Kommentar

Black Lives Matter: Ich bin weiß, männlich, privilegiert

Amerika steht Kopf, Amerika brennt -- knapp 30 Jahre nach Rodney King hat sich in den USA nichts geändert. Rassismus ist aber kein Problem des US-Präsidenten oder der Vereinigten Staaten: Dies ist unser aller Problem und unser aller Aufgabe. 

von Carsten Drees am 2. Juni 2020

Immer noch schaue ich täglich CNN und verfolge online mehr Nachrichten-Seiten aus aller Welt, als es mir gut tut. Das sage ich, weil wir gerade in dieser Pandemie besonders auf uns achten sollten, auch bezüglich unserer Nachrichten-Routinen. Nicht zu viel lesen, sich selbst erlauben, auch mal nicht nur an Infizierten-Zahlen, Ausgehbeschränkungen und die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 zu denken.

Das weiß ich und kann es dennoch nicht ändern. Direkt nach meinem wundervollen Pfingst-Trip zu Caschy, mit dem ich mich natürlich auch über das Weltgeschehen austausche, saß ich hier wieder vor der Kiste und schaute staunend auf die Bilder, die mich aus Washington erreichten. Wir reden hier also über das große Thema, welches aktuell sogar die Pandemie aus den Schlagzeilen vertreibt: Es geht um den Mord an George Floyd. Es geht darum, wie — wieder einmal — weiße Polizisten gegen US-amerikanische People of Color vorgehen und um die Proteste, die dieses Verbrechen ausgelöst haben.

Sieben Tage in Folge kam es nun zu Protesten und in diesem Rahmen auch zu äußerst unschönen Szenen auf beiden Seiten. Übermäßige Polizeigewalt hier, angeschossene Polizisten, brennende Autos und geplünderte Geschäfte da. Als Sahnehäubchen gibt es einen US-Präsidenten, der nicht einen Hauch einer Idee hat, was die Vokabel “Deeskalation” bedeuten könnte und stattdessen lieber kübelweise Öl ins lodernde Feuer kippt, indem er die Protestierenden pauschal beschimpft, die Schuld den Linken gibt und androht, dass er US-Militär auf sein eigenes Volk schießen lässt.

All das bringt mich dazu, über Privilegien nachdenken zu lassen. Bin ich privilegiert? Als Sohn mittelloser Eltern, der viel zu oft ungläubig staunend zuschauen musste, wie reicheren Menschen mit Beziehungen viele Dinge einfach in den Schoss fielen, die für mich unerreichbar sind, würde ich sagen: Nein, niemals hab ich besondere Privilegien genossen.

ihr könnt euch denken, dass das kolossal falsch und zu kurz gedacht ist. Denn ich genieße so eine Unzahl von Privilegien, die mir nur im Alltag nicht auffallen, weil sie eben so selbstverständlich sind — und es ist eine Schande für den ganzen Planeten, dass diese Dinge nicht für jeden Menschen überall auf der Erde ebenso selbstverständlich sind wie für mich.

Ich habe so unendlich viele Privilegien

Ich bin privilegiert,

  • weil ich in Deutschland lebe. Einem Land mit einer besonnenen Regierung und mit einem sozialen Netz, wie es das in der Welt nicht so oft gibt.
  • weil ich selbstverständlich Strom habe — immerhin 850 Millionen Menschen weltweit haben dieses Privileg nicht.
  • weil ich fließend Wasser habe — 2,2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sauberen Wasser und etwa für 785 Millionen Menschen gibt es nicht einmal eine Grundversorgung mit Wasser.
  • weil ich Internet habe — knapp der Hälfte der Weltbevölkerung geht es anders.
  • weil ich als Bürger Deutschlands Schulbildung genießen durfte und dank Internet auch jederzeit überall Zugang zu Wissen habe.
  • weil ich ein Mann bin. Mir sind Überlegungen fremd, ob und wie ich abends die letzten, einsamen Meter bis zur Wohnungstür gehe. Ob mir jemand etwas in meinen Drink tut, um mich gefügig mich zu machen. Ob ich lieber die Straßenseite wechseln sollte, wenn mir ein Mann entgegenkommt oder schneller gehe, wenn ich Schritte hinter mir höre. Ob ich das ertragen muss, wenn mich mein Chef oder mein Onkel an bestimmten Stellen meines Körpers berührt.
  • und schließlich: weil ich eine weiße Hautfarbe habe und keinen fremd klingenden Namen. Ich falle nicht aufgrund meines Namens bei Bewerbungen oder wegen meines Aussehens bei Wohnungsbesichtigungen vorab durchs Raster. Mich hält man nicht aufgrund meines Aussehens potenziell für gefährlich, lobt mich nicht für mein flüssiges Deutsch, fragt mich, wo ich “eigentlich” herkomme und Polizei winkt mich nicht aufgrund meiner Hautfarbe zur Kontrolle heran. Tut jemand mit meiner Hautfarbe etwas Furchtbares, ernte ich am nächsten Tag keine ängstlichen und feindlichen Blicke, werde nicht pauschal in Sippenhaft genommen.

Das sind nur eine Handvoll Privilegien und ich könnte noch wesentlich mehr aufzählen. Ich bin privilegiert, weil ich hetero bin, weil ich mich nicht unwohl in meinem Körper fühle, weil ich als gesunder Mann nicht auf Barrierefreiheit angewiesen bin und vieles mehr. Heute beschäftigt uns logischerweise vor allem der Punkt Rassismus und den gibt es hier ebenso wie in den USA.

Ich hoffe inständig, dass die Zahl der rassistisch motivierten Übergriffe in Deutschland nicht annähernd so hoch ist wie in den Vereinigten Staaten. Dass People of Color hierzulande nicht annähernd so drangsaliert werden wie ein George Floyd. Zudem gibt es hierzulande eine Kanzlerin, die so unendlich mehr Empathie, Intelligenz und Besonnenheit mitbringt als ihr US-amerikanisches Pendant. Dennoch reden wir hier nicht über ein US-Problem, sondern eine Ungleichheit, die es fast überall in der Welt gibt.

Nach wie vor kämpfen wir auch in Deutschland gegen Rassismus, gegen Fremdenfeindlichkeit und gegen Antisemitismus. Nach wie vor verdienen wir Geld mit weit entfernten Kriegen. Nach wie vor geht es uns hier im Herzen Europas so gut, weil es so unangenehm vielen Menschen vor allem in Afrika und Asien so schlecht geht. Wie wollen wir auch die Ungerechtigkeit global in den Griff bekommen, wenn das nicht einmal zivilisierten Nationen wie den Vereinigten Staaten von Amerika gelingt?

Stille ist keine Option mehr

Wie ich bereits sagte, beschäftigt mich das alles sehr und das schließt mit ein, dass ich mir Gedanken mache, wie ich mich benehmen sollte. Soll man vielleicht lieber als weißer, privilegierter Mann die Fresse halten? Manchmal dachte ich das in der Tat. Weil sich jemand wie ich nicht wirklich in diese Probleme reindenken kann und diese Folgen des strukturellen, systemischen Rassismus’ im Alltag gar nicht bemerkt.

Aber ich glaube, dass Stille nicht die Lösung sein kann. Daran glaube ich auch, weil es Menschen gibt, die tatsächlich auf “Black Lives Matter” mit “All Lives Matter” kontern. Das mag grundsätzlich natürlich stimmen, spielt in diesem Kontext aber absolut keine Rolle und will nur dieses alltägliche Übel verwischen, dem sich People of Color nicht nur in den USA ausgesetzt sehen.

In einer Welt, die so voll ist von Rassisten, Populisten und der ganzen Whataboutism-Schwurbelei können wir nicht mehr still sein. Das stillschweigende Wissen, dass man selbst kein Rassist ist, genügt nicht. Es reicht nicht, dass man selbst kein Öl ins Feuer kippt und ehrlich gesagt glaube ich, dass es auch nicht mehr reicht, laut zu sagen, dass man kein Rassist ist. Wir haben stattdessen laut und immer wieder klar zu machen, dass wir gegen jede Form des Rassismus sind und keine Ruhe geben, bis alle Menschen überall gleich behandelt werden, so wie es die Grundrechte einfordern.

Eine Welt, in der PoC-Eltern ihren Kindern beibringen müssen, dass sie auch ohne jegliche Schuld lieber nicht vor Polizei davon laufen und nicht hektisch in ihre Hosentaschen greifen dürfen, kann nicht ernsthaft dem Anspruch genügen, eine gerechte Welt zu sein. In einer gerechten Welt würde Dave Chappelle seinen Witz machen, wieso er nach einem Einbruch lieber nicht die Polizei ruft und niemand verstünde die Pointe.

In dieser Welt leben wir aber nun mal nicht. Nicht die USA, nicht Deutschland. Und genau deshalb ist es Zeit, unsere Mitmenschen überall zu unterstützen, wo wir nur können. Indem wir uns klar und deutlich gegen Rassismus positionieren, so wie ich es hier auf einem Tech-Blog heute erneut getan habe. Indem wir Zivilcourage zeigen, wenn wir Ungerechtigkeit beobachten. Indem wir all die Hetzer, Lügner, Populisten und Rassisten niederschreiben, die uns tagtäglich im Netz über den Weg laufen.

Ganz bestimmt bin ich nicht dafür, dass — wie letzte Nacht geschehen — auf Police Officers geschossen wird, dass Straßen brennen und dass Geschäfte geplündert werden. Aber ich bilde mir ein, nachvollziehen zu können, dass einen die Ohnmacht dazu treiben kann, so etwas zu tun. Weil man sieht, dass weiße Cops jeden Tag immer wieder damit durchkommen, sich nicht an geltendes Recht zu halten.

Vergesst eine Sekunde den tragischen Tod von Menschen wie George Floyd, der auf offener Straße getötet wurde, Breonna Taylor, die in ihrem eigenen Haus getötet wurde und Ahmaud Arbery, der beim Joggen getötet wurde. Denkt stattdessen für einen Augenblick an all die People of Color, die jeden Tag Opfer von Polizei-Übergriffen werden und nicht sterben und dadurch nicht medial stattfinden.

Before You Call the Cops

Before you call the cops on a Black person…

Gepostet von NowThis am Dienstag, 26. Mai 2020

Es passiert immer und immer wieder und so gut wie immer kommen Weiße mit ihren Taten durch. Das führt zu Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut und letzten Endes auch zu Aktionen, die über friedliche Proteste hinausgehen. Doch trotzdem sind die Demonstranten in überwältigender Mehrheit friedlich, ebenso wie die Mehrheit der Polizei auch tagtäglich ihren gefährlichen Job seriös erledigt. Sowohl für die Gerechtigkeit der People of Color als auch für all die Polizisten, die professionell und gerecht ihrer Arbeit nachgehen, müssen sich die Dinge jetzt ändern.

Die Krawalle, die damals durch die polizeilichen Übergriffe gegen Rodney King ausgelöst wurden, sind fast 30 Jahre her und es hat sich nahezu nichts geändert. Im Gegenteil: Mit dem Präsidenten-Darsteller Trump könnte eine Eskalationsstufe erreicht werden, die alles vorherige in den Schatten stellt.

Genau deswegen sind wir gefragt, uns deutlich zu positionieren, weil wir als Weiße auch alle Teil eines strukturellen Problems sind. Nicht falsch verstehen: Ich gebe uns nicht pauschal eine Mitschuld. Wir sind nicht schuldig, aber unser bewusstes Schweigen würde uns zu Mitschuldigen machen. Also: Lasst nicht zu, dass unsere Mitmenschen diese Ungerechtigkeit noch länger ertragen müssen, lasst nicht zu, dass Politiker wie Trump falsche Schuldige wie Linke/Antifa benennen möchte und lasst nicht zu, dass Populisten und ihre Anhänger durch ihren Whataboutism von den wahren Verbrechen ablenken wollen. Seid friedlich, seid gerecht, seid empathisch — aber seid auch laut und unmissverständlich!

PS: Während die Bilder über unsere Fernseher flimmern, wie US-Präsident Trump es tatsächlich wagt, davon zu sprechen, dass er friedliche Demonstranten beschützen möchte und in der selben Sekunde nur wenige Meter vom Weißen Haus entfernt mit Gummigeschossen und Tränengas auf ebendiese friedlichen Demonstranten feuern lässt, nur um später für ein gestelltes Foto mit Bibel zu einer Kirche marschieren zu können, muss ich an seinen Vorgänger denken, der mit Krisensituationen so komplett anders umgegangen ist: