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Aufgepasst, liebe Influencer – vielleicht muss man doch was Richtiges lernen!

Jessy Taylor ist Influencerin - und war verzweifelt, als ihr Instagram ohne Ankündigung den Account mit über 100.000 Followern dicht machte. Tränenreich erklärte sie dann auf YouTube, dass sie nichts kann - außer eben ihren Influencer-Job.

von Carsten Drees am 12. April 2019

Ich hab eben noch mal extra nachgeschaut: Etwa 1.150 Follower habe ich auf Instagram. Der Zentralverband der Influencer und mein Spiegelbild sind sich einig: Nee, das alles reicht nicht für eine Influencer-Karriere. Kein Ding, versuche ich es weiter mit der Bloggerei.

Aber es gibt eben genügend Menschen, für die rentiert sich diese Influencer-Nummer absolut. Jessy Taylor ist so eine: Immerhin 114.000 Follower ziehen sich das rein, was sie auf Instagram so veröffentlicht. Wieso das so viele sind, weiß ich nicht, ehrlich gesagt. Klar — das Netz ist voll mit Menschen, die es mögen, wenn eine Dame ihren Hintern in die Kamera hält, aber Jessy kommt auf gerade einmal 19 Fotos — da ist eine sechsstellige Follower-Zahl schon ziemlich sportlich.

Aber darum soll es in erster Linie gar nicht gehen, sondern darum, was passiert, wenn dieser Influencer-Traum von einer Sekunde auf die nächste ausgeträumt ist. Genau das musste die 21-Jährige nämlich in den letzten Tagen erleben: Ohne Angabe von Gründen war ihr Kanal plötzlich dicht. Zu viele Menschen hatten sie gemeldet, wobei ich euch nicht sagen kann, woran sich die Leute gestoßen haben.

Ihr Problem: Sie hat einfach nichts gelernt! Sie sagt selbst, dass sie nichts wirklich kann und einfach nichts in die Waagschale werfen könnte bei einem Bewerbungsgespräch. In ihrem früheren Leben musste sie sich ihr Geld sogar als Prostituierte verdienen, ihre einzige “richtige” Arbeit im Leben war ein Job bei McDonald’s. Dort hat sie auch festgestellt, dass so ein klassischer 9-to-5-Job einfach nichts für sie ist.

Da waren sie wieder, ihre drei Probleme: Kein Job, kein Instagram-Account und keine Ahnung, wie es weitergehen soll.

Was macht man also? Genau — man appelliert tränenreich an die werte Netzgemeinde, sie doch bitte nicht zu melden in Zukunft. Weil sie extra nach Los Angeles gekommen ist, um Instagram-Star zu werden, weil sie wie gesagt nichts anderes kann und weil sie all ihr Geld ausschließlich online verdient.

Ich möchte allen, die mich melden, sagen – denkt zweimal nach, weil ihr mein Leben ruiniert, weil ich mein ganzes Geld online verdiene, alles davon, und ich will das nicht verlieren Jessy Taylor, Inlfuencerin

Falls ihr euch das Video selbst reinziehen – hier ist es. Übrigens ist der Clip schön viral gegangen — 1,2 Millionen Views, aktuell stehen 1.170 Daumen nach oben einer Übermacht von knapp 20.000 Daumen nach unten gegenüber.

Ich hab zu Jessy gleich zwei Gedanken, nachdem ich mir ihren eilig angelegten Ersatz-Account  (mittlerweile auch schon wieder 14.000 Follower) angeschaut habe: Zum Einen finde ich es beunruhigend, in welchem Maße sie dort angegangen, beleidigt und gemobbt wird. Ich habe weder einen Schimmer, wie sie an so viele Follower kam und ob da alles mit rechten Dingen zuging, noch kann ich erahnen, was zur zwischenzeitlichen Sperre ihres Accounts geführt hat. Aber es geht einfach nicht klar, fremde Menschen so zu behandeln, auch wenn sie auf irgendeine Weise Personen des öffentlichen Lebens sind.

Der andere Gedanke: Wohin wird es uns als Gesellschaft führen, wenn Menschen prominent werden, die mir offen und ehrlich sagen, dass sie nichts können und genau deswegen prominent sein müssen, damit sie Geld verdienen können. Ich glaube, es gibt Millionen Menschen, vermutlich sogar eher Milliarden, die ebenfalls einen ätzenden McDonald’s-Job oder was vergleichbares haben. Die den Job hassen, ihn aber genau deswegen machen, weil sie irgendwie überleben müssen. Das ist nicht optimal, aber ihr kennt ja den Spruch mit dem Leben und dem Ponyhof.

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Ich tue mich also schwer damit, wenn mir jemand erzählt, dass ich ihn in seinem Influencer-Dasein unterstützen soll, weil er sonst einfach nichts kann. Wir können uns gern darüber streiten, was Internet-Persönlichkeiten generell können. Meinetwegen müssten zum Beispiel weder die Lochis noch Bibi Musik machen, weil ich nicht das Gefühl habe, dass sie sonderlich gut sind darin. Aber das ist egal, denn es gibt Millionen Menschen, die es interessiert. Menschen, die die Videos lieben, die in den Personen was Besonderes sehen und die sich auch die Musik reinziehen.

Ich hab hier ja auch schon mal über die Influencerin Caro Daur geschrieben. Die ist Tag für Tag in der Weltgeschichte unterwegs, hat natürlich sehr lukrative Werbe-Deals, präsentiert sich aber auch dementsprechend oft auf Instagram. Persönlich glaube ich, dass diese ganze Influencer-Blase in einiger Zeit platzen wird, weil es einfach zu viele Nichts-Könner gibt, die auf abstruseste Art und Weise an ihre Follower gelangen und Geld kassieren, was in keinem Verhältnis zur gebotenen Leistung steht. Aber es gibt eben auch die Menschen wie Caro, die ihr Business im Alleingang stemmt und — so schätze ich zumindest — mehr Zeit da hereinsteckt als der Arbeitnehmer mit seinem 9-to-5-Job.

Worauf ich hinaus will: Instagram ist kein Selbstzweck! Wer seine Bilder auf die Reise schicken will für ein paar Likes – bitte, gern. Wenn daraus andere Dinge entstehen, die einem sogar erlauben, damit Geld zu verdienen — feel free. Aber ich kann mich doch nicht hinstellen und allen Ernstes Menschen im Netz anbetteln, sie zu supporten, weil man selbst nichts anderes kann. Zumal mir der Blick auf ihre Instagram-Fotos nun tatsächlich nicht eröffnet, was sie denn da überhaupt nun kann.

Ich fürchte, dass Mädels wie Jessy noch reihenweise aufs Maul fliegen werden und glaubt mir, dass ich das ohne jegliche Häme sage. Ich gönne jedem im Netz seinen Spaß und auch seine Fans und seinen Erfolg. Aber irgendwann wird es zwangsläufig sowas wie eine Konsolidierung geben, weil die Dinge gerade verkehrt laufen, sowohl von Seiten der Industrie aus als auch auf der Seite der Influencer.

Somit bleibt mir zum Ende nur der alte, abgelutschte Tipp, der seit Generationen immer wieder junge Leute nervt: Lernt was Vernünftiges!

 

PS: Jessy hat übrigens ihren Account wieder. Dort hat sie jetzt mittlerweile 114.000 Follower und immer noch magere 19 Beiträge veröffentlicht. Nicht wenige vermuten jetzt natürlich, dass sie eventuell sogar so abgezockt ist, den Account selbst zu deaktivieren, ihr Tränen-Video zu veröffentlichen und sich jetzt über die gewonnene Aufmerksamkeit zu freuen. Ganz so weit würde ich nicht gehen, aber zweifellos sieht mir das bei ihr nicht nach organischem Wachstum aus.

via Independent und Ladbible