Kommentar
Chemnitz, Köthen, Küblböck: Wir sind ein Volk von Echauffierern

Es ist eine Art Paradoxon, aber dennoch: Ich rege mich über Leute auf, die sich im Netz aufregen - und leider nicht nur dort.
von Carsten Drees am 11. September 2018

Alle paar Tage ist es wieder soweit: Da platzt mir mit schöner Regelmäßigkeit wieder der Arsch! Das ist nicht ganz fein formuliert, sehe ich ein, aber es umschreibt es am Besten. Ich bin echt kein Choleriker, aber ja: Ich rege mich immer und immer wieder auf, speziell wenn ich mich in den sozialen Medien herumtreibe oder die Nachrichten verfolge.

Ihr seht also, dass wir es hier mit einem Paradoxon zu tun haben: Der Blogger, der gerade erzählt hat, dass er sich ständig aufregt, will sich hier in einem Beitrag aufregen — über andere Leute, die sich zu leicht aufregen. Ich versuche das ein bisschen zu erklären, damit es weniger behämmert und paradox wirkt.

Dazu will ich mich einer alten Redensart bedienen, die da lautet: Der Ton macht die Musik! Es ist also meines Erachtens ein himmelweiter Unterschied, ob jemand konstruktiv die Regierung kritisiert, oder ob man die Protagonisten mit Schimpfwörtern bedenkt und mit Schaum vorm Mund “Merkel muss weg” fordert.

Das ist jetzt ein sehr gemäßigtes Beispiel und jeder von euch, der sowohl die Nachrichten als auch die sozialen Medien oft und regelmäßig im Blick hat, wird da andere Beispiele kennen, in denen die Tonart deutlich schärfer ist. Aktuell fallen mir da direkt drei Namen ein: Chemnitz und Köthen, an denen sich alles abarbeitet, was rechts der politischen Mitte zu verorten ist und Daniel Küblböck, über den derzeit jeder seine Witzchen macht, der an dem Tag frei hatte, als Empathie und Anstand verteilt wurden.

Die Themen dahinter sind durchaus ernste: Es geht um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in den beiden ostdeutschen Städten und es geht um Homophobie beim Ex-DSDS-Kandidaten Küblböck. Um Menschenverachtung, fehlendes Feingefühl und das abhanden gekommene Talent, einfach mal zu einem Thema nichts zu sagen, bis es tatsächliche Fakten gibt, geht es in all diesen Fällen.

Schildern muss ich euch das alles vermutlich nicht, ihr kennt die Fälle. Was Köthen und zuvor Chemnitz angeht, lesen wir all die bekannten Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, den ganzen braunen, rassistischen Mist und können beobachten, wie alle Geflüchteten wegen einiger weniger Arschlöcher in Sippenhaft genommen werden.

Natürlich gibt es auch die andere Seite. Die, die pauschal Sachsen oder den ganzen Osten an den Pranger stellt und jeden vorschnell zum Nazi erklärt, der über die sinnlosen Morde verärgert ist. Im Ton vergriffen wird sich da auf beiden Seiten schnell. “Schnell” ist generell ein gutes Stichwort: Noch bevor man im Köthen-Fall “Herzinfarkt” buchstabieren konnte, hatten Rechte bereits einen Trauermarsch für den Verstorbenen organisiert.

Auch in Chemnitz handelte und schimpfte man vorschnell: Die Falschmeldung, dass dem Mord eine sexuell motivierte Attacke vorausging, bestätigte sich nicht und ich bin auch geneigt zu glauben, dass weniger stramm Rechte aufmarschiert werden, hätten sie direkt gewusst, dass sie da für einen Deutsch-Kubaner auf die Straßen gehen, der politisch sehr weit links zu verorten war.

Tempo ist auch bei Daniel Küblböck das Gebot der Stunde. Es scheint festzustehen, dass er über Bord ging, mehr wissen wir jedoch nicht. Wir haben also keine Ahnung, ob es ein Suizid war bzw. ein Suizidversuch, Leichtsinn oder schlicht ein Unfall. Wir wissen also nichts über den Tathergang, nichts über die Motivation und auch nichts darüber, ob er noch am Leben ist oder leider nicht mehr.

All das ändert aber nichts daran, dass sich die übliche Welle ihren Weg schleunigst durchs Netz bricht. Da sind ruck zuck die Amateur-Comedians am Start, denen einfach keine Nachricht zu ernst und kein Gag zu flach ist, als dass man eine noch so miese Pointe verschenken würde. Da sind die Leichenfledderer von Focus und Bild, die schnellstmöglich versuchen, möglichst peinliche Fotos von Küblböck in schlagzeilenträchtiges Gold zu verwandeln und spätestens, wenn die Geschichte auf Meedia inklusive der besten Tweets erzählt wird, kann man sich sicher sein, dass hier alles seinen mittlerweile üblichen Gang geht.

Von Depressionen, Aufmerksamkeitsspannen und schlechter werdenden Bands

Am allermeisten ärgert mich aber, in was für einer Art und Weise schimpfende und zeternde Horden durch Facebook und Twitter pflügen. In abartigster Weise werden Menschen beschimpft, wobei es egal ist, ob man abstrakt Geflüchtete oder Politiker anzählt, sich einen Promi wie Küblböck herauspickt oder ob das Volk sich untereinander in endlosen Threads die Köpfe einschlägt.

Wenn Leute sagen, dass Menschen wieder mehr miteinander reden und aufeinander zugehen sollen, scheint mir damit gemeint zu sein, dass man das nur so lange wünscht, wie das Gegenüber gewillt ist, meine Argumente und Meinung anzuerkennen. Für mich ist es das wirkliche Übel in diesen Tagen: Von Neonazis erwarte ich doch nichts anderes, als dass sie “Ausländer raus” skandierend durch die Straßen ziehen. Aber es scheint auch zunehmend öfter allen “normalen” Menschen schwer zu fallen, einfach mal still zu sein, wenn man keine Fakten kennt. Einfach mal einen Gag nicht zu bringen, einfach mal Menschen nicht vorab zu verurteilen und einfach mal nur einen Tag lang Leute nicht zu beschimpfen, die eine andere Meinung als meine vertreten.

Das kann doch alles nicht zu viel verlangt sein, oder doch? Das jüngste Beispiel, welches für mein Empfinden da auch gut reinpasst: Dieter Bohlens Äußerung zu dem Küblböck-Drama.

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Bohlen schreibt Küblböcks Namen falsch, damit geht es los, dann redet er ziemlich flapsig daher und als Krönung hat er bei seiner Klamottenwahl komplett ins Klo gegriffen. Ganz ehrlich: Ich glaube, dass ihm die Geschichte tatsächlich nahe geht, er aber eben nun mal so redet, wie er halt redet.

Die Geschichte mit dem Aufdruck auf seinem Pulli empfinden viele völlig zu recht als geschmacklos und nehmen das zum Anlass, jetzt einen Shitstorm gegen Dieter Bohlen loszutreten. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf los ist, aber ich denke, dass er einfach nicht drüber nachgedacht hat, was er da gerade trägt und ganz sicher nicht bewusst diesen Slogan ausgerechnet heute auf seiner Brust trägt.

Aber auch hier gilt, dass ihn der Zorn des gefühlt ganzen Volkes gleich millionenfach trifft. Kann man nicht einfach mal so eine Aktion unter “dämlich” verbuchen und dann weitermachen? All das macht mich müde im Kopf. Ich schreibe schon seit Wochen kaum noch was auf Facebook, weil ich es nur noch schwer ertragen kann und Twitter ist mindestens eine ebenso schlimme Kloake. Wir wollen immer, dass “die da oben” endlich mal die Dinge auf den Weg bringen, unsere Zukunft in den Griff bekommen usw. Dabei vergessen wir aber anscheinend immer öfter, dass es auch an jedem von uns liegt, wie sich eine Gesellschaft entwickelt.

Ich möchte nicht nur so Lautsprecher wie die Höckes und Trumps dieser Welt in der Politik sehen und wenn wir uns medial allesamt wie Arschlöcher benehmen, dann brauchen wir uns irgendwann wirklich nicht mehr darüber wundern, dass wir auch von welchen regiert werden. Das können wir besser und ja, das fängt im Kleinen an. Jeder Hass-Kommentar, den wir uns sparen, jede Beschimpfung, die wir nicht veröffentlichen und jedes Gegenargument, welches wir uns wenigstens einmal in Ruhe anhören, trägt dazu bei, dass wir dieser ständigen Verrohung entgegen arbeiten.

Wir sind doch mit Masse eigentlich open-minded, intelligent und im Grunde auch vernünftig. Schaue ich beispielsweise jetzt gerade auf Twitter nach dem Hashtag Küblböck, sehe ich hauptsächlich Menschen, die die dummen Gags und homophoben Beschimpfungen anderer verurteilen. Die “Guten” sind also ebenfalls zahlreich da draußen und wir müssen uns vielleicht einfach öfter daran erinnern, dass wir Viele sind — und wieso wir glauben, die Guten zu sein und danach leben.

Damit hier nicht alles den Bach runter geht, müssen wir zwangsläufig bestimmte Formen wahren im Umgang miteinander. Wir können dann immer noch gegen bestimmte Dinge, Entscheidungen und Haltungen sein, wir dürfen dann immer noch streiten und immer noch unsere Meinung sagen, aber man kann es halt anders tun als es derzeit so oft der Fall ist. Vor allem müssen wir uns die Mühe machen, Fakten zu checken, klare Faktenlagen abzuwarten, bevor wir online eskalieren. Wir sollten ein Volk von Empathen sein, nicht ein Volk von Echauffierern.

Kleines Update: Mein geschätzter Freund Paddy hat seinem Unmut in der Causa Küblböck Luft verschafft und sich wortgewaltig auf Facebook dazu geäußert. Ich unterschreibe da jedes Wort und möchte euch daher seine Aussage nicht vorenthalten:

Habt ihr das Gefühl, dass euer Leben ausweglos ist und plagen euch vielleicht sogar suizidale Gedanken? Schnappt euch jemanden zum Reden! Vertraut euch Freunden oder Familie an – eine Situation ist niemals so bedrohlich, dass sich nicht ein deutlich besserer Weg findet als ein Selbstmord. Also – seid laut!

Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und für jedermann 24/7 erreichbar unter den Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222. Diese Telefonate tauchen übrigens weder im Einzelverbindungsnachweis noch auf der Telefonrechnung auf. Alternativ erreicht ihr die Seelsorge auch nach einer kurzen Anmeldung im Chat oder per Mail!

Quelle des Artikelfotos: Facebook-Seite Daniel Kaiser-Küblböck