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Apple TV+: Tolles Streaming-Portal oder Rohrkrepierer?

Apple TV+ ist gestartet, auch in Deutschland kann man für nur 4,99 Euro dabei sein. Aber ist der Dienst diesen Fünfer überhaupt wert? Eher nicht, zumindest noch nicht.

von Carsten Drees am 4. November 2019

Was Apple anfasst, macht das Unternehmen zu Gold — nicht immer, aber fast. Dass das für Hardware funktioniert, wissen wir schon lange, seit einiger Zeit haut das aber auch bei den Services super hin. Beispiele dafür sind Apple Pay, der App Store oder auch Apple Music, welches längst der einzige ernstzunehmende Konkurrent für Spotify ist.

Das, was für ein Musik-Streaming-Portal funktioniert, sollte doch auch bei einer Plattform für Filme und Serien klappen, oder nicht? Sollte man zumindest meinen. Daher ist es kein Wunder, dass viele der Meinung sind, dass nicht nur das ebenfalls neue Disney+, sondern auch Apples Streaming-Alternative namens Apple TV+ eine harte Konkurrenz für Netflix, Amazon Prime und Co werden könnte.

Jetzt ist Apple TV+ gestartet und ist auch in Deutschland sowie vielen anderen Ländern verfügbar. In Europa werden monatlich 4,99 Euro fällig, womit man deutlich günstiger ist als die Konkurrenz. Das,  dazu Apples Ökosystem und ein großes Staraufgebot mit Namen wie Jason Momoa, Jennifer Aniston und Reese Witherspoon — das lässt eigentlich auf Großes hoffen. Dazu kommen technische Schmankerl: Es gibt alle Inhalte in 4K-Auflösung und HDR, Dolby-Atmos wird unterstützt und alles kann zur Offline-Nutzung heruntergeladen werden.

Ist Apple TV+ damit der Alptraum schlafloser Nächte in der Netflix-Chefetage? Ich glaube, eher nicht. Vermutlich ist es viel zu früh, da ein abschließendes Urteil zu fällen, aber zumindest zu Beginn ist Apple TV+ alles andere als ein mächtiger Konkurrent für andere Streaming-Plattformen. Nicole sprach ja schon von einiger Zeit darüber, dass Apple einfach sehr spät dran ist mit seinem Angebot.

Apple kennt das schon, dass man “late to the party” ist. Man hatte nicht das erste Smartphone auf dem Markt, nicht das erste Tablet und ganz sicher nicht das erste Streaming-Portal für Musik. Aber Apple hatte zumeist etwas, was das Zeug hatte, den Markt umzukrempeln und damit den zeitlichen Rückstand auszugleichen. Apple TV+ hat das nicht.

Weder Quantität noch Qualität?

Ernüchternd ist zum Start schon mal die Auswahl bei Apple TV+. Netflix und Amazon, künftig auch Disney+ liefern sich riesige Materialschlachten um die besten Lizenzen. Außerdem werden Unsummen für eigene Originals ausgegeben. Wer also sein Geld dort investiert, hat die Auswahl aus Tausenden Filmen und Serien. Auf hohem Niveau produzierte Serien wechseln sich mit Spitzen-Shows ab, die man sich teils exklusiv sichern konnte. Außerdem gibt es dahinter eine ganze Reihe an betagteren Filmen und Serien, so dass man auch nach eifrigstem Binge-Watching nicht Gefahr läuft, Netflix irgendwann leergeglotzt zu haben.

Apple stellt sich da anders auf: Lizenziert wird gar nichts, es gibt also nur Formate, die eigens für Apple TV+ produziert wurden. Grundsätzlich kann man das mit Apples Qualitätsanspruch erklären. Große Namen sollen große Serien produzieren, natürlich mit großen Darsteller-Namen. Enttäuschend ist aber, dass man durch dieses Prinzip zum Start so gut wie keine Inhalte hat. Es gibt lediglich sieben Serien und eine Dokumentation.

Damit aber nicht genug: Gerade die Serien, die wohl mit der meisten Spannung erwartet wurden, können noch nicht komplett geschaut werden: Bei The Morning Show, For All Mankind und See gibt es lediglich drei Folgen, jeden Freitag kommt eine neue hinzu, berichtet golem.de. Wie viele Folgen eine komplette Staffel umfasst, ist dabei nicht ersichtlich, als Apple TV+-Nutzer kann man sich dieses Wissen lediglich woanders anlesen.

Das bedeutet, dass Binge-Watching-Fans noch Monate warten müssen, wenn sie Serien wie See mit Jason Momoa an einem chilligen Wochenende schauen wollen. Monatlich möchte Apple eine neue Serie oder einen neuen Film ins Angebot aufnehmen, aber ihr könnt euch ausrechnen, wie lange es brauchen wird, bis da ein annehmbares Portfolio zusammenkommt.

Vielleicht wäre das alles noch zu verschmerzen, wenn die verfügbaren Serien so überzeugend wären, dass sie mit den großen Kalibern wie “Breaking Bad”, “Game of Thrones” oder “Stranger Things” mithalten könnten. Dem soll aber nicht so sein: Kritiker haben sämtliche vier Drama-Serien (der Rest besteht aus einer Buch-Show mit Oprah Winfrey und Serien für Kinder) ziemlich abgewatscht. Gerade “Morning Show” mit Anniston und Witherspoon, die pro Folge 15 Millionen Dollar verschlungen haben soll, legt bei den Kritikern eine Bruchlandung hin.

Auch “See” überzeugt lediglich durch tolle Landschaftsaufnahmen und opulente Kampfszenen — die Story fällt komplett durch. Ihr könnt beispielsweise bei Zeit Online in Kritiken zu den vier Serien reinlesen. Logischerweise ist so eine Kritik subjektiv und es könnte damit sein, dass man auch mit Serien richtig viel Spaß hat, die bei anderen nicht für Begeisterung sorgen. Wenn sich die Kritiker aber vorab schon ziemlich einig sind mit ihrer Enttäuschung, dann wirft das erst mal kein gutes Licht auf die Plattform.

Inhalte pfui, technisch auch pfui

Ja, richtig gelesen: Das “hui” fehlt noch bei Apple TV+, denn es mangelt nicht nur an Qualität und Quantität bei den vorhandenen Serien, auch technisch hinkt man der Konkurrenz hinterher. Oben hab ich bereits erwähnt, dass nicht mal angezeigt wird, wie viele Folgen zu einer kompletten Staffel gehören.

Schlimmer aber noch: Das Interface der Apple-TV-App, wo ihr ab sofort auch Apple TV+ findet, mischt die Inhalte der Streaming-Plattform lustig durcheinander mit Kauf- und Leihangeboten. Es gibt also keine Übersicht, in der ihr explizit das Apple TV+-Portfolio begutachten könnt. Ebenso gibt es keine Merklisten für die Serien, was angesichts der mangelnden Auswahl jetzt vielleicht noch nicht so dramatisch ins Gewicht fällt, für die Zukunft aber echt blöd ist.

Was noch fehlt: Ihr könnt weder einen Vorspann überspringen, noch automatisch am Ende einer Folge mit der nächsten Episode fortfahren. Ihr müsst also manuell vorspulen, um einen Vorspann bzw. Rückblick zu überspringen und ihr müsst am Ende ins Menü zurückkehren manuell die nächste Folge auswählen. Klar — das sind Dinge, die sich vermutlich flott mit einem neuen Update der Software korrigieren lassen, aber es ist für mein Empfinden mindestens erstaunlich, dass so ein Unternehmen wie Apple sich technisch diese Blöße gibt.

Beim Test ist dem Kollegen von golem.de auch aufgefallen, dass die Synchronisation noch nicht perfekt funktioniert. Im Beispiel hat er eine Serie auf dem iPhone nach zehn Minuten pausiert und auf dem Apple TV fortgesetzt. Das klappte auch problemlos, dass er an der richtigen Stelle weiterschauen konnte. Als er aber dann zum iPhone zurückkehrte, wurde erneut bei zehn Minuten angesetzt — die App erkannte also nicht, dass der Tester zwischenzeitlich auf seinem Fernseher weitergeschaut hatte.

“Die Apple TV App ist überall” heißt es auf dieser Apple-Seite, die die Devices auflistet, die neben iPhone, Mac, iPad und Apple TV die App unterstützen. Auf der selben Seite lest ihr aber auch, dass diese Ansage eine unverschämte Übertreibung darstellt. Bei den Fire-TV-Geräten ist die Nutzung recht eingeschränkt, also lange nicht bei allen Modellen, lediglich Samsung-Fernseher und Roku-Devices werden in großem Maße unterstützt. Unterstützung für Smartphones und Tablets mit Android gibt es nicht und sie ist auch bislang nicht angekündigt.

Apple, das kannst Du eigentlich besser!

Wollen wir das jetzt alles mal zusammenfassen? Ihr bekommt auf einer technisch durchwachsenen Streaming-Plattform sehr wenige Inhalte und diese scheinen durch die Bank auch keinen Kritiker davon überzeugt zu haben, dass es sich dabei um diese “ganz großen Geschichten” handelt, die Apple uns versprochen hatte. Allein die 15 Millionen US-Dollar pro Folge für “The Morning Show” erschließen sich mir nicht. Der Blick auf den Trailer zeigt mir zumindest, dass man weder für atemberaubende Bilder, noch ausgefallene Kostüme oder massig CGI viel Geld in die Hand nehmen musste. All das kann man bei erfolgreichen Serien wie “Game of Thrones” anführen, aber selbst diese großartige Show hat lediglich in der letzten Staffel 15 Millionen pro Folge verschlungen, war davor deutlich günstiger.

Das zeigt uns lediglich zwei Sachen:

  • Man kann von den Produktionskosten nicht auf die Qualität einer Show schließen
  • Apple zahlt sehr, sehr viel Geld, um sich die großen Darsteller-Namen ins Boot zu holen

Apropos Preis: 4,99 Euro pro Monat verlangt Apple für Apple TV+. Das ist nicht wirklich viel, aber eben auch deutlich zu viel für das, was man dafür geboten bekommt. Wer sich ‘nen Mac, ein iPhone, ein iPad oder einen Apple TV anschafft, darf den Service ein Jahr lang kostenlos nutzen, bevor es kostenpflichtig wird (Achtung! Nicht sofort nach Beginn der kostenlosen Phase kündigen, sonst verfällt das Angebot unmittelbar!). Alle anderen dürfen das Angebot lediglich eine Woche lang kostenlos testen. Wäre ich böswillig, würde ich jetzt dazu anregen, dieses kostenlose Angebot zu nutzen und die Geschichte dann sofort zu kündigen — immerhin schafft man es locker, sich alles in sieben Tagen anzusehen, was Apple TV+ derzeit bietet.

Als eigenständige Plattform finde ich Apple TV+ bislang unterirdisch und es wäre nahezu unverschämt, hier von einer Netflix- oder Amazon-Prime-Konkurrenz zu sprechen. Alles, was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Bündelung verschiedener Services, also Apple TV+ als Dreingabe für alle, die bereits Apple Music zahlen. So, wie sich Apple TV+ bislang präsentiert, ist es jedenfalls eine inhaltliche, quantitative und technische Enttäuschung, die ich Apple in dieser Art und Weise nicht zugetraut hätte.

Mein Daumen geht also klar nach unten, allerdings verbunden mit der Einschränkung, dass es bislang lediglich ein verpatzter Start ist. Wenn man in einem Jahr deutlich mehr Inhalte anbieten kann und dann die angesprochenen technischen Schwächen ausgemerzt hat, könnte es durchaus etwas anders aussehen. Es besteht also zumindest Hoffnung, dass Apple die Nummer noch in den Griff bekommt.

Abschließend nochmal der Verweis auf den ausführlichen Test bei golem.de und die Serienkritiken bei Zeit Online.