BMW “Link”: Vernetzt, elektrisch, zwischen Scooter und Motorrad

Motorräder mit elektrischen Antriebskonzepten findet man momentan noch selten, im Individualverkehr der Zukunft können sie aber durchaus eine große Rolle spielen. BMW gewährt mit dem "Link" einen Blick auf die eigene Strategie in diesem Bereich und zeigt "intelligente" und sicherheitsrelevante Features.

Mit dem BMW Concept Link geben uns die Münchner momentan im Rahmen des Concorso d’Eleganza Villa d’Este einen Ausblick auf ihre Zweirad-Strategie in den kommenden Jahren. Nachdem wir bereits im vergangenen Herbst einen Blick auf das Vision Bike Next 100 werfen konnten, finden sich nun auch Design-Elemente und technische Features in den ersten konkreten Konzeptstudien wieder. So besitzt das “Link” Motorrad nicht nur ein vollelektrisches Antriebskonzept, es ist auch vernetzt und beherrscht dementsprechend die V2V-Kommunikation.

Optisch wagt BMW den schwierigen Spagat zwischen einem klassischen Motorrad und einem Scooter, ohne dabei den Schwerpunkt auf die eine oder andere Seite zu legen. Der elektrische Antrieb und die somit im Motorrad verbauten Batterien führen dazu, dass sich für Ingenieure und Designer neue Freiheiten, aber auch neue Konsequenzen ergeben. Die können zur Herausforderung werden, gerade für den auf auf ein “klassisches” Motorrad-Bild geprägten Biker.

Mit dem nicht mehr existierenden Motorblock in der Mitte oder im eher oberen Bereich ändern sich bei einem elektrischen Antrieb beispielsweise die Gewichtsverhältnisse, was bei einem Motorrad und seinem Fahrverhalten nicht nur optisch elementare Auswirkungen haben kann. Die ähnlich wie in Fahrzeugen nun flach im “Unterboden” untergebrachten Akku-Module sorgen für einen sehr niedrigen Schwerpunkt des Zweirads, hinzu kommt der am Hinterrad angebrachte Elektromotor.

Über dessen potentielle Leistung und die Reichweite der Batterien schweigt sich BMW noch aus, was im momentanen Entwicklungsstadium nicht sonderlich verwundert. Da das “Link” ganz gezielt für Fahrer konzipiert ist, die das Gefährt im urbanen Umfeld einsetzen wollen, gelten hier ohnehin recht moderate Anforderungen. BMW verspricht in diesem Zusammenhang, dass neben dem Design besonders die Sicherheit und der Komfort im Vordergrund stehen sollen: so macht die besonders flache Bauweise ein seitliches Aufsteigen sehr einfach, ein Rückwärtsgang erleichtert das Manövrieren in engen Straßen oder Parksituationen.

Zukunftsweisend ist, dass sich BMW auch bei Motorrädern zunehmend von klassischen Bordinstrumenten verabschieden will – zumindest teilweise, mal mehr – mal weniger. Beim Concept Link gibt es dementsprechend unterhalb des Lenkers eine Touchscreen-Einheit, über die verschiedene Funktion wie das Navigations- oder Infotainmentsystem des Motorrads gesteuert werden können.

Für die Anzeige relevanter Daten und Fahrinformationen ist jedoch ein oberhalb des Lenkers angebrachtes Windschild zuständig, dessen Funktionsweise am ehesten mit einem Head-Up Display in einem Auto vergleichbar ist. Hier erhält der Fahrer Informationen zur Geschwindigkeit, zum Ladestand des Akkus oder zur Streckenführung, ohne den Blick tatsächlich von der Straße nehmen zu müssen.

Im Rahmen der Digitalisierung und der damit einhergehenden Vernetzung von Fahrzeugen werden auch Motorräder wie das Link mit entsprechenden intelligenten Features ausgestattet. Zum einen kann die Infotainment-Einheit des Bikes selbstverständlich auf Daten zugreifen, die der Fahrer über sein Smartphone mit dem Fahrzeug koppelt. So landen Adressinformationen, gespeicherte Ziele und Routen oder die Rufnummern von Kontakten im System. Mit einem entsprechend ausgestatten Helm und/oder Headset lassen sich diese Daten sprachgesteuert abrufen.

Vernetzte Sicherheit, auch bei der Kleidung

Die Vernetzung des Motorrads eröffnet aber auch ganz andere Anwendungsbereiche, die mit der unmittelbaren Fahrsituation zu tun haben. Denkbar wäre beispielsweise, dass das Motorrad eine sich in Kürze ändernde Wettersituation bei der Routenplanung berücksichtigt oder die optimale Strecke auf der Basis von idealerweise angesteuerten Ladepunkten kalkuliert wird.

Zugleich kommuniziert das Motorrad auch mit anderen Verkehrsteilnehmern, insbesondere mit anderen Fahrzeugen (V2V). Bei einer vollständigen Vernetzung einer zunehmenden Zahl von Autos und Motorrädern informieren sich die Fahrzeuge gegenseitig über ihre aktuelle Position, ihre Geschwindigkeit oder anderer verkehrs- und sicherheitsrelevante Parameter. Sprich: das Motorrad und sein Fahrer können in Zukunft wissen, dass hinter einer eigentlich nicht einsehbaren Kurve ein entgegenkommendes Fahrzeug naht oder eine Gefahrenstelle existiert.

BMW will in diesem Zusammenhang noch einen Schritt weitergehen und erklärt zugleich die Namensfindung “Link”. In das “Kommunikationssystem” zwischen Fahrer, Motorrad und anderen Verkehrsteilnehmern soll einbezogen werden, dass Motorradfahrer – anders as Autofahrer – in der Regel spezielle Kleidung tragen. Diese soll “smart” und von den Herstellern mit speziellen Sensoren ausgestattet werden, die z.B. bei einer drohenden Gefahrensituation vibrieren oder ähnliche Signale geben können.

Neben dieser präventiven und wirklich beeindruckenden “Sinnesunterstützung” in Ausnahmesituationen wäre es technisch überhaupt kein Problem, die Motorradkleidung auch in anderen Bereichen einzubeziehen und z.B. Elemente wie Blinker oder Bremsleuchten in die Rückenpartie zu integrieren. Das Motorrad übermittelt dann bei einer entsprechenden Kopplung das jeweilige Signal kabellos und verzögerungsfrei an die Kleidung bzw. die Sensoren und Signalgeber, die bisher ungenutzte Fläche erhält einen Sinn.

Wann ein auf dem BMW Link basierendes Modell tatsächlich auf den Markt kommt steht noch in den Sternen, die Richtung der Münchner ist allerdings klar. Letztendlich reizt man hier Grenzen aus und hat sich offenbar vorgenommen, etablierte Konventionen zur Diskussion zu stellen, nicht nur beim Design der Bikes. Die Chance besteht, dass man so neue Zielgruppen für das Motorrad begeistern und sich einen festen Platz im urbanen Individualverkehr der kommenden Jahrzehnte erobern könnte – auch international.