Kommentar
Caro Daur und die Werbung: Immer drauf auf die Influencer

Caro Daur - Influencer-Sternchen der Nation - gibt dem Manager Magazin ein Interview und alles haut mal wieder auf die Influencer. Ein Thema, welches die Gemüter augenscheinlich erhitzt, bei dem man dennoch nicht blind auf gerade mal volljährige Instagram-Mädels eindreschen muss, meiner Meinung nach.

Es ist dieses eine Wort, welches durch den medialen Blätterwald geistert und bei dem diejenigen, die sich damit befassen, meistenteils entweder empört oder belustigt reagieren: Influencer! Was ausgesprochen so klingt, als hätte man die Vokabel gerade eben aus dem Pschyrembel gekramt (und was mit schöner Regelmäßigkeit bei Diskussionen unlustige Influenza-Wortwitze nach sich zieht), wird von Wikipedia wie folgt definiert:

Influencer (von engl.to influence: beeinflussen) ist ein um 2007 entstandener Begriff für eine Person, die aufgrund ihrer starken Präsenz und hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken eines kommerzialisierten Internets für Werbung und Vermarktung in Frage kommt (Influencer-Marketing).

Damals – also 2007 – war ein Influencer tatsächlich sowas wie die Speerspitze dessen, was sich im Netz seinerzeit so auf den sozialen Netzwerken herumtrieb. Sehr oft waren es Blogger, die sich wie zum Beispiel ein Robert Basic über Jahre hinweg ihren Einfluss erarbeitet haben. Rob sieht sich selbst nicht unbedingt als jemanden, der Einfluss auf irgendwelche Leser nehmen will, vielmehr war es so, dass er sich – so mein Empfinden – sehr sicher in diesem Neuland bewegt hat und demzufolge von Lesern aber auch von der Industrie zunehmend mehr als Koryphäe wahrgenommen wurde.

Mittlerweile ist der Begriff „Influencer“ mutiert und meint etwas ganz anderes, so wie es uns die Wikipedia-Definition ja auch verrät. Influencer müssen nicht bloggen oder wortgewaltig anderen Menschen die Welt erklären. Es reicht oft auch, sein hübsches, junges Gesicht in die Cam zu halten und für Instagram, Snapchat etc. gleichzeitig noch ein Shampoo, Kleidchen oder sonstwas zu präsentieren.

Wenn man – wie ich – aussieht wie ein Sack Schrauben, dann wollen das die Wenigsten sehen. Sieht man aber nett aus wie zum Beispiel eine Caro Daur, dann kann es einem passieren, dass der eigene Instagram-Account komplett durch die Decke geht, man 1,1 Millionen Anhänger auf Instagram hat und plötzlich das Jetset-Leben genießen kann – als Mensch Anfang 20.

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Ich muss es gestehen: Oftmals verstehe ich die ganze Geschichte nicht, die sich um diese „Influencer“ dreht. Mein Verständnisproblem: Ich raffe oft einfach nicht, was die exakt tun und können, um so viele Menschen damit zu begeistern. Sehe ich mir Videos auf BibisBeautyPalace an sehe ich nicht in erster Linie Beauty und schon gar nicht Palace, sondern einfach ein junges Ding, welches einen Clip nach dem nächsten ins Netz stellt, in welchem es um massig Belanglosigkeiten geht und auch schon mal um peinliche Songs.

Nicht falsch verstehen: Ich gönne ihr den Erfolg und wer es nicht mag, muss sich die Videos einfach nur nicht anschauen – so simpel ist es tatsächlich. Ich hab lediglich besagtes Verständnisproblem, wenn ich sehe, dass junge Menschen anderen jungen Menschen von ihren Pickeln, ihrer ersten Liebe und ihren Lieblings-Klamotten erzählen und das genügt, um manchmal sogar ein Millionen-Publikum zu begeistern.

Mag sein, dass ich einfach zu alt bin für den Scheiß (vielleicht setze ich YouTube-Influencer-Clips-Glotzen einfach auf meine persönliche Murtaugh-Liste). So oder so kann man das dämlich oder unlustig finden, was viele Kids und junge Erwachsene auf YouTube, Instagram und Co treiben, muss aber dennoch anerkennen, dass sie damit erfolgreich sind und oft ein richtig gutes Geld verdienen.

Die Influencer-Hexenjagd

Ich habe aber auch noch ein anderes Verständnisproblem: Wieso arbeiten sich derzeit so viele Menschen – gerade in den sozialen Medien – an diesen „Influencern“ ab. Ich schreibe das übrigens so gern in Anführungszeichen, weil ich dieses Wort in dem Zusammenhang furchtbar finde – junge Menschen werden von der Industrie geködert, um noch jüngere Menschen dazu zu bringen, bestimmte Produkte zu kaufen. Nicht die Art Einfluss, die man meiner Meinung nach nehmen sollte, schon gar nicht auf ein so junges Publikum bezogen.

Trotzdem verstehe ich nicht ganz, wieso Mädels wie Caro Daur von so vielen gerade angezählt werden. Speziell beziehe ich mich da jetzt auf ein Interview im Manager Magazin, welches große Kreise zieht und auch W&V eine Reaktion abgenötigt hat. Vermeintlich pfiffig fragt im Manager Magazin Bianca Lang (die ihrerseits für das Magazin bzw. den Mode-Ableger „splendid“ auch schon mal den tollsten Klamotten-Trends des Sommers nachgeht) die Influencerin Daur zum Beispiel danach, wie ihr Content eigentlich aussieht, wie leicht ihr Tag ist und ob sie sich an ihren hohen Lebensstandard gewöhnt habe.

All diese Fragen in Summe vermitteln den Eindruck, dass man Caro Daur a) nicht wirklich wohlgesonnen ist und ihr b) eigentlich nur Geständnisse entlocken will, die mit ihren Werbeeinnahmen in Verbindung stehen. Bezeichnend, dass Bianca Lang mehrmals nach dem Content fragt und scheinbar nicht begreifen kann, was Daur da so tut.

Das stößt mir schon ein wenig sauer auf, denn die mittlerweile 22-jährige Frau tut nichts anderes, was Frauen schon seit der Steinzeit tun: Sobald die Mode-Branche beschließt, dass ein Gesicht perfekt ist, um Mode zu präsentieren, lässt man eine Frau eben genau das tun: Mode präsentieren! Sie verdient sich dumm und dämlich damit, dass sie die Klamotten verschiedenster Anbieter spazieren trägt und bekommt dafür nicht nur eine Menge Geld (gemunkelt wird von einer siebenstelligen Summe, die sie im Jahr einimmt), sondern darf auch noch weltweit an exklusive Orte jetten.

Das muss man nicht gut finden und auch nicht bis ins Letzte begreifen, aber man braucht einen Menschen dafür sicher nicht an den Pranger stellen. Peinlich wird das Manager Magazin bzw. das Interview dann im zweiten Teil des Artikels. Der befasst sich nämlich mit den Fragen, die Daur von vornherein abgelehnt hat und nicht beantworten wollte. Fragen wie:

  • Wie viele Deiner Posts sind bezahlt?
  • Mit der Kosmetikfirma MAC hast Du einen Dauervertrag, wie viele Posts musst Du im Gegenzug zum Lippenstift liefern?
  • Was bekommst Du für einen Post?
  • Was hast Du für Deinen ersten bezahlten Post als Honorar erhalten?
  • Wie sparst Du?
  • Du sollst auf eine Million Euro Umsatz im Jahr kommen. Stimmt das?
  • Compliance ist in Deinem Job ein großes Thema. Stimmt es, dass Du gerade von der Steuerbehörde geprüft wirst deshalb?

Ganz ehrlich, Leute! Ich hätte auch nicht eine dieser Fragen beantwortet und ich halte es für alles andere als guten Stil, die Story genau so aufzubereiten und einen Menschen vorführen zu wollen aufgrund dieser Werbe-Geschichten.

Nicht missverstehen: Werbung soll und muss als solche gekennzeichnet werden und es nervt mich kolossal, wenn mir in einem Video jemand etwas als das beste Produkt der Welt anpreist und im nächsten Clip dann das gleiche mit einem Konkurrenzprodukt macht. Aber das ist eine Debatte, die man nicht auf dem Rücken von Teenagern oder jungen Erwachsenen austragen muss, von denen die wenigsten von uns wissen, wie sie überhaupt in ihr „Influencer“-Dasein geschlittert sind.

Was ich damit sagen will: Auch jungen Menschen muss man erklären, wie sie sich zu verhalten haben, auf was sie in ihren Inhalten hinzuweisen haben etc. Aber weder mag ich es, wenn sich jetzt gefühlt das halbe Internet an Frauen wie Caro Daur abarbeitet, dabei gewohnt abfällig wird und nicht mit einer Silbe die Industrie erwähnt, die junge Leute überhaupt erst dazu bringt, so manches ethisch nicht einwandfreie Angebot anzunehmen.

Meine Fresse, 22 Jahre… Wenn ihr alle wüsstet, was ich mit 22 so getrieben habe – gäbe es einen Gott, würde ich ihm dafür danken, dass es damals noch kein Facebook gab, denn die Bilder und Videos hätte vermutlich nun niemand sehen wollen. Damit will ich klar machen, dass man diese Instagram- und YouTube-Sternchen an die Hand nehmen muss und ihnen die Dos und Don’ts verdeutlichen sollte, man zunächst aber auch mal den Unternehmen in den Arsch treten muss, die ohne große Erklärungen an Minderjährige herantreten und ihnen diese große, bunte Welt des Influencer-Paradieses schmackhaft machen.

Spätestens, wenn sich auch Meedia zum Thema geäußert hat und sich die Beisenherz-Jugend sparwitzig mitgeteilt hat, kann man wohl resümieren, dass ein Thema im Mainstream angekommen ist. Übrigens no offense, Micky – aber während ich Deine Beiträge zu 99 Prozent schätze, wird mir in den Kommentaren darunter manchmal doch ein bisschen flau im Magen.

Wenn diese Diskussion also nun tatsächlich im Mainstream angelangt ist und wir derzeit alle über „Influencer“ sprechen, dann kann man all das auf den Tisch bringen, was dazu zu sagen ist: Wo hört Marketing auf und wo fängt Schleichwerbung an? Wie kennzeichne ich meine Beiträge richtig? Müssen wir in den Schulen „Netzkompetenz“ als Pflichtfach einführen, um den Kids zu zeigen, dass viele Influencer lediglich Werbe-Marionetten sind und die anderen Kids Lemminge, die diesen Marionetten blind hinterherlaufen?

Können wir alles machen, aber das Herumtrampeln auf jungen Menschen, gleichzeitig betrieben von Journalisten, Bloggern und allerlei anderen „Digital Natives“, die weder Influencer noch Snapchat durchschauen und die sich um ihr Stück vom Werbekuchen betrogen fühlen – ja, das können wir uns eigentlich locker sparen, oder nicht? Eure Meinungen dazu?