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Betrunkene auf E-Scootern, viele Unfälle: Verbietet die Dinger sofort wieder!

Seit die E-Roller auf deutschen Straßen rollen dürfen, lesen wir News über verunfallte Fahrer, über E-Scooter, die Wege versperren und über unsachgemäße Nutzung. Höchste Zeit, dass die Roller wieder verschwinden! (Nein, natürlich nicht, lasst euch nicht durch die Headline reinlegen!)

von Carsten Drees am 12. Juli 2019

Kürzlich ist ein betrunkener Kerl auf einem E-Scooter in München in eine Polizeikarre reingerauscht. Habt ihr nicht mitbekommen? Das ist merkwürdig, denn wer sich für das Thema interessiert (also das Thema E-Scooter, nicht das Thema Betrunkene), der wird mit Meldungen dieser Art derzeit förmlich zugeschüttet.

Ich lese tagtäglich darüber, dass Scooter-Fahrer ihre Gefährte nach dem Gebrauch irgendwo im Weg liegend zurücklassen, dass Viele sich oder andere beim Fahren verletzen und auch, dass die E-Scooter oft unsachgemäß genutzt werden, zum Beispiel, indem sie zu zweit genutzt werden oder halt eben in betrunkenem Zustand.

Gleichzeitig lese ich sehr, sehr viele Kommentare unter solchen Meldungen. Kommentare von Menschen, die dieser Technologie von Anfang an skeptisch gegenüber gestanden haben und nun mit einem gehässigen “Ich hab’s euch doch gesagt”-Duktus ihre unreflektierte Meinung rausrotzen. Ziemlich genau vor einem Monat schrieb ich bereits von der Gefahr, dass sich der elektrisch angetriebene Roller flott zu einem Feindbild entwickeln könnte und et voilà — da stehen wir nun also.

Dass sich die Medien gierig auf jede Meldung bezüglich der E-Scooter stürzen würden, war absehbar. Auch, dass es Unfälle geben würde, musste man erwarten. Wie dramatisch die Gefahrenlage ist, vermag ich nicht einzuschätzen. Die Polizei resümiert nach einem Monat, den die E-Scooter auf unseren Straßen zugelassen sind: Allein in Berlin gab es bislang mindestens sieben E-Tretroller-Unfälle und mindestens acht Schwerverletzte mit Knochenbrüchen und Kopfverletzungen wurden registriert. Auch Frankfurt und Hamburg können bislang eine einstellige Zahl an Unfällen vermelden, in München spricht man von sechs Vorfällen.

Nicht falsch verstehen: Natürlich ist jeder Unfall auf unseren Straßen ein Unfall zu viel, erst recht, wenn es dabei zu schweren Verletzungen kommt. Dennoch reden wir hier von sieben gemeldeten Unfällen in Berlin in einem Monat — dass sind nicht einmal zwei pro Woche in einer Millionen-Stadt. Man müsste das jetzt mal in Relation setzen zur Zahl der Autounfälle oder der Unfälle mit Fahrrädern. Wobei man hier natürlich auch wieder berücksichtigen müsste fairerweise, dass die Zahl an Autos und Fahrrädern selbstverständlich auch höher ist.

Dennoch hilft es niemandem wirklich weiter, wenn jetzt eifrig jeder Unfall zu einer Schlagzeile gemacht wird und die Debatte um E-Scooter und um die Umstrukturierung in unseren Innenstädten dadurch noch unsachlicher geführt wird als sowieso schon.

Probleme? Ja, natürlich gibt es die

Denn selbst, wenn ich die Zahl der Unfälle nicht für tatsächlich bedrohlich halte, müssen wir konstatieren, dass jetzt nicht alles gut ist, nur weil die Politik dafür gesorgt hat, dass die Teile endlich regulär auf unseren Straßen rollen dürfen. In Wirklichkeit gibt es zahlreiche Probleme, bei denen wir alle gefragt sind: Politiker, E-Scooter-Fahrer, die Polizei, die Hersteller/Verleiher, Städteplaner und nicht zuletzt auch jeder einzelne Passant.

Das geht schon damit los, dass die Regularien meiner Meinung nach nicht besonders konsequent sind. Die E-Roller dürfen zwischen 6 und 20 km/h schnell fahren und müssen eine Lenk- oder Haltestange haben. Vorgeschrieben sind auch zwei Bremsen, Licht und eine “helltönende Glocke”. Nicht vorgeschrieben hingegen ist ein Helm und fahren darf man die Teile ab 14 Jahren. Der Bürgersteig darf nicht genutzt werden, stattdessen Radwege. Gibt es die nicht, müssen die E-Scooter-Fahrer auf die normale Straße ausweichen. Das bedeutet dann, dass wir auf diesen Straßen plötzlich auch 14-jährige Kids ohne Helm und ohne großartige Erfahrung im Straßenverkehr wiederfinden.

Ich bin nicht sicher, ob eine Helmpflicht dieses Problem grundlegend beseitigen würde, aber definitiv kann die aktuelle Regelung nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Grundsätzlich denke ich auch eher, dass das Problem nicht ein fehlender Helm ist, sondern eher fehlender Platz. Hier müssen also grundlegend neue Bedingungen geschaffen werden. Wir brauchen weniger Platz für Autos, mehr Platz für die verschiedenen Alternativen, inklusive Fahrräder. Dass das nicht von heute auf morgen geht, versteht sich von selbst. Aber hier muss man ansetzen — mit ausreichend Platz passieren zwangsläufig weniger Unfälle, weil weder Autos in dem Maße mit Rollern kollidieren und weil dann auch vermutlich weniger Roller illegal auf Gehwegen unterwegs sein werden.

Das wäre dann der nächste Kritikpunkt: In der Tat werden die Scooter oft irregulär genutzt. Es befinden sich gleich zwei Personen auf dem Roller, Fahrer sind alkoholisiert, fahren auf dem Bürgersteig — oder am besten alle drei Dinge zusammen. Die Karren dürfen immerhin bis zu 20 Stundenkilometer schnell fahren und nehmen regulär am Straßenverkehr teil. Da ist es also kein beileibe kein Kavaliersdelikt, einfach volle Pulle durch die Fußgängerzone zu rauschen oder mit 1,8 atü auf dem Kessel über die Straße zu rollen.

Da sind also wir selbst gefragt als die Personen, die die Teile benutzen. Aber auch jede Instanz, die im Vorfeld über mögliche Risiken und Gefahren aufklären könnte. Meiner Meinung nach müsste die Politik entsprechende Kampagnen initiieren und auch die Verleiher müssten stärker in die Pflicht genommen werden, vor dem Betrieb über die Gefahren und Besonderheiten der kleinen Flitzer zu informieren.

Wir selbst sind aber zunächst einmal dafür verantwortlich, dass wir uns mit dem Gerät vertraut machen, bevor wir uns erstmals in den Straßenverkehr wagen. Ebenso müssen wir natürlich die anderen Regeln einhalten und vor allem darauf achten, dass wir die Karren nach dem Gebrauch nicht irgendwo im Weg stehen oder liegen lassen. Gerade für Passanten mit eingeschränktem Sehvermögen werden Roller sonst schnell zur Stolperfalle.

An die Medien appellieren muss ich an dieser Stelle vermutlich nicht. Wenn die E-Scooter erst einmal den Reiz des aufregend Neuen verloren haben, werden die automatisch nicht mehr über jeden Unfall berichten, tippe ich mal. Spätestens dann glaube ich auch, dass die allgemeine Akzeptanz wachsen wird und vielleicht dann auch das derzeitige Gejammer in den sozialen Medien leiser wird.

Machen wir uns aber nichts vor: Die ewigen Nörgler, die Menschen mit Angst vor Veränderungen, die Schwarzmaler und diejenigen, die einfach pauschal gerne gegen alles sind, werden weiter schimpfen. Das kann und soll aber nicht unser Problem sein. Wir können uns lediglich um diejenigen kümmern, die jetzt von diesen neuen Verkehrsmitteln überrascht wurden.

Es gibt also einige Stellschrauben, an denen wir noch drehen können und vor allem auch drehen müssen. Der Start der E-Scooter wurde jetzt augenscheinlich ein bisschen vergeigt, aber deswegen werden die Karren trotz meiner reißerischen Überschrift ganz sicher nicht wieder aus dem Stadtbild verschwinden. Wenn die Politik nachbessert, Hersteller/Verleiher verantwortungsvoller vorgehen, die Scooter-Fahrer sich an alle Regeln halten und wir alle generell einfach ein wenig mehr Rücksicht nehmen, werden wir sicher sehr früh feststellen, was dieses nachhaltige Verkehrsmittel für ein Gewinn für unsere Städte darstellt.

via heise.de