Kommentar
Brauchen wir einen Tesla im All? Oh ja! Danke, Elon Musk!

Gestern wurde mit der Falcon Heavy von SpaceX die aktuell größte Rakete ins All gefeuert. Mit an Bord: Ein Tesla Roadster von Elon Musk! Schräge Idee? Sicher. Aber eben auch inspirierend, wie ich finde.

69 Meter, 20 Zentimeter — exakt so lang ist die Rakete, die „Falcon Heavy“ getauft wurde und eine Modifizierung der Falcon 9 darstellt. Verantwortlich für die derzeit stärkste verfügbare Trägerrakete ist SpaceX, Elon Musks ambitioniertes Weltraum-Projekt. Wie vermutlich jedermann mitbekommen haben dürfte, wurde dieses riesige Ungetüm gestern erfolgreich ins All gefeuert.

Schon der Ort des Geschehens war ein besonderer: Vom Startplatz 39A des US-Weltraumbahnhofs Cape Canaveral wurden sämtliche Mond-Missionen und etliche Space Shuttle-Flüge gestartet. Der beste Platz also, um ein neues Kapitel der Raumfahrt aufzuschlagen. Die aktuelle Mission von SpaceX sollte zunächst einmal sicherstellen, dass man das knapp 70 Meter lange Baby tatsächlich in den Orbit und darüber hinaus Richtung Mars gesteuert bekommt.

Wie das in der Raumfahrt eben so ist: Jeder noch so kleine funktionierende Abschnitt der Mission bringt wertvolle Erkenntnisse für künftige Missionen, gleichzeitig bedeutet jegliches Abweichen vom Plan auch zwangsläufig, dass eine solche Mission nicht hundertprozentig erfüllt werden kann. Ein Risiko, dessen sich Elon Musk im Vorfeld bewusst war — wir erzählten euch bereits gestern davon, dass er dem Jungfernflug der Falcon Heavy ein 50-Prozent-Chance auf einen Erfolg einräumte.

Jenseits vom Versuch, die private Raumfahrt einen entscheidenden Schritt voranzubringen geht es bei diesem Projekt natürlich auch um andere Dinge. Ein spleeniger Milliardär, der eine gewisse Nutzlast für kommende Mars-Flüge simulieren muss, packt eben kein ödes Beton-Gewicht in seine Rakete, sondern einen Tesla Roadster aus eigenem Besitz.

Starman in Red Roadster

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Das ist eine fette PR-Nummer, an der sich aktuell ein wenig die Geister scheiden: Ja, natürlich ist das Werbung für ein Unternehmen, dem man durchaus kritisch gegenüber stehen darf/muss. Wir selbst halten uns da ja mit Kritik beileibe nicht zurück, wie ihr zum Beispiel hier lesen könnt — oder hier und hier. Und ja, selbstverständlich kachelt da jetzt ein völlig funktionsloser Roadster für tausende Jahre als Weltraumschrott durchs All.

Aber es gibt eben auch eine andere Seite. Die Seite, auf der ich mich befinde und von der ich mir wünsche, dass der Großteil der Menschheit sich auf diese Seite schlagen kann: Logisch nämlich, dass Musk das Vögelchen nicht ins All gefeuert hat, ohne verschiedene Kameras anbringen zu lassen. Und die Summe aus einer Weltraumrakete, einem Auto und entsprechenden Kameras ergibt dann eben das hier:

Eine Sternstunde der Raumfahrt

Als das Spektakel gestern losging, war ich gerade auf der Heimreise von einem fantastischen Kurzurlaub in Wien. Bedeutet, ich konnte leider nicht live im Stream verfolgen, wie der Start erfolgte. Aber spätabends zuhause sog ich nicht nur die unfassbar schönen Bilder aus dem Weltraum gierig in mich auf, sondern verfolgte auch noch das Treiben in den sozialen Medien.

Ja, natürlich gab es dort die Hater: „Musk ist ein Selbstdarsteller“, erkannten die einen; „Weltraumschrott“ lamentierten die anderen. Aber die meisten Menschen, die wirklich interessiert und dem Fortschritt gegenüber stets aufgeschlossen sind, haben sich teils mit einer kindlichen Begeisterung und Freude geäußert und die komplette Mission Schritt für Schritt begleitet und abgefeiert. Das perfekte Beispiel stellte für mich der von mir sehr geschätzte Robert Basic dar, der die Geschehnisse eifrig kommentierte:


Es geht um so viel mehr als um schöne Bilder, das ist ganz klar. Es geht darum, einen Zweig der Wissenschaft — eben die Raumfahrt — wiederzubeleben. Ende der 60er Jahre landeten die ersten Menschen auf dem Mond und wenn wir fair sind, halten sich die Erfolge seit dieser Zeit in überschaubaren Grenzen. Ja, wir haben außer einer stets wachsenden internationalen Raumstation auch einen Rover auf dem Mars und können Roboter auf einem 500 Millionen Kilometer entfernten Kometen absetzen. Aber ich habe das Gefühl, dass erst jetzt wieder eine Aufbruchstimmung zu verspüren ist, gepaart mit der Hoffnung, dass in absehbarer Zeit Menschen erneut den Mond betreten werden — und dann irgendwann eben auch den Mars. Wir waren gestern definitiv Zeuge bei einer Sternstunde der Raumfahrt!

Mein ganz subjektiver Eindruck ist schon seit Jahren, dass wir in unglaublich spannenden Zeiten leben. Zeiten, die viel mit uns machen und in denen wir äußerst wachsam sein müssen, wie sehr wir uns neuen Technologien ausliefern. Aber eben auch Zeiten, in denen so viel möglich scheint und sich so viele neue Wege in eine bessere Welt öffnen.

Elon Musk ist bei aller verdienten Kritik ein Mensch, der dazu in der Lage ist, viele andere Menschen zu motivieren und anzutreiben. Der ihnen das Gefühl gibt, dass auch in der heutigen, schwierigen Welt noch alles möglich ist und dass es sich lohnt, an seinen Träumen festzuhalten, egal für wie behämmert einen alle anderen halten.

Unbestritten dürfte auch unter Musk-Hatern sein, dass er in der privaten Raumfahrt ganz neue Benchmarks setzt. Die Falcon Heavy ist die mächtigste und größte Trägerrakete, die auf unserem Planeten derzeit im Einsatz ist, also sollte niemand so fahrlässig sein, die Weltraumpläne lediglich als eine Spinnerei eines spleenigen Milliardärs abzutun.

Und die Tatsache, dass im Gegensatz zu anderen Raketen wichtige Elemente wiederverwendbar sind, macht die SpaceX-Raketen günstiger und somit zu einem echten Brocken, den die Konkurrenz erst mal bewältigen muss. Auch hier zeigt sich dann wieder, wie weit man bei SpaceX bereits heute ist. Auch, wenn der zentrale Antrieb nach dem Lösen von der Falcon Heavy in der Nähe der dafür vorgesehenen Plattform in den Atlantik geballert ist — die beiden anderen Booster landeten punktgenau. Auch das sind meiner Meinung nach unglaublich beeindruckende Aufnahmen:

Eine Inspiration für die Astronaut(inn)en von morgen

Aber neben all den technischen Errungenschaften, die wir derzeit bejubeln können und die bei diesem Projekt SpaceX für sich verbuchen kann, geht es auch um andere, weniger greifbare Dinge. Um die „soften“ Werte, um Idealismus, um Inspiration und um eine Aufbruchstimmung. Ich glaube nicht, dass aufgrund der aktuellen Bilder aus dem Weltraum (hier der Start der Falcon Heavy und hier der anschließende Stream aus dem Orbit) alle Kids heute den Plan fassen, sich mit 18 ihren ersten Tesla kaufen zu wollen.

Aber ich glaube, dass ganz viele junge Menschen durch diese Bilder inspiriert werden, sich selbst der Wissenschaft zu widmen und vielleicht später selbst zu den Leuten zu gehören, die dieses große Abenteuer „Mars“ mit in Angriff nehmen möchten. Schaut euch dieses Video in einer ruhigen Minute (bzw. eher 45 ruhige Minuten) an und hört die Begeisterung der Menschen bei diesen Bildern. Nach x Jahren, in denen die Raumfahrt niemanden mehr so wirklich hinter dem Ofen hervorgelockt hat, macht Musik das Thema wieder sexy.

Ich glaube nicht, dass die Bilder von gestern den selben Impact auf die Menschheit haben, wie es seinerzeit bei der ersten Mondlandung der Fall war. Ich denke aber, dass es einen spürbaren Effekt haben wird und glaubt mal: Das Bild mit dem Astronauten im Tesla vor unserem Planeten wird uns unser Leben lang begleiten.

Auch das gehört eben zu dieser faszinierenden Personalie Elon Musk: Er ist eben nicht nur ein Mann, der durch ein Start-Up zu unfassbar viel Kohle gelangte, die ihm diese aktuellen Fantastereien ermöglicht. Und er ist auch nicht einfach nur der Visionär, der weitere visionäre und nach vorne denkende Menschen um sich versammelt, damit Projekte wie die Mars-Mission oder auch der Hyperloop realisiert werden können. Zusätzlich zu diesen Dingen ist er nämlich dann auch noch einer von uns, was das Geek-Level angeht.

Vermutlich muss man schon ein bisschen was an der Murmel haben, wenn man aus einem Jux heraus anfängt, Flammenwerfer zu verkaufen. Aber das meine ich im ganz positiven Sinne. Er ist jemand, der genau wie wir Science-Fiction-Literatur und -Filme verschlungen hat und er hat sich nicht nur den kindlichen Sinn fürs Experimentieren und Entdecken bewahrt, sondern eben auch diesen Geek-Geist.

Printed on the circuit board of a car in deep space

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Das geht schon bei der Idee los, tatsächlich ein Auto auf eine Rakete zu montieren, logisch. Aber der Nerd macht dort eben nicht Halt. Er setzt in diesen Roadster eben auch noch einen Dummy in Astronauten-Montur — und er lässt auf eine Platine im Tesla „Made on Earth by humans“ drucken. Er zeigt zudem auf dem Display des Tesla „Don’t panic“ an als Verbeugung vor dem Kult-Autor Douglas Adams. Das ist übrigens noch nicht alles: Wie es heißt, hat Musk ins Handschuhfach des Tesla sowohl eine Ausgabe von „Per Anhalter durch die Galaxis“ als auch ein Handtuch gepackt. Kenner der Romane von Adams dürfte das mit Sicherheit ebenso amüsieren wie mich.

Aber Musk verbeugt sich nicht nur vor Adams. Auch dem Science-Fiction-Autor Isaac Asimov huldigt er, indem er einen Datenträger mit ins All schießen ließ, der die Werke seiner „Foundation“-Reihe enthält. Und das Tüpfelchen auf dem „I“ war dann schließlich die Musik von David Bowie: Sein „Space Oddity“ dudelt im Tesla in Endlosschleife vor sich hin, auch wenn es dort weder Mensch noch Marsianer wirklich zu hören bekommen wird.

Untermalt mit der legendären Musik von Bowie, der sich in seinem Leben ja gleich mehrfach am Thema Weltraum abgearbeitet hat (übrigens wurde der Dummy im Tesla „Starman“ getauft – ebenfalls ein Bowie-Titel), entfachen die unendlich schönen Bilder nochmal mehr Stimmung. Ich bin ja als recht emotionaler Mensch bekannt und mich hat es dabei tatsächlich gestern übermannt: Diese Bilder aus dem All, die wundervollen Töne des von mir immer noch so schmerzlich vermissten David Bowie und dazu die Begeisterung über den technischen Fortschritt auf der einen Seite und das erneute Realisieren, welchen winzigen Staubkrümel jeder einzelne von uns im Universum darstellt — das alles führte dazu, dass ich tatsächlich Tränen in den Augen hatte und mich stundenlang auch nicht von dem Stream losen könnte.

Immer wieder musste ich diesem Tesla dabei zuschauen, wie er an unserem blauen Planeten vorbeirauschte. Werft mal einen Blick auf diesen Clip — vielleicht könnt ihr meine Faszination dann ja ein wenig nachvollziehen:

Während ich mir allein im Laufe des Schreibens dieses Artikels den obigen Clip bestimmt fünf mal reingezogen habe, wissen wir mittlerweile auch, dass die Rakete samt Tesla auf einem falschen Kurs unterwegs sind und im wahrsten Sinne des Wortes übers Ziel hinausgeschossen ist.

Eigentlich sollte er in einer Ellipse die Sonne umkreisen und somit immer wieder mal am Mars vorbeikacheln. Stattdessen ballert der Tesla Roadster — Stand: Jetzt — direkt auf den Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter zu. Das Schicksal dieses wahrlich ungewöhnlichen Objekts im Weltraum ist nun also denkbar ungewiss und wird ganz unabhängig davon noch sehr, sehr lange für Gesprächsstoff sorgen.

Zugegeben: Neben „Wir sind auf dem Mond gelandet“ klingt „Ich hab einen Roadster auf einer Rakete zu Bowie-Musik und mit Handtuch im Handschuhfach Richtung Asteroidengürtel geschossen“ erst mal ein bisschen komisch. Aber es ist unbestritten: Wir sind dabei, wie Geschichte geschrieben wird und wir setzen einen ersten kleinen Tippel-Schritt auf dem langen Weg des Abenteuers „Mars-Mission“.

Musk ist manchmal vielleicht wirklich ein arroganter, sich selbst überschätzender und wenig kritikfähiger Penner. Aber er ist definitiv auch jemand, der inspiriert und der wirklich bestrebt ist, mit seinen Ideen die Menschheit voranzubringen. Vielleicht schlagen wir morgen schon wieder die Hände über dem Kopf zusammen und müssen einen Artikel schreiben, in dem Tesla nicht besonders gut weg kommt — aber heute möchte ich mich bei Elon Musk bedanken und mich vor ihm, seinen Tatendrang und seinem Erfindergeist verneigen. Danke, Mr. Musk!