Kommentar

Beispiel Corona-Demo Berlin: Fakten sind nicht mehr genug

Die Demo in Berlin bzw. der verbale Austausch in den sozialen Medien in der Folge haben es wieder einmal gezeigt: Fakten sind für viele Menschen unwichtig. Ein Kommentar.

von Carsten Drees am 3. August 2020

Erinnert ihr euch noch an den Januar 2017? Der frischgewählte US-Präsident Trump hat soeben seinen Dienst angetreten und man bekam direkt einen Eindruck von dem, was uns allen bevorsteht. Er stritt nämlich darüber, wie viele Menschen bei seiner Amtseinführung zugegen waren. Für Trump zählen nur Rekorde, unzählige davon hat er für sich seitdem in Anspruch genommen, meistens ohne sie irgendwie belegen zu können, so manches mal waren es ganz offensichtliche Lügen.

Aber an diesem Tag vor etwa dreieinhalb Jahren, stellte sich Kellyanne Conway, damals noch Beraterin des US-Präsidenten Donald Trump, in der Polit-Talkshow “Meet the Press” den Fragen des Journalisten Chuck Tod. Kurz vorher hatte Trump nämlich Sean Spicer vor die Presse geschickt und dieser musste sich dann für die Falschaussagen des Präsidenten rechtfertigen.

Conway hingegen war nicht der Meinung, dass es Falschaussagen gewesen wären und bezeichnete das Gesagte dann schlicht als “alternative Fakten”. Ein neuer Begriff war geprägt, der seitdem um die Welt ging, damals in Deutschland sogar zum “Unwort des Jahres” gekürt wurde. Davon, dass Trump tatsächlich die Unwahrheit sagte, konnte sich jeder mit Leichtigkeit überzeugen, beispielsweise hier beim Fact-Check von CNN. Hier nochmal das mittlerweile legendäre Interview:

Wieso ich diese olle Kamelle rauskrame? Aus zwei Gründen: Weil ich vorgestern angesichts der “Ende der Pandemie”-Demo in Berlin und den vielen Vergleichs-Fotos (Corona-Demo vs Love Parade usw.) an diese Amtseinführung denken musste — und zum anderen, weil ich mir wieder einmal darüber klar wurde, wie sehr diese Nummer mit den “alternativen Fakten” in unser aller Leben Einzug gehalten hat.

Ich muss euch ja vermutlich nicht erklären, worum es geht, oder? Die Polizei hat für die Demonstration etwa 17.000 Menschen bestätigt, bei der Abschlusskundgebung sollen es dann 20.000 Menschen gewesen sein. Die Veranstalter der Demo glauben allerdings, dass es 1,3 Millionen Menschen waren und verkündeten diese Zahl auch schon während der Veranstaltung. Also mal eben 65 mal so viel wie von der Polizei ermittelt und 130 mal so viel, wie für die Demo zulässig war (10.000 Teilnehmer waren bewilligt worden).

Seit diese beiden so unterschiedlichen Zahlen aufeinandergeprallt sind, gibt das Internet nicht mehr Ruhe. Corona-Leugner versuchen mit unzähligen Bildern und Videos zu beweisen, dass es tatsächlich mehr als eine Million Menschen waren, zahlreiche Fact-Checks widerlegen das aber routiniert und unmissverständlich.

Wenn ihr euch für das Thema interessiert, habt ihr selbst sicher vielfach heute Belege dafür gesehen, dass es tatsächlich deutlich weniger Besucher waren, als uns die Veranstalter und die krude Masse aus Corona-Leugnern, Verschwörungstheoretikern, Regierungs-Hatern, Impfgegnern und Rechten weismachen möchte. Falls ihr dennoch Infos dazu braucht, We Watch Fake Anonymous hat das auf seiner Facebook-Seite sehr schön aufgearbeitet.

Bitte reißt uns nicht den Kopf runter. Es soll nur mal kurz und knapp ein paar Fakten ins Spiel bringen um klar zu…

Gepostet von We Watch Fake Anonymous am Sonntag, 2. August 2020

Ich habe ein paar Fragen an die Demonstranten

Einige Fragen stellen sich mir, die man in einschlägigen Kommentarspalten nicht von Demonstranten und deren Sympathisanten erklärt bekommt — zumindest nicht zufriedenstellend und ohne ausgelacht/beschimpft zu werden:

  1. Wieso erkennt ihr das nicht selbst, dass neutral betrachtet die Veranstaltung am Samstag deutlich kleiner war, als ihr es gerne hättet?
  2. Wieso überhaupt seid ihr nicht in der Lage, Sachlagen neutral zu betrachten? Ich kann doch eine klare Meinung zu etwas haben und dennoch die Fakten anerkennen, oder nicht?
  3. Wie kann man gleichzeitig “Lügenpresse” rufen und dann Fotos von der Street Parade in Zürich, von BLM-Demos oder Fridays-For-Future-Veranstaltungen teilen?
  4. Wie sollen eurer Meinung nach eigentlich über eine Million Menschen nach Berlin gekommen sein, wenn man weiß, dass in der Vergangenheit bei solchen Großveranstaltungen der Verkehr in Berlin komplett zusammengebrochen ist?
  5. Wo habt ihr eigentlich alle gepennt? Hätten die Hotels nicht alle komplett belegt sein müssen?
  6. Wie soll die Presse mit euch umgehen? Ihr ruft Lügenpresse, wollt aber selbst meist gar nicht mit der Presse reden, um eure Seite darzustellen. Irgendwas passt doch da nicht.

(Die ganzen anderen Fragen, die mich quälen: “Wieso geht ihr überhaupt zu sowas?”, “Wieso wehrt ihr euch nicht dagegen, dass Nazis mit euch marschieren”, “Wieso demonstriert ihr nicht unter Berücksichtigung der geltenden Hygienevorschriften?”, “sind euch andere Menschen und deren Gesundheit echt so scheißegal?” lasse ich heute einfach mal außen vor, weil es mir hier speziell um das Medien-Thema geht.)

Ich verstehe all das nicht und die wichtigste Frage unabhängig von der vergangenen Demonstration lautet für mich nach wie vor: Medienkompetenz? Schon mal gehört? Wieso glaubt man alternativen Nachrichten blind alles und den Mainstream-Medien selbst bei erdrückender Beweislage gar nichts? Wieso kann man gegen unliebsame Fakten so resistent sein?

In vielen Artikeln zu den unterschiedlichsten Themen habe ich immer wieder anklingen lassen, dass ich mir ein Schulfach “Medienkompetenz” wünsche. Hier können Kids lernen, wie man für einen ausgewogenen News-Mix sorgt, wie man Oppinion Pieces von Berichterstattung unterscheidet, wie man Quellen verifiziert usw.

Aber wisst ihr was? Ich glaube zwar nach wie vor, dass wir so ein Schulfach brauchen, weil einfach jeder diese Qualitäten braucht, Nachrichten einordnen zu können. Ich glaube aber eben auch genau so, dass wir viele Millionen Deutsche diesbezüglich längst verloren haben. Damit komme ich wieder zurück zu meiner These aus der Headline: Fakten sind nicht mehr genug!

Die Kids sind nicht so bescheuert, wie sie gerne dargestellt werden (und vermutlich seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte immer so dargestellt wurden von der jeweiligen Vorgängergeneration). An Bewegungen wie Black Lives Matter und Fridays For Future sieht man sehr schön, dass junge Menschen oftmals sehr genau wissen, wie sie sich zu informieren, zu vernetzen, zu organisieren haben. Auch unter jungen Menschen wird es natürlich genügend Schwachköpfe geben, zweifellos.

Dennoch glaube ich, dass die wahre, aktuelle Gefahr die Menschen sind, die weder einen Hauch von Medienkompetenz besitzen, noch gewillt sind, unliebsame Fakten anzuerkennen. Trump hat es vorgemacht: Es ist salonfähig geworden, sich eine eigene Realität zu schaffen. Eine Realität, die in wenigen Minuten als komplett falsch verifiziert werden kann, die aber dennoch nicht dazu führt, seine Anhänger umzustimmen.

Ebenso habe ich das jetzt auch u.a. bei den Bildern aus Berlin verfolgen können. Wir haben Stellungnahmen sehen können von vielen Menschen, die — vorsichtig gesagt — sehr einfach strukturiert sind und lieber Vorgekautes nachplappern statt das zu tun, was sie so gerne von anderen fordern: Nachdenken und Hinterfragen! Sehr entlarvend fand ich diesbezüglich das Video, welches Dunja Hayali auf Instagram geteilt hat:

Ich hab immer noch Hoffnung auf eine nachrückende Generation, die man nicht mehr so leicht aufs Glatteis führen kann. Der logische Schluss daraus ist für mich, dass Populisten künftig nicht mehr so einfach Menschen manipulieren können, wie das aktuell der Fall ist. Der naive Träumer in mir glaubt tatsächlich daran, dass Fakten irgendwann wieder eine wichtige Größe werden, um die man nicht einfach vorbei argumentieren kann.

Aber aktuell gibt es viel zu viele Menschen, die — sorry mal wieder für die Ausdrucksweise — auf Fakten scheißen. Die lieber wissentlich Falsches verbreiten, bevor sie sich eingestehen, dass deutschlandweit eben doch nicht eine Mehrheit auf ihrer Seite steht. Das sind Menschen, die gar nicht versuchen, aus ihrer Bubble herauszublicken — vielleicht auch, weil komplett das Verständnis dafür fehlt, dass man sich in einer solchen Blase befindet.

Ehrlich gesagt glaube ich, dass man mit diesen Leuten nicht mehr arbeiten kann, sie nicht überzeugen kann, dass sie ihren Blick auf die Welt überdenken müssen. Es ist eine verlorene Generation, was das angeht und fast fürchte ich, dass man da nichts mehr machen kann als abzuwarten, dass dieser Schlag Mensch mit der Zeit ausstirbt und sich das Problem auf diese Weise löst.

Es gibt oftmals nicht nur Schwarz und Weiß und weder einfache Lösungen noch die eine Wahrheit. Deswegen ist es normal, dass immer wieder verschiedene Ansichten und Meinungen aufeinandertreffen werden und das ist auch absolut richtig so. Man muss andere Meinungen aushalten können, sie mitunter anerkennen und manchmal auch erkennen, dass die andere Meinung vielleicht sogar wert ist, dass ich meine eigene überdenke. Aber und das ist kolossal wichtig: Es muss immer einen kleinsten gemeinsamen Nenner geben und das sind die Fakten, die unwiederbringlich feststehen. Es muss wieder Konsens darüber herrschen, dass alles, was wir besprechen, auf einem Gerüst aus Fakten aufzubauen hat. Wir können uns über alles streiten: Über den richtigen Weg, den Klimawandel aufzuhalten, über den richtigen Ansatz, moderne Städte zu formen und darüber, wie wir Rassismus unter Kontrolle bekommen und Gleichberechtigung erreichen. Aber es muss eine Grundlage geben und die muss von beiden Seiten auch anerkannt werden. Solange das nicht gegeben ist, fürchte ich fast, dass man bei vielen Menschen mit Diskutieren nichts mehr erreichen kann.