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Circus Roncalli setzt auf Hologramme statt Tiere – sollten Zoos nachziehen?

Wenn Circus Roncalli in eure Stadt kommt, seht ihr Pferde und Elefanten nur noch als Hologramme. Der Zirkus verzichtet mittlerweile komplett auf Tiere und setzt auf Technik!

von Carsten Drees am 7. Juni 2019

Hereinspaziert, hereinspaziert — kommen Sie und staunen Sie! Wir haben hier im Mobile-Geeks-Zirkus die verrücktesten Attraktionen für Sie — zum Beispiel einen Zirkus, der seit letztem Jahr komplett auf jegliche Beteiligung von Tieren verzichtet und diese nur noch als Hologramme durch die Manege flitzen lässt.

Aber der Reihe nach: Mal Hand aufs Herz — wann wart ihr das letzte Mal im Zirkus? Oder besser gefragt: Wart ihr überhaupt schon mal im Zirkus? Für meine Generation war das irgendwie noch selbstverständlich. Wenn ein Zirkus in der Stadt war, wurden kiloweise Freikarten verteilt und so geschah es hin und wieder, dass man sich mit der ganzen Familie in so einem Zirkus befand.

Ich glaub, zwei oder drei mal war ich bei so etwas, was vermutlich aber so knapp vierzig Jahre her sein dürfte. Dementsprechend dünn sind meine Erinnerungen daran, aber ich erinnere mich an Tiere, die man schon vor der Show in ihren Käfigen bestaunen konnte, Snacks, bei denen meine Eltern angesichts überzogener Preise die Hände überm Kopf zusammenschlugen und natürlich Artisten, Tiere und Clowns in der Manege.

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich den Teil mit den Tieren immer unfassbar langweilig fand. Sowohl “in echt”, als auch dann, wenn eine Zirkusvorstellung im Fernsehen zu sehen war (ja, sowas gab es tatsächlich). Pferde oder Elefanten, die im Kreis herumlaufen und hier und da mal auf den Hinterbeinen standen oder ähnliches — öde! Raubtiere waren da spannender. Ein Löwe, der durch einen brennenden Reifen springt oder eine Maulstarre bekommt, während der Dompteur seinen Kopf in den riesigen Schlund legt — das hatte schon was.

Damit ihr das einordnen könnt: Wir reden hier von den späten Siebzigern/ frühen Achtzigern. Das waren Zeiten, in denen wir Süßigkeiten in knallbunten Farben in uns reinstopften, weil es niemanden interessierte, ob mit den Farben vielleicht irgendwas nicht in Ordnung sein könnte. In diesen Zeiten sind wir ohne Helm Fahrrad gefahren, haben mit Erbsenpistolen geballert und dabei unser Augenlicht (oder das unserer Freunde) riskiert und haben mit unseren Eltern in total verrauchten Wohnzimmern gesessen Statt vor einem Smartphone-Display verbrachten wir den großen Teil unserer Freizeit “draußen” — ein Ort, der uns gelegentlich mit blauen Flecken, blutigen Knien oder ausgeschlagenen Milchzähnen heimkehren ließ und den viele Kids nur noch kennen, wenn sie danach googeln.

Aber ich schweife ab. Eigentlich wollte ich darauf hinaus, dass es damals einfach keine Sau interessiert hat, wie es diesen Tieren in einem Zirkus geht. Wir haben nicht darüber nachgedacht, was die für ein Leben “on the road” führen und erst recht nicht, ob diese Zirkuswagen, in denen sie ihr Dasein fristeten, auch nur in der Nähe dessen waren, was man als “artgerecht” beschreiben konnte.

Die Zeiten haben sich geändert. Längst haben viele dieser Zirkusse die Segel gestrichen, das ganze Konzept “Zirkus” wirkt für mich auch ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Diejenigen, die sich noch über Wasser halten können und immer noch mit ihrem Programm durchs Land ziehen, sehen sich einem scharfen Gegenwind ausgeliefert. Der hat sehr oft genau mit den Zirkustieren zu tun, weil sich PETA und andere Organisationen, aber auch immer mehr Privatpersonen an den Bedingungen stören, unter denen die Tiere leben müssen.

Gerade unter den großen Namen — und Circus Roncalli ist so ein großer Name — sorgte das für Unmut, weil man an sich selbst den Anspruch hat, seine Tiere gut zu behandeln. Zumindest besser als bei den schwarzen Schafen der Branche. Inwieweit das wirklich zutrifft und es einem Roncalli-Pferd besser geht als einem Klepper einer abgewrackten Zirkus-Klitsche, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber ich denke schon, dass es dort zumindest Unterschiede gibt.

Dennoch: Bei Roncalli hat man sich schon länger Gedanken gemacht und schon seit vielen Jahren hat man den Anteil der Show-Elemente, in denen Tiere eine Rolle spielen, mehr und mehr eingedampft. Mittlerweile — zum Programm “Storyteller: Gestern – Heute – Morgen” — hat man beschlossen, komplett auf diese Zirkustiere zu verzichten. Bedeutet: Seit 2018 ist der Circus Roncalli frei von Tieren und damit auch definitiv frei von Tierquälerei.

Wer aber einen Teil freiwillig aus dem Programm nimmt, sollte dann auch Attraktionen in petto haben, die den Verlust ausgleichen. Vielleicht ist das bei Roncalli nicht unbedingt so dramatisch, weil dieser Zirkus immer schon herausragende Artisten und vor allem Clowns im Programm hatte, die für die Show entschieden wichtiger waren als die Tiere.

Dennoch mag man nicht ganz darauf verzichten und hat dabei die Technologie-Karte gespielt: Elefanten und Pferde drehen heute immer noch ihre Runden in der Roncalli-Manege — allerdings nur noch als Hologramme! Ja genau: Der Zirkus ist der erste, der ein Holografie-Verfahren in einem runden Raum nutzt. Dazu hat ein 15-köpfiges Team von 3D-Grafikern und Technikern zwei Jahre an diesem Projekt geplant, damit es so aussieht, wie ihr es jetzt in diesem Video sehen könnt.

Die holografische Projektionsfläche wurde eigens für Roncalli angefertigt und setzt auf 11 Laserbeamer, die die bekannten Tiere, aber auch Artisten oder überlebensgroße Fische in Szene setzen. Wie Bernhard Paul, Direktor von Circus Roncalli, sagt, habe man insgesamt etwa 300 000 Euro investiert, um diese neue Zirkusattraktion zu schaffen. Geld, welches sich natürlich kein kleiner Zirkus aus dem Ärmel schütteln kann.

Verabschieden sich Tiere zuerst aus dem Zirkus und dann aus den Zoos?

Daraus ergibt sich für mich aber eine andere Frage: Ich sehe mir an, wie Roncalli arbeitet. Die haben nicht nur die Tiere aus der Manege verbannt, sondern kümmern sich auch um nachhaltige Verpackungen bei den Drinks und Snacks, die angeboten werden, bieten zudem auch vegane Küche an und reisen möglichst auf der Schiene. Das ist lobenswert, aber in der Branche auch sicher nicht üblich. Und die Frage, die sich daraus für mich ergibt: Wenn schon ein kleiner Zirkus diesen Weg nicht so konsequent gehen kann — sollten es dann nicht zumindest die großen Zoos und Tierparks tun und nach und nach ebenfalls auf zumindest einen Teil der Tiere verzichten?

Ich komme mir bei dem Gedanken — Zoo ohne Tiere — ähnlich blasphemisch vor wie bei meiner Forderung, dass private PKWs aus den Innenstädten verschwinden sollen. Klingt ja auch kurios: Wieso sollte man in einen Zoo gehen, wenn man sich sowieso keine echten Tiere ansehen kann? Ich denke da jetzt seit einigen Stunden drüber nach und komme zu dem Schluss, dass es gar kein so drastischer Einschnitt sein muss, sondern eher ein Kompromiss aus verschiedenen Möglichkeiten.

Ich könnte mir vorstellen, dass man Tiere, die man artgerecht halten kann, ja weiterhin real zeigen kann — erst mal. Bevor mir jetzt Tierschützer an den Hals springen: Ich bin da nicht genug im Thema, um einschätzen zu können, ob die Begriffe “Zoo” und “artgerecht” überhaupt zusammen passen. Ich weiß lediglich, dass ich hier in Dortmund im Tierpark auch einheimische Tiere bestaunen kann und dass so manches Gehege im Laufe der Jahre umgebaut wurde (und auch noch umgebaut wird), um den Tieren mehr Platz zuzugestehen. Außerdem ist es so, dass es sogar Zoos gibt, die dazu beitragen, dass eine Art überhaupt erhalten werden kann, deren natürliche Lebensräume ihnen von den Menschen längst geraubt wurden.

Es würde in meinem Zoo-Entwurf also immer noch wirkliche Tiere geben. Darüber hinaus könnte man fraglos ergänzend auch auf die Hologramm- bzw Holografie-Technologie setzen, die beim Circus Roncalli zum Einsatz kommt. Technisch kann man das aber auch noch anders realisieren, beispielsweise über Augmented Reality und entsprechenden Brillen. Gerade bei einem Aquarium könnte ich mir so etwas vorstellen.

Fakt dürfte es sein, dass es für den Betrachter schon ein Unterschied ist, ob man tatsächlich einen echten Tiger vor der eigenen Nase hat, oder “nur” einen virtuellen. Ein Tierpark, der also nur schnöde, gelangweilte AR- oder Hologramm-Tiere zeigt, wäre so vermutlich keine riesige Attraktion. Aber die Technologie bietet uns ja ganz andere Möglichkeiten: Man könnte nicht nur einen alten Löwen zeigen, der faul in der Sonne liegt. Stattdessen könnte man virtuellen Löwen dabei zusehen, wie sie zu mehreren ihre Beute jagen. Zu reißerisch dürfte es natürlich nicht in Szene gesetzt werden, angesichts der vielen Kinder im Zoo, die man ja nicht traumatisiert nach Hause schicken möchte.

Desweiteren könnte ich mir vorstellen, dass man auch Tiere zeigen könnte, die es schon lange nicht mehr gibt. Zeigt mir einen Säbelzahntiger, ein Mammut oder sogar einen Dinosaurier — wieso nicht? Auf diese Weise könnte man aus einem klassischen, verstaubten Zoo einen Themenpark zaubern, der sowohl spannende Attraktionen, echte Tiere und eben auch neben der Unterhaltung einen Lerneffekt bietet.

Das sind jetzt nur Dinge, die mir durch den Kopf gehen und die findige Menschen mit Ahnung von der Materie sicher noch konsequenter und ausgefeilter zu Ende denken könnten. Aber das ist dabei jetzt erst mal gar nicht wichtig. Wichtig ist doch, dass wir nicht als selbstverständlich hinnehmen, dass es bis in alle Ewigkeit so sein muss, dass wir Tiere allein aus dem Zweck einsperren, damit wir sie uns gelegentlich anschauen können. Roncalli hat hier einen wichtigen Schritt gemacht und ich würde mir wünschen, dass da noch viele, viele andere nachziehen und ebenfalls umdenken.

Wenn es zum Beispiel um Stierkämpfe geht, sind sich — zumindest gefühlt — in meiner Blase alle darüber einig, dass man dieses unschöne Spektakel abschaffen sollte. Meinetwegen sollte man dann auch konsequenter sein und eben auch in den Zoos dieser Welt die Möglichkeiten nutzen, die uns die Technik bietet. Frage in die Runde zum Schluss: Würdet ihr euch a) generell eine Zirkusvorstellung anschauen und b) eine, die auf echte Tiere verzichtet? Und wie sähe es aus in einem Zoo? Schreibt es uns in die Comments!

PS: Bis Mitte Juli weilt Circus Roncalli noch in Hamburg. Hier bekommt ihr Tickets und erfahrt auch, welche Städte in Deutschland darüber hinaus angesteuert werden.

Quelle: Zeit via Turn on