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Kurz aufgeregt

Brauchen wir tatsächlich immer noch Wahlplakate?

Ende Mai ist Europawahl! Das bedeutet, dass die Parteien sich jetzt im Wahlkampf befinden. Wie immer ein sichtbares Indiz dafür: Schilderwälder der Parteien am Straßenrand. 

von Carsten Drees am 15. April 2019

Vom 23. Mai bis zum 26. Mai wird in Europa gewählt! Für uns in Deutschland findet die Wahl am Sonntag, den 26. Mai statt und danach wissen wir, welche Parteien das Europa von morgen formen sollen. Es ist Tradition, dass die Parteien vorher in den Wahlkampf ziehen und uns wortgewandt erklären, wieso genau wir unser Kreuzchen bei ihnen machen sollen und bloß nicht woanders.

Wenn ich mich daran erinnere, wie Wahlkampf geführt wurde, als ich noch klein war, erinnere ich mich an vollmundige Versprechen, die hinterher dann natürlich nicht tatsächlich gehalten wurden, ich erinnere mich an Partei-Stände in den Fußgängerzonen, in denen für die eigene Politik getrommelt wurde und wo Kugelschreiber, Fähnchen und Luftballons an Passanten verteilt wurden. Vor allem erinnere ich mich aber daran, dass die Straßen übersät waren von Wahlplakaten.

Heute leben wir in einer Welt, in der das Internet die größte Plattform ist, um viele Menschen auch im Wahlkampf zu erreichen. Das wissen die Parteien generell auch für sich zu nutzen. So äußert man sich auf Facebook und Twitter mit markigen Sprüchen, Wahlversprechen und Seitenhieben gegen die Konkurrenten. Es gibt YouTube-Videos, teilweise sogar eigene Partei-Plattformen und allgegenwärtig auch knackige Zitate in Form der üblichen Spruchbilder.

Das alles hält die Parteien aber nicht davon ab, dennoch auch die Wahlplakat-Folklore weiterzuführen. Alle Parteien haben gemeinsam, dass sie jeweils glauben, das richtige Programm ausgearbeitet zu haben, mit dem man das Europa von morgen formen kann. Nicht nur dank der #FridaysForFuture-Bewegung kommt dieses mal keine seriöse Partei am Thema Klimaschutz vorbei.

Aber ist es tatsächlich im Jahr immer noch State of the Art, gleichzeitig fürs Klima zu kämpfen und Wahlplakat-Müllberge zu produzieren? Wie viele Menschen kennt ihr, die sowas sagen wie: “Ich war mir nicht ganz schlüssig, wen ich wählen soll — aber dann sah ich dieses Plakat und habe mich für Partei XYZ entschieden”? Genau — niemand jemals in der Geschichte der demokratischen Wahlen hat jemals sowas von sich gegeben.

Wen möchte man erreichen mit diesen Plakaten, die jetzt wieder reihenweise unsere Straßen verschandeln? Die, die sich wirklich für Politik interessieren? Sicher nicht, denn die bilden sich ihre Meinung sicher nicht auf der Basis von nichtssagenden und viel zu viel behauptenden Sprüchen am Wegesrand.

Und die Politikverdrossenen, die Protestwähler? Nein, wer fünf Jahre lang genervt ist von dem, was die Altparteien propagieren, springt jetzt bestimmt nicht drauf an, wenn man die selbe Floskel und das selbe Wahlversprechen zum x-ten mal hört bzw. liest. Dennoch sind sich die Parteien augenscheinlich einig, dass man auf die Plakate nicht verzichten kann.

Immer wieder mal gibt es Vorstöße — mal von den Linken, mal von den Piraten — doch auf dieses Relikt vergangener Jahrzehnte zu verzichten. Gleichzeitig will man aber auch nicht riskieren, dass die eigene Partei vorprescht, während alle anderen weiter machen wie bislang. Sollten die Plakate wider Erwarten doch was bringen beim Wähler, will man sich ja schließlich nicht selbst schwächen.

Aber ganz ehrlich: Wäre es nicht ein beeindruckendes Statement für den Klimaschutz, wenn eine Partei sagen würde: “Jedes Jahr verschandeln wir die Straßen mit X Tonnen an Wahlplakaten und tragen auf diese Weise zur Umweltverschmutzung bei. Wir meinen es aber ernst mit dem Klimaschutz und werben daher nicht mehr auf diese Art!”

Ich glaube, so ein Statement würde im Netz für Aufsehen sorgen und wäre vielleicht wirklich etwas, was den Klimaschutz-Anspruch einer Partei unterstreichen und damit das Zünglein an der Waage sein könnte. Zumindest aber würde so vermieden werden, dass zentnerweise zusätzlicher Müll produziert wird.

Unabhängig davon haben wir bei den letzten Wahlkämpfen auch davon gehört, dass es immer öfter zu Übergriffen beim Aufstellen kommt und dass Plakate von der Konkurrenz verschandelt oder entfernt wird. Auch dieser Entwicklung könnte man Einhalt gebieten, indem man schlicht auf die Plakate verzichtet.

Und wenn wir schon dabei sind: Das Gleiche gilt auch für die Aufkleber, Fähnchen, Kugelschreiber und was es sonst noch für billig produzierten Wahlkampf-Ramsch mit Parteien-Logo gibt. Wenn wir uns hier auf dem Blog für eine Tech-Plattform hin und wieder von unseren Wurzeln entfernen, um für den Umwelt- und Klimaschutz zu trommeln, dann erwähnen wir dabei auch immer wieder, dass es auch die vielen kleinen Dinge sind, die jeder Einzelne angehen kann und die in Summe dann auch die Welt ein bisschen sauberer machen. Wieso also gibt es hier kein Statement der Parteien in Form eines Plakat-Verzichts? Wieso hilft man nicht der Umwelt auf die Sprünge und bindet die unzähligen — meist ehrenamtlichen — Parteisoldaten nicht anders in den Wahlkampf ein? Zumindest von den Grünen hätte ich erwartet, dass sie hier mit gutem Beispiel vorangehen. Aber auch für CDU, SPD und alle anderen ist diese Art der Werbung für mein Empfinden nicht mehr zeitgemäß.