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Asche zu Vinyl: Auf dieser Schallplatte lebt man ewig

In der Regel landen wir nach unserem Ableben auf einem Friedhof. Es geht aber auch anders: And Vinyly presst die Asche eines Verstorbenen auf Schallplatte und schafft damit eine außergewöhnliche Erinnerung.

von Carsten Drees am 18. November 2019

Was passiert, wenn unser irdisches Leben endet? Gläubige Christen glauben, im Himmel zu landen, letzten Endes weiß aber niemand aus zuverlässiger Quelle, was nach unserem Tod tatsächlich geschieht.

Für unsere sterblichen Reste hingegen kann man das deutlich besser absehen — sie enden in der Regel auf einem Friedhof, wo wir entweder im Sarg oder verbrannt in einer Urne in die Erde verfrachtet werden. In Deutschland gibt es von dieser Regel nur sehr wenige Ausnahmen. Wenn ihr das in Filmen seht, dass Menschen die Urne mit der Asche des Verstorbenen mit nach Hause nehmen oder damit in der Gegen herumfahren, um sie an einem besonderen Ort zu verstreuen: Sowas geht hier nicht, zumindest nicht ohne Umweg.

Im Ausland geht das oftmals unkomplizierter, so dass ihr einen Verstorbenen theoretisch in ein anderes Land verschiffen könntet — und dort dann mit der Asche halt etwas anderes anfangen könntet, als sie auf dem Friedhof zu beerdigen. Wenn ich euch jetzt also von einer besonderen Art berichte, wo diese Asche letztendlich landet, dann ist es logisch, dass wir nicht von Deutschland reden.

Schauen wir also rüber nach England. Mit “Ashes to ashes” hat der unvergessene David Bowie bereits darauf hingewiesen, welches Ende uns allen bevorsteht, ebenso Rammstein mit “Asche zu Asche”. Das kleine Unternehmen “And Vinyly” verbindet den Tod, die Asche und Musik aber noch einmal ganz anders, als das die genannten Künstler mit ihren Songs getan haben. Dort wird nämlich eine Schallplatte gepresst, die mit der Asche der Verstorbenen angereichert wird!

Jason Leach lebt in Scarborough, England und war eigentlich Musikproduzent. Irgendwann kommt dann in jedem Leben der Zeitpunkt, in dem man sich seiner eigenen Sterblichkeit bewusst wird — euch vielleicht jetzt gerade dadurch, dass ihr hier diesen Artikel lest. Wenn dem so ist: Ja, es ist so — wir kommen hier alle nicht lebendig raus, gern geschehen ;-)

Aber zurück zu Jason Leach: Es gab einige Todesfälle in seiner Familie und er wohnte den Zeremonien bei, bei denen die Asche verstreut und dem Meer übergeben wurde. Wenn man dann realisiert, dass einem dieses Schicksal selbst blüht, muss man sich damit irgendwie auseinandersetzen. Ich persönlich hab das hinter mir, bin aber zu keinem Ergebnis gekommen, was mit meiner Asche passieren soll. Ich möchte kein Grab auf einem Friedhof haben — allein schon, weil ich niemandem posthum auf der Tasche liegen will. Meinetwegen könnte man meine Überreste gern in die Restmülltonne kübeln, ich bekomme es ja eh nicht mit.

Leach war da jedenfalls deutlich einfallsreicher: Zusammen mit Freunden hat er sich eine kleine Vinyl-Infrastruktur geschaffen. Auf diese Weise ist es ihnen möglich, relativ kostengünstig auch mal Schallplatten in sehr kleine Auflagen zu pressen. Seine Idee dazu war also die: Man nutzt die Asche der Verstorbenen und arbeitet sie ins Vinyl ein. Auf diese Weise lebt der Mensch auf eine außergewöhnliche Art ewig weiter.

Die Idee war eigentlich nur für Leach selbst gedacht. Er veröffentlichte sie online und vermutlich war niemand so erstaunt wie er selbst, dass sich die Anfragen häuften, so etwas auch für weitere Verstorbene zu ermöglichen. Er stellte jedenfalls fest, dass es da anscheinend wirklich einen Bedarf gab und so beschloss er im Jahre 2010, das Unternehmen “And Vinyly” zu gründen.

Seitdem kann man sich also vertrauensvoll an den Engländer wenden und bekommt dort seine individuelle Pressung. Bis zu 30 Exemplare pro Verstorbenem sind machbar und zur Produktion wird pro Exemplar ein guter Teelöffel voll von der Asche benötigt. Die wird auf der Vinyl-Rohmasse verstreut, bevor die Platte gepresst wird.

Das Ergebnis ist eine Schallplatte, die tatsächlich abgespielt werden kann und der Auftraggeber hat natürlich die Möglichkeit zu bestimmen, was dort zu hören ist. Es kann also ein Lied sein, welches eine besondere Bedeutung für den Verstorbenen hatte. Es ist aber auch möglich, diesen Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. Ich überlege mir auch schon, mir ein paar dumme Sprüche auszudenken, die dann die Empfänger dieser Platte sich bis in alle Ewigkeit anhören könnten.

Technisch betrachtet ist die Produktion durch die Asche nicht so sauber wie eine normale Vinyl-Platte. Es kratzt und springt also ein bisschen mehr, aber Jason Leach betrachtet das nicht als Bug, sondern als Feature: Immerhin wisst ihr bei jedem Knistern, dass es der geliebte Mensch war, den ihr da gerade hört.

Ganz billig ist der Spaß natürlich nicht: Bei 900 britischen Pfund geht es los, umgerechnet also etwa 1 050 Euro. In der Spitze werden bis zu 4 100 Euro fällig, dann aber mit “RIV-Artwork”. Was das ist? RIV steht für “Rest in Vinyl” und beinhaltet unter anderem ein Portrait des Verstorbenen, gemalt von James Hague von der National Portrait Gallery. Auch in die Farbe wird die Asche eingearbeitet, so dass ihr beim Betrachten der Platte gleich in zweierlei Hinsicht auf den Verblichenen blickt.

Das Ganze hat natürlich einen recht morbiden Charme, aber mir gefällt die Idee sehr. Irgendwann machen wir sowieso alle die Grätsche — wieso also nicht mit Stil den Löffel abgeben und die wichtigsten Hinterbliebenen mit so einer außergewöhnlichen Platte beschenken? Das wäre jedenfalls in meinen Augen (und Ohren) absolut eine Erinnerung, mit der man sich für seine Lieben unsterblich machen könnte.

via The Vintage News