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Christchurch: Terroranschlag – und die Welt schaut bei Facebook live zu

In Neuseeland hat ein 28-jähriger Mann zwei Moscheen gestürmt und mindestens 49 Menschen verloren ihr Leben. Via Facebook Live konnte die Welt dabei zusehen - eine kranke Entwicklung.

von Carsten Drees am 15. März 2019

In den frühen Morgenstunden unserer Zeit bahnte sich eine schreckliche Nachricht ihren Weg durch alle Medien und versetzte Menschen rund um den Globus in einen Schockzustand. Was war passiert? Ein sehr offensichtlich rechtsextremer Mann im Alter von 28 Jahren fährt in Neuseeland in dem Ort Christchurch mit seinem mit Waffen vollgestopften Auto zu einer Moschee. Die Bilder seiner Action-Cam streamt er auf Facebook und weiteren sozialen Medien und kündigt in bester Action-Film-Manier an, dass “die Party jetzt beginnen kann”. Daraufhin betritt er die Moschee und knallt einen Menschen nach dem nächsten über den Haufen.

Sicherheitshalber schießt er auch noch einmal in die bereits am Boden liegenden Opfer — sicher ist sicher. Währenddessen hält die ganze Zeit die Kamera drauf. Zeugen, die das Video gesehen haben, berichten, dass es aussieht wie in einem Egoshooter, wie er routiniert Raum für Raum der Moschee “erobert”.

Er kehrt nach Minuten zurück zum Auto, ballert auch draußen auf Menschen und marschiert nach dem Austausch seiner Waffen wieder in die Moschee. Ein Mittäter tötet nur wenige Kilometer entfernt weitere Muslime, ebenfalls in einer Moschee. Mindestens 49 Menschen verlieren durch diesen furchtbaren Menschen ihr Leben, davon allein 41 durch den “Livestream”-Killer. Darüber hinaus wurden an verschiedenen Autos Sprengsätze angebracht, die jedoch von der neuseeländischen Polizei entschärft werden konnten.

The Great Replacement

So viel also zu dem, was in diesen Moscheen in Neuseeland passiert ist. Neuseeland hat lediglich ein Prozent Muslime, was insofern interessant ist, weil der Haupttäter — so wie viele andere Rechtsextreme auch — befürchtet, dass die Bevölkerung seines Landes nach und nach durch Muslime ersetzt würde. Auch in Deutschland befürchten rechte und rechtspopulistische Kreise eine solche Entwicklung, das unschöne Wort “Umvolkung” macht bei uns die Runde.

Auf der Fahrt hört der Mann nationalistische Musik aus Serbien, zudem hat er eine schwarze Sonne auf seiner Weste, ein Symbol aus dem Nationalsozialismus, welches heute immer noch als Erkennungszeichen unter Rechtsradikalen dient. Schon vor dem Anschlag und diesem unfassbaren Live-Video hinterlässt der Mann seine Spuren im Netz: Auf 8chan kündigt er seine Tat vorab an:

Ich werde die Invasoren angreifen, und ich werde den Angriff auf Facebook live streamen.

Außerdem taucht ein  73-seitiges Manifest im Netz auf, welches von dem Täter stammen soll und welches unter dem Namen “The Great Replacement” seine rechtsextreme Gesinnung noch einmal unterstreicht. Allerdings fehlen sowohl bei der 8chan-Ankündigung noch beim Manifest bislang die Beweise, dass es tatsächlich alles auf das Konto des Massenmörders geht.

Micky Beisenherz, von mir sowohl für seinen Humor als auch für seine gesellschaftlichen und politischen Beobachtungen geschätzt, spricht vom “Horror als Livestream” und davon, dass Mark Zuckerberg “ein Monster erschaffen habe, das sich selbst von Hass ernährt”.

Sehr oft stimme ich Micky hundertprozentig zu, heute nur zu einem Teil. Das liegt daran, dass er sich für mein Empfinden zu sehr auf Facebook versteift. In diesem Fall — bezogen auf den Livestream — ist sicher nicht Facebook der Übeltäter. Auch daran, dass jemand so irre sein kann und sich zu so einer Tat durchringt, kann man nicht Mark Zuckerberg an den Pranger stellen.

Der Täter in Christchurch verteilt seine Aktivitäten auf verschiedene Social Networks, was es natürlich nicht besser macht, aber eben zumindest diesbezüglich nicht Facebook zum Alleinschuldigen macht. Wir leben in einer Welt, auf der wir auf unzähligen Plattformen unseren ganzen Mist zum Besten geben können, auch als Video und eben auch live. Es wird einfach nicht möglich sein, Live-Übertragungen zu erlauben und zu gewährleisten, dass solche Videos nicht noch einmal live gehen.

Übrigens haben sich viele Medien dazu entschlossen, das Video nicht zu zeigen — oder haben sich auf Druck einer Regierung von der Veröffentlichung verabschieden müssen. Selbst die Bild erspart uns die schlimmsten Szenen — immerhin was.

Aber es gibt auch einen wichtigen Punkt, in dem ich Micky mit seiner Monster-Aussage bezüglich Facebook absolut zustimme. Durch die schiere Größe ist Facebook eben unkontrollierbar geworden. Dabei meine ich nicht einmal, dass ein so abartiger Livestream über eine Viertelstunde lang live sein kann (auf 8chan lief es übrigens auch live unter dem Jubel johlender Zuschauer).

Viel mehr meine ich damit, dass durch diese Unübersichtlichkeit nicht verhindert werden kann, dass üble Strukturen entstehen können. Wir kennen das ja in Deutschland leider ebenfalls: Wo sich ein paar Leute zusammenfinden in ihrer Blase, kann jede Wahrheit die richtige sein und damit eben auch eine vermeintliche Wahrheit, die damit zu tun hat, dass Muslime den Rest der Menschheit ausrotten wollen.

Es wird leider nicht zu verhindern sein, dass Populisten Menschen aufhetzen und diese aufgehetzten Menschen sich in irgendeiner Art organisieren und gegenseitig weiter pushen. Facebook muss ganz sicher weiter daran arbeiten, Fake-News und Hassrede zu minimieren, damit so üble und falsche Behauptungen gar nicht erst diese abgeschotteten Blasen erreichen können.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass das Haupt-Monster in diesem Fall immer noch der Mensch ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mich noch so viele schlimme Nachrichten über eine Volksgruppe so weit bringen können, dass ich unschuldige Menschen abschlachten will und erfreulicherweise geht es den meisten Leuten auch so.

Es gibt aber nun mal diese schwarzen Schafe, wie wir heute wieder eins kennen lernen mussten und um dem Einhalt zu gebieten, muss nicht nur Facebook oder Twitter besser funktionieren, sondern auch unsere Gesellschaft. Ehrlich gesagt muss man sich nicht wundern, dass kleine, vielleicht etwas einfacher strukturierte Menschen sich hochpeitschen lassen, wenn selbst Politiker in diesem Land so einen Irrsinn behaupten dürfen wie dieser AfD-Vertreter:

An anderer Stelle wird der Killer — ebenfalls von der AfD zitiert — als linksextrem hingestellt. Facebook ist echt ein übler Moloch, aber diese sozialen Plattformen sind letzten Endes nur die Bühne für uns alle. Diejenigen, die sich dort daneben benehmen und gegen andere Menschen hetzen sind leider immer noch wir Menschen selbst.