Buchrezension: "Teaching like your hair is on fire"

Interaktive Module und Tests, Lernvideos, digitale Tafeln und Whiteboards, Tablets – das und noch viel mehr können Lehrer, je nach Ausstattung der Schule, heute im Unterricht einsetzen. All diese Tools bieten Vorteile und Möglichkeiten, doch Technik allein macht noch keine guten E-Learning-Kurse und keinen guten Unterricht. Dafür sind didaktische Fähigkeiten und Grundlagen unverzichtbar. Genau um die geht es im heute vorgestellten Buch “Teaching like your hair is on fire“.

Der Autor Rafe Esquith hat für seine Unterrichtsmethoden und sein schulisches Engagement zahlreiche Preise erhalten, unter anderem die National Medal of Arts und den Compassion in Action Award des Dalai Lama. Nun sagen solche Preise per se erstmal nichts aus, doch wer sich ein wenig mit der Person und seinen Büchern befasst versteht, warum die Preise in seinem Fall mehr als verdient sind.

Rafe Esquith ist Lehrer mit Leib und Seele, wie es so schön heißt, und beschreibt in seinen Büchern seine Erfahrungen und Methoden. Der sympathischste Zug ist gleichzeitig der Aspekt, der seine Bücher aus meiner Sicht auch lesenswert, praktikabel und lehrreich macht: Rafe Esquith beschreibt seine Fehler und Misserfolge ebenso detailliert und gnadenlos wie seine Erfolge und lässt die Leser daran teilhaben.

Lehre unter schwierigsten Bedingungen

Rafe Esquith unterrichtet an einer Elementary School die vom Kindergarten bis zur fünften oder sechsten, in manchen Gegenden auch bis zur achten Klasse, reicht. Umfragen und Erhebungen zur Folge leben 90 Prozent seiner Schüler unterhalb der Armutsgrenze und stammen aus Familien im Immigrationshintergrund, in denen Englisch nicht die Muttersprache ist.

Anders gesagt: Er unterrichtet in einem schwierigen Umfeld mit Schülern, denen die meisten – sowohl in den USA als auch in Deutschland – nur wenig bis keine Chancen einräumen würden. Dennoch zählen Esquiths Schüler regelmäßig zu den besten fünf bis zehn Prozent in den nationalen US-Leistungstests.

Aus der Praxis für die Praxis

Der Kern von Rafe Esquiths Erfolg als Lehrer: Voller Einsatz, viel Leidenschaft und ein konsequent durchgezogenes Vorbild. Seine Beziehung zu den Schülern ist von gegenseitigem Vertrauen und Respekt geprägt.

Er denkt bei allen Aufgaben und Themen über den reinen Lehrplan hinaus und nutzt jede Gelegenheit, um seinen Schülern lebenswichtige Fähigkeiten und Lernerfahrungen zu ermöglichen.

In “Teaching like your hair is on fire” zeigt er unter anderem…

  • … wie er Bücher und Filme nutzt, um analytische Fähigkeiten und Selbstorganisation zu schulen.
  • … wie und warum Ausflüge für ihn zu den wichtigsten Lehreinheiten gehören.
  • … wie er Mathematik, Englisch, Grammatik und andere Themen didaktisch aufbereitet.
  • … wie er seinen Schülern den Umgang mit Geld und Ressourcen nahe bringt.

All seine Themen und Methode sind natürlich auf Kinder ausgerichtet, können jedoch auch auf Studenten und sogar für die Erwachsenenbildung adaptiert werden.

Nutzen fürs E-Learning?

Auch wenn der Zusammenhang und Nutzen für den E-Learning-Einsatz nicht offensichtlich sein mag, hat das Buch meiner Meinung nach dafür einiges zu bieten. Die didaktischen Grundlage sind an sich schon wichtig für den Unterricht, doch vor allem sein Kernprinzip – Lehren durch Vorbild – lässt sich eins zu eins auf E-Learning und den Technikeinsatz im Unterricht übertragen.

Engagierte Refendare und Lehrer machen es vor: Sie nutzen Laptop, Tablet, elektronisches Whiteboard und andere Gadgets und Techniken selbst für ihren Unterricht. Sie zeigen ihren Schülern durch ihren eigenen Einsatz, wie sich Technik sinnvoll ins Lernen integrieren lässt und wo die konkreten Vorteile für die Schüler liegen.

Sinnvolles E-Learning ist – Rafe Esquith spricht es in seinem Buch indirekt an – eben nicht nur der Einsatz von Technik oder Computern. Immer noch gibt es Lehrer, die ihre Schüler einfach nur vor Computer oder E-Learning-Systeme setzen und sinngemäß sagen: “Da sind die Inhalte, legt los und erarbeitet sie euch selbst.” Das hat mit sinnvollem E-Learning nicht viel zu tun.

Gut gemachtes E-Learning erfordert…

  • … den gezielten und systematischen Einsatz der Technik und Systeme im Unterricht.
  • … eine didaktische Vorbereitung und Einbettung der Technik.
  • … die Möglichkeit für Schüler, bei ihrem Lehrer nachzufragen und Hilfe einzufordern.
  • … Affinität und Kompetenz der Lehrer im Umgang mit der Technik und den Systemen.
  • … Kenntnisse der Inhalte und des Stoffs auf Seite der Lehrer.

Was Rafe Esquith in seinem Buch beschreibt, gilt eins zu eins auch fürs E-Learning: Gute Lehrer bereiten den Stoff vor, gehen die Lektionen und Module durch, prüfen, wo Probleme auftauchen könnten und stehen ihren Schülern als Ansprechpartnern zur Seite. Im E-Learning kann die Hilfestellung natürlich auch in Form von Chats oder – moderierten – Foren angeboten werden. Schüler haben so auch die Möglichkeit, sich gegenseitig zu unterstützen und Fragen untereinander zu beantworten.

“Teaching like your hair is on fire” ist nicht nur eine wichtige Erinnerung und Zusammenfassung zentraler didaktischer Methoden, Lehrtechniken, Konzepte und Ideen. Es erinnert an den wichtigsten Faktor der Lehre, der auch im E-Learning nicht an Bedeutung verliert:

Lehrer dienen mit ihrem Verhalten als Vorbild und müssen das, was sie unterrichten, selbst beherrschen. Auch und gerade beim Thema E-Learning.

E-Learning, Tablets und andere technische Geräte und Systeme können die Lehre nur bereichern, wenn Lehrer sich damit befassen und sie selbst aktiv nutzen.

Bildnachweis: Eisenhans by fotolia.com, Kindle App