Bullshit Deluxe – Wie Tesla und Elon Musk die Medien manipulieren

Was haben Steve Jobs und Elon Musk eigentlich gemeinsam? Beide haben in der Vergangenheit reichlich Bloedsinn erzaehlt. Waehrend Apple dies aber aus einer, zumindest finanziell, recht gesicherten Position tat, scheint es so, als wuerde Elon Musk alles tun, um Anleger und Analysten bei Laune zu halten. Und die Medien machen dieses Spielchen nur zu gerne mit.

von Sascha Pallenberg am 24. August 2016

Frage in die Runde: Welche Firma hat in den letzten 10 Jahren den wohl groessten Marketing Quatsch in die Weltgeschichte gesetzt und ist damit auch noch durchgekommen? Na, wer weiss es? Richtig, Apple! Was da im Januar 2007 der begeisterten Weltoeffentlichkeit praesentiert wurde, duerfte wohl auf immer einen Platz in der Hall of Fame fuer richtig grossen Bullshit, um nicht zu sagen fuer richtig dreiste Luegen haben.

Ich zitiere das noch einmal fuer die, die diese Passage nicht kannten: “and we have invented a new technology called multi-touch”. Ja ne, is klar Steve!

Bloed nur, dass bereits 1983 Myron Krueger eine derartige Technologie vorgestellt hat und noch bloeder ist es, dass sogar Videos davon existieren, wie er “pinch to zoom” demonstriert:

Das mag den Usern ziemlich egal sein, die sich nicht so sehr fuer die technologische Entwicklung interessieren, aber richtiger wird es dadurch nicht. Uebrigens wurde das Patent im Herbst 2013 nicht fuer ungueltig erklaert (was der eigentliche Skandal ist) Also das von Apple. Leider berichteten da auch eher wenige Medien drueber, man will es sich ja nicht mit Cupertino verscherzen, gell?

Aber was hat das denn alles mit Tesla zu tun? Nun, Elon Musk und seine Marketing-Maschine wollen mit den Kampagnen und Statements der letzten Jahre ganz offensichtlich das Erbe von “his Steveness” antreten. Ein paar Beispiele gefaellig?

Elon Musk Myth Buster 2.0

I am confident in the German consumer. I bet that from the end of 2014 onwards, we can sell 10,000 cars in Germany annually (…) By the end of 2014, we’ll have 25 German Service Centres (…) We’ll have 200 maybe 300 cars per week going to Germany (10,400 to 15,600 annually). Elon Musk im Oktober 2013

Ich empfehle hier einen Blick auf die Zulassungsstatistiken. 1582 Model S wurden im Jahr 2015 in Deutschland verkauft. Ein Marktanteil von 0.049% und nur 12% dessen, was Musk ankuendigte.

Noch einen? Gerne doch!

All Our Patent Are Belong To You (…) Yesterday, there was a wall of Tesla patents in the lobby of our Palo Alto headquarters. That is no longer the case. They have been removed, in the spirit of the open source movement, for the advancement of electric vehicle technology Elon Musk, Juni 2014

Nun, dieses Statement ist aehnlich weit von der Realitaet entfernt wie das Multi-Touch Patent von Apple. Patente sind offen. Waren es und werden es immer sein. Jeder kann zum Patentamt gehen und sich die Patente anschauen. Wer diese aber nutzen moechte, muss eine entsprechende Lizenz einholen. Jegliche Nutzung, so wie sie Musk in seinem Blogposting beschrieb, war und ist illegal. Dies ist auch der Grund, warum kein Wettbewerber diese nutzt.

Ok, ich bin gerade in Fahrt gekommen und lege noch ein wenig nach.

BMW Kooperation und Model X Sitze

SPIEGEL: Sie sprechen auch mit BMW.

Musk: Ja, wir reden darüber, ob wir bei der Batterietechnik oder den Ladestationen zusammenarbeiten können. Außerdem hat BMW eine relativ kostengünstige Karbonfaserproduktion. Das könnte für unsere Karosseriebauer interessant sein.

Nur eine Woche spaeter sah sich BMW zu einer Stellungnahme in der WiWo gezwungen:

„Musk benutzt uns für PR-Zwecke.” BMW könne derzeit nicht erkennen, wie das Unternehmen von Tesla profitieren könnte, denn der junge Elektroautohersteller habe in keinem Bereich einen technischen Vorsprung.

Ich glaube das nennt man suedlich des Weisswurst-Aequators eine ordentliche Watschn, die da in Richtung Kalifornien ausgeteilt wurde.

I don’t want to sort of name specific suppliers, but our biggest challenges are with the second row seat, which is, it’s an amazing seat, like a sculptural work of art, but a very tricky thing to get right. The falcon-wing door actually seems to probably not be a critical path item. Elon Musk im August 2015

In seinem Q2 Earning Call versuchte Elon Musk die Lieferschwierigkeiten mit dem Model X SUV zu erklaeren. Hat das auch mal irgendein Blogger oder Journalist hinterfragt? Wer sich die 30 Jahre Erfahrung mit OEM-Sitzen bei Herstellern wie z.B. Recaro ins Gedaechtnis ruft, dann die Model X Sitze mit denen von Mercedes, BMW oder Audi vergleicht, der kann nur zu einem Schluss kommen. Die Hersteller waren nicht bereit, zu Teslas Konditionen zu liefern. Musks Aussage ist eine Frechheit, eine Verdummung der Analysten und der gesamten Zuliefer-Industrie!

Ein Autopilot, der keiner ist

We should be able to do 90 percent of miles driven within three years. The problem with Google’s current approach (LIDAR among other sensors) is that the sensor system is too expensive. It’s better to have an optical system, basically cameras with software that is able to figure out what’s going on just by looking at things. Elon Musk Oktober 2015

Ehrlich, da dreht sich bei mir der Magen um. Und zwar mehrfach. Mal davon abgesehen, dass der Name “Autopilot” etwas suggeriert, was weder Tesla, noch seine Wettbewerber anbieten koennen, so duerfte es wohl inzwischen einen Grund geben, warum der Ausdruck von der Tesla China Webseite verschwunden ist.

Lesenswert: Teslas „Autopilot“ sollte verboten werden

Aber alleine mit diesen Statements vereinnahmt Musk fast 80 Jahre Forschung und Entwicklung. Von der Futurama Ausstellung Norman Geddes im Jahre 1939, ueber Teetors Cruise Control 1945 oder den ersten selbstfahrenden Autos von Tsukuba Mechanical, die in Japan 1977 vorgestellt wurden.

Am schlimmsten wird aber die Forschung von Ernst Dickmann verhoehnt, der sich bereits 1987 mit der dynamischen Verarbeitung von Bildern und veraenderbaren Objekten auseinandersetzte und im Projekt VaMoRS das Fundament fuer die heute eingesetzten Technologien schuf.

Das schnellste Serienauto der Welt

Was ich damit sagen moechte, wie Steve “Amazing, Incredible, Sensational” Jobs, trug Musk nicht nur immer wieder viel zu dick auf, er log zum Teil, dass sich die Balken bogen. Und da kann man dann ja schliesslich nicht so einfach aufhoeren, sondern muss seinen Stiefel durchziehen.

Gerade eben wurde das Tesla Model S P100D vorgestellt, welches nach eigenen Angaben der schnellste Serienwagen der Welt ist. Ok, nicht ganz. Schliesslich relativiert man auch gleich auf seiner Webseite:

However, both the LaFerrari and the Porsche 918 Spyder were limited run, million dollar vehicles and cannot be bought new. While those cars are small two seaters with very little luggage space, the pure electric, all-wheel drive Model S P100D has four doors, seats up to 5 adults plus 2 children and has exceptional cargo capacity.

Aha, sorry wir meinten natuerlich das schnellste Serienauto zum Schnaeppchen-Preis von etwa 130 000 Euro. Klar, Porsche und Ferrari sind auch so schnell, zumindest von 0 auf 100km/h, aber die sind ja so viel teurer und damit es zum Narrativ passt, zaehlt das einfach nicht. WIR haben das schnellste Auto!

Ja aber was ist denn das schnellste Auto? Also wenn mich nicht alles taeuscht, dann ist der Bugatti Veyron mit 408km/h gut 150 Kilometerchen schneller als ein Tesla Model S P100D. Oder geht es hier gar nicht um Topspeed. Ich weiss nicht wer von euch frueher Quartett gespielt hat, aber da waren die schnellsten Autos immer die, die die hoechste Endgeschwindigkeit aufwiesen.

Vielleicht meinte aber Tesla, dass er insgesamt der schnellste Serienwagen der Welt ist. Nun, dann suchen wir uns doch einmal eine passende Teststrecke aus. Die Mutter aller Teststrecken, die Nordschleife.

Ja, der Radical SR8LM ist ein Serienwagen und kann fuer die Strasse zugelassen werden. In 6:48 schafft er es durch die gruene Hoelle. Zu abgefahren? Na dann nehmen wir uns doch einen, der ein wenig alltagstauglicher ist. Wie waere es mit dem Nissan GT-R Nismo?

Preislich duerfte der in etwa aehnlich einschlagen, wie ein vollausgebauter P100D Ludicrous und schafft den Ring in 7 Minuten und 8 Sekunden. Und Tesla?

Eine Akkuladung reicht auf der Nordschleife fuer etwa 70km

Die schnellste Runde die ich finden konnte stammt von einem P85D, der immerhin 691 PS auf die Strasse bringen koennte. Beim P90D koennten es 762 sein, auch wenn Tesla immer wieder angibt, dass diese nicht komplett zur Verfuegung stehen wuerden. Stichwort Akkukapazitaet. Der Nissan GT-R Nismo hat uebrigens 600 PS und faehrt mal eben 1 Minute und 42 Sekunden schneller. Wohlgemerkt mit Michael Krumm am Steuer. Nissan Legende und jemand, der die Nordschleife bestimmt schon ein wenig haeufiger gefahren ist. Dennoch, da schmeiss ich die Stopuhr weg und hole den Kalender raus um diesen Abstand zu messen!

Aber woran liegt das denn?

Schaut euch mal in Ruhe das Tesla Video von der Nordschleife an und achtet auf die Ladeanzeige der Batterie und vor allen Dingen auf die Kapazitaet, die an die Elektromotoren abgegeben wird.

  1. Der Fahrer verbraucht in einer Runde 30% Akku!
  2. Am Ende werden nur noch 120kw zur Verfuegung gestellt

Das soll das schnellste Auto der Welt sein? Nicht nur, dass die Kiste aehnlich viel verbraucht wie ein Formel 1-Wagen, es gehen innerhalb von nur 9 Minuten auch noch 3/4 der Ursprungsleistung floeten.

Ich wiederhole mich noch einmal gerne. Eine Akkuladung mit dem Model S P85D, welches ja eine Reichweite von knapp 400 Kilometer haben soll, reicht auf der Nordschleife fuer etwa 70km! Aber nicht nur das, die Kiste heizt sich so stark auf, dass am Ende der ersten Runde nur noch etwa 160 Pferdestaerken zur Verfuegung stehen!

Tesla hat wieder einmal versucht Themen zu besetzen. Seht her, wir bauen das schnellste Auto der Welt. Hey, wir haben den Autopiloten erfunden und damit ihr das auch alle koennt, geben wir all unsere Patente bei Tesla frei, denn wir sind gerade mitten in unserer altruistischen Phase und wollen euch alle daran teilhaben lassen. Dumm nur, dass man dann in der aktuellen Pressemitteilung die Bettelschiene fahren muss:

While the P100D Ludicrous is obviously an expensive vehicle, we want to emphasize that every sale helps pay for the smaller and much more affordable Tesla Model 3 that is in development. Without customers willing to buy the expensive Model S and X, we would be unable to fund the smaller, more affordable Model 3 development.

Und genau hier unterscheidet sich Tesla von Apple. Waehrend die Firma aus Cupertino in den letzten Jahren so viel Geld angehaeuft hat, dass sie in den naechsten 10 Jahren nichts mehr verkaufen muss und von den Zinsen leben kann, steht Musk finanziell alles andere als auf sicheren Fuessen.

Ob ihm seine Statements dabei helfen Analysten und Anleger milde zu stimmen, das steht auf einem anderen Blatt. Immerhin hat er angekuendigt im Jahre 2018 eine halbe Million Fahrzeuge herzustellen.

Wer geht mit mir eine Wette um 1000 Euro ein, die ich dann an Kiva.org spenden werde, dass dem nicht so ist? Einfach in den Kommentaren unter Klarnamen bestaetigen, der erste der es macht, ist im Rennen!