Aus dem Tagebuch eines Flipped Classroom

In seinem Gastartikel schildert Sebastian Schmidt, wie das Konzept des "Flipped Classroom" in seinem Unterricht umgesetzt wird und erklärt, wieso das Video nicht das wichtigste Element dieses Konzepts darstellt.

Ein Gastartikel von Sebastian Schmidt von flippedmathe

Mittlerweile hat sich das Konzept des „Umgedrehten Unterrichts“ auch in Deutschland einen Namen gemacht. In Zeiten inhaltlicher Verknappung setzt man sich aber nicht immer mit dem didaktischen Potential auseinander. So höre ich als Reaktion auf das Unterrichten mit Videos oft: „Ach Sie sind doch der Lehrer, der nur noch mit Videos unterrichtet“ oder „Ist es nicht schlimm, wenn auch noch in der Schule alle an Ihrem Gerät hängen?“.

Eine Fokussierung auf das Medium Video wird dem Konzept aber nicht gerecht, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht die große Innovation zu sein scheint. Deswegen möchte ich heute in einer Art Tagebucheintrag von den 45 Minuten meines (fast) analogen Unterrichts erzählen, dem Herzstück meines Flipped Classrooms.

Flipped Classroom fast analog

Als ich ins Klassenzimmer komme, haben die fünf Eifrigen ihre Materialien schon auf dem Tisch und beginnen zu arbeiten, die Trödler brauchen dafür noch etwas länger. Liegt das vielleicht auch daran, dass sie ihre Hausaufgabe etwas minimalistischer angefertigt haben? Egal!

Nach fünf Minuten hat dann jeder seine Materialien beisammen, jeder hat sich seinem Leistungsstand entsprechend eingeschätzt und arbeitet nun an den dazu passenden Aufgaben. Dann erkenne ich, wer die Hausaufgaben nicht gemacht hat: Der chronische Hausaufgabenverweigerer blättert im Buch und holt das nach, was er eigentlich daheim hätte machen sollen.

Die anderen Ich-habs-aus-Versehen-vergessen-Schüler lassen sich die Inhalte heimlich vom Nachbarn erklären. Ich lasse mir dieses Mal nichts anmerken, ist das doch gerade eine tolle Alternative. Die Gespräche über Mathe werden lauter. Gut, die Daddler in der letzten Reihe machen gerade eindeutig nicht Mathe (ihr Blick verrät alles), aber nach einer kurzen Ansage geht es dann auch bei ihnen weiter.

Der Ängstliche meldet sich: „Ich kann des alles net“. Ich frage ihn, was er denn bisher verstanden hat. Nach und nach gibt er mir immer mehr Input, so dass es am Ende relativ leicht ist, ihm mit nur wenigen Impulsen weiterzuhelfen. Währenddessen ist der Streber natürlich schon fertig, er hat sogar die schwierige Transferaufgabe gelöst. Er bekommt mein Tablet und erstellt ein Lernvideo zu dieser Aufgabe, das wird dann den Klassenkameraden auf der Lernplattform zur Verfügung gestellt.

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Die anderen helfen sich bei den Aufgaben gegenseitig, arbeiten alleine und meine instruierten Lerntutoren helfen, wo Hilfe nötig ist. Ich gehe inzwischen herum, kontrolliere die Hausaufgaben, motiviere den mittlerweile Frustrierten, entbinde den Gestressten von ein paar Aufgaben, wecke den Müden auf und kontrolliere, ob auch der Lustlose seine Aufgaben mit den Lösungen auf der Lernplattform verglichen hat.

Der Einzelkämpfer hat sich unterdessen Kopfhörer ins Ohr gesteckt, er will unbedingt alleine arbeiten weil er weiß, dass er nur so besser werden kann. Dann suche ich das Gespräch mit dem Vierer und dem Dreier aus der letzten Schulaufgabe und frage nach, wie es zu dem Leistungsabfall kam bzw. beglückwünsche zu der tollen Leistung. Bevor die Aufmerksamkeit sinkt, baue ich ein kleines Kahoot-Quiz ein, das motiviert noch einmal für die letzten 10 Minuten und gleichzeitig sehe ich, wer schon wie viel verstanden hat und plane dementsprechend die nächste Hausaufgabe.

Obwohl ich die ganze Zeit bei meinen Schülern war, habe ich nur mit einigen direkt gesprochen. Die restlichen 15 SchülerInnen haben sich alleine oder mit ihren Klassenkameraden durch die Stunde gehangelt. Nicht jeder hat seine Aufgaben richtig gelöst, nicht jeder hat die ganze Zeit gearbeitet, nicht jeder hatte heute seinen besten Tag, aber am Ende haben die meisten mehr gelernt, als wäre ich im Zentrum gestanden. Dabei fand das Lernen in der Hauptsache mit Heft, mit Buch oder mittels Gespräch statt.

Flipped Classroom braucht Vorbereitung

Diese Form des Unterrichts gelingt mir aber nur, weil ich Lernvideos zu Hause erstelle. Durch diese Input-Verlagerung gewinne ich Zeit, um individueller auf die einzelnen SchülerInnen einwirken und von ihnen selbstorganisiertes Lernen im bestenfalls eigenen Rhythmus einfordern zu können.

Manche meiner Flip‑Kollegen schaffen das in höheren Klassen auch mit dem Schulbuch statt Videos. Das ist der Punkt: Das Video ist nicht das Wichtigste und macht alleine noch keinen Flipped Classroom. Die sinnvolle didaktische Verortung in den Unterrichtsablauf ist das, worauf es bei diesem Konzept ankommt. Die wichtigen analogen Phasen können so, dank dem sinnvollen Einsatz von Technik, effizienter gestaltet werden.

Über den Autor

Sebastian Schmidt arbeitet als Lehrer selbst seit mehreren Jahren mit dem Flipped Classroom Prinzip. Seine Videos findet ihr auf seinem YouTube-Kanal, die begleitendend Beiträge in seinem Blog.

Wenn ihr weiteren Input rund um das Flipped Classroom Modell sucht, empfehle ich euch einen Blick auf mein Interview mit Sebastian Stoll von 180grad-flip und den Gastartikel von Christian Spannagel zum Thema.