Kommentar

“Berlin invites Europe”: Querdenker stellen “Deeskalations-Teams” für Journalisten

Am Samstag wird wieder von Querdenken 711 zur Demonstration geladen. Man bittet Journalisten um Akkreditierung -- und bietet ihnen allen Ernstes Deeskalations-Teams an.

von Carsten Drees am 24. August 2020

Ich muss dringend ein paar Zeilen zur Demo am Samstag loswerden — weil ich a) sonst platze und b) auch ein wenig auf Erleuchtung hoffe, was die Vorgehensweise von “Querdenken 711” angeht, die zur Demonstration laden.

Wie viele Menschen haben jetzt eigentlich in Berlin demonstriert am 1. August? 17.000? 20.000? 1,3 Millionen? … oder doch irgendwas dazwischen, deutlich näher an der 20.000 als an der Million? Wir werden es wohl nie wirklich herausfinden. Ist auch nicht wichtig, denn die kommende “Berlin invites Europe”-Demo am 29. August in Berlin soll eh noch viel größer werden als das letzte Treffen. Dazu zitiere ich (und ich hätte nie geglaubt, dass ich dieses rechte Blatt jemals zitieren würde) Compact, wo Jürgen Elsässer (zu ihm verkneife ich mir jeden Kommentar) schreibt:

“Die Veranstalter der Freiheitsdemonstration, die Stuttgarter Initiative Querdenken-711, gehen von zehn Millionen Teilnehmern aus. Bevor jetzt jemand lacht: Ich habe auch gelacht, als dieselben Leute für den 1. August 500.000 angekündigt hatten – und am Ende war ich ob meiner Skepsis beschämt, denn es waren tatsächlich so viele: Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, ich war mitten in der Masse und kann mit diesem Wissen die Luftaufnahmen dieses Tages beurteilen.”

Ich finde es schon erstaunlich, dass sich jemand herausnimmt, aus einer Demonstration heraus genauer die Zahl der Demonstranten bestimmen zu können als die Polizei mit all ihren Möglichkeiten. So etwas zu behaupten ist mindestens mal abenteuerlich. Noch abenteuerlicher ist aber die Zahl, die angeblich von der Stuttgarter Querdenken-Initiative genannt worden sein soll: Zehn Millionen Teilnehmer!

Schon neulich schrieb ich in einem Artikel u.a. darüber, dass man mithilfe entsprechender Bilder aufzeigen konnte, dass die Demo in Berlin am 1.8. natürlich ganz massiv unter den vom Veranstalter genannten 1,3 Millionen Teilnehmern lag. Dort stellte ich auch die Frage, wieso der Verkehr nicht im Ansatz zusammengebrochen ist, was angesichts dieser Zahlen eigentlich hätte passieren müssen.

Antwort auf die Frage bekam ich nicht, lediglich die üblichen Beschimpfungen per Email. Daher verkneife ich mir jetzt auch die Frage, wie man auf den Trichter kommen kann, dass es dieses mal 10 Millionen Menschen werden sollen, also ein Vielfaches einer Loveparade. Mich selbst frage ich allerdings, wohin das noch führen soll und wie viele Menschen man für die nächste oder übernächste Demo ankündigen möchte: Drölf Fantastilliarden?

Aber sei es drum: Offiziell angemeldet laut der Berliner Zeitung sind 22.500 Menschen, was schon mal deutlich realistischer klingt. Wie viele Menschen da sein werden, wie die Demo verläuft, wie bzw. ob sich die friedlichen Demonstranten von mitmarschierenden Rechtsextremen abgrenzen — all das werden wir Samstag ja sehen. Im Vorfeld jedoch will das Orga-Team jetzt aber bereits dafür sorgen, dass Journalisten “vollständig, unparteiisch und wahrheitsgemäß” berichten können. Der meines Erachtens unglaubliche Move wird hier erklärt:

Wenn ihr euch den Clip angeschaut habt und euch ganz warm ums Herz wird, weil da so schön von Frieden und Freiheit gesprochen wird, binde ich doch hier direkt auch nochmal den Clip von Dunja Hayali ein, die versucht hat, ganz friedlich durch die Demonstranten zu gehen.

Wofür braucht man Deeskalations-Teams auf einer Friedens- und Freiheits-Demo?

Schaut in den Hayali-Clip rein und ihr seht, dass manche Menschen den puren Hass versprühen, allein aus dem Grund, weil ein Fernsehteam sich den Weg durch die Menge bahnt. Im Vorfeld wird von Organisatoren-Seite gerade schrecklich wenig von Abstand oder Masken geredet, dafür aber schrecklich viel über Freiheit, über Frieden und über Grundrechte. Und ich will nicht verstehen, wieso ein Journalist auf so einer Friedens-Veranstaltung mit augenscheinlich nur netten Leuten ein Team des Organisators anheuern sollte, das deeskalierend auf die Menge einwirken muss.

Oder anders gefragt: Wieso glaubt die Orga überhaupt, dass man auf der vermeintlich so friedlichen Demo Journalisten schützen müsste? Und wieso glaubt man, dass es ausgerechnet ein Team der Organisation sein könnte, welches Journalisten schützt? Mir erschließt sich diese Logik nicht.

Das ist aber nicht das Einzige, was auffällt, wenn man sich auf der Querdenken-Seite zur Veranstaltung umschaut. Man möchte nämlich gerne, dass sich die Presse akkreditiert. Journalisten, die sich für eine Demonstration akkreditieren müssen? Kommt mir ungewöhnlich vor.

Hendrik Zörner findet in seinem Kommentar für den DJV deutliche Worte:

“Um es hier klipp und klar zu sagen: Kein Journalist und keine Journalistin muss sich in Deutschland zu einer Demonstration im öffentlichen Raum anmelden. Und “Deeskalationsteam” stinkt geradezu nach “Embedded Journalism”. Wir sind aber nicht im Irak, wo Kriegsberichterstattung lebensgefährlich war, sondern in Berlin. Für die Sicherheit von Journalisten ist hierzulande immer noch die Polizei verantwortlich. Wer sich auf diesen Unsinn einlässt, ist selber schuld.”

Ich bin einigermaßen verstört angesichts dieser Bewegung, angesichts der verqueren Sichtweise auf Grundrechte und Pressefreiheit und auch prophylaktisch schon mal angesichts der sicher wieder skurrilen Teilnehmerzahlen, die Samstag kursieren werden. Zum letzten Punkt muss ich euch noch flott erzählen, dass ich da neulich auf YouTube wieder mal in so ein Paralleluniversum geschlittert bin. Ich stolperte nämlich über einen Clip, in dem sich — am Abend der letzten Demo in Berlin — einige Teilnehmer noch gegenseitig darin bestärken, dass natürlich eine Million Menschen vor Ort war und logischerweise Geschichte geschrieben wurde. Tut es euch nur an, wenn ihr wirklich schon alles andere im Netz gesehen habt ,denn es tut echt weh, sich das anzuhören.

Mein Appell an die Demonstranten

Wenn ich hier eine Empfehlung aussprechen könnte, würde ich euch dringend ans Herz legen, diese Demo nicht zu besuchen. Weil angesichts der Pandemie Grundrechte nicht signifikant beschnitten werden, nur weil man in Bahn und Supermarkt eine Maske aufsetzen muss. Schaut mal Nachrichten, schaut euch an, was in vielen anderen Ländern los ist und dann erzählt mir nochmal, dass ausgerechnet in Deutschland die Grundrechte in so einem Maße beschnitten würde, dass man dafür auf die Straße gehen sollte.

Aber wenn ihr geht, dann haltet euch bitte an die gängigen und für jedermann leicht verständlichen Hygiene-Regeln. Haltet Abstand, tragt die Masken und bitte: Versucht nicht das Nicht-Tragen damit zu begründen, dass ihr ja schließlich gegen Masken demonstriert. So funktioniert das Spiel nun mal nicht! Ihr dürft demonstrieren und das ist wichtig, da dieses Grundrecht ein in einer Demokratie hohes Gut ist. Aber haltet euch an die Regeln, die auch für Demonstranten gelten.

Wenn ihr vor Ort seid, lasst die Journalisten in Ruhe. Ich verweise nochmal auf das Video von Frau Hayali weiter oben. Ihr seht, dass sie weder offensiv gegen Demonstranten vorgeht, noch Sätze aus dem Zusammenhang reißt. Ihr könnt es ungefiltert fast 40 Minuten lang anschauen und werdet feststellen, dass alle Aggression von den Demonstranten ausgeht. Überlegt euch mal, ob ihr euch “Lügenpresse” schreiend in der Tagesschau wiederfinden wollt, oder ob ihr tatsächlich friedlich demonstrieren möchtet und es vorzieht, dass es im TV dann auch genau so aussieht.

Und noch eine letzte Bitte habe ich: Wenn ihr so viele friedliche Menschen seid, wie ihr denkt, dann sortiert diejenigen aus, die sich nicht daran halten. Ertragt Journalisten und stellt euch entschieden denen entgegen, die die TV-Teams beschimpfen und übergriffig werden. Macht Rechtsextremen klar, dass ihr sie nicht in euren Reihen haben wollt. Wenn ihr der Meinung seid, dass der überwältigende Teil der Demonstration friedliche Absichten hat und nur ein winziger Teil rechtspopulistisch bis rechtsradikal ist, dann habt ihr die Macht, sie aus eurer Demo zu kicken. Macht davon Gebrauch!

Ich finde nicht, dass jeder Demonstrant als Idiot, Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker und/oder Rechtsextremer abgestempelt werden soll, wenngleich mir tatsächlich nicht viele Gründe einfallen, wieso ein intelligenter, empathischer und reflektierter Mensch dort mitdemonstrieren sollte. Aber umgekehrt erwarte ich dann auch, dass die Demonstranten nicht jeden Journalisten als Lügenpresse beschimpfen und jeden Maskenträger als regierungshöriges Schlafschaf verhöhnen. Wäre das nicht eine feine Nummer, wenn wir das hinbekommen könnten?