Blockchain – Mit Buzzwords zum Crowdfunding-Geld

Blockchain, Blockchain - alles ist Blockchain. In quasi jedem Tech-Artikel der etwas auf sich hält, muss heute dieses Keyword vorkommen. Noch schlimmer ist es bei neuen technischen Ideen - ohne den Begriff sind diese quasi automatisch obsolet. Doch hinter dem Buzzword verbirgt sich eigentlich keine Technologie an sich, es ist vielmehr eine Vision der Zukunft, die sich offenbar gut vermarkten lässt.
von Jan Gruber am 1. August 2018

Jede Woche quellen soziale Netzwerke mit Meldungen zu neuen Blockchain-Startups über, die dezentrale und verteilte Technologien versprechen. Das Leben wie wir es kennen soll sich verändern und uns – die Menschen – befähigen, über unsere eigene Zukunft zu entscheiden. Am Ende versprechen alle neuen Ideen das Gleiche – mehr Unabhängigkeit und Transparenz. Diese Versprechen verkommen aber schnell zu leerer Rhetorik.

Wie wäre es mit einem Spiel? Beim nächsten Start einer neuen Kryptowährung, oder sei es eine Blockchain für Journalismus, Warenhandel oder was auch immer, spielen wir Buzzword Bingo. Beliebte Begriffe wären dabei zum Beispiel: Blockchain, dezentral, transparent, verteilt, sicher, öffentlich, Krypto, verschlüsselt, Proof of Work, Proof of Stake und Hybrid. Bingo! Viele der Marketing-Wörter widersprechen sich eingangs zwar – wie transparent und verschlüsselt -, es gibt aber unzählige Erklärungen von schlauen Menschen, die nahelegen: Es funktioniert tatsächlich beides. Rein prinzipiell stimmt das auch. Denn Transaktionen sind zwar verschlüsselt, aber öffentlich einsehbar. So weit, so gut – Oma Erna ist jetzt wahrscheinlich beruhigt.

Blockchain mit Katzen?!

Habt ihr selbst vor, euch Crowdfunding-Geld für eure eigene Kryptowährung oder andere Ideen im Zusammenhang mit der Blockchain abzuholen? Dann befolgt doch unseren (zugegeben nicht ganz ernst gemeinten bzw. etwas zynischen) Guide:

1) Ihr benötigt zuerst ein Whitepaper. Quasi eine Idee, eine Abhandlung, die ihr festhaltet. Abhandlung klingt viel zu trocken – der englische Begriff Whitepaper ist da besser geeignet. Besonders cool und fanzy wird es aber erst, wenn ihr eine andere Farbe im Titel vergebt. Blackpaper klingt vielleicht etwas zu negativ, Green-Neon-Pink-Dotted-Paper etwas übetrieben – wie wäre es mit einem Greenpaper?

Wenn ihr euch für einen Namen eures Papers entschieden habt, nehmt euch die oben erstellte Bingokarte zur Hand und verteilt die dort festgehaltenen Begriffe einfach in rauen Mengen frei über den Inhalt. Keine Sorge, die Wörter können beinahe beliebig eingestreut werden, das fällt nicht auf.

2) Neben einem Paper wird natürlich auch eine Webseite benötigt. Dort könnt ihr euer Paper veröffentlichen – die zentralen Thesen selbstverständlich vorneweg. Was sind die zentralen Thesen? Die Sätze, in denen möglichst viele der Bingo-Wörter vorkommen. Etwas geschulte Programmierer können diese sogar per Skript automatisch ermitteln lassen.

Die Webseite selbst muss dann möglichst futuristisch sein. Eine obskure Domain, oder Domainendung, hilft auch. Besonders empfehlenswert: Sehr lange One Pager. Dunkler Hintergrund, helle Schriftarten, quasi ein permanent aktivierter Dark Mode für eure Seite.

3) Jetzt geht es ans Marketing. Besorgt euch diverse Mikroblogs und Zugänge zu sozialen Netzwerken: Medium, Reddit, Twitter – wenn es sein muss auch Facebook. Es gibt quasi keine Grenzen. Verbreitet dort eure zuvor ausgewählten Kernthesen. Meine lautet ja nach wie vor: „Die Blockchain wird nie müde, schläft nie und ist immer vor dem Nutzer oder dem Anwendungsfall da“.

4) Gehen wir Richtung Finanzierung – ihr benötigt jetzt einen Zeitplan. Das betrifft Funktionen, aber vor allem auch das Datum für das Initial Coin Offering – der Tag, an dem ihr beginnen möchtet, eure „Währung“ auch zu verkaufen. Die meisten Daten können dabei lose ausgewürfelt werden, bekanntlich hält sich Crowdfunding ohnedies nie daran. Nur das ICO-Datum sollte halten, schließlich wollt ihr dort auch noch Geld machen.

5) Genießt die gesammelten Millionen und verkauft fleißig eure Buzzword-Bingo-Coins

Selbst Facebook folgt unserem Guide

Und jetzt zurück in die Realität. Was ich mit diesem Beispiel sagen will? Dass nicht alles, eher nur sehr wenig, was Blockchain heißt, auch etwas damit zu tun hat oder wirklich gut ist. Der Begriff beschreibt vor allem eines: Eine Logik. Eine Variante, wie Transaktionen transparent für alle Teilnehmer verteilt werden können. Quasi eine Art Kassenbuch, das jeder Transaktionsteilnehmer immer vorhält und von jedem geprüft werden kann.

Die Idee mag sich für wenige – etablierte – Kryptowährungen eignen. Es gibt vielleicht auch andere sinnvolle Anwendungen – sei es das Tracking von Waffen oder anderen „überwachten“ Gütern wie Elfenbein oder Diamanten. Die Blockchain selbst ist eine gute Idee, die sich in der einen oder anderen Art durchsetzen wird. Die vielen Startups, die wie Pilze aus dem Boden schießen, helfen dabei nicht – im Gegenteil. Der Begriff verkommt zum Unwort und wird ein Synonym für das Verbrennen von Geld. Was Spekulanten aktuell ganz gut mit dem Ruf von Bitcoin hinbekommen, schaffen diese Startups mit dem kompletten Begriff und den damit verbundenen Visionen.

Blockchain jetzt auch bei Microsoft