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Smart Car, neu definiert

BMW Connected Services im Alltagstest

Die "Connected Services" und die "Connected App" haben BMW den Titel als "Bestes Vernetztes Fahrzeug" eingebracht. Wir wollten wissen, ob diese Auszeichnung gerechtfertigt ist und haben die Dienste im BMW 520d ausführlich getestet. Ob die Münchner den hohen Ansprüchen gerecht werden und der Konkurrenz digital die Rücklichter zeigen, lest ihr in unserem Test.

von Mark Kreuzer am 27. April 2017

Mit der BMW Connected App sichern die Münchner die nahtlose Vernetzung des Autos zu. Mit dem neuen BMW 5er haben wir die Connected Services und die Connected App getestet und versuchen herauszufinden, ob der Ruf als momentan „bestes Connected Car“ gerechtfertigt ist. Um tatsächlich den Alltags- und Praxisnutzen testen zu können, haben wir den Wagen fast zwei Wochen lang und über mehrere tausend gefahrene Kilometer getestet.

Installation und Einrichten der BMW Connected App

Die erste Amtshandlung nach dem Empfang des neuen 5er BMW war das Einrichten und die Installation der BMW Connected App, was überraschend schnell und problemlos vonstattenging. Dies ist vor allem der Tatsache zu verdanken, dass BMW im neuen 5er eine feste Sim-Karte verbaut hat, welche eigenständig und dauerhaft die Verbindung zum Internet ermöglicht. Viele andere Hersteller erfordern eine eigene (Multi-) SIM-Karte. Der Vorteil der bereits eingebauten SIM-Karte ist, dass der BMW als eigenes Device funktioniert, was die Kopplung extrem vereinfacht. Auf der BMW ConnectedDrive Seite erstellt man sich innerhalb von wenigen Minuten einen eigenen Nutzer-Account. Das Fahrzeug wird dabei über die letzten 7 Stellen der Fahrgestellnummer in der App oder auf der Webseite hinzugefügt. Um sicherzustellen, dass ihr zu diesem Schritt autorisiert seid, wird ein Bestätigungscode an das Fahrzeug geschickt. Die Kopplung erfolgte problemlos und schnell. Es lassen sich auch mehrere Wagen mit einem Account verbinden.

BMW Connected im Alltagstest

Für meinen ersten Tag habe ich einen „Marathon“ von 1.400 Fahrkilometern genutzt, um mich mit dem neuen iDrive System und dem Connected Drive vertraut zu machen. Abfahrt zu meinem ersten Termin östlich von Berlin war um 02:25 Uhr morgens. Wenn ihr der BMW Connected App Zugriff auf euren Kalender erlaubt, erinnert euch die App nicht nur an das rechtzeitige Losfahren (unter Berücksichtigung der aktuellen Verkehrslage), sie übergibt eure Fahrt direkt an das Navigationssystem im Auto.

In der Praxis heißt das: Ihr steigt in das Fahrzeug und die Navigation wird ohne weiteres Zutun direkt gestartet. Voraussetzung ist natürlich, dass ihr die eine ordentliche Ortsangabe in eurem Termin eingetragen habt. Für mich persönlich ist dies eine der wichtigsten und naheliegendsten Funktionen eines vernetzen Autos.

Auf meiner Fahrt nach Berlin hatte ich ausreichend Zeit, mich mit dem neuen iDrive System auseinanderzusetzen. Lag die Darstellung des Menüs bei früheren BMW noch in Listenform vor, setzt das neue iDrive Update auf eine Darstellung im Kachel-Design. Mich haben die Kacheln ein wenig an die aus Windows bekannten Live-Tiles erinnert. Jeder Haupt-Menüpunkt hat eine eigene Kachel, in der bereits die relevantesten Informationen angezeigt werden – ohne dass man das Menü tatsächlich öffnen muss. So läuft in der Navigations-Kachel die Karte mit, in der Kachel für Medien und Radio wird der aktuelle Song dargestellt und bei Connected Drive können zum Beispiel aktuelle Wetterinformationen oder Nachrichten angezeigt werden.

Vielseitige Bedienung mit iDrive

Vielen dürfte der iDrive-Knopf in der Bedienkonsole eine Begriff sein, der sich heute bei vielen Autoherstelleren in ähnlicher Form finden lässt. Über Drehen und Drücken steuert man so sehr schnell durch die Menüs. Ein großer Vorteil des iDrive Systems ist sicherlich, dass der Fahrer dafür die Augen nicht von der Straße nehmen muss. Ein kleiner Nachteil ist, dass man auch für kleinere Aktionen erst mehrere Menüsprünge durchführen muss. BMW löst dieses Problem im Ansatz, indem der iDrive Monitor jetzt auch über eine Touch-Funktion verfügt. Diese Vielseitigkeit führt in der Praxis zu einem sehr angenehmen Nutzerlebnis, da man zwischen den iDrive- und Touch-Funktionen nahtlos wechseln kann.

Mein Lieblingsbeispiel hierfür ist das Ein- und Ausschalten der Navigationsansagen, diese habe ich fast ausschließlich über die Touch-Funktion gemacht. Ein Punkt, der mir in diesem Zusammenhang negativ aufgefallen ist war, dass man in der Home-Ansicht zwar mit dem iDrive zwischen den einzelnen Menü-Punkten scrollen, aber nie direkt die Live Kachel auswählen konnte – sondern stets nur in das entsprechende Ober-Menü gelangte. Wenn man direkt zum Inhalt der Live-Kachel möchte, muss man seinen Finger bemühen. Es ist nicht wirklich ein Problem, aber mir ist es dennoch aufgefallen, dass dies ziemlich unlogisch ist. Meine einzige Erklärung hierfür wäre, dass BMW so die Touch Bedienung ein wenig „featuren“ will. Gerade langjährige BMW-Fahrer sind es nicht gewohnt, das Display zu berühren.

Die Vielseitigkeit der Bedienung in dem BMW hat mich wirklich überrascht. Man kann – statt den iDrive Knopf zu drehen – die Buchstaben der gewünschten Funktion auf die Oberfläche malen. In der Praxis hatte ich so meine Probleme mit der Groß- und Kleinschreibung, wie man sehen kann. Befand man aber in einer Angabe und näherte sich mit dem Finger an das Display, wird dies erkannt und man kann direkt mit einer Tastatur auf dem Touchscreen komfortabel seine Eingabe fortsetzen.

Sprachsteuerung hört aufs Wort

Wem das immer noch zu aufwendig ist, der kann man die meisten Funktionen direkt über die Spracherkennung ausführen lassen. BMW nutzt hier die sogenannte „Natural Language“ Funktion, die neben vorgegebenen Wortgruppen in der Lage ist, frei gesprochene Sätze zu verstehen und die entsprechenden Befehle auszuführen. Gerade bei der Spracheingabe zeigt sich wieder der Vorteil eines vernetzen Autos. So wird eine Kombination aus integrierter und cloud-basierter Spracherkennung genutzt. Damit ist die Zeit im Auto vorbei, in der man die vordefinierten Textphrasen für die Sprachsteuerung auswendig lernen musste, um das System per Sprache zu bedienen. Zudem werden sprachlichen Varianten wie Dialekte und Jargons auf diese Weise unterstützt. Gut gefallen hat mir auch, dass man das Sprachsystem unterbrechen kann und nicht mehr abwarten muss, bis die Antwort vorgelesen wurde. Die teilweise Auslagerung in die Cloud ermöglicht außerdem, dass neue Funktionen und Updates in Zukunft schneller ausgerollt werden können.

Gestensteuerung: Das Ende aller Vorurteile

Die Steuerung per Gesten hat BMW schon im letzten Jahr im 7er eingeführt. Seitdem habe ich vor allem skeptische Kommentare zu dieser Art der Steuerung gehört und gelesen. Falls es euch auch so geht: Vergesst das alles, sofort!

Die Art und Weise, wie man mit der Hand verschiedene Gesten zur Steuerung im Auto nutzen kann, ist das Beste (!), was ich bis jetzt jemals in einem Auto erlebt habe. Vielleicht ist es nicht immer intuitiv und für den Ein oder Anderen anfangs ungewohnt. Aber sobald man sich einmal daran gewöhnt hat, vermisst man es in jedem anderen Auto. Mit einem simplen Kreisen im freien Raum die Musiklautstärke zu beeinflussen, ohne auch nur auf das Display zu schauen kommt einem irgendwann als das Normalste in der Welt vor. Ebenso kann man mit einem Wisch oder Tippen in der Luft einen Anruf entweder Ablehnen oder Annehmen. Momentan gibt es noch nicht so viele Funktionen, die bereits Existierenden funktionieren aber nahezu perfekt und ermöglichen eine Bedienung, die absolut ablenkungsfrei ist.

BMW Connect mit wenig Ablenkung

Gerade die Thematik der möglichen Ablenkung vom Straßengeschehen spielt bei einem System wie bei dem BMW Connect eine entscheidende Rolle. Der möglichen Gefahr wird bei BMW auf verschiedenen Ebenen begegnet. Durch die verschiedenen Eingabemöglichkeiten – wie zum Beispiel der Spracheingabe – ist ein Abspielen der gewünschten Musik oder das Starten einer Suche über Google möglich, ohne das man sich bei der Eingabe ablenken lassen muss.

Gerade im Connected-Drive Hub möchte man sich eventuell einen angezeigten Artikel vorlesen lassen kann, funktioniert die ablenkungsfreie Implementierung erstaunlich gut. Auch empfange E-Mails zeigen den Header und den Anfang der Nachricht auf dem großen Display an, doch die vollständige Nachricht wird erst nach einem Halt des Fahrzeugs oder ausschliesslich über die Sprachausgabe der Nachricht zugänglich. Möchte man auf eine E-Mail oder eine SMS antworten, kann man dies ohne weiteres per Spracheingabe machen.

Während meiner Testphase habe ich das Telefon während der Fahrt kaum noch benötigt. Wenn das BMW Connected System jetzt noch eine Unterstützung von WhatsApp und Facebook Messenger bieten würde, wäre es in meinen Augen perfekt.

Mein Testwagen war mit dem sogenannten „Driving Assistant Plus“ ausgestattet. Das heißt, der Wagen bietet teilautonomes Fahren durch die Kombination von aktiver Geschwindigkeitsreglung und Lenk- und Spurführungsassistent. Das System im 5er-BMW hat mir dabei deutlich besser gefallen als zum Beispiel das gleiche System im Tesla, den wir ja ebenfalls bereits gefahren sind. Nachdem das System aktiviert wurde, übernimmt es die Steuerung des Autos – fordert aber vom Fahrer, dass seine Hände am Lenkrad bleiben. Anders als im Tesla Model S, der weite Strecken auch ohne Hand am Lenkrad absolviert, will der BMW bereits nach wenigen Sekunden die Hand am Lenkrad spüren. Dabei ist die Sensibilität der Berührungserkennung extrem hoch. In der Praxis hat man das Gefühl, dass der Wagen zwar selbst steuert, aber man trotzdem immer mit dabei ist und somit auch gedanklich die Kontrolle hat. Nichtsdestotrotz ist die Bedienung des Connected System durch den Driving Assistant Plus um einiges komfortabler und sicherer.

BMW Connect für Android und iOS

Die App konnte im App Store nicht gefunden werden. :-(
BMW Connected
BMW Connected
Entwickler: BMW
Preis: Wird angekündigt

Die BMW Connect App gibt es sowohl im Appstore von Apple für iOS als auch im Google Play Store für Android. Beide Apps bieten weitestgehend den gleichen Funktionsumfang, wobei es scheint, dass das iOS-System leicht bevorzugt wird.
Wenn ihr ein iPhone besitzt, könnt ihr im 5er-BMW zum ersten Mal Apple Carplay komplett Wireless benutzen. Die Kopplung ist einfach und das System funktioniert wie gewohnt. Aber in meinen Augen gibt es bei dem hervorragenden System von BMW keinerlei Gründe, Apple Carplay zu benutzen. Einen Vergleich der Apps auf iOS und Android haben wir für euch in einem kleinen Video zusammengefasst.

Gerade die Funktion mit dem Remote 3D-View auf Android hat nicht funktioniert, das hat mich schon ein wenig geärgert. Aber abgesehen davon hat die App auch auf Android problemlos funktioniert. Wenn man sich die App-Store Bewertungen anschaut, scheint dies aber längst nicht bei allen Usern der Fall zu sein. Aus dem, was ich so gelesen habe, schließe ich aber, dass sich die Probleme vor allem auf ältere Modelle als auf den neuen 5er beziehen. Dieses Problem haben auch viele andere Hersteller, sobald man in die Bewertungen der Apps schaut.

Für mich zeigen sich damit zwei Sachen. Zum einem, dass die Thematik App/Connected lange vernachlässigt wurde – aber auch, dass die Hersteller mit Hochdruck daran arbeiten und ihre Apps pflegen und aktualisieren.

Einen kleinen negativen Punkt muss ich dann aber dennoch loswerden: Das Ausführen von Befehlen wie Hupe, Lichthupe oder Verriegelung hat in einigen Fällen extrem lange gedauert, manchmal 10 Sekunden und länger. Natürlich ist mir klar, dass dies auch von der Netzabdeckung abhängig ist. Ich persönlich hatte aber eher das Gefühl, dass es ein Responsive-Problem ist. Auch wenn das Auslösen der Hupe im Parkhaus zum besseren Wiederfinden des Autos sicherlich keine zeitkritische Anwendung ist, ist es doch nervig, wenn man für 15 Sekunden auf sein Handy starrt bevor das Auto tatsächlich antwortet. Bonuspunkte gibt es aber für die Push-Benachrichtigung, die diesen Vorgang als „Connected Hupe“ bezeichnen.

BMW Connect Service und Apps mit viel Potential

Wo die Reise für das vernetzte Auto der Zukunft hingeht, kann man mit dem 5er sehr schön beim Parken in der Großstadt schon heute merken. Wenn ihr in der Stadt unterwegs seid, bekommt ihr auf dem Navigationssystem eine Wahrscheinlichkeitsanzeige, die euch helfen soll, einen freien Parkplatz zu finden. Durch unterschiedliche Einfärbungen seht ihr, welche Straßenzüge bei der Parkplatzsuche zu bevorzugen sind. Umso mehr Autos in der Zukunft bei diesem System mitmachen, umso besser wird das System in der Zukunft mit seinen Voraussagen sein. Dank der Kooperation mit dem Kartendienst Here, bei dem auch noch andere Autohersteller wie Mercedes-Benz und Audi beteiligt sind ist davon auszugehen, dass wir es in der Zukunft wesentlich einfacher haben werden, in der Stadt einen Parkplatz zu finden.

Habt ihr dann einen Parkplatz gefunden, könnt ihr mit der integrierten ParkNow App schon heute direkt ein virtuelles Parkplatz-Ticket ziehen. Der Vorteil ist, dass ihr nicht nach Kleingeld suchen müsst und das Parken minutengenau abgerechnet wird.

Ein anderer Service, der mir sehr gut gefallen hat, ist die integrierte Napster-Anbindung. Ihr habt im Fahrzeug also Zugriff auf fast 30 Millionen Songs. Selbstverständlich könnt ihr die Musikauswahl auch wieder über die Sprachsteuerung ganz einfach ansteuern.

Fazit BMW Connected Drive

Ich hätte eigentlich nie gedacht, dass ich mal einer Meinung mit den Kollegen von der Computer- und Auto-Bild bin, die den 5er-BMW als „Bestes Connected Car“ 2016 ausgezeichnet haben. Nach meinen eigenen Erfahrungen mit dem Modell könnte ich nun natürlich auch sagen, dass die Überlegenheit des BMW Connected Drive zur Zeit so eindrucksvoll ist, dass es selbst der Bild auffallen musste ;-).

Die Ausrichtung von BMW auf den Bereich der vernetzten Dienstleistungen hat ja bereits vor einigen Jahren mit dem BMW Concierge Service angefangen und wurde mit dem neuen 5er konsequent weiterentwickelt.

Habe ich vor dem Test noch Gedacht, dass Tesla das modernste System im Auto anbietet, so mache ich mir spätestens nach den Erfahrungen mit diesem Wagen keine allzu große Sorge mehr um die deutsche Automobilindustrie. Ja – vielleicht haben sie den Startschuss zum vernetzen Auto verpasst, aber mittlerweile haben sie enorm aufgeholt und setzen zum Überholen an. Wer am Ende die Nase vorne hat, wird sich zeigen – aber im Moment müssen sich alle anderen Hersteller erst einmal die Rücklichter von BMW anschauen.

Fotos: Jonas Speck