Kommentare

Bildung: Brauchen wir Informatik und Medienkompetenz als Pflichtfächer?

Der KI-Bundesverband sorgt sich, dass Deutschland bei der künstlichen Intelligenz abgehängt werden könnte und fordert daher ein Pflichtfach "Informatik" oder "Digitale Bildung" in den Schulen.

von Carsten Drees am 15. November 2019

Vor ziemlich genau einem Jahr kündigte die deutsche Regierung an, das Thema Künstliche Intelligenz in Deutschland vorantreiben zu wollen. Damit das klappt, hat man u.a. daran gedacht, drei Milliarden Euro bereitzustellen verteilt auf die nächsten Jahre bis 2025. Klar, dass ist ungefähr die Summe, die die Angestellten in chinesischen Tech-Unternehmen pro Tag in den Getränkeautomaten schmeißen, aber es ist eben zumindest schon mal ein Anfang.

Die Regierung hat ja auch nicht nur über eine Geldspritze für die Industrie nachgedacht, sondern verfolgt auch ein paar andere Ideen, die ich im Ansatz durchaus richtig finde. “50 Leuchtturmanwendungen” im Bereich Umwelt/Klima und Health, 100 neue Professuren an deutschen Hochschulen, ein deutsches IT-Obersvatorium und das oben erwähnte Fördergeld sollen dafür sorgen, dass aus Deutschland ein führender IT-Standort wird.

Ob das gelingen wird, steht aber auf einem anderen Blatt und setzt auch noch andere Bestrebungen in verschiedenen Bereichen voraus. Ganz oben auf der Liste müsste hier die Schulbildung stehen, finden Unternehmen aus dem KI-Sektor. In deutschen Schulen müsste ganz dringend ein Pflichtfach “Digitale Bildung” oder “Informatik” her, ist die einhellige Forderung der Unternehmen, die im Bereich der künstlichen Intelligenz tätig sind. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärte Jörg Bienert, der Vorsitzende des KI-Bundesverbandes:

Es geht dabei nicht nur darum, mehr Datenwissenschaftler zu schulen, sondern dass man Jugendliche ohne aktive Unterstützung in die zunehmend digitalisierte Welt entlässt. Das ist unverantwortlich. Jörg Bienert, Vorsitzender des KI-Bundesverbandes

Es sollen also nicht alle Jungs und Mädels dazu genötigt werden, sich Programmierkenntnisse draufzupacken. Stattdessen geht es darum, sie auf eine Welt vorzubereiten, die eine ganz andere ist als die derjenigen, die vor 20 Jahren die Schule besuchten. Der Verband spricht konkret von den Fächern “Informatik” und “Digitale Bildung”, ich habe in meiner Frage in der Überschrift aber ganz bewusst “Medienkompetenz” als ein mögliches Pflichtfach genannt.

Vermutlich ist mit der digitalen Bildung etwas ganz ähnliches gemeint, mir klingt es aber etwas zu abstrakt. Der Punkt ist auch nicht, wie man es benennt, sondern dass man die Dringlichkeit erkennt, Schülerinnen und Schüler mit solchen Fächern unter die Arme zu greifen. Ich glaube, es gibt viele Baustellen, die unsere Schulen betreffen: Wie sieht es mit der technischen Ausstattung aus? Brauchen wir ein bundesweit einheitliches System? Welche Unterrichtsformen sollten forciert werden?

Sicher gibt es noch eine Vielzahl Fragen mehr und für meinen Geschmack sollte dazu auch die Frage gehören, welche Schulfächer noch in welchem Maße unterrichtet werden sollten. Ich hab beispielsweise das Fach “Geschichte” sehr gemocht. Wir haben viel gelernt über die alten Römer und die alten Griechen, dann irgendwann gefühlte 9/10 meiner gesamten Schulzeit in Geschichte nur noch über die beiden Weltkriege gesprochen. Auch diese Themen interessierten mich brennend, aber ich glaube, dass ich mich auch unabhängig vom Stundenplan darüber informiert hätte, wenn mir damals bereits das Internet und die zahlreichen TV-Sender mit ihren Dokumentationen zur Verfügung gestanden hätten.

Also nicht falsch verstehen: Gerade in den heutigen Zeiten halte ich es für eminent wichtig, den Kids näherzubringen, wie es damals geschehen konnte, dass Nationalsozialisten an die Macht gelangten und Deutschland erst in einen Krieg und dann ins Verderben stürzten. Aber kann man diese Verbrechen nur dann begreifen, wenn man auch ausführlich den Marshall-Plan erklären kann oder wenn man alle Götter der verschiedensten Mythologien aufzählen kann?

Ich fände es wichtiger, dass man die deutsche Geschichte schulisch so beleuchtet, dass auch ein 12-Jähriger schon begreift, wo er später mit 18 sein Kreuz ganz sicher nicht machen wird. Aber viele andere Dinge kann man meines Erachtens später fördern, wenn sich ein Schüler oder eine Schülerin für einen bestimmten schulischen Zweig entscheidet.

Stattdessen sollte mehr Zeit darauf verwendet werden, die jungen Menschen aufs tatsächliche Leben vorzubereiten, also wie man sich im Internet bewegt. Wer wissen will, wie die Pyramiden in Ägypten gebaut wurden oder wann Luther seine Thesen an die Tür genagelt haben soll, kann das selbst rausfinden — all diese Antworten sind heute ja nur einen Klick entfernt. Die Kids sollten lieber lernen, wo sie all dieses Wissen finden, wie sie damit umgehen und wie sie lernen, Quellen zu verifizieren. Sie müssen lernen, was Cybermobbing bewirken kann und wieso man es zu unterlassen hat, sollten über die Technik Bescheid wissen, die sie ins Netz bringt und wieso man vielleicht besser nicht zehn Stunden am Tag mit dem Smartphone verbringen sollte.

In diese Kerbe haut also auch der KI-Bundesverband und fordert ein entsprechendes Pflichtschulfach eher heute als morgen. Dabei geht es nicht darum, aus den Schülern schon früh vermeintliche Datenwissenschaftler, Programmierer oder Big-Data-Analysten zu machen, sondern ihnen beizubringen, wie man sich im Internet und in einer digitalisierten Welt bewegt. Dazu kommt natürlich aber auch, dass sich die Ansprüche in beruflicher Hinsicht verändern. Wir brauchen künftig nun mal weniger Fabrikarbeiter, Sacharbeiter usw. Es wäre also höchste Zeit, die notwendigen Veränderungen da anzugehen, wo die Angestellten, Führungskräfte und Politiker von morgen sitzen — in den Schulklassen.

via t3n