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Future of Work

Bedingungsloses Grundeinkommen: Weg mit den schwachsinnigen Jobs!

Rutger Bregman ist niederländischer Historiker, Philosoph und Buchautor und befasst sich mit dem BGE, mit dem seiner Meinung nach viele schwachsinnige Jobs wegfallen würden und viele Talente frei würden für wesentlich wichtige Arbeiten.

von Carsten Drees am 20. August 2018

Future of Work — wenn wir darüber sprechen, schwingt da immer auch ein wenig Dystopie mit. Immerhin werden viele Arbeitsstellen wegfallen in Zukunft und wenn wir uns damit beschäftigen, wie die Arbeit von Morgen aussieht, müssen wir uns halt auch zwangsläufig damit auseinandersetzen, dass Teil eines veränderten Arbeitsmarkt auch die nicht mehr benötigten Tätigkeiten sind.

Ich sehe da aber — zumindest mittelfristig — nicht so schwarz, weil ich glaube, dass die Gesellschaft Wege finden wird, sich darauf einzustellen. Das wird nicht möglich sein, wenn wir die aktuellen Systeme immer nur nachjustieren und deswegen bin ich überzeugt davon, dass sich auch in der Politik in den nächsten Jahren mehr und mehr mit ganz neuen Ansätzen auseinandergesetzt wird. Neue Ansätze wie das mittlerweile viel diskutierte bedingungslose Grundeinkommen.

Das ist selbstverständlich nicht unumstritten und es gibt viele verschiedene Ansätze, wie es umgesetzt werden können. Feststehen dürfte aber bereits, dass die Industrie zunehmend auf mehr menschliche Arbeitskräfte verzichten wird und es daher unumstößlich ist, dass wir uns über komplett neue Modelle unterhalten müssen, in denen entweder nicht mehr jeder arbeiten geht oder wir deutlich weniger Stunden in der Woche arbeiten und dennoch gewährleistet sein muss, dass jeder in der Lage ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

In diese Kerbe haut auch der niederländische Buchautor Rutger Bregman, der zum Beispiel mit seinem Werk “Utopien für Realisten” aufzeigt, wie er sich die Entwicklung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vorstellt.

Dem Deutschlandfunk stand Bregman jetzt Rede und Antwort in einem sehr  interessanten Interview. Dort sagte er auch, dass die Zeit jetzt deutlich geeigneter sei für eine Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen.

Zum ersten Mal schrieb ich über die Idee des universellen bedingungslosen Grundeinkommens vor vier oder fünf Jahren. Das ging damals komplett unter – niemand sprach darüber –, und jetzt ist das in aller Munde. Manche Leute meinten sogar schon, dass es inzwischen ein bisschen zu sehr Mainstream geworden sei und wird sogar schon auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diskutiert und gilt nicht mehr als so eine radikale, anarchistische Idee. Ja, ich denke es gibt momentan einen Zeitgeist, in dem die Menschen radikalem Denken gegenüber viel aufgeschlossener sind als früher.

Das mit dem “radikalen Denken” bestätigt sich für ihn durch aktuelle politische Phänomene wie zum Beispiel die Trump-Präsidentschaft in den USA oder der Brexit in Großbritannien. Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich klingen, weil der aktuelle Trend eher zu belegen scheint, dass die Leute wieder mehr auf Nationalisten setzen, also eher rückwärts gewandt sind und nicht nach vorne schauen. Bregman sieht diesen Widerspruch aber nicht, weil seiner Meinung nach eine solche Retropie lediglich eine Variante der Utopie ist und diese Orientierung an Vergangenes ganz normal ist in Krisenzeiten.

Genauer gesagt meint er, dass es in Krisenzeiten “oft so ist, dass viele Dinge gleichzeitig passieren, dass verschiedene Kräfte uns in unterschiedliche Richtungen ziehen.” Bedeutet also, dass wir auch Trump, AfD und ähnliche Strömungen so begreifen können, dass sich die Gesellschaft gerade grundlegend verändert und/oder sich nach Veränderung sehnt und dass eine negative Entwicklung noch längst nicht bedeuten muss, dass die Menschheit deswegen geliefert ist. Wollen wir hoffen, dass er an dem Punkt Recht hat.

Er glaubt daran, dass radikalere Ideen eben auch in eine positive Richtung gedacht werden und dass wir heute einfach eher gewillt sind, diese Ideen auch einfach mal zu akzeptieren und uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass man selbst vor zwei, drei Jahren noch durch die Bank ungläubige Blicke erntete, wenn man zu wagen dachte, dass eine Idee wie ein Grundeinkommen auch nur in die Nähe dessen gelangen könnte, was umsetzbar erscheint.

Heute reden nicht nur sehr viele Menschen über diese Ideen, selbst die Politik traut sich langsam ganz schüchtern an die Idee ran und hält es nicht mehr unisono für ein sozial-romantisches Hirngespinst. Ich hoffe eigentlich immer noch, dass in der SPD bei all ihren “Profil schärfen”-Versuchen irgendwann auch mal jemand dabei ist, der dafür sorgt, dass sich diese Partei dieses Themas ernsthaft annimmt. Ich denke, dass eine Partei, die diese Idee vorantreibt und für ihre Umsetzung sorgt, sicher nicht in Prozent-Niederungen herumdümpeln muss, in denen man Gefahr läuft, von der AfD einkassiert zu werden.

Aber ein System, welches dafür sorgt, dass die Menschen im Land eine Grundversorgung erhalten, ist nun wahrlich nicht das einzige Problem welches Deutschland und Europa allgemein auf Trab hält. Wir haben auch damit zu kämpfen, dass uns intelligente, talentierte Menschen abhanden kommen, weil sie sich nicht bei deutschen Unternehmen einbringen, sondern stattdessen lieber im Silicon Valley oder an der Wall Street. Bregman, dass eine erste Maßnahme für dieses Problem eine stärkere Regulierung sein müsste — also quasi das genaue Gegenteil, was Trump derzeit in den USA umsetzt.

Eine der großen Tragödien unserer Zeit ist, dass es so viele unglaublich intelligente, talentierte junge Menschen gibt, die früher für die Regierung oder in der Forschung gearbeitet hätten oder Astronauten geworden wären, heute für das Silicon Valley oder Wall Street arbeiten, Banker oder Unternehmensanwälte werden wollen. Rutger Bregman

Aber auch auf diese Entwicklung hätte ein BGE einen positiven Effekt, denkt der Niederländer. Kurzfristig würde es helfen, die Armut zu beseitigen, langfristig hingegen würde es auch eine andere Gesellschaft formen, in der ein 18-Jähriger eben nicht zwingend den Job sucht, der ihm ein sicheres und möglichst hohes Einkommen verspricht, sondern sich danach richtet, welche Talente man hat und wo man wirklich was bewirken kann. Bregman formuliert es ein wenig drastischer:

Ich glaube, das hätte zum Ergebnis, dass viele unbedeutende schwachsinnige Jobs, die der Welt kein Stück weiterhelfen, einfach langsam verschwinden würden, weil die Menschen sie nicht mehr haben wollen. Rutger Bregman

Auch über ein Finanzsystem, welches grundlegend reformiert gehört, macht sich der Autor Gedanken und ist beispielsweise der Meinung, dass das Bruttoinlandsprodukt ein denkbar schlechte Maßeinheit ist, um den Fortschritt oder den Wohlstand in einem Land zu bemessen. Ähnlich wie beim bedingungslosem Grundeinkommen gibt es aber auch hier unzählige Ideen, wie ein modernes Finanzsystem aussehen könnte oder wie künftig Arbeit bzw. der Wert von Arbeit definiert werden sollte.

Wir leben in hochspannenden Zeiten, vielleicht die spannendsten, die die Menschheit bislang erlebt hat. Aber wir können dummerweise nicht erwarten, dass sich alles binnen kürzester Zeit ändert, egal ob es um die Zukunft von Arbeit geht, um unsere Finanzsysteme oder generell um die Gesellschaft von morgen. Auch Rutger Bregman ist sich hier sicher, dass man sehr viel Ausprobieren muss und uns nicht damit geholfen ist, von einem Tag auf den nächsten einen radikalen Schnitt zu machen. Stattdessen müssen wir uns vielmehr auf neue Ideen einlassen, viel ausprobieren und vermutlich auf dem Weg auch Fehler machen.

Ganz ehrlich, ich erwarte noch ein paar sehr schwierige Jahre auf dem Weg zu einer spürbar veränderten Gesellschaft und hoffe inständig, dass die Parteien, die die Geschicke unseres Landes in den nächsten ein, zwei Dekaden, genügend Fantasie und Mut mitbringen, diese notwendigen Änderungen so schnell wie möglich anzugehen. Gute Ideen sind jedenfalls genügend da und auch Vordenker wie Bregman oder Precht, die diese Ideen erklären können. Lest das ganze Interview im Deutschlandfunk und lasst uns wissen, wie ihr darüber denkt. Liegt der Mann eurer Meinung nach richtig, oder glaubt ihr, dass seine (und meine) Gedanken in die falsche Richtung gehen?