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Berichterstattung zum Thema Notre Dame: Richtig oder falsch? [Umfrage]

Gestern ereignete sich in Paris eine dramatische Katastrophe, als Notre Dame plötzlich in Flammen stand. In Deutschland wird seitdem - wieder mal - eine Diskussion über Live-Berichterstattung geführt.

von Carsten Drees am 16. April 2019

Ich muss hier niemandem erzählen, was sich gestern in Paris ereignet hat. Weil wohl wirklich jeder mitbekommen hat, welches Drama sich um die über 800 Jahre alte Kathedrale Notre Dame zugetragen hat. Genau das ist aber mein Thema: Also die Tatsache, dass wir es irgendwie alle recht zeitnah mitbekommen haben.

Mein Newsfeed war sowohl bei Facebook als auch bei Twitter übersät von Berichten und von Fotos des brennenden Monuments. Gegen sieben Uhr am frühen Abend muss dieses Feuer ausgebrochen sein, entsprechend schnell kamen die ersten Breaking-News der entsprechenden Medien-Plattformen raus.

Ebenso schnell kamen die unseligen Komiker aus ihren Höhlen gekrochen und fluteten die Kommentarspalten mit müden Quasimodo- und Osterfeuer-Witzen, andere wiederum witterten Verschwörungen oder Terroranschläge. Die Idioten mit den Witzen ignorieren wir hier einfach mal, auf die andere Fraktion komme ich später noch zu sprechen.

Sehr schnell am Abend wurde dran auch diskutiert: Wieso haben weder Das Erste noch das ZDF ihr Programm unterbrochen für eine Sondersendung? Eines der wichtigsten christlichen Monumente des Planeten steht lichterloh in Flammen und es besteht kein Anlass, die Zuschauer darüber zu informieren?

Nicht nur der übliche Pöbel formierte sich, sondern auch prominente Stimmen wie NRW-Ministerpräsident Armin Laschet:

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich ein wenig zwiegespalten bin, was die Berichterstattung angeht und das hat auch damit zu tun, dass ich bei Welt und n-tv reingeschaut habe. Dort gab es wie immer ununterbrochen Live-Footage, und — ebenfalls wie immer — so gut wie keine Fakten. Kein Wunder, denn wenn ein Feuer ausbricht und man noch keinen Schimmer hat, wie das Feuer entstanden ist bzw. wer verantwortlich ist, hat man nun mal nicht viel zu erzählen.

Aber das hält unsere deutschen Nachrichtensender natürlich nicht ab, ununterbrochen zu berichten — solche Katastrophen sind für diese Sender schließlich reine Feiertage, weil man die ewigen Hitler-Dokus mal einen Abend im Schrank lassen kann. Also wird mit Feuerwehrmännern gesprochen, mit vermeintlichen Experten (Kirchen-Experten, Brand-Experten, Frankreich-Experten – das Experten-Feld ist riesig) und es wird nochmal und nochmal erzählt, was man schon hundert mal verkündet hat.

In anderen Ländern will man mitunter hochwertigere Berichterstattung wahrgenommen haben, was angesichts von Angeboten wie CNN oder BBC auch nicht wirklich überrascht, dass dort die Standards höher sind als bei den beiden oben genannten News-Portalen. Auch André Vatter reiht sich ein unter die Kritiker und hätte es gerne gesehen, dass sich die Öffis zu Wort melden:

Damit kommen wir wieder zu der Gruppe von Menschen, die ich oben bereits erwähnte, also diejenigen, die entweder eine Verschwörung der französischen Regierung oder aber Brandstiftung (möglicherweise mit islamistischem Hintergrund) für möglich hielten. Wir haben also auf der einen Seite eine Nachrichtenlage, die nicht wirklich viel her gibt außer “Notre Dame brennt” und auf der anderen Seite hat man die Möglichkeit, durchaus das zu kommunizieren in Kombination mit dem, was es definitiv nicht ist (Terroranschlag, Brandstiftung). Zwar gab es keine belastbaren Informationen, aber sehr früh war man sich relativ sicher, dass man Brandstiftung ausschließen konnte und es wohl eher auf die Bauarbeiten an der Kirche zurückzuführen war, dass dieses Feuer ausbrechen konnte.

Eventuell hätte ein Brennpunkt in der ARD ein wenig Licht ins Dunkel bringen können, andererseits glaube ich aber auch nicht wirklich, dass sich AfD und die, die ihnen zujubeln sich hier um Fakten und Objektivität bemüht hätten. Beim Medienmagazin DWDL habe ich nun einen sehr interessanten Beitrag gelesen, dem ich mich im Großen und Ganzen anschließen möchte. Dort wird eine Lanze für die Öffentlich-Rechtlichen gebrochen, zumindest was diesen konkreten Fall angeht. Stoßrichtung: Ja, manches mal haben die zu langsam reagiert, in diesem Fall war es aber nicht verwerflich, das laufende Programm nicht zu unterbrechen. Im Text heißt es:

Eine brennende Kathedrale, so weltberühmt Notre Dame auch ist, gehört jedoch nicht zu einer akuten Gefahrenlage. Thomas Lückerath, DWDL

… und weiter:

In Paris jedoch brannte am Montagabend eine Kathedrale. Stundenlang. Das ist tragisch und sehr emotional, aber im Nachrichtenwert begrenzt. Thomas Lückerath, DWDL

Der Punkt, auf den Thomas hinaus will und bei dem ich ihm absolut zustimmen muss: Im Gegensatz zu beispielsweise einem Terroranschlag mit einer sich ständig verändernden Sachlage und mit Gefahrenpotenzial für die Zivilbevölkerung haben wir hier eine Situation, die sich davon grundlegend unterscheidet. Hier brannte eben ein religiös, kulturell und historisch höchst aufgeladenes Monument. Die Feuerwehr war vor Ort und tat ihr möglichstes und man hätte stundenlang nichts anderes berichten können außer: Ja, die Kirche brennt immer noch und ja, die Feuerwehr löscht immer noch.

Ihr versteht mich hoffentlich nicht falsch. Auch als Atheist hatte ich gestern einen fetten Kloß im Hals und Tränen in den Augen, als ich die ersten Artikel im Newsfeed sah. Aber ein paar Minuten “WELT” reichten dann, um doch wieder mal zu entscheiden, dass man genau diese Art der Berichterstattung verabscheut.

Wenn ihr mich also nach meiner Meinung fragt: Ja, vielleicht wäre eine kurze Unterbrechung des Programms angemessen gewesen. Fünf Minuten, in denen man die Nachricht selbst berichtet und klar macht, dass es kein Anschlag und keine Brandstiftung ist. Ebenfalls war wohl sehr zeitig klar, dass es keine Toten und nicht mal Verletzte gab, abgesehen von dem einen Feuerwehrmann und zwei Polizisten, was aber erst deutlich später kommuniziert wurde. Das hätte man kompakt berichten können. Dennoch würde ich weder Das Erste noch das ZDF dafür anzählen wollen, dass sie in diesem Fall erst später im Rahmen der normalen Nachrichtensendungen informierten, aus den oben aufgezählten Gründen.

Ich glaube generell, dass das auch ein Thema ist, welches wir von Fall zu Fall bewerten müssen und ich wüsste jetzt ganz gerne von euch, wie ihr dazu steht. Habt ihr die Berichterstattung bei den Öffentlich-Rechtlichen vermisst oder findet ihr es richtig, dass sich die Sender erst einmal vornehm zurückhielten? Sagt es uns in unserer Umfrage:

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