Beispiel Angelcamp: Das neue Fernsehen

Kürzlich fand das Angelcamp statt Viele werden nichts davon mitbekommen haben, dennoch war dieses Twitch-Event ein Beleg für ein anderes, neues Verständnis von der Art, wie wir Fernsehen konsumieren.

von Carsten Drees am 7. August 2020

Knossi, UnsympatischTV (Sascha Hellinger), Manny Marc von den Atzen und Rapper Sido haben sich vor einigen Wochen zum Angeln getroffen. Soweit, so unspektakulär eigentlich. Eine große Nummer wurde daraus aber dennoch, weil sich hier nicht einfach nur vier Buddies verabredet haben, sondern die ganze Geschichte als großes Twitch-Event aufgezogen wurde.

Das sogenannte “Angelcamp” begann am Donnerstagabend des 16. Juli und erstreckte sich über 72 Stunden. Es wurde natürlich auch tatsächlich geangelt, dafür hatten die Protagonisten auch professionelle Coaches vor Ort, aber es wurde auch viel Quatsch gelabert, getrunken, zwischendurch gab es Live-Musik und einiges mehr.

Es schauten verschiedene Gäste vorbei, sowohl aus der Rap- als auch Streaming- und YouTuber-Welt. Klangvolle Namen waren darunter, so schaute beispielsweise Kool Savas vorbei, ebenso Pietro Lombardi, MontanaBlack und Tanzverbot.

Angelcamp: Ich bin ein Fisch, holt mich hier raus!

Es ging also irgendwie darum, dass man Angeln gehen wollte — taten sie dann ja auch in der Tat, oder versuchten es zumindest. Wichtiger dabei ist allerdings, dass man daraus direkt aus dem Stegreif mal ein Format hingezimmert hat, welches sich irgendwo zwischen Dschungelcamp und Big Brother ansiedelte.

Vermutlich werden nicht wenige Leser jetzt denken, dass sie schon diese beiden erwähnten Formate nicht sonderlich interessieren, aber das ist hier nicht der Punkt. Genügend Menschen denken nämlich anders und dabei spielt es dann zumeist auch keine Rolle, dass man 90 Prozent der Dschungelcamp-Teilnehmenden nicht oder nur wenig kennt.

Wie interagieren die Leute miteinander, worüber reden sie, wer kann mit wem, wie verhalten sie sich in Drucksituationen usw. sind die Fragen, die viele der Zuschauer umtreibt, wenn man sich diese Shows anschaut. Dieses Konzept wollte man ein wenig auf Twitch übertragen und daraus ein ganz eigenes Konzept machen.

Meiner Meinung nach ist das Konzept auch voll aufgegangen. Unterschied zu den bekannten TV-Formaten: Hier sind Freunde zusammen ins Camp gegangen, Menschen, die sich vorher schon kannten. Das gilt auch für die Gäste, die zwischendurch reinschauten: Jeder kannte bereits irgendwen über irgendwelche Ecken. Lest mehr über diese Konstellationen drüben bei Kai, der das Angelcamp und die Protagonisten schön beleuchtet hat.

Nochmal: Vielleicht findet ihr “Ich bin ein Star, holt mich hier raus” und ähnliche Formate behämmert und vielleicht interessiert euch auch null, mit wem Sido da neulich Angeln gegangen ist. Fakt ist aber, dass es andere Leute interessiert und nicht mal wenige! Der deutsche Twitch-Rekord, gehalten von MontanaBlack, lag bei deutlich unter 200.000 Live-Zuschauern und genau diese 200.000 Menschen, die gleichzeitig vorm Stream hängen, waren das erklärte Ziel der Angelcamper.

Das wurde auch schnell erreicht, in der Spitze haben sogar über 310.000 Leute zugesehen, der deutsche Rekord wurde also förmlich pulverisiert. Selbst nachts sahen noch über 50.000 Menschen zu. Wenn ihr interessiert seid an den Zahlenspielen: Der Martin hat in seinem Beitrag noch jede Menge mehr davon zusammengetragen.

Unterhaltung ist keine Einbahnstraße

Wenn wir Dschungelcamp schauen, wissen wir, dass wir uns in den sozialen Medien herrlich über die “Stars” auslassen können und darüber lästern, was die Protagonisten in Australien so treiben. Wir können aber nicht mit ihnen selbst in Kontakt treten. Umgekehrt bekommen die Camp-Bewohner nichts davon mit, was wir über sie denken.

Genau das läuft im Angelcamp anders. Jederzeit sind die Jungs dort exakt darüber im Bilde, wie viele Menschen sich das gerade reinziehen und besser noch, sie können den Chat zum Stream mitverfolgen und einsteigen und jederzeit mit den Zuschauern in Kontakt treten. Das hebt so ein Event nochmal auf eine ganz andere Ebene, verglichen mit dem klassischen TV. Ich zitiere aus Martins Beitrag:

Eines der beeindruckendsten Elemente des Streams war der Chat, der im Gegensatz zum Dschungelcamp den “Bewohnern” und Gästen angezeigt wurde, um grundsätzlich ein Bild zu bekommen, was da draußen abgeht und was den Zuschauern ge- und missfällt. Es gab 2.479.165 Chatzeilen von 292.085 verschiedenen Twitch-Usern. Der Top-Chatter dabei war Knossis Moderator kritische_masse mit 4008 Chatzeilen.

Sido hat mit “Zuhause mit Sido” bereits ein sehr ansprechendes Format etabliert. Jetzt kommt mit dem Angelcamp eine ganz neue Art Streaming-Event hinzu und es wird gemunkelt (und liegt natürlich auch auf der Hand), dass weitere Events wie dieses folgen werden. Für Twitch können wir festhalten, dass diese Plattform lange schon nicht mehr eine Gamers-only-Veranstaltung ist. Vielfältigste Formate finden sich dort mittlerweile wieder und werden auch beachtet.

Was lernen wir daraus? Nein, es ist nicht der x-te Abgesang auf das klassische Fernsehen. Aber definitiv sehen wir hier eine neue Art von Fernsehen. Eine Art, die unendlich viel näher am Zuschauer ist, dabei aber ebenso gut unterhalten kann wie das gewohnte TV-Programm und was nicht zu unterschätzen ist: Während die Einschaltquoten im TV irgendeine sehr altbackene Schätzung auf der Basis einiger Haushalte sind, bekommen wir hier knallharte Zahlen darüber, wie viele Menschen wann und wie lange dabei waren. Allein dieser Punkt wird es sehr interessant für Werbekunden machen, dessen bin ich mir sicher.

Wenn Sido also im Camp davon spricht, dass das das neue Fernsehen ist, muss man ihm wohl beipflichten. Es ist keine sofortige Wachablösung des alten TV-Dinosauriers — aber wir sehen glasklar, wo die Reise hingeht.