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Breitere Radwege? Für wirklichen Wandel braucht es mehr als das!

Unsere Innenstädte müssen ein anderes, nachhaltigeres Gesicht bekommen. Mit breiteren Radwegen allein ist es da aber noch lange nicht getan.

von Carsten Drees am 1. Dezember 2019

Als ich vor einigen Tagen Deutschland bis zum Jahresende den Rücken zugekehrt habe, blickte ich vorher noch einmal aus dem Fenster meiner Dortmunder Wohnung. Ich lebe dort direkt am Wallring und vor meiner Haustür gab es monatelang eine riesige Baustelle. Es wurden neue Heißwasserleitungen verlegt, es wird “grüne Wärme” für Dortmund geschaffen, heißt es. Ist auch wirklich lobenswert, denn allein dadurch können jährlich in Dortmund 45.000 t CO2 eingespart werden.

Ich erzähle euch das deswegen, weil ich bei solchen Großbaustellen in unserer Innenstadt auch immer einen Funken Hoffnung in mir trage, dass man so eine Maßnahme dazu nutzt, auch das Gesicht der Stadt ein wenig zu verändern. Wenn man schon eh alles aufreißt, wieso klaut man nicht den Autofahrern eine ihrer drei Spuren und macht daraus einen richtig fetten Radweg? Oder wieso macht man den bestehenden Radweg nicht zumindest sicherer, indem man ihn stärker von den Autospuren abgrenzt?

So wie es bei meinem letzten Blick aus den Fenster aussah, passiert dort nichts dergleichen. Einige Hundert Meter weiter wird immerhin eine für Fahrradfahrer gefährliche Passage des Ringes durch einen Radweg-Ausbau entschärft. Besser als nichts, klar — aber es muss deutlich mehr passieren auf bzw. mit den Straßen deutscher Innenstädte.

Wir brauchen Brücken, keine Zweige

Vor einigen Tagen las ich auf Citylab (aktuell eine meiner Lieblings-Seiten, schaut dort unbedingt vorbei) einen Artikel, der für die USA genau dieses Problem beschrieb. Es gibt überall immer nur Flickwerk, wenn es um Spuren für Fahrräder und Mikromobilität generell geht. Das Auto dominiert wie selbstverständlich das Straßenbild, Radfahrern werden allenfalls Häppchen hingeworfen. Autor Terenig Topjian wirft in seinem Beitrag einen Blick aufs Jahr 1939, auf die Weltausstellung in den USA und auf die Vision “Futurama” von General Motors, in der der Autohersteller skizzierte, wie er sich die Welt des Jahres 1960 vorstellte.

Natürlich sieht die Zukunft nie so aus, wie man sie sich 20 Jahre vorher ausmalt, aber die Vision der vielspurigen Highways wurde in den kompletten USA adaptiert. Man schuf eine Welt, in der die Innenstädte vom Auto dominiert wurden und das hat sich weltweit bis zum heutigen Tage nicht mehr geändert.

Im Citylab-Artikel wird daher nun ein “Futurama” für Mikromobilität gefordert. Einen Vergleich aus dem Beitrag möchte ich euch nicht vorenthalten. Topjian schreibt:

Es ist, als würde man sich eine Brücke ausmalen und nach Zweigen fragen – nutzlos, unfähig, ein bedeutungsvolles Gewicht zu tragen, leicht zu zerbrechen. Und es geht darum, die Fahrradinfrastruktur wie einen hoffnungslosen Charity-Fall zu behandeln.

Nichts anderes beobachte ich in Deutschland auch. Egal, ob Verbände oder Privatpersonen: Mit einem Anliegen, die Infrastruktur für Fahrräder zu verbessern, ist man allenfalls ein kleiner Bittsteller, dem man hin und wieder mal ein paar Brosamen hinwirft. Erinnert euch oben an meine Zustandsbeschreibung Dortmunder Straßen. Man freut sich tatsächlich schon darüber, dass überhaupt mal Maßnahmen ergriffen werden, um Radfahrern das Leben sicherer zu machen und/oder ihnen mehr Platz zu gewähren.

Aber da denken wir alle irgendwie noch falsch, viel zu klein. Man muss diese Dinge größer denken, entsprechend größer fordern — und sie sollten demzufolge dann auch in solchen Größenordnungen umgesetzt werden. Wir brauchen den öffentlichen Raum zurück, brauchen Brücken statt Zweige! Jahrhundertelang waren es Orte der Begegnung. Hier wurde gefeiert und musiziert, es wurde Handel getrieben, sich ausgetauscht und vieles mehr. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts hingegen hat das Auto mehr und mehr den öffentlichen Raum erobert und dominiert ihn aktuell so stark, dass man als Radfahrer oder Fußgänger allenfalls geduldet ist.

Wie will man Menschen dazu bewegen, das Auto stehen zu lassen und auf alternative Fortbewegungsmittel zurückzugreifen, wenn man auf den ersten Blick erkennt, dass es gefährlich und beklemmend ist, sich in einer deutschen Großstadt aufs Fahrrad zu setzen? Auch ohne irgendwelche Anreize für Radfahrer wird es enger und enger auf den Straßen. Zu den üblichen Radfahrern gesellen sich Lastenräder hinzu, Fahrer von Bringdiensten und natürlich auch die E-Scooter-Fahrer.

Genau deswegen müssen wir den lokalen Politikern und Städtebauern mehr auf die Finger klopfen und entsprechende Anpassungen einfordern. Wir dürfen uns nicht nur mit Zweigen zufriedengeben, in diesem Fall also vereinzelte Meter Radweg. Wir benötigen Brücken, sprich: eine fundamentale Neuausrichtung des öffentlichen Raums. Mit Rückbau der Auto-Infrastruktur und fairerer Verteilung des Raums zugunsten von Radfahrern und Fußgängern bzw. generell allen Personen, die nicht mit dem eigenen Automobil die Innenstadt verstopfen.

Wir benötigen in den Innenstädten nicht so viel Platz für Autos, diese Straßen könnte man durch die Bank besser nutzen für Mikromobilität, breitere Gehwege, Sitzgelegenheiten zum Verweilen und was auch immer. Das ist auch alles kein Hexenwerk, denn wir sehen ja, beispielsweise bei unseren Nachbarn in den Niederlanden oder in Dänemark, wie man das Auto sanft zurückdrängen kann, ohne dass der Verkehr darunter leidet — und als positiver Nebeneffekt werden die Innenstädte sogar attraktiver für jedermann.

Damals war es General Motors mit einer — logischerweise — Agenda-getriebenen Idee, wie die Städte der Zukunft aussehen müssen. Jetzt wird es höchste Zeit, dass wieder so etwas geschieht und zwar mit Mikromobilität und Nachhaltigkeit im Fokus. Wir brauchen die Nachhaltigkeits-Lobbyisten und eine Politik, die Mikromobilität ebenso fördert und subventioniert, wie sie es viel zu viele Jahre lang bei den Autos getan hat.

Es ist wirklich schön, wenn hier und da mal eine Gasse für Autos dicht gemacht wird und neue Radwege entstehen. Wir brauchen aber eine fundamentale Neuausrichtung der City, brauchen mehr Platz für Räder, Fahrrad-Autobahnen und weitere Errungenschaften mit diesem Fokus. Wir müssen das alles größer und in einem langfristigeren Kontext sehen, dann klappt es auch mit der Stadt der Zukunft. Wir als Einzelpersonen können da natürlich nur begrenzt aktiv werden. Wir können die entsprechenden Parteien wählen und Abgeordnete anschreiben. Richten muss es aber im Endeffekt die Politik, mit Unterstützung der Industrie und auf Nachhaltigkeit bedachten Lobbyisten. Ich glaube, dass die Idee, dass wir schnell und rigoros handeln müssen, in immer mehr Köpfen ankommt. Daher bin ich auch gar nicht so skeptisch, dass so ein Wandel schneller kommt, als Dieter Nuhr ein, zwei brauchbare Thunberg-Witze erzählen kann.

Quelle: Citylab

Bild von Linus Schütz auf Pixabay