Der Apple-User
Apple WWDC17: Huch, die Keynote war ja doch gut

Selbst als langjähriger Apple-User hat die Attraktivität von Apples Keynote mit der Zeit doch ziemlich nachgelassen. Das hatte verschiedene Gründe, die da zusammen kommen: Tim Cook ist einfach kein Entertainer wie sein Vorgänger, die echten Wow-Vorstellungen neuer Produkte wurden seltener und mit der Zeit liess mein persönliches Interesse an der Teilnahme solcher Konsumfeste (oder auch -messen) ganz allgemein einfach nach. Aber WWDC17-Keynote war ja doch richtig gut. 

Es gab die verschiedensten Gerüchte vor der WWDC17-Keynote, andere Vorstellungen durfte man erwarten. Ganz vorne natürlich die Vorstellung der neuen Versionen der Apple-Betriebssysteme, vor allem iOS 11 und macOS. Aber es lief alles nicht ganz so wie erwartet. Zu meiner Verblüffung übersprang der Apple-Boss das große Zahlenupdate zu Beginn der Keynote. Natürlich wurden zwischendurch trotzdem immer wieder Zahlen eingestreut, aber das gebündelte Aufzählen aller Zahlen fiel dieses Mal glücklicherweise aus. Alleine das hat den Unterhaltungswert der Keynote deutlich nach oben gehoben.

In Sachen Produkte waren meine Erwartungen eher gering, schauen, was macOS und iOS im Herbst bringen, vielleicht das neue iPhone, dann sprachen die Gerüchte von einem Google Home bzw. Amazon Alexa Konkurrenten und kleinere Hardware-Updates für die Macs. Nichts, was meiner Kreditkarte gerade gefährlich werden könnte. Zumindest nicht sofort. Und dann kamen da doch noch ein paar Highlights.

AR, VR, jetzt auch mit Apfel-Geschmack

Es wurde nun wirklich Zeit, dass Apple endlich mal in der Richtung aktiv wird. Die Entwickler – nicht vergessen, die WWDC ist eine Entwickler-Konferenz – und Produzenten entsprechenden Contents waren in der Präsentation natürlich die Hauptzielgruppe auch der Demos. Zusammen mit Metal 2 und der Möglichkeit extern per Thunderbolt 3 ordentlich GPU-Power an MacBooks und iMacs zu hängen, ist hier tatsächlich verdammt viel möglich. Natürlich kam auch im Team-Chat sofort die Anmerkung, wie bescheuert das doch sei, AR mit einem iPad vor der Nase zu nutzen. Das stimmt einerseits natürlich, aber das ist gerade nicht wirklich relevant. Es gab einige sehr gut nachvollziehbare Gründe, es genau so und nicht anders zu demonstrieren:

  1. Apple hat damit über Nacht die größte Plattform: Es wird keine zusätzliche Hardware gebraucht, kein Karton zurecht gefaltet werden, man zieht einfach das Handy aus der Tasche und legt los. Natürlich ist das kein Vergleich mit einer Microsoft HoloLens, aber dafür ist die Einstiegshürde deutlich geringer – gerade für diejenigen, die bereits ein iOS-Gerät haben: iOS 11 drauf, passende App starten und loslegen. Millionen von Geräten für AR-Anwendungen.
  2. Es geht um die Entwickler: Auch für Entwickler sind Einstiegshürden von Bedeutung, so eine frisches API baut man doch viel lieber dann in eigene Apps ein, wenn die Nutzer dafür keine neue Hardware kaufen müssen. Je mehr potentielle Nutzer man hat, desto attraktiver ist es, sich mit einer neuen Technik zu befassen.
  3. Die Brillen kommen noch, sind wahrscheinlich schon fertig, keine Frage, aber die werden wahrscheinlich erst als Zubehör zum neuen iPhone vorgestellt werden.

Es wurde natürlich längst Zeit, dass Apple hier mal langsam nachkommt, andere sind hier schon deutlich weiter, aber gerade was die Produktion entsprechender Inhalte angeht, scheint Apple hier ganz gut aufgeholt zu haben. Wichtig ist jetzt natürlich, dass es Apple gelingt, die Entwickler vom eigenen System zu überzeugen: Die größte AR-Plattform der Welt zu haben hilft nichts ohne entsprechende Anwendungen (und nein, eine neue Version von Pokemon Go reicht da nicht).

iMac Pro

Nachdem der Mac Pro schon zu Grabe getragen wurde, ist der iMac Pro doppelt überraschend: Einerseits wurde ein Nachfolger für den Mac Pro für das kommende Jahr in Aussicht gestellt, andererseits war die größte Kritik am noch aktuellen Mac Pro die fehlenden Möglichkeiten zur Erweiterung. Ob der iMac Pro, der erst Ende des Jahres zu haben sein wird, nun der offizielle Nachfolger des Mac Pro wird oder ob es vielleicht doch noch einen neuen Mac Pro geben wird: Die Leistungsdaten des iMac Pro, kombiniert mit den Erweiterungsmöglichkeiten über Thunderbolt 3, dürfte auch Pro-Nutzern locker genug Power für ihre Projekte liefern.

Andererseits ist das externe Erweitern eines Desktops eher nur eine Behelfslösung für viele Profis – da geht es nicht alleine um die Geschwindigkeit der Verbindung, sondern auch um einen ordentlichen Schreibtisch. Trotzdem dürfte der iMac Pro einige Abnehmer finden, gar keine Frage.

Und abseits von der Frage der rein externen oder auch fehlenden Erweiterungsmöglichkeiten, ist es tatsächlich wieder einmal ein ordentliches Stück Technik, gerade in Sachen Kühlung, das Apple da angekündigt hat. Da freut man sich doch schon fast darauf, dass das Ende der buchhalterischen Lebenszeit des aktuellen iMac passend zum Ende des Jahres ansteht…

iPad Pro

Geständnis: Das Experiment mit dem Surface Pro 4 würde ich zwischenzeitlich als gescheitert bezeichnen. So sehr mir eine ganze Reihe von Features bei Windows 10 gefallen, so großartig auch die Hardware ist: Windows 10 und ich werden keine Freunde. Zwar kann ich mit dem Surface arbeiten, aber sobald ich die Wahl habe – und ich habe sie nun einmal – greife ich dann eben doch zum iPad oder zum MacBook. Zumindest hat der Selbstversuch mir nun gezeigt, dass ich im Zweifel auch mit Windows 10 meine Arbeit erledigen könnte – aber zu diesem Thema an anderer Stelle mehr.

Tatsache ist, dass das neue iPad Pro zusammen mit iOS 11 immer mehr zu einer denkbaren Notebook-Alternative wird. Nicht zuletzt das Drag’n’Drop zwischen verschiedenen Apps auf unterschiedlichen Screens und die App Files, mit der man systemweit endlich richtig mit Dateien arbeiten kann und dabei nicht auf die iCloud beschränkt ist, sind äußerst vielversprechend. Man wird sehen, ob und wie gut das Versprechen in der Praxis eingelöst wird und selbstverständlich bleibt auch die Frage, welchen Ansatz man selbst bevorzugt: Die Microsoft-Lösung eines Systems, das auf allen Geräten läuft und sich den gerade verfügbaren Ein- und Ausgabemöglichkeiten anpasst oder eben den Apple-Weg mit spezialisierten Systemen für verschiedene Geräteklassen.

Eine andere Frage wird sein, ob es Apple mit dem iPad Pro gelingt die zuletzt doch arg schwächelnden iPad-Verkäufe zu stabilisieren oder gar zu drehen.

iOS 11, watchOS 4

Alle Infos: Apple zeigt neue Updates für iOS 11

Nicht nur für das iPad bringt iOS 11 neue Funktionen, auch Autofahrer bekommen sinnvolle neue Funktionen. Die Indoor-Maps für Kaufhäuser und Flughäfen sind auch ganz interessant – und ich würde wetten, dass die Apple Maps Karte vom BER früher fertig wird als der Flughafen selbst. Das neue Dashboard scheint mir sinnvoller als die aktuelle Version. Aber kurz würde ich bei iOS 11 und watchOS 4 mit vernünftige Weiterentwicklung zusammenfassen. Die größten Neuerungen sind hier unter der Haube und auf dem iPad zu finden. Wir werden sehen, was die Entwickler daraus machen.

macOS High Sierra

Bis kurz vor Ende der Keynote dachte ich ja noch, dass hier der Tiefpunkt in Sachen Namensgebung erreicht wäre. Aber nur bis kurz vor dem Ende. In Sachen Funktionen wurde vor allem Safari viel Raum eingeräumt: Autoplay Blockig und eine intelligente Art das Tracking durch Werbedienstleister zu blockieren sind Ankündigungen, die der Onlinewerbebranche nicht gefallen dürften. Wir werden sehen, wann die Verlegerlobby ein Verbot von Apple-Produkten fordert. Mail soll noch ein Stück besser werden, wobei hier das Versprechen bis zu 35% weniger Speicherplatz freut, vor allem, wenn man noch ein MacBook mit nur 128GB SSD hat. Fotos hat einige neue Funktionen bekommen und als es um die Erkennung von Gesichtern und Objekten ging, wurde natürlich wieder darauf hingewiesen, dass Apple hier immer den Schutz der Nutzerdaten und die Privatsphäre des Nutzer im Auge habe.

Die wichtigste Änderung ist auch hier unter der Haube: Das betagte und mit immer größeren Speichern regelmäßig an natürliche Grenzen kommende HFS+ wird durch das neue Apple File System (APFS) ersetzt. Eine Umstellung, die iOS bereits hinter sich hat und die mehr Geschwindigkeit und vor allem Zukunftssicherheit verspricht. Aber wie auch Metal 2 gehört das zu den Neuerungen unter der Haube, die zuerst einmal die Entwickler freut, aber mittelfristig natürlich auch die Nutzer.

Aber der Name geht eigentlich gar nicht, aber es geht schlimmer …

HomePod

Was der iPod für den mobilen Musikkonsum war (und das Smartphone heute ist), soll der HomePod für das traute Heim werden. Aber ehrlich? HomePod? Aber lassen wir den Namen beiseite und vergessen wir die Tatsache, dass der HomePod erst im kommenden Jahr nach Deutschland kommt und dann muss ich sagen: Ja, ich bin interessiert. Hätte ich nicht gedacht, aber was Apple da in Sachen Soundqualität verspricht, wäre mir die 350 Steine wert. Wäre ja nicht viel mehr, als ich habe ja nicht viel weniger für meinen mobilen Musikkonsum investiert.

Natürlich ist der HomePod – so ganz nebenbei – auch eben Siri für’s Wohnzimmer, ein digitaler Assistent. Andererseits muss ich zugeben, dass mich diese Funktionen weniger reizen – dazu nutze ich heute schon Alexa zu wenig. Aber ein Soundsystem, mit dem ich (bei dem Preis natürlich nach und nach) meine ganze Wohnung entsprechend beschallen und das ich mit Sprachkommandos steuern kann, das wäre wirklich fein. Und nein, der Klang von Amazon Echo überzeugt mich nicht, vom Echo Dot brauchen wir gar nicht erst anfangen. Das Versprechen von Apple, den Schutz der Daten und Privatsphäre sehr ernst zu nehmen ist auch alles andere als ein Argument gegen den HomePod. 

Dazu Multi-Raum-Beschallung per AirPlay 2, „Spatial awareness“ und die Möglichkeit zwei HomePods in einem Raum aufzustellen, die diesen dann gemeinsam beschallen – wenn der Klang dann nur halb so gut ist, wie es Apple verspricht, dann fliegen die Amazon-Gurken (Gurke bezieht sich an dieser Stelle auf die Klangqualität) raus und werden durch HomePods ersetzt.

Unter’m Strich

Nein, es wurde schon wieder keine Produktklasse (neu) erfunden, keine Revolution gestartet und wenn es um AR/VR oder HomePod geht, dann ist natürlich der Vorwurf schnell da, dass es reine „me too“-Geschichten wären oder gar gleich billige Kopien. Kann man so sehen, aber diese gegenseitigen Kopiervorwürfe langweilen inzwischen doch gewaltig. „Wer hat’s erfunden?“ ist eine Frage, die in vielen Fällen einfach nur egal ist. Ein sprachgesteuerter Digital Assistent für daheim? Für mich persönlich keine Erfindung, sondern eine logische Entwicklung. Und am Ende des Tages ist es einem Nutzer doch egal – und kann es auch sein – wer irgendwas erfunden hat, da gibt es ganz andere Kriterien für oder gegen eine Kaufentscheidung. Apple hat solide und sinnvolle Produktpflege gezeigt und sich mit dem HomePod deutlich anders positioniert als die Mitbewerber. Kein digitaler Assistent, der auch Musik abspielt, sondern ein Home-Beschallungssystem, das nebenbei auch ein digitaler Assistent sein kann.

Und in Sachen „Kaufentscheidung“ wurde bei dieser Keynote so einiges gezeigt, was quasi schon gekauft ist – sobald es die Geräte dann zu kaufen gibt. Und dann gibt es noch Zubehör, das nicht auf der Keynote gezeigt wurde, aber mit „endlich“ richtig beschrieben ist: das drahtlose Magic Keyboard mit Ziffernblock.