Chat-Fiction: SO wollen Jugendliche Geschichten lesen

In den USA stürzen sich Teenager auf Chat-Fiction-Apps wie Hooked. Kurzgeschichten werden hier im Chat-Format erzählt. Auch ein Trend für Deutschland? Wir erklären euch Chat-Fiction und stellen die drei bekanntesten Apps vor.

Es liegt scheinbar in der Natur des Menschen, dass eine Generation der folgenden unterstellt, dass sie sich in die falsche Richtung entwickelt. Ab einem gewissen Alter verstehen wir nicht mehr die Musik, die die Kids hören und wundern uns darüber, dass sie Snapchat statt Facebook nutzen. Ich glaube, dass wir jungen Leuten auch tendenziell unterstellen, dass sie eine andere Aufmerksamkeitsspanne haben und dadurch zwangsläufig auch weniger lesen.

Machen wir uns nichts vor: Auch vor 20 Jahren hat nicht jeder nach der Schule oder der Arbeit zuhause gesessen und Bücher verschlungen. Dass die Menschen seinerzeit dennoch häufiger in Produkte aus totem Holz geschaut haben, als das heute der Fall ist, liegt wohl eher am technischen Fortschritt. Geschichten lassen sich eben auch auf E-Books, Tablets und Smartphones konsumieren.

Bevor wir also pauschal allen Kids und Jugendlichen unterstellen, dass sie sich nur noch mit dem Smartphone und sozialen Medien auseinandersetzen und dabei verlernt haben, komplexe Geschichten zu lesen, will ich den Begriff „Chat-Fiction“ in die Runde werfen.

Das ist Chat-Fiction

Um den Begriff Chat-Fiction zu erklären, muss man vielleicht dabei zuhören, wie die App Hooked entstanden ist. Nachlesen könnt ihr das alles ausführlich in diesem Blog-Beitrag. Prerna Gupta ist Enterpreneurin, App-Entwicklerin und wollte sich an einer dreiteiligen Science-Fiction-Novelle versuchen, die im Silicon Valley der Zukunft spielt. Es sollte eine Geschichte werden, die sich an junge Erwachsene richtet, aber sie hatte im Vorfeld so einige Bedenken:

But there was something unusual about this sci-fi story — my protagonist was a dark-skinned Indian girl, like me. And that was what caused me to panic. Would anyone read a sci-fi story with a dark-skinned, female protagonist? How was I going to convince an agent to take a book like this seriously? Would a publisher be able to find an audience for my strange story? And, do teenagers even read? Prerna Gupta, CEO von Hooked

Es ging also darum, sich der Frage zu nähern, wie man modern eine Geschichte aufbereiten kann, so dass sie in der heutigen Zeit junge Menschen dazu animiert, sie lesen zu wollen. Von Anfang an beschäftigten sich Prerna und ihr Mann nicht nur damit, wie man einen Publisher von einer eher untypischen Geschichte überzeugt bekommt, sondern auch damit, wie Storytelling heute auszusehen hat.

Am Ende dieser Entwicklung schließlich steht Hooked – eine App, die es in der iOS-Version mehrmals auf Platz 1 der beliebtesten Apps schaffte und seit seiner Veröffentlichung (bereits 2015) immer wieder unter den am meisten heruntergeladenen Apps zu finden ist, aktuell wieder in den Top 40.

Bei Hooked haben die Entwickler im Vorfeld mit verschiedenen Ideen gespielt, um Testleser überzeugen zu können, beispielsweise mit einem Erzählstil, der auf sehr viele visuelle Impulse setzt, sich also mehr an Comics orientiert. Die entscheidende Idee war es aber, irgendwann eine solche Test-Geschichte im Chat-Stil zu erzählen.

Soll heißen: Die Story wird so erzählt, als würdet ihr einen WhatsApp-Dialog verfolgen. Dabei bekommt ihr Nachricht für Nachricht angezeigt, per „Tap“ – also jedem Fingertipp aufs Display – wird die nächste angezeigt. Das hat diverse Vorteile: Zum Einen ist es sehr unkompliziert und Smartphone-gerecht zu konsumieren – die perfekte Lese-Idee für die Generation Snapchat/Tinder.

Zum anderen entsteht aber auch ein Gefühl, als wäre man gerade live dabei und würde den Chat von anderen Personen stalken. Ich hab nicht ausprobiert, ob das bei Love-Stories gut funktioniert, aber gerade bei Horror- und Mystery-Geschichten ist das durchaus eine coole Nummer. Verstärkt wird dieser Effekt noch dadurch, dass nicht jedes Mal direkt die nächste Nachricht entscheidet, sondern manchmal auch erst nach einem kurz eingeblendeten „…schreibt gerade“. 

Bei Chat-Fiction handelt es sich also um modern aufbereitete Kurzgeschichten, bei denen es sich meist um YA-Inhalte handelt, als Stories für junge Erwachsene (Young Adults). Die meisten Nutzer der App sind zwischen 12 und 20 Jahren alt. Gelesen werden kann so eine Geschichte zumeist in fünf, sechs Minuten und ist im Durchschnitt etwa 1.000 Wörter lang.

Es gibt drei Apps, die wir euch jetzt kurz vorstellen wollen, die auf diesem Gebiet derzeit sehr erfolgreich sind. Neben Hooked sind das Tap und Yarn. Im Großen und Ganzen sind sie sich vom Aufbau ziemlich ähnlich und sind zunächst einmal kostenlos zu installieren.

Allerdings basieren alle drei Apps auf dem gleichen Bezahl-Prinzip: Ihr könnt kostenlos lesen, allerdings immer nur wenige Minuten am Stück. Nach einer bestimmten Zeit geht es dann weiter und ihr könnt das nächste Häppchen dieser Story konsumieren.

Wer das nicht möchte, kann ein Abonnement abschließen. In diesem Fall werden dann 2,99 US-Dollar wöchentlich fällig. Etwas günstiger wird es für euch, wenn ihr euch dazu entscheidet, die Beträge einmalig monatlich bzw. jährlich zu zahlen.

Folgende Preise werden von allen drei Anbietern aufgerufen:

  • 2,99 US-Dollar für ein wöchentliches Abo
  • 7,99 US-Dollar für ein monatliches Abo (etwa 1,85 Dollar pro Woche)
  • 39,99 US-Dollar für ein jährliches Abo (etwa 0,77 Dollar pro Woche)

Kündigen könnt ihr jeweils bis 24 Stunden, bevor der Vertragszeitraum abläuft. Tut ihr das nicht, verlängert er sich automatisch um den gleichen Zeitraum. Wer über ein solches Abo nachdenkt, kann die Apps übrigens zunächst eine Woche kostenlos nutzen und testen.

Hooked

Hooked hat diesem neuen Trend aus den USA den Weg geebnet und ist aktuell auch der führende Vertreter dieser Zunft mit mittlerweile über zehn Millionen Downloads. Wenn ihr euch die App, die es für iOS und Android gibt, herunterladet, stolpert ihr direkt in die erste Story. Es gibt den für Chat-Fiction typischen Chat-Dialog, den ihr per Tap weiterführt und ihr werdet nach wenigen Minuten an die Grenzen dessen gelangen, was ihr euch kostenlos reinziehen dürft.

Da heißt es dann: Entweder warten, bis die entsprechende Zeit abgelaufen ist – oder eben abonnieren. Es gibt eine Übersicht mit vielen verschiedenen Geschichten, die ihr runterscrollen könnt. Alternativ könnt ihr auf das Hooked-Logo klicken und findet dort verschiedene Genres, die ihr auswählen könnt.

Erfreulicherweise bekommt ihr direkt auch deutsche Stories angeboten, die auch (mal mehr, mal weniger) unterhaltsam sind. Übrigens gibt es auch eine Email-Adresse, an die ihr euch wenden könnt, falls ihr das Gefühl habt, dass ihr selbst Geschichten für Hooked schreiben könntet. Vielleicht mach ich das ja mal und YA-Horror-Stories werden meine neue Berufung nach dem Tech-Blogging. ;)

HOOKED - Chat-Geschichten
HOOKED - Chat-Geschichten
Entwickler: Telepathic, Inc.
Preis: Kostenlos+
HOOKED - Chat Stories
HOOKED - Chat Stories
Entwickler: Telepathic
Preis: Kostenlos+

Yarn

Startet ihr die App, ist alles sehr ähnlich, was ihr bei Yarn zu sehen bekommt, verglichen mit Hooked. Auch hier stolpert man erst einmal in eine Geschichte rein, es gibt ein sehr ähnliches Design, verschiedene Kategorien und wie oben bereits erwähnt auch die selbe Preisstruktur, falls ihr zwischendurch nicht warten wollt, bis ihr weiterlesen könnt.

Alternativ dazu könnt ihr bei Yarn allerdings auch Fan-Fiction lesen, also ausgedachte Dialoge, in denen sich vielleicht eure Superstars miteinander unterhalten oder ähnliches. Das ist mir zumeist ein wenig zu skurril, aber auch bei den „normalen“ Chat-Fiction-Stories findet sich jede Menge Lesbares und darüber hinaus gibt es auch noch mehr oder weniger witzige Jokes, basierend auf Siri-Dialogen und ähnliches.

Aktuell ist Yarn zumindest in den iTunes-Charts sogar beliebter als Hooked, erstere gefällt mir aber eigentlich besser – probiert sie vielleicht einfach beide einmal aus.

Yarn - Chat & Text Stories
Yarn - Chat & Text Stories
Yarn - Chat Fiction
Yarn - Chat Fiction
Entwickler: Science Mobile LLC
Preis: Kostenlos+

Tap

Tap ist die dritte Anwendung im Bunde, die gerade die App-Charts aufmischt mit der Idee der Chat-Fiction. Hinter Tap steht Wattpad, eine Social Publishing-Plattform, die nun also auch diese Chat-Stories für sich entdeckt hat bzw. dieses neue Feld in Form dieser App beackern möchte.

Auch hier gibt es für den identischen Preis wieder Stories von Horror über Liebesgeschichten bis Crime, allerdings könnt ihr hier nicht so schön nach Genres suchen. Gebt ihr in die Suchmaske beispielsweise „Horror“ ein, bekommt ihr alle Geschichten geliefert, die „Horror“ im Titel tragen, aber ihr könnt nicht ein ganzes Genre aufrufen.

Zusätzlich habt ihr aber auch die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden und eure eigenen Geschichten zu verfassen und mit euren Freunden zu teilen. Gerade das finde ich ziemlich spannend und vielleicht werde ich mich separat nochmal dransetzen und einen Artikel verfassen, in dem es darum geht, wie man mittels Wattpad/Tap eine Geschichte schreibt und veröffentlicht.

Tap by Wattpad
Tap by Wattpad
Entwickler: Wattpad Corp
Preis: Kostenlos+
Tap - Süchtig machende Stories
Tap - Süchtig machende Stories
Entwickler: Wattpad.com
Preis: Kostenlos+

Chat-Fiction – Erste Einschätzung

Ich beschäftige mich mit Chat-Fiction exakt seit zwei Tagen – seit ich bei TechCrunch über einen sehr interessanten Artikel dazu gestolpert bin. Somit fehlen mir also viele Erfahrungswerte:

  • Geht es mir nach einer Woche auf die Nerven, ewig auf das Ende der Geschichte zu warten?
  • Habe ich vielleicht sogar nach wenigen Tagen schon alle Geschichten gelesen?
  • Wie hoch ist die Qualität, wenn man über die zunächst empfohlenen Stories hinaus weiterliest?

Diese Fragen werden mich also die nächsten Tage noch umtreiben und wer weiß – vielleicht ist mir das eine oder andere Angebot ja auch ein Abo wert. Fürs Erste finde ich die Idee aber hochinteressant und könnte mir gut vorstellen, dass auch Deutschland von diesem Chat-Fiction-Hype erfasst wird.

Technologie-Kritikern und Fortschrittsverweigerern  sei gesagt, dass die Welt sicher nicht deshalb untergehen wird, wenn sich junge Menschen auf diese Form der Geschichten stürzen. Wer sich die Anfänge des Kinos anschaut und sich zum Vergleich einen aktuellen Blockbuster reinzieht, wird zugeben müssen, dass die Technologie dem Film viele neue Möglichkeiten an die Hand gegeben hat. Geschichten können viel eindringlicher erzählt werden und das Kino ist deshalb nicht ausgestorben – im Gegenteil: Nur durch diese Weiterentwicklung lebt es wohl noch.

Bei geschriebenen Geschichten könnte das jetzt so ähnlich sein: Die Technologie und die neuen Gewohnheiten in diesen Smartphone-geprägten Zeiten mögen sich ändern. Die Themen: Liebe, Horror, Kriminalität etc werden aber bleiben und nur anders aufbereitet bzw. anders konsumiert. Junge Menschen, die sehr gerne ein dickes Buch in die Hand nehmen und es sich auf der heimischen Couch damit gemütlich machen, werden auch weiterhin so verfahren, alternativ kann man sich aber an der Bushaltestelle mit Chat-Fiction schnell und unkompliziert die Zeit vertreiben.

Und wer weiß: Der nächste Stephen King wird vielleicht durch Chat-Fiction überhaupt erst an die Materie herangeführt. Ich kann mir jedenfalls gut vorstellen, dass man mit Apps wie Hooked überhaupt erst Jugendliche dazu bewegt bekommt, sich mal wieder Literatur zu Gemüte zu führen – auch, wenn es nur Kurzgeschichten sind.

Ich halte es jedenfalls für eine coole Geschichte und werde das mit Sicherheit weiter aktiv verfolgen. Lasst uns in den Kommentaren wissen, was ihr von Chat-Fiction haltet und ob ihr vielleicht auch schon die ersten Erfahrungen damit gemacht habt. Weitere App-Empfehlungen könnt ihr uns auch gern in die Comments hauen.