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Audi Q8 feiert Weltpremiere in Shenzhen

„Audi Active Info Display“, „MMI Touch Response“, Head-Up Display, Apple CarPlay und Android Auto, intelligente Sprachsteuerung, Personalisierung bzw. künstliche Schwarm-Intelligenz á la „Car-to-X“ ... im neuen Q8 zeigt Audi, wohin die automobile Reise technologisch geht. Passenderweise wählte man Shenzhen für die Weltpremiere.

Audi stellt sein neues und erstes SUV-Coupé „Q8“ im chinesischen Shenzhen vor. Das Luxus-Flaggschiff mit seiner abfallender Dachlinie und modernster Technik trägt stolz den bisher höchsten Index der etablierten Q-Familie. Doch Moment. Ein deutsches Auto, in Bratislava gebaut, wird in China vorgestellt? Warum gerade in Shenzhen? Shenzhen war noch vor rund 40 Jahren die Heimat von 30.000 Chinesen. Heute zählt diese Mega-City rund 20 Millionen Menschen. Die meisten von ihnen leben in einem der unzähligen Hochhäuser, die hier auf etwa 2.000 Quadratkilometern eng an eng stehen. Shenzhen ist eine dieser berühmten chinesischen Städte, die am Reisbrett geplant wurden, von denen in Europa aber niemand viel weiß. Für mich Gründe genug, das neue Auto und diese Wirtschaftsregion anzuschauen.

Die bekannteste Technologie-Schmiede der wesentlichen Welt ist zweifelsohne das Silicon Valley. Hewlett und Packard gründeten hier schon 1939 die erste High-Tech Firma. Die etwa 70 Kilometer breite Region bei San Francisco siedelte sich in den 1960er und 70er Jahren mit der Verbreitung der Computertechnik dann endgültig dort an. 1976 begründeten der damals 21 Jährige Paul Steven Jobs und und Gary Wozniak in einem Schlafzimmer bei Palo Alto ein Unternehmen, das die Welt als Apple kennt. Heute haben Global-Player wie Nvidia, Oracle, Intel, Facebook, Amazon, Tesla oder Ebay dort ihren Hauptsitz. Und das Valley scheint auch weiter ein solider Standort für junge, aufstrebende Tech-Firmen. Ihre Gründer haben meist nur eines im Sinn: Schnelles Wachstum.

 

Das chinesische Pendant zum Silicon Valley heißt Shenzhen. Nur wächst es wesentlich schneller und wir Europäer wissen weniger darüber. In China ist der Kapitalismus längst angekommen. Und die Chinesen schein ihn noch konsequenter zu leben. In Shenzhen sitzen Firmen wie Huawei, Tencent (WeChat) oder DJI. Alle begannen als kleine Startups. Heute sind sie global agierende Unternehmen mit dem Prädikat „too-big-to-fail“. Sie fertigen nicht nur neue Technologien, sie entwickelt sie inzwischen auch selbst. Was Insider in den USA und Europa längst mit Argwohn betrachten.

Die Globalisierung schreitet scheinbar unaufhaltsam voran. So lässt Apple hier von über 300.000 Foxconn-Mitarbeitern das iPhone bauen. Natürlich zu geringen Kosten. Humanitär jedoch unter teilweise fragwürdigen Umständen. Auch Audi betreibt in Shenzhen eine Art Zweigstelle. Doch keine Sorge, in Shenzhen werden (noch) keine (deutschen) Autos produziert. Aber der bayrische Hersteller analysiert auch von hier aus den chinesischen Markt und passt gewisse Features auf ihn an.

Außerdem arbeitet man eng mit ansässigen Firmen wie Huawei zusammen. Denn in Städten, in denen Staus und Smog zum omnipräsenten Thema geworden sind, werden autonomes Fahren und der Elektroantrieb zum dringend benötigten Ausweg. Über 16.000 Busse fahren in der Mega-City schon heute rein elektrisch angetrieben. Die deutsche Infrastruktur wirkt dagegen wie die eines Entwicklungslands. Und weil China wohl der Hauptabsatzmarkt für Audis neues SUV-Coupé sein wird, versteht man besser, warum die Ingolstädter ihren Q8 hier präsentieren.

Der Q8 darf als Audis Einstieg in das bisher nicht von den Ingolstädtern besetzte SUV-Segment mit abfallender Dachlinie verstanden werden. Der Angriff erfolgt mit dem 4,99 Meter langen Q8 von oben her. Die Wettbewerber um BMW X6 und Mercedes GLÉ Coupé kennen die bewährte Strategie der Marke mit den vier Ringen. Man zögert lange, beobachtet die Konkurrenz genau, und bietet dann ein Modell an, das den Wettbewerbern den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Dabei könnte der audi-interne SUV-Index die Vermutung aufkommen lassen, der neue Q8 übertrumpfe den Q7 in seinen Dimensionen. Tatsächlich ist der Q8 aber sieben Zentimeter kürzer und vier Zentimeter flacher als der Q7. Und das obwohl beide Modelle auf der MLB Evo-Plattform fußen, auf der auch VW Touareg, Porsche Cayenne, Bentley Bentayga und Lamborghini Urus stehen.

Trotzdem wirkt der Q8 optisch größer, aber zweifellos aufregender als sein nächster Verwandter. Das ist seinem extravaganten Design um den riesigen achteckigen Singlefram Kühlergrill, den rahmenlosen Türen, den zwei Metern Breite und den mindestens 19 Zoll großen Schlappen geschuldet. Damit scheint er wie gemalt für den hungrigen chinesischen Markt mit seiner XXL-Vorliebe.

Um der optischen Beliebigkeit zu entfliehen, hat sich Audi Chef-Zeichner Marc Lichte beim Design des Q8 eine Ikone als Vorbild genommen. Er will vom 1980er Modell kantige Elemente, wie die ausgestellten Radhäuser entliehen haben, um die glatt geleckte Audi Optik in die Moderne zu führen. Begonnen hat diese Design-Evolution mit der dynamischen C-Säule des Q2. Die neue Linie der Audi-SUVs wird noch 2018 im neuen Q3 zu bestaunen sein. Niemand kann den Ingolstädter beim Look des neuen Modells vorwerfen, er würde sich zu wenig von den anderen „Q´s“ unterscheiden.

Technische Highlights im Q8 setzen die Scheinwerfer. Sie sind gegen Mehrpreis als unten abgedunkelte und zweigeteilte LED-Matrix-Scheinwerfer erhältlich. Deren Fernlicht ist jeweils aus 24 LEDs aufgebaut. Wie beim Quattro Coupé sind auch die LED-Rückleuchten schwarz eingefärbt. Clever gelöst strahlt das breite LED-Leuchtband am Heck, denn Chinesen stehen auf fette Lichter-Kettem. Deshalb werden sie die Q8-Lichtshow lieben, die das mächtige SUV zum Abschied und zur Begrüßung an die Umwelt sendet. Nihau!

„Audi Active Info Display“, „MMI Touch Response“ und Co.

Aber auch innen hat sich viel getan. Audi möchte auf dem Weg zum Erfolg in China nichts dem Zufall überlassen. So wurde die komplette Architektur des hochwertig verarbeiteten Interieurs um ein Bedien-Konzept erweitert, das aus dem A8 stammt und nun auch im A7 und A6 Verwendung findet. Moderner und konsequenter haben wir das noch nicht gesehen. Dem Fahrer sticht auf Anhieb das 12.3 Zoll große „Audi Active Info Display“ hinterm Lenkrad ins Auge. Hier lassen sich die wichtigsten Informationen wie beispielsweise die Navi-Karte anzeigen. Ein Head-up Display ist optional verfügbar.

Highlight ist jedoch das serienmäßige „MMI Touch Response“ Display. Es thront auf zwei Ebenen in der Mittelkonsole. Der obere 10,1 Zoll Screen bildet die Infotainment-Funktionen ab. Die untere, 8,6 Zoll große Fläche steht für die Steuerung der Klimafunktionen bereit. Sogar die Eingabe von chinesischen Schriftzeichen ist hier möglich. Das Bedienkonzept setzt unter anderem auf Berührungen, die ein haptisches Feedback geben. Audi verspricht, dass beim Thema Konnektivität um Apple CarPlay und Android Auto, intelligente Sprachsteuerung, Personalisierung bzw. künstlicher Schwarm-Intelligenz á la „Car-to-X“ Online-Kommunikation kaum Wünsche offen bleiben werden. Bis zu 39 Assistenzsysteme können gewählt werden – inklusive Nachtsichtsystem und Anhänger-Assistent. Was Bewohner der chinesischen Mega-Cities bei der Konfiguration ihres Q8 übrigens kaum jemand vergessen wird: Den Stauassistent.

Zur Vermeidung von Staus arbeitet Audi eng mit Huawei zusammen. Diese Tech-Firma ist 1987 in Shengzhen entstanden, hat inzwischen 170.000 Mitarbeiter. Hierzulande kennt Ihr Huawei wohl am ehesten durch ihre Smartphones. Doch was macht ein IT-Unternehmen das Smartphones baut für Audi genau? Huweia ist ein strategischer Partner in China, der Chips für die Verwendung im Auto liefert, die beispielsweise für die Funktion von LTE-Hotspots im Auto zuständig sind. Damit kann das Auto mit der Welt kommunizieren. „Car-to-X“-Kommunikation ermöglicht neben der Nutzung von Schwarm-Daten andere Autos (Audis) und Gefahrensituationen in Zukunft auch das Einbeziehen von Parkhäusern oder Ampeln. Huawei bietet ein Komplettpaket von Hardware bis zum Service an. Und die Technik wird bald noch weitere Fragen beantworten: Wann wird die Ampel grün? Was ist die beste Route? Die ganze Stadt könnte also auf einem digitalen Spielfeld abgebildet und gesteuert werden. Getestet wird aktuell von der Industrie auf einem Versuchsfeld in Wuxi.

Doch noch ist das Zukunftsmusik. Was der Audi Q8 mit dem MMI Navigation plus, welches zur Datenübertragung den neuen Standard LTE Advanced nutzt, heute schon kann ist nicht weniger überwältigend. Das System generiert intelligente Zielvorschläge auf der Basis von zuvor gefahrenen Strecken. Dabei bezieht es gesammelte Erfahrungen ein. So etwas die Tageszeiten und Verkehrsbelastung. Der Navigationsdienstleister „HERE“ stellt dafür Echtzeit-Daten des gesamten Verkehrs zur Verfügung. Der Fahrer kann mit seinem Q8 zudem frei kommunizieren. Sagt man dem System „Ich habe Hunger“, bietet es Restaurants im Umfeld an und ist damit mindestens so „intelligent“ wie Siri.

Das funktioniert mit „onboard“ abgelegten Informationen und dem ständig weiter wachsenden Wissen aus der Cloud. Noch 2018 sollen mit der Funktion „On-Street-Parking“ freie Parkplätze ausgemacht werden können. Via Smartphone kann der Q8 ent- und verriegelt werden . Auch der Motor kann auf diesem Weg gestartet werden. 400 Parameter wie die Einstellung der Klima-Funktionen, häufig genutzte Medien, oder Navi-Ziele können so bezogen auf die Fahrzeugnutzer gespeichert werden. Außerdem lassen sich von außen Navi-Ziele ans System übermitteln oder die gewünschte Temperatur einstellen.

Was treibt den Koloss an?

Die 2,1 Tonnen des Q8 wollen trotz des guten cW Wertes von 0.34 in Fahrt gebracht werden. Doch die Stirnfläche von 2,84 Quadratmetern gleicht einer fahrenden Schrankwand. Die Mildhybrid-Technik um das 48-Volt-Bordnetz soll Abhilfe schaffen. Ein Riemen-Starter-Generator und Lithium-Ionen-Batterie im Heck sorgen dafür, dass Kunden quasi von einer Erweiterung des Start-Stopp-Systems profitieren. So rollt der Q8 schon bei 22 km/h aus. Zwischen 55 und 160 km/h segelt der Q8 bei ausgeschaltetem Motor, wenn der Fahrer vom Gas geht. Das spare bis zu 0,7 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer, sagt Audi. Wohl eher ein kleiner Tropfen auf den heißen SUV-Stein. Selbst ein Laie kann jedoch erkennen, dass Audi sich alle Mühe gibt, das SUV mit der serienmäßigen Achtgang-Automatik und dem Allrandtrieb ökonomisch reisen zu lassen. Wir sind schon gespannt, ob der Q8 die Fahrdynamik des Touareg noch steigern wird. Fest steht: Die Luftfederung ist ebenso eine Option wie eine Allradlenkung, die beim Einparken die Hinterräder um bis zu fünf Grad gegenläufig einschlagen kann. Bei hohen Geschwindigkeiten lenkt sie um bis zu 2,5 Grad gleichsinnig, was die in Verbindung mit dem Wankausgleich die Spurstabilität erhöht.

Zum Marktstart wird mit dem 50 TDI ein 286 PS Aggregat mit 3 Litern Hubraum angepriesen. Es erfüllt die aktuell anspruchsvollste Abgasnorm Euro 6d Temp. Der Motor treibt das SUV-Coupé in 6,3 Sekunden auf Tempo 100. Bei 232 km/h ist die physikalische Beschleunigungsgrenze erreicht. Anfang 2019 soll mit dem 45 TDI eine etwas schwächere und preiswertere Version des Diesel-Motors mir 231 PS eingeführt werden. Beide Aggregate werden bereits i A6 und A8 verwendet, und sind mit einem SCR-System zur Abgasreinigung versehen. Angang 2019) kommt ein V6 Benziner mit Turbolader und 340 PS maximaler Leistung.

Wem das nicht genug Leistung sein sollte, der muss auf den SQ8 warten. Sein Motor sist aus dem SQ7 bekannt. Der V8-Turbo-Diesel mit vier Litern Hubraum leistet satte 435 PS und bringt bis zu 900 Newtonmeter Drehmoment auf die Straße. Doch das scheint ein Nachfrage-Rudiment aus der alten Welt (Europa) zu sein. China und Teile der USA dürften einen Plug-in-Hybriden spannender finden. Im Konzern Baukasten ließe sich ein 449 PS und 700 Newtonmeter kräftiges Aggregat finden, welches auch im A8 E-Tron zum Einsatz kommt. Ähnlich wie beim Porsche Hybrid-Antrieb arbeiten hier ein Dreiliter-V6 Benziner und einem Elektromotor zusammen. Den neuen VW Touareg wird es in China bekanntlich als Plug-in-Hybrid geben. Was uns fehlt, ist eine rein elektrische Q8 Variante.

Fazit:

Obwohl der Q8 kürzer und flacher als der Q7 ist, wirkt er bulliger. Vielleicht rechtfertigen die Ingolstädter damit den im Vergleich zum Q7 noch selbstbewussteren Preis. Er wird genauso wie der VW Touareg und der Porsche Cayenne auf einem Band in Bratislava gebaut und soll im Juli 2018 bei den Händlern stehen.

Der Q8 50 TDI soll ab 76.000 Euro in der Preisliste stehen, während der Q8 45 TDI unter 70.000 Euro kosten soll. Die Preise für den SQ8 dürften bei über 100.000 Euro beginnen. Zum Vergleich: Der Q7-Basispreis startet bei 61.700 Euro. Auch Porsche drängt Mitte 2018 mit dem Cayenne Coupé ins dann schon vier Teilnehmer fassende SUV-Coupé Segment. Bisweilen hat der Q8 die Nase vorn, denn er ist der modernste, günstigste und optisch momentan vielleicht der progressivste. Aber das bleibt genauso Geschmackssache, wie die Frage, ob man wirklich im SUV-Panzer Brötchen holen muss, oder ob es nicht manchmal auch mal ein ganzheitliches Downsizing glücklich macht.

Beinahe so spannend wie die Details zum Q8 ist, was wir über die Chinesen gelernt haben, die neuen Technologien sehr aufgeschlossen sind. Der chinesische Markt ist ausgesprochen volatil und als Abnehmer großer Stückzahlen wichtig – keine Frage. Schon heute fahren hier mehr als 200 Millionen Autos. Jedes Jahr kommen 30 Millionen dazu. Kaum vorstellbar, was passieren würde, wenn sich jeder Chinese sich ein Auto mit Verbrenner leisten könnte. Dann dürften alleine die Chinesen wohl die gesamte jährliche Produktion an Erdöl verbrauchen und die Umwelt entsprechend stark belasten. Zu alternativen Antrieben gibt es also keine Alternative. Das weiß inzwischen auch Audi und will bis in 7 Jahren 800.000 reine Elektromodelle und Plug-in-Hybride auf die Straße bringen. Beginnend mit der Premiere des E-tron am 30. August dieses Jahres. Wir werden berichten.