Canoo: Mietbarer E-Kleinbus von Ex-BMW-Managern

Bei Canoo will man mit seinem E-Minivan vieles anders machen als andere Autohersteller. Das geht schon damit los, dass man ihn - voraussichtlich 2021 - nicht kaufen, sondern lediglich leihen können wird.

von Carsten Drees am 25. September 2019

Wie viele “Tesla-Killer” haben wir eigentlich schon gesehen, seit Tesla existiert? Bzw. wie viele Automobil-Startups, die sich selbst als solche betrachten? Irgendwie scheint das gängige Praxis zu sein, als neues Unternehmen Tesla ins Visier nehmen zu wollen. Bei Canoo kratzt das offensichtlich niemanden wirklich, was Tesla macht oder wer sich mit Tesla vergleicht. Gleich in vielen Punkten unterscheidet sich das erste Gefährt des erst 2017 gegründeten Unternehmens von Tesla und von der Masse der alteingesessenen Autohersteller sowieso. Schaut am besten kurz auf diesen Clip, um einen ersten Eindruck vom Canoo zu bekommen.

Wer oder was ist Canoo?

2017 ging das Unternehmen in den USA als Evelozcity an den Start, gegründet von ehemaligen BMW-Größen, die ihrerseits zwischenzeitlich bei Faraday Future anheuerten, dort aber flott wieder ihren Hut genommen haben. Mit an Bord sind unter anderem:

  • Canoo-CEO Ulrich Kranz – er ist der geistige Vater des BMW i3 und arbeitete über 30 Jahre beim deutschen Autohersteller.
  • Designer Richard Kim: Er ist für seine Arbeiten am BMW i3 und i8 bekannt.
  • Verwaltungsratschef Stefan Krause – er war einst Finanzvorstand bei BMW. Er will aus privaten Gründen kürzer treten, hat daher auch seinen CEO-Posten an Kranz weitergegeben, steht aber weiterhin beratend und als Investor zur Verfügung.
  • Clemens Schmitz-Justen war zuvor für die BMW-Produktion in den USA verantwortlich und kümmert sich nun bei Canoo um die Fertigung.

Über einige technische Daten können wir auch schon reden, wenn die zugegebenermaßen nicht der wirklich spannende Punkt am Unternehmen und Konzept Canoo darstellen. So, wie ihr die Karre auf dem Bild sehen könnt, wiegt das Modell etwa zwei Tonnen, ist 4,40 Meter lang, 1,90 Meter breit und 1,84 Meter hoch.

Laut Fahrzyklus der US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency (EPA) soll die Reichweite round about 400 Kilometer betragen und es sollen für einen solchen elektrisch angetriebenen Kleinbus ansprechende 200 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit erreicht werden.  Der Akku mit 80 Kilowattstunden soll bereits in 30 Minuten wieder zu bis zu 80 Prozent geladen sein.

Spannender als die harten Fakten ist allerdings die Konzeption bei Canoo. Das Unternehmen setzt nämlich auf ein Skateboard-System, bei dem das Chassis das Steuerungselektronik und natürlich Motor sowie Akku beherbergt. Der Aufbau ist ein auswechselbarer Teil dieses modularen Systems, bei dem das Chassis immer gleich bleibt und alle verschiedenen Modelle sich lediglich durch den jeweiligen Aufbau unterscheiden werden. Das versetzt Canoo in die Lage, deutlich schneller und effizienter entwickeln zu können. In der folgenden Galerie könnt ihr schon mal einen Blick ins Innere des ersten Modells werfen, welches ein klein wenig an die Konzeption des VW Microbus erinnert:

Wie ihr sehen könnt, ist auch das Interieur relativ ungewöhnlich. Keine riesigen Displays erwarten euch, stattdessen ein recht schlanker LED-Streifen, auf dem die wichtigsten, rudimentären Infos abzulesen sein werden. Für alles andere setzt Canoo auf euer eigenes Equipment und geht davon aus, dass ihr Smartphone oder Tablet selbst mit ins Auto bringt. Dafür sind entsprechende Halterungen natürlich vorhanden.

Neben den vorderen beiden Plätzen für Fahrer und Beifahrer gibt es eine U-förmige Rückbank, auf der nochmal bis zu fünf Personen Platz finden. “Platz” ist sowieso ein gutes Stichwort, denn obwohl das Fahrzeug nicht ungewöhnlich lang ist trotz seiner Mini-Van-Anmutung, ist das Innere außergewöhnlich geräumig, wenn auch schlicht.

Das liegt mit daran, dass man das Auto als solches eben ganz neu gedacht hat und auch beim Ausnutzen der Fläche die Vorteile nutzt, die elektrische Fahrzeuge bieten. Rundherum ist sehr viel Glas verbaut worden, so dass auch der Fahrer beispielsweise eine sehr gute Sicht auf den Asphalt vor sich hat.

Ein protziges Logo bringt das Unternehmen bislang auch nicht mit, dementsprechend schlicht präsentiert sich die Front des Fahrzeugs. Der Kühlergrill ist unnütz und wurde daher direkt weggelassen, ein Logo befindet sich wie gesagt auch nicht auf der Front, so dass vorne nicht viel mehr zu entdecken ist — abgesehen von den Scheinwerfern natürlich, die allerdings mit ihrem auffälligem “Plus”- oder “Kreuz”-Design selbst das Zeug haben, als ikonisch wahrgenommen zu werden.

Bei der Produktion will man übrigens so vorgehen, wie man es von vielen Herstellern in der Smartphone-Branche gewohnt ist: Man produziert nicht selbst, sondern beauftragt Unternehmen damit, so wie es beispielsweise Apple mit Foxconn macht. Auch das soll dazu beitragen, dass man variabler und effizienter arbeiten kann.

Ab 2021 kann man den Canoo fahren – aber nicht kaufen

Wenn alles glattgeht, wird Canoo sein erstes Modell ab Spätsommer 2021 sowohl in den USA als auch in China an den Start bringen. Einen Kaufpreis kommuniziert man aber aus einem guten Grund nicht: Man wird das Auto schlicht nicht kaufen können. Klingt komisch, ist aber so!

Das Konzept des Unternehmens sieht vor, dass ihr dieses Auto nicht kaufen werden könnt, sondern lediglich mieten und das mit der Möglichkeit, monatlich zu kündigen. Mit diesem Ansatz will man gewährleisten können, dass Elektromobilität nicht nur Autofahrern mit entsprechendem Geldbeutel vorbehalten bleiben. Allerdings schweigt man sich bei Canoo derzeit noch aus, wie hoch dieser monatliche Mietpreis sein könnte. Man lässt allerdings durchklingen, dass sich auch jüngere Leute den angedachten Mietpreis stemmen können.

Das man noch keinen Preis nennt, könnte aber auch daran liegen, dass man noch nicht genau weiß, was dieser Preis alles beinhalten wird. Es könnte nämlich sein, dass ihr damit nicht nur dafür bezahlt, dass ihr das Fahrzeug nutzen könnt, sondern auch Strom, Versicherung, Wartung etc. eventuell schon inkludiert sind. Hier wird es spannend sein zu sehen, wie das tatsächliche Preismodell dann aussehen wird und ob Canoo die Ideen so umsetzen kann, dass sie sich auch finanziell fürs Unternehmen rechnen.

Ihr merkt, ich mag die Idee hinter Canoo, bin allerdings auch ein wenig skeptisch, wie so oft bei jungen Startups, die ganz große Ambitionen und Ideen haben. Hier trifft viel Erfahrung auf sehr viel Mut, die Dinge neu zu denken und anzugehen. Außerdem sollen Investoren bereits eine Milliarde US-Dollar ins Unternehmen gepumpt haben, für das mittlerweile etwa 400 Menschen arbeiten. Mag sein, dass aus diesem ambitionierten Projekt unterm Strich nicht viel wird, aber bislang klingt das alles auf vielen Ebenen hoch interessant, so dass ich die Daumen drücke, dass Canoo seinen Zeitplan einhalten und im dritten Quartal 2021 durchstarten kann.

Quelle: The Verge und Wirtschaftswoche