Jan Gleitsmann war in Tokio und freut sich auf die autonome Mobilität.

Verkehr in Tokio – wenn autonomes Fahren einfach smart ist

Wir Deutschen verstehen ja mitunter nicht, warum die Amerikaner partout nichts an ihren Waffengesetzten ändern wollen. Trotz ständiger Amokläufe. Und doch haben wir meiner Erachtens einen ähnlichen Komplex. Wer sich für die Einführung eines Tempolimits stark macht, verliert. Je nach Position Wähler, Unterstützer oder einfach nur Freunde. Ähnlich geht es jenen, die sich für das autonomes Fahren aussprechen.

von Jan Gleitsmann am 6. November 2017

Unsere letzte Bastion der uneingeschränkten Freiheit im durch und durch regulierten Europa. “Nimm mir bloss nicht meinen Spass auf der Autobahn!” Die Realität hat unlängst unsere Traumvorstellung überholt. Jüngst bin ich von Bielefeld nach Belgien gefahren. Ich war nicht besonders gut gelaunt, musste ich diese Fahrt doch in einem Dacia Duster antreten – Höchstgeschwindigkeit 165 km/h. Die Realität sah dann aber so aus, dass ich selbst mit einem feinen Sportwagen nicht schneller ans Ziel gekommen wäre. Der Verkehr und die zahlreichen Baustellen hätten eh keinen Fahrspaß aufkommen lassen.

Und trotz des schwindenden Interesses der jungen Generation an Autos, das Auto ist immer noch der Deutschen liebstes Kind. Dies merkt man spätestens, wenn die Themen Dieselgate oder Elektromobilität diskutiert werden. Schwarz und Weiß. Schattierungen von Grau findet man kaum. Für mich persönlich, der sich mit diesen Themen beruflich ständig auseinander setzen muss, liegt aber eben das Grau ganz klar auf der Hand. Mobilität wird sich ändern. Je nach Bedarf werden Lösungen eingesetzt. Der Großstadtbewohner wird mehr und mehr Car-Sharing nutzen. Die Pendler im Nahbereich Elektromobilität und der Aussendienstler wird nach wie vor seine 100.000 Kilometer im Jahr mit einem Diesel unter der Haube bestreiten. Wir brauchen kein “Entweder Oder”, wir brauchen individuelle Lösungen.

Ein weiteres Thema, welches uns Deutschen ebenfalls schwer im Magen zu liegen scheint, ist das autonome Fahren (Ich reisse in diesem Artikel weder technische, rechtliche noch ethische Aspekte dieses Themas an.). Jüngst hatte der Daimler am Vorabend der IAA 2017 in Frankfurt zwei Fahrzeuge vorgestellt, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Mit dem smart Vision EQ fortwo eine autonom fahrende Zelle ohne Lenkrad. Mit dem Mercedes-AMG Project One ein hybrides Hypercar für die oberen 275 Autonarren. Nachdem der offizielle Teil geendet hatte, strömten die Fachbesucher auf die Bühne und umlagerten das Hypercar. Die Drohne, so hatte ich zumindest das Gefühl, wurde allenfalls trotzig abgelichtet, weil eben kein Durchkommen zum AMG möglich war.

Ich hatte beide Fahrzeuge in einem gemeinsamen kurzen Video vorgestellt. Die Reaktion meiner Zuschauer war eindeutig. Der AMG war geil, der smart hingegen Bah! “Ich will selber fahren!”, “Was soll denn so ein Ding?” oder auch “Braucht kein Mensch!” – so in etwa die Stimmen. Lese ich solche Kommentare, frage ich mich oft, wann “wir Deutschen” aufgehört haben, das große, ganze Bild zu sehen. Immer wenn ein deutscher Hersteller ein Fahrzeug vorstellt, was bei uns vermeintlich keinen Absatz finden wird, auf dem Weltmarkt aber sehr wohl, wird lamentiert. Statt uns über die Export-Erfolge unseres Industrie-Giganten zu freuen, werden die jeweiligen Produkte zerrissen. Kaum jemand sieht, dass der deutsche Markt immer weiter schrumpft und ausser dem ordentlichen Autobahn-Prestige auch kaum noch etwas zu bieten hat.

In der letzten Woche war ich ein paar Tage in Tokio unterwegs. Eine riesige Stadt mit 9.5 Millionen Einwohnern. In der Metro-Region sind es gar 30 Millionen Leute. Tokios Strassen sind eng, am Strassennetz selbst hat sich in den letzten 300 Jahren kaum etwas getan. Um dem Verkehrsaufkommen einigermassen Herr zu werden, findet man überall Hochstrassen, teilweise sind diese dreistöckig angelegt. In Tokio darfst Du nur ein Auto anmelden, wenn Du einen Parkplatz nachweisen kannst. Und Parkplätze sind Mangelware. Oder auch echtes Gold wert. Ein einfacher Stellplatz kostet ab 400 Euro pro Monat, im Stadtkern eher ein Vielfaches. Das sind also schon mal ganz andere Parameter als bei uns im beschaulichen Bielefeld, wo ich mich schon ärgere, wenn ich keinen (kostenlosen) Parkplatz direkt vor meiner Haustür finde.

Megacities wie Tokio brauchen Lösungen, damit der Verkehr nicht vollends zum Erliegen kommt. Schon heute kriecht man mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nur 15 km/h durch die Strassenschluchten. Car-Sharing, wie wir es aus unseren Metropolen kennen, ist in Tokio schon deshalb kaum möglich, weil man schlichtweg keine Flächen findet, auf denen man das genutzte Fahrzeug abstellen kann. Die öffentlichen Verkehrsmittel hingegen funktionieren in Tokio hervorragend. Sind aber nach meinem Dafürhalten auch am Limit ihrer Kapazität. Zumindest waren die Bahnen und Busse, mit denen ich mich durch die Stadt bewegt habe, stets mehr als nur gut gefüllt.

Das Taxi-Fahren in Tokio ist, staatlich gewollt und festgesetzt, ein teures Vergnügen. In den letzten 15 Jahren ist die Anzahl der transportierten Personen pro Jahr von 1,9 Millionen auf 1,5 Millionen gesunken [Link: https://asienspiegel.ch/2016/02/teure-taxifahrten/]. Dazu kann ich aus eigener Erfahrung beisteuern, dass es auch nicht gerade flott geht, denn man steht ja neben allen anderen Verkehrsteilnehmern im Stau.

Für eine Region wie Tokio scheint also der Lenkrad-lose smart durchaus eine interessante Lösung zu sein. smart meint in seinen Pressetexten, dass man das Aufkommen von Car-Sharing-Fahrzeugen um die Hälfte reduzieren könnte, wenn man eine Lösung wie den smart vision EQ einsetzen würde. Die Fahrzeuge sollen von einer dazulernenden Schwarm-Intelligenz gesteuert werden, um effizient eingesetzt werden zu können. Stets in Bewegung, um zumindest rein rechnerisch immer an der richtigen Stelle herumzufahren, um die nächsten Fahrgäste aufzunehmen, kann so eine Drohne auch selbstständig zum Aufladen fahren. Clever über die Stadt verteilt würden wohl selbst in Tokio 4-6 Stützpunkte reichen, um die Metropolen komplett abzudecken. Somit könnten die Drohnen sicherlich den Verkehr deutlich entlasten und auch noch ihren Beitrag zu besseren Luftwerten in der Stadt beitragen (In der Stadt! Mehr sage ich nicht, denn Strom wird in Japan kaum aus regenerativen Quellen gewonnen).

Ich denke, dass am Beispiel Tokio sehr schnell klar wird, dass so eine smart-Drohne durchaus ihre Lebensberechtigung hat. Eigentlich besser noch, dass sie dazu beitragen kann, dass der Individualverkehr weniger Raum auf den Verkehrsadern einnimmt. Vielleicht nicht heute in Deutschland, aber auch unsere Metropolen werden weiter wachsen. Und wer schon mal versucht hat, in einem zentral gelegenen Münchener Wohngebiet gegen 18 Uhr einen Parkplatz, egal ob für sein eigenes oder sein Car-Sharing-Fahrzeug zu finden, der wird mir Recht geben, dass es schon deutlich angenehmer wäre, einfach aus der Drohne auszusteigen und sie weiterfahren zu lassen.

Generell wünsche ich mir, dass wir in Deutschland anfangen umzudenken. Stets mit einem Blick über den Tellerrand zu erkennen, dass sich die Mobilität ändert. Und Diskussionen rund um das Thema Auto zwar gerne emotional, nicht aber auf Schwarz- oder Weiß-Meinungen beschränkt zu führen.

Nachtrag: Ich denke durchaus, dass bei einem großflächigen Einsatz solcher Individual-Verkehrs-Drohnen, der gemeine Taxifahrer um seinen Job fürchten muss. Da ich selbst kein Taxi fahre, möchte ich ungern sagen “Der Fortschritt fordert Opfer!” Aber dann wiederum hat doch die Geschichte gezeigt, dass wir uns in einem steten Wandel befinden. Früher gab es Telefonisten, Setzer oder Kohlenkutscher. Der Wandel kommt immer schleichend und gibt uns in der Regel ein wenig Zeit, uns anzupassen.

Fotos: Teymur Madjderey (smart), Jan Gleitsmann