Bill Gates im Interview: “Die meisten Corona-Tests in den USA sind Schrott!”

Bill Gates hat der Wired ein ausführliches Interview gegeben, in welchem es selbstverständlich auch um Covid-19 geht. Die Trump-Administration kommt dabei nicht besonders gut weg.

von Carsten Drees am 10. August 2020

Steven Levy von der Wired hat schon oft mit Bill Gates gesprochen, verteilt über mehrere Jahrzehnte. Da darf man also davon ausgehen, dass sich der Microsoft-Gründer, der zuletzt durch seine Stiftung zu so einer Art Superschurken für viele Verschwörungstheoretiker mutierte, auskunftsfreudig zeigt. Im jüngsten Interview war das dann auch der Fall, Gates gab zum Beispiel private Auskünfte darüber, wie er in der Corona-Krise zurechtkommt.

Er sprach beispielsweise davon, dass er es begrüßt, seine Kinder öfter zu sehen, dass er im Alltag eine ganz normale Maske trägt und nicht etwa ein ausgefallenes Designer-Modell — und dass er mittlerweile die heimische Mikrowelle besser zu bedienen weiß. Aber es ging selbstverständlich nicht nur um Belanglosigkeiten aus dem Gates-Alltag. Er sagte zu der Frage, wie Corona sein derzeitiges Leben verändert, zum Beispiel auch, dass er natürlich deutlich weniger fliegt.

In seinem Beispiel erwähnt er Frankreichs Präsidenten Macron. Möchte er nämlich jemanden wie diesen Präsidenten dazu bringen, mehr Geld für Covid-19-Impfstoffe zu investieren, möchte er die Wichtigkeit der Mission auch dadurch demonstrieren, dass er selbst bei Macron vorbeischaut und seine Bitte mit Nachdruck vor Ort formuliert.

An dieser Stelle kommen wir dann in den Bereich, an dem die Einschränkungen der Pandemie auch sein geschäftliches Wirken beeinflussen und beeinträchtigen. Und dieses “Wirken”, welches sich derzeit im Wesentlichen auf seine Stiftung bezieht, spielte im Interview auch eine wichtige Rolle.

Bill Gates ging selbstverständlich darauf ein, wie er im Internet und generell von Kritikern der Corona-Maßnahmen und Verschwörungstheoretikern wahrgenommen wird. Im Interview wird mehrfach klar, dass er auch Trump zu diesen Menschen zählt, die erstaunlich skeptisch auf alles blicken, was die Wissenschaft hervorbringt und empfiehlt. Dazu stellt Gates verwundert fest, dass es genau die Themen sind, in die er sehr viel Herzblut und natürlich Geld steckt, um sie voranzutreiben: Die Folgen des Klimawandels, Impfstoffe und GMOs, also gentechnisch modifizierte Organismen. Genau diese Themen stoßen vielen Bürgern übel auf und Gates ist sich dessen natürlich bewusst, dass er von einer gewissen Schicht der Bevölkerung als personifiziertes Übel betrachtet wird.

Bill Gates über die US-Regierung in Zeiten der Pandemie

Das hält ihn aber natürlich nicht davon ab, dass er sich weiterhin in die Schlacht wirft und auch die US-Administration persönlich anzählt zum Beispiel für ihr Vorgehen in der Pandemie. Er selbst räumt ein, persönlich bereits seit 2018 nicht mehr mit Trump gesprochen zu haben, aber er spricht natürlich mit Pence und weiteren Regierungsvertretern bzw. anderen Teilen der Corona-Taskforce.

Dummerweise scheint das nicht zu fruchten, wenn selbst ein Donald Trump sich immer wieder auf Verschwörungstheorien beruft und nicht empfänglich für Expertenmeinungen ist, egal ob sie von außen kommen oder von internen Experten wie Dr. Fauci oder Dr. Birx. Man merkt Bill Gates im Interview mit Wired diese Besorgtheit angesichts dieser Kompetenzverweigerung durchaus an.

Bei aller Kritik an der Administration und teilweise auch an der CDC, also die zuständige Behörde “Centers for Disease Control and Prevention”, möchte Bill Gates aber auch nicht vorschnell die Arbeit der Regierung bewerten. Dazu, so sagt er, gibt es nach der Pandemie noch genug Zeit — jetzt müsse man sich erst mal auf Corona konzentrieren. Das ist für die Stiftung des Microsoft-Gründers nicht besonders leicht, denn oft wurde man bei Anfragen an die CDC direkt ans Weiße Haus verwiesen und dort ist man eben für Experten-Vorschläge nicht sonderlich empfänglich.

Mittlerweile reagiert die CDC ähnlich wie das Weiße Haus mit der Standard-Antwort: Bei den Tests mache man einen sehr guten Job! Dass die Zahl der ausgeführten Tests jedoch nicht allein entscheidend ist, stellt auch Bill Gates nochmal klar.

Er kritisiert hier die US-Regierung sehr deutlich und hat vor allem auch Einwände bezüglich des Rückerstattungssystems. Er schlägt vor, dass man extra zahlt, wenn das Ergebnis binnen 24 Stunden vorliegt, etwas weniger zahlt, wenn es zwei Tage dauert — und überhaupt nichts erstattet, wenn es länger dauert. Denn er ist wie alle Experten der Meinung, dass selbst zahlreiche Tests nichts bringen, wenn das Ergebnis erst nach einer Woche feststünde. Im originalen Wortlaut sagt er:

Well, that’s just stupidity. The majority of all US tests are completely garbage, wasted. If you don’t care how late the date is and you reimburse at the same level, of course they’re going to take every customer. Because they are making ridiculous money, and it’s mostly rich people that are getting access to that. You have to have the reimbursement system pay a little bit extra for 24 hours, pay the normal fee for 48 hours, and pay nothing [if it isn’t done by then]. And they will fix it overnight.

Er sagt also wortwörtlich, dass diese Tests, so wie sie in den USA durchgeführt werden, mehrheitlich Schrott, Abfall sind und er ergänzt, dass die US-Administration gar nicht gewillt ist, das zu ändern, weil man ja nach eigenem Befinden einen herausragenden Job macht. Gates erklärt, dass die Ansprechpartner in der Regierung müde geworden sind, ihm zuzuhören und ein wenig klingt es danach, als wäre er es selbst auch mittlerweile.

Das gilt auch dafür, dass er gebetsmühlenartig darauf hinweist, dass die Unternehmen für weitere Produktionsstätten sorgen müssen und berücksichtigen, dass es auch die entsprechende Infrastruktur für die weniger reichen Länder geben müsse. Hier ist noch viel Luft nach oben und nicht nur Gates wirkt diesbezüglich im Augenblick, als kämpfe er gegen Windmühlen.

Auch, wenn Gates von einigen Teilen der Bevölkerung als der Antichrist betrachtet wird, der nichts im Sinn habe, außer noch reicher zu werden, muss man fairerweise doch anerkennen, dass seine Stimme eine der wenigen ist, die zum jetzigen Zeitpunkt längst daran denkt, die weniger entwickelten Länder zu berücksichtigen, während andere Industrienationen eher darauf bedacht zu sein scheinen, sich schnellstmöglich so viele Impfdosen wie möglich zu sichern.

Bill Gates zu Social Media und TikTok

Aber auch TikTok war ein Thema im Interview. Bill Gates spricht hier von einem vergifteten Kelch, wenn nämlich Microsoft sich das US-Geschäft von TikTok einverleiben wird und damit plötzlich zu einem wichtigen Social-Media-Player würde. Seiner Meinung nach ist es kein einfaches Spiel, ein großer Name im Social-Media-Game zu sein.

Er verweist auf ein Gespräch zwischen Mark Zuckerberg und ihm. Sie schätzen und mögen sich grundsätzlich, sind bei verschiedenen Punkten aber komplett unterschiedlicher Meinung. Gates nennt hier das Beispiel der Verschlüsselung in Apps wie WhatsApp oder dem Messenger. Die Möglichkeit, jederzeit verschlüsselt zu agieren, macht es den Menschen leichter, Fake-News unters Volk zu bringen, findet Gates.

Generell zeigt er wenig Verständnis dafür, dass eine faktische Falschaussage, die vom US-Präsidenten geteilt wird, 20 Millionen mal geteilt werden kann, bevor eingegriffen wird. Seine Frage. Wie gut ist ein Social Network darin, falsche Inhalte zu entfernen, wenn sie viele Millionen mal geteilt werden können, bevor was passiert? Irgendwann ist eine Fake-News dann offline oder wird mit einem Hinweis versehen — bis dahin ist der Schaden jedoch längst angerichtet.

Gates selbst ist — ich sprach es weiter oben bereits an — selbst sehr stark durch Fake-News betroffen: Er spendet Milliarden u.a. für Impfstoffe und versucht somit, Leben zu retten — im Internet wird aber von vielen so getan, als tue er genau das Gegenteil und möchte Menschenleben vernichten und Geld verdienen. Nicht nur er findet das verstörend.

Nochmal zurück zu TikTok: Dass für mehr Wettbewerb gesorgt wird, hält Gates grundsätzlich für eine gute Sache. Dass sich Trump jedoch einschaltet, um den einzigen Wettbewerber auszuschalten, hält er für “ziemlich bizarr”. Ähnlich geht es ihm generell bei der Vorgehensweise des Präsidenten. Es ist schon absurd genug, dass es diese TikTok-Geschichte gibt, so wie sie gerade stattfindet — aber es wird vom Präsidenten nochmal dadurch getoppt, dass er jetzt möchte, dass ein Teil der Verkaufssumme an die Regierung selbst fließen soll. Damit dürfte Gates der Meinung der klaren Mehrheit sein bei diesem Thema.

Definitiv jedenfalls ein interessantes Interview, bei dem Bill Gates klar macht, dass er nicht viel von der aktuellen Regierung hält, dennoch aber sein Tun nicht von der Politik bestimmen lassen möchte. Er ist sich dessen bewusst, dass er auch mit Geldmitteln nicht viel Einfluss auf die Politik nehmen kann, weil die Gegenseite ebenso investiert. Er versucht also, auch mit der aktuellen Administration klarzukommen und hofft darauf, dass die nächste Regierung die richtigen Fachleute ins Boot holt und für wissenschaftliche Fakten empfänglicher sein wird.

Was das angeht, hoffe ich definitiv mit Bill Gates mit — und darüber hinaus hoffe ich, dass ihr einen Blick ins Original-Interview bei der Wired werft.