Brisante E-Mail: Teslas letzte Chance

In einer brisanten E-Mail an die eigenen Mitarbeiter nimmt Elon Musk kein Blatt vor den Mund. Das laufende Quartal sei Teslas letzte Chance, das Unternehmen benötige für die Produktion des Model 3 dringend neues Kapital von möglichen Investoren. Kosten müssten reduziert werden, zudem solle jedes irgendwie produzierbare Fahrzeug nun auch tatsächlich verkauft werden.

von Bernd Rubel am 12. September 2016

Es lief nicht gut für Tesla in den vergangenen Monaten. Der “Autopilot” des Model S steht nach mehreren Unfällen international in der Kritik, Aufsichtsbehörden ermitteln. Immer mehr Fahrzeughersteller kündigen an, dass sie in gar nicht allzu ferner Zukunft ganze Modellserien auf Elektroantriebe umstellen werden, der Druck der Konkurrenten wächst. Der Master Plan 2 des charismatischen Unternehmenslenkers wirkte wie der etwas missglückte Versuch, neue Zuversicht in die langfristige Zukunft des Unternehmens zu wecken.

Hinter den Kulissen geht es bei Tesla offenbar weitaus hektischer zu. Das us-amerikanische Finanzmagazin Bloomberg veröffentlichte am vergangenen Freitag eine brisante Mail von Elon Musk an die eigenen Mitarbeiter. Bereits Ende August hatte der CEO die vertrauliche Mail mit dem Titel “Third Quarter Rally!” an seine Untergebenen versendet.

I thought it was important to write you a note directly to let you know how critical this quarter is. The third quarter will be our last chance to show investors that Tesla can be at least slightly positive cash flow and profitable before the Model 3 reaches full production. Elon Musk, Tesla

Elon Musk kommt in der Mail direkt auf den Punkt: das aktuelle dritte Quartal sei für das Unternehmen entscheidend, wenn nicht sogar kritisch. Es handele sich um die letzte Chance den Investoren zu demonstrieren, dass Tesla zumindest ansatzweise in der Lage sei, profitabel zu wirtschaften, bevor man mit der Produktion des angekündigten Tesla Model 3 beginnen werde.

Die zur Produktion notwendigen Investitionen im kommenden 4. Quartal würden zwangsläufig zu einer negativen Quartalsbilanz führen. Im aktuellen 3. Quartal stehe alles auf des “Messers Schneide”, man müsse jedes irgendwie produzierbare Fahrzeug unbedingt verkaufen und gleichzeitig an allen möglichen Stellen Kosten reduzieren. Nur dann, so Elon Musk, werfe man eine Torte in das Gesicht all der Neinsager an der Wallstreet.

We are on the razor’s edge of achieving a good Q3, but it requires building and delivering every car we possibly can, while simultaneously trimming any cost that isn’t critical, at least for the next 4.5 weeks. Elon Musk, Tesla

Darüber hinaus sei es elementar, dass man im 4. Quartal weiteres Kapital für die Produktion des Tesla Model 3 einsammele. Die Gigafactory und die Produktionsstätten sind offenbar noch nicht für die Produktion vorbereitet, hierzu benötigt das Unternehmen dringend Cash.

Unterdessen nimmt Elon Musk weitere Kredite auf. Die Deutsche Bank stellt dem Unternehmen offenbar 300 Millionen Dollar zur weiteren Finanzierung seines Leasing-Programms zur Verfügung, wie das Handelsblatt berichtet. Damit will Tesla die eigenen, nach zwölf aufeinanderfolgenden verlustreichen Quartalen offenbar knappen Cash-Reserven schonen. Etwas seltsam dürfte es zukünftigen Investoren vorkommen, dass Musk gleichzeitig auf “Einkaufstour” geht und den nicht unbedingt profitablen Solarpanel-Hersteller SolarCity übernommen hat.

Bullshit Deluxe – Wie Tesla und Elon Musk die Medien manipulieren
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Der größte Kostenfaktor bei Tesla ist und bleibt der Ausbau der Gigafactory und der Produktion. Statt erst 2020 will das Unternehmenschon 2018 500.000 Elektroautos pro Jahr produzieren, was Skeptiker angesichts der bisherigen Zahlen und Verzögerungen als völlig unrealistisch bezeichnen. Im Jahr 2016 sollen es zwischen 80.000 und 90.000 produzierte Elektrofahrzeuge werden, doch in den vergangenen 6 Monaten liefen erst rund 29.000 Autos von den Bändern. Das führt zu Problemen: Im zweiten Quartal stieg der Verlust des Unternehmens um satte 60% auf 293 Millionen US-Dollar.

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Kritiker werfen Musk vor, dass er elementare Grundlagen der Fahrzeugproduktion nicht verstanden habe und nicht in der Lage sei, die Fertigung der bisher verfügbaren und zukünftigen Modelle auf ein profitables Maß zu skalieren. Statt sich auf die Investitionen für den potentiellen Verkaufsschlager Model 3 zu konzentrieren, verzettele man sich bei Tesla in einer zwar publicity-trächtigen, aber unprofitablen “Featureritis” bei bereits existierenden Modellen.

Tesla hatte erst kürzlich bekanntgegeben, dass man das sowohl das Model S als auch das Model X mit neuen Batterien ausstatten und somit die Reichweite der beiden Fahrzeuge erhöhen werde. Allerdings steigt damit der Preis der Autos, der zweieinhalb Tonnen schwere Elektro-SUV Model X ist nun ab circa 135.000 US-Dollar zu haben. Damit nicht genug: Musk musste einräumen, dass die Produktion dieser leistungsstärkeren Batterie-Packs komplexer sei als man angenommen habe, dementsprechend sei die Verfügbarkeit eingeschränkt. Dringend benötigte Einnahmen bleiben also aus, weil Tesla nicht oder nur zeitverzögert liefern kann.

Alle Hoffnungen des Unternehmens ruhen auf den beeindruckenden Vorbestellungen für das (in der Grundkonfiguration) circa 35.000 US-Dollar teure Einstiegsmodell Model 3. Rund 400.000 Vorbesteller hatten 1.000 US-Dollar hingeblättert um sich einen Platz auf der Auslieferungsliste zu sichern.

Das spülte zwar vorerst 400 Millionen Dollar in die Kassen, doch eine Sorge bleibt: sollte Tesla es nicht schaffen, die Produktion für das Tesla Model 3 rechtzeitig zu starten, könnten die Konkurrenten vergleichbare Modelle in einer ähnlichen Preisregion früher auf den Markt bringen. Das wiederum könnte – je nach Attraktivität der vorgestellten Konkurrenten – einen erheblichen Teil der dann mitunter bereits lange wartenden Interessenten zur Stornierung der Reservierung bewegen.

Tödlicher Unfall in den Niederlanden

Eine vorläufige “Entwarnung” kommt unteressen aus den Niederlanden. Dort war ein Tesla mit hoher Geschwindigkeit gegen einen Baum geprallt, der Fahrer starb. Nach einer ersten Auswertung der Systemdaten sei das Fahrzeug bei abgeschaltetem “Autopilot” mit 155 km/h unterwegs gewesen. Die niederländische Zulassungsbehörde hatte dem Fahrzeug die europaweit gültige Zulassung für den Autopiloten erteilt und sah sich bisher nicht veranlasst, diese Genehmigung trotz anhaltender Kritik zurückzuziehen. Die Einsatzkräfte vor Ort hätten bei der Bergung des Verunglückten Angst vor Stromschlägen gehabt, berichtet die niederländische Nachrichtenagentur ANP – zumindest in diesem Punkt muss Tesla wohl noch einiges an Aufklärungsarbeit leisten.

“Autopilot” erkennt nun auch UFOs

“The net effect of this, combined with the fact that radar sees through most visual obscuration, is that the car should almost always hit the brakes correctly even if a UFO were to land on the freeway in zero visibility conditions.” Elon Musk, Tesla

Den seit geraumer Zeit in der Kritik stehenden Autopiloten will Tesla unterdessen wie bereits angekündigt updaten. Elon Musk kündigte an, dass die in den kommenden ein bis zwei Wochen via OTA-Update kommende Version 8.0 “massive” Verbesserungen des Assistenzsystems enthalten werde. So sollen die bereits im Fahrzeug befindlichen Radar-Sensoren neue Informationen liefern, die – so Musk – zu einer “wahrscheinlich dreifachen Verbesserung der Sicherheit” führen werden. Musk nannte das dann verfügbare radarbasierte Bremssystem (Zitat) “superhuman”.

Maßgebliche Neuerung beim “Autopiloten” soll eine Änderung der Prioritäten sein. Bisher habe man auf eine übereinstimmende Interpretation einer potentiellen Gefahrensituation durch die integrierten Kameras und den Radar gesetzt. Nun soll dem Radar die “Entscheidungshoheit” übertragen werden: erkennt dieser ein Hindernis, soll allein dieses Signal ein selbstständiges Umfahren oder Bremsen des Fahrzeugs einleiten. Zudem könne der Radar nun auch über das direkt vorausfahrende Fahrzeug hinaus “sehen”.

“It should work for something like a moose, because a moose is quite a big mass.” Elon Musk, Tesla

In der gewohnt euphorischen Weise fügte Elon Musk in einem aktuellen Blog-Beitrag hinzu, der Radar erkenne nun auch landende UFOs. Der Tesla Model S und der Tesla Model X würden mit dem neuen “Autopiloten” zu den sichersten Fahrzeugen auf der Straße, da sich – so seine Vermutung – die Zahl der Unfälle mit dem neuen System “halbieren” lasse.

Für Branchenkenner kommt der neue Fokus auf das Radarsystem wenig überraschend. Der bisherige Tesla-Zulieferer Mobileye hatte im August angekündigt, dass man die Technologie-Partnerschaft mit dem Unternehmen nicht verlängern werde.