cook oder die Rueckkehr des „Reality Distortion Field“

Das 2. Quartal 2016 wird in die Geschichte Apples eingehen. Zum ersten mal seit 13 Jahren vermelden die Kalifornier einen Umsatzrueckgang im Vergleich zum Zeitraum des Vorjahres. Eine Zusammenfassung der aktuellen Ergebnisse...

Jetzt ist es also passiert… Apple praesentiert nach unglaublichen 13 Jahren mal wieder einen Umsatz/Gewinnrueckgang im Vergleich zum Quartal des Vorjahres und damit haben wir all dies schwarz auf weiss, was uns die lokalen Channels schon seit Monaten mitteilten. Die grosse iPhone Sause hat ein Ende, die neuen iPads koennen das Apple Tablet nicht vor dem Absturz retten und im Rahmen der sinkenden PC-Verkaufszahlen, werden nun auch Macs mitgerissen.

Wer sich unsere Berichterstattung in den letzten Monaten anschaut, dann waren die Kommentarspalten vor allen Dingen von hitzkoepfigen iSheeps gefuellt worden, die das unvermeidliche einfach nicht zulassen konnten, wollten…. ja vielleicht sogar durften. Apple sollte weniger Umsaetze generieren? Gewinne fallen? iPhones verkaufen sich nicht mehr wie geschnitten Brot? Das konnte einfach nicht sein und so setzten die ueblichen Verdaechtigen den „ihr habt alle keine Ahnung“-Helm auf und versuchten noch einmal ein weiteres Quartal ueber die Runden zu kommen. Mit ganz viel Hoffnung auf ein Wunder.

iSheep 1

iSheep 2

Nein, serioese Recherche ist offenbar nicht so wirklich die Staerke derer, die sich ueber die fast schon religioese Verehrung eines Unterhaltungselektronik-Konzernz definieren muessen. Das schoene ist, man kann zum einen die Nummer aussitzen und zum anderen dann den letzten Lacher auf seiner Seite haben… oder so.

Apples „Gewinneinbruch“ – Woran lags?

Bevor wir ans Eingemachte gehen, moechte ich rein prophylaktisch schon einmal „Gewinneinbruch“ relativieren, bevor die ersten Aktienbesitzer oder Apple-Aufkleber-Tauschclubs die Betablocker einwerfen. Apple schwimmt nicht nur in Barreserven ($232.9 Milliarden), die machen auch noch mal eben gute $10 Milliarden Gewinn in dem Quartal, welches diesen besagten ersten Einbruch erlebte, welcher bereits im Dezember des letzten Jahres vorhergesagt wurde.

In meiner ausfuehrlichen Analyse zum Rekordquartal Q1/2016 habe ich bereits darauf hingewiesen, dass sich aehnliches nicht wiederholen oder gar uebertreffen laesst. Es war die Climax fuer jeden Zahlenfetischisten, der die Entwicklung der Kalifornier in den letzten 13 Jahren mit immer groesser werdenden Augen verfolgte.

Was im Weihnachtsquartal noch in Richtung Flatline zeigte, geht nun langsam aber sicher Richtung Suedpol und das liegt natuerlich an den iPhone-Verkaeufen, sind diese doch praktisch die Aorta des Konzerns aus Cupertino.

Machen wir uns nicht vor, Apple baut wunderschoene und wohl mit die besten Smartphones auf dem Planeten. Der Wertverlust dieser Handsets ist im Vergleich zu den Plattformen der Wettbewerber vernachlaessigbar und spiegelt damit auch ein wenig die oeffentliche Wahrnehmung des Unternehmens wieder. Apple, das ist Design, Hightech, Perfektion und solide Produkte, die auch in Jahren noch nutzbar sind. Definitionen und Eindruecke, von denen die Wettbewerber nur traeumen koennen.

It was a challenging quarter for the company Tim Cook

Und genau hier liegt der Casus Knaxus, denn die Lebenszyklen der hauseigenen Produkte werden laenger und laenger. Der Klassiker a‘ la „Ich muss meinen Vertrag verlaengern und nehme dann das neue iPhone“ betrifft den groessten Smartphone-Markt der Welt eher weniger. In China sind derartige Deals nicht ansatzweise so ausgepraegt wie in Europa. Im Mutterland des Konzerns uebrigens auch nicht und dies duerfte auch ein Grund sein, warum Apple im letzten Jahre die iPhone-Flatrate einfuehrte. Jeden Monat zahlen und dafuer immer sofort das neueste Modell erhalten. Clever, aber es reicht einfach nicht um die sinkenden Verkaufszahlen aufzufangen.

Platt gesagt wuerde es also bedeuten, dass die Apple Produkte einfach so gut sind, dass sich Upgrades kaum lohnen. Dazu kommt die Tatsache, dass besonders die „S-Klasse“ nicht wirklich einschlagen wollte und das iPhone SE, trotz anders lautender Aussagen Apples, nicht gerade der Bringer ist.

iPhone SE demand exceeds supply, but we’re working hard to meet demand Tim Cook

Und so zieht man sich waehrend des Earning Call-Rituals in die rosarote Hoehle der Einwandbehandlung zurueck und traeumt von besseren Zeiten. Was dann in etwa so ausschaut:

  • Apple Music hat hetzt 13 million zahlende Subscriber
  • Rekord bei den Services Umsaetzen(iTunes, etc.) von $6 Milliarden
  • Ueber 10 Millionen Zahlstationen fuer Apple Pay
  • Upgrade Rate fuers iPhone 6s ist hoeher als beim 5s
  • Hoechste Loyalitaet bei Smartphone-Usern. Liegt bei 95%
  • In den ersten 2 Quartalen mehr Android Switcher als jemals zuvor
  • Cook: “We’re really excited about the first year of Apple Watch, and it has an exciting future.”
  • Umsaetze bei „Other Products“ steigen dank Apple Watch um 30%
  • 94% der Apple Watch User sind zufrieden mit dem Produkt.
  • Cook: “In June quarter, we expect best iPad unit comparison in over two years thanks to new iPad Pro.”

Apple Tim Cook

Was soll der gute Tim auch anderes sagen? Er wusste doch ganz genau dass man selbst die konservativsten Schaetzungen der Wallstreet-Analysten in einem einzigartigen Limbo unterboten hat und musste nun gute Miene zu diesem Spielchen machen.. waehrend sich der Aktienkurs nachboerslich, wie eigentlich immer wenn Apple Zahlen bekannt gibt, in den freien Fall begab.

AAPL 26th April 2016

Services als „next big thing“?

Apple macht mit Software und Services mehr Umsatz, als mit den Macs

Aber genug der Schwarzmalerei, denn es gab in der Tat einen wirklich Lichtblick und nein, damit meine ich nicht die Apple Watch. Ich halte diesen Usability- und Design-Fail immer noch fuer einen ausgesprochenen Flop und da nuetzt es auch nicht, wenn Cook sich von den Verkaufszahlen beeindruckt zeigt.

Die Kategorie Services entwickelt sich jedoch ausgesprochen positiv. So positiv, dass iTunes, Appstore, Apple Music und Co. inzwischen mehr Umsaetze generieren, als die Mac-Sparte. Ich wiederhole mich noch einmal… Apple macht mit Software und Services mehr Umsatz, als mit dem guten alten Mac. WOW!

Dachten wir im September 2014 noch, dass die Apple Watch Cooks Befreiungsschlag wird, so liegt dieser nun in einer ganz anderen Kategorie. Ja wer haette das denn bitte gedacht? Auch ich streife mir da gerne das Buesserhemd ueber, bin ich doch schwer davon ausgegangen, dass die Apple Watch ein Knaller werden koennte… tja, so aendern sich die Zeiten und offensichtlich kommt Apple Music bei den Usern ne Ecke besser an, als bei uns.

Es geht doch Tim!

Er kann es also doch, der Tim, der Cook, der oberste Buchhalter Apples, der mit seinem Verhandlungsgeschick in den letzten Jahren den Zulieferern die ein oder andere Schweissperle auf die Stirn zauberte.

Dennoch duerfte eines jetzt final klar sein. Er kann weder ueber Wasser laufen, noch Apple zu einer Firma umbauen, die sich gegen jeglichen Markttrend zu stemmen vermag.

Apple hat an der Wall Street heute so ein klein wenig Zauber eingebuesst und vielleicht ist dies ein „Hallo wach“-Ruf zur rechten Zeit. Vielleicht hocken die sich nun endlich mal zusammen, nehmen ein paar Elmo-Puppen in den Arm, boxen auf Sandsaecke ein oder heulen in Lavendel-Kissen?

Wenn das hilft, dass Apple inklusive seiner iSheep-Extremisten endlich mal von Mount Cupertino runtersteigt, auf den Teppich zurueckkehrt und ein wenig Demut walten laesst, die dann vielleicht ein Produkt gebaeren laesst, dass uns aehnlich umhaut wie das erste iPhone oder iPad.

Dann, ja dann haben sie alles richtig gemacht.

Wieder einmal!

Lesenswert: Apple Quartalszahlen: 1. Rückgang seit 13 Jahren, iPhone-Verkäufe sinken erstmals