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Corona – ein verdammter Glücksfall für uns?

Die Corona-Krise: Viele Infizierte und Tote, Hysterie, abgesagte Veranstaltungen, wirtschaftliche Konsequenzen riesen Ausmaßes. Könnte das Virus doch etwas Positives an sich haben oder gar ein wahrer Glücksfall sein? Steile These, aber so abwegig ist das gar nicht. 

von Carsten Drees am 7. März 2020

Dieses Wochenende steht bei uns ganz im Zeichen des Coronavirus. Es gibt tatsächlich mehr als nur Zahlen von Infizierten und Witze über Hamsterkäufe, daher haben wir versucht (und tun es morgen weiter), die verschiedensten Aspekte zu beleuchten. Dass man einer solchen Krise sogar etwas Positives abgewinnen kann, hat euch Michael vorhin mit seinem Beitrag gezeigt, als er erklärte, wie das SARS-Virus vor 17,18 Jahren dazu beitrug, dass einige chinesische Unternehmen in der Krise strategische Entscheidungen trafen, die den Unternehmen selbst, aber auch dem E-Commerce an sich zu großem Erfolg verhalfen.

Ich würde jetzt sogar noch einen Schritt weiter gehen, auch wenn das vielen von euch absurd vorkommen muss. Es sterben Menschen, allerorts sind die Leute verunsichert, tätigen Panikkäufe und leiden vielfach darunter, dass Veranstaltungen abgesagt oder verschoben werden. Noch schlimmer trifft es derzeit die Wirtschaft: Die Börsen krachen weltweit so stark zusammen wie seit der Finanzkrise nicht mehr, Lieferketten werden unterbrochen, Produkteinführungen müssen verschoben werden, es werden Notfallpläne geschmiedet für den Fall, dass man die Beschäftigten sicherheitshalber nach Hause schicken muss.

Wie also kann man da jetzt allen Ernstes zu dem Schluss kommen, dass die Corona-Krise nicht nur nicht als ausschließlich negativ zu bewerten ist, sondern sich im Endeffekt sogar als sagenhafter Glücksfall für einen ganzen Planeten beweisen könnte? Das will ich euch im Folgenden darlegen.

Nach der Pest ging es bergauf

Ich hole jetzt mal ganz weit aus und blicke ins Mittelalter. Mitte des 14. Jahrhunderts wütete in Europa die Pest, kostete Millionen Menschen das Leben und dünnte die Bevölkerung eines kompletten Kontinents damit signifikant aus. Den vielen Toten kann man natürlich nichts Positives abgewinnen, aber dem, was sich nach der Pandemie ergab.

Es wurden gesellschaftliche Veränderungen herbeigeführt. Menschen achteten mehr auf Mitmenschen und auch mehr auf sich selbst, sie lebten gesünder, ernährten sich bewusster, gaben anteilig mehr Geld für Lebensmittel aus. Studien belegen, dass die Lebenserfahrung nach der Pest-Pandemie deutlich anstieg.

Würde ich jetzt sagen: “Hurra, nur ein Drittel der Bevölkerung Europas ist am Coronavirus gestorben”, würde das aus gutem Grund nicht wirklich sehr positiv rüberkommen. Daher darf man nicht vergessen, dass der Krankheitsverlauf deutlich milder ist bei Covid-19 und unsere medizinischen Möglichkeiten natürlich ungleich größer als damals.

Der Punkt ist vielmehr, dass wir jetzt schon sehen, dass viele Menschen ihr Verhalten verändern. Nein, damit meine ich nicht unsinnige Hamsterkäufe, auch wenn man selbst denen was Gutes abgewinnen kann, dazu später. Ich meine eher, dass Leute sich ihres Tuns deutlicher bewusst werden. Menschen, die sich vorher nicht so häufig und gründlich die Hände gewaschen haben, tun es heute, geniest und gehustet wird in die Armbeuge usw.

Ich könnte mir auch gut vorstellen, dass künftig mehr Menschen erwägen, sich in Zukunft gegen die Grippe impfen zu lassen und generell versuchen werden, gesünder zu leben.  Das sind aber gar nicht mal die positivsten Effekte dieser Corona-Krise, sondern eher sowas wie erfreulicher “Beifang”. Momentan staunen wir, was gesellschaftlich in diesen Tagen vor sich geht: Leute hamstern nicht nur Lebensmittel, sondern auch Desinfektionsmittel und Schutzmasken, selbst Kinderkrebsstationen werden bestohlen.

Aber ich bin überzeugt davon, dass das schwarze Schafe und Momentaufnahmen sind und wir irgendwann sehen können, dass es hier eine Lernkurve gibt. Schaue ich in meinem eigenen Feed auf Facebook und Twitter rum, wie sich Menschen benehmen, die ich persönlich kenne und schätze, ist das Benehmen deutlich angenehmer, als das, was wir gerade in den Supermärkten erleben oder in den Medien lesen müssen.

Corona – wirksamer beim Kampf gegen den Klimawandel als Fridays For Future?

Wenn ich schon dabei bin, steile Thesen rauszuhauen, dann kann ich auch noch einen drauf setzen, oder? Ja, ich könnte mir in der Tat vorstellen, dass die derzeitige Krise beim Kampf gegen den Klimawandel noch nützlicher sein könnte als die “Fridays-for-Future”-Bewegung rund um Greta Thunberg.

Damit möchte ich um Gottes Willen nicht die Verdienste von Greta und Co. kleinreden, wirklich nicht. Sie haben so viel angestoßen und dafür gesorgt, dass man nirgends mehr an diesem Thema vorbeikommt. Dennoch glaube ich, dass das, was derzeit passiert, noch einen größeren Impact haben könnte.

Wieso? Ganz einfach: Wenn mir jemand sagt, es würde CO2 sparen, wenn ich nicht fliege, ist eine Flugabsage vermutlich nicht so wahrscheinlich, als wenn ich Angst habe, dass ich mich auf dem Flug infizieren könnte. Oft haben wir aktuell aber auch gar nicht die Entscheidung, ob wir uns auf den Weg machen: Unsere Reisen entfallen, weil wir in bestimmte Regionen derzeit nicht fliegen dürfen. Sie fallen aus, weil Messen und Konferenzen ausfallen, weil Lufthansa und andere Unternehmen von sich aus Flüge canceln.

Das ist in diesen Tagen natürlich oftmals enttäuschend und ein ziemlicher Arschtritt für die Betroffenen. Der Punkt ist aber, dass wir aktuell lernen, damit umzugehen und das genau ist der Punkt, an dem es spannend ist. Schaut mal bei Google und Co vorbei, wie sie mit der Absage von Events umgehen. OPPO hat gestern sein Smartphone OPPO Find X2 Pro im Online-Stream vorgestellt. Google sagt seine Entwicklerkonferenz Google I/O und wird versuchen, die Sessions stattdessen so gut wie möglich online anbieten zu können.

Aktuell sind das alles Notlösungen, klar. Aber wir werden da vielleicht schon ganz schnell an den Punkt kommen, dass sich daraus viel mehr Möglichkeiten ergeben. Vielleicht kann man ein Smartphone auch präsentieren, ohne dass man 1000 Journalisten teuer in der Weltgeschichte umher fliegt. Vielleicht kann man stattdessen daran feilen, wie man sein neues Handset spannender präsentiert, als das derzeit bei den immer gleichen Bühnenpräsentationen der Fall ist.

In dem Moment, in dem ein Unternehmen erkennt, dass es so auch ebenso gut oder sogar besser funktioniert, werden vielleicht viele dieser Events gar nicht mehr angesetzt. Schauen wir uns die Präsentationen halt im Netz an — oder nehmen wir per Videokonferenzen an Roundtables und Sessions teil. Das alles sind ja keine Dinge, die technisch nicht schon längst funktionieren. Aber dadurch, dass wir jetzt drauf angewiesen sind, dürften sie deutlich häufiger zum Einsatz kommen.

Anderes Beispiel? Wir sehen derzeit, welche Schwierigkeiten es nach sich ziehen kann, wenn man seine Produktion komplett nach China oder generell Fernost auslagert. Vielleicht macht es auch hier “Klick” bei den Entscheidern in den Chefetagen und man produziert vielleicht wieder mehr hierzulande — einfach, um sich aus der Abhängigkeit zu befreien. Bis es soweit ist, müssen wir als Gesellschaft damit leben. Damit leben, dass Produkte vielleicht ein wenig teurer oder knapp werden. Damit leben, dass das neue Auto oder das nächste Smartphone vielleicht erst viel später vorgestellt oder ausgeliefert wird. Okay, das sind viele “vielleichts”, logisch. Aber auch die niederländische Trendforscherin Li Edelkoort denkt in diese Richtung und sagt:

Wir sind bereits zwei Monate im Rückstand, was bedeutet, dass Waren mit Sommerthemen nicht geliefert werden oder zu spät ankommen, um verkauft zu werden.

Wir treten gerade alle zusammen ein bisschen auf die Bremse und sortieren uns neu. Unternehmen werden also lernen müssen, andere Wege zu gehen und wir Konsumenten werden uns in Geduld üben müssen und damit umzugehen lernen. Ich zitiere noch einmal die 69-jährige Dame aus den Niederlanden, die in ihrer Karriere unter anderem für Armani und Google arbeitete. Sie sagt:

Wir werden eine Verzögerung bei der Herstellung von Konsumgütern erleben. Das ist schrecklich und wunderbar, denn wir müssen die Produktion in diesem Tempo einstellen. Wir müssen unser Verhalten ändern, um die Umwelt zu retten. Es ist fast so, als ob das Virus eine erstaunliche Gnade für den Planeten ist.

Im besten Fall gewöhnen wir — Wirtschaft wie Privatpersonen — uns tatsächlich daran, dass dieses “immer mehr, immer schneller” so nicht länger funktioniert. Eigentlich sollten wir jetzt schon lange wissen, dass der Kapitalismus in der aktuellen Form nicht weiter funktionieren kann. Wenn irgendwann Rohstoffe versiegen und Märkte nicht mehr wachsen, funktioniert dieses “immer mehr Gewinn” einfach nicht mehr. Die aktuelle Krise jedoch könnte dafür sorgen, dass das, was wir eigentlich wissen, zu dem wird, was wir endlich angehen und verändern.

Es ist doch in unseren Leben oft genau so: Wenn ich mich in meinem Körper unwohl fühle und deswegen abnehmen möchte, kann das funktionieren. Wahrscheinlicher ist aber, dass ich zehn Diäten mache und zehn mal wieder zunehme, oder gar nicht erst wirklich abnehme. Wenn mir mein Arzt aber sagt, dass ich entweder ganz schnell wenigstens 20 Kilo abnehme, oder in einem Jahr den Arsch zusammenkneife, dann ist das eine andere Motivation — ich schaff es, weil ich es schaffen muss!

Genau das erhoffe ich mir als positiven Effekt der aktuellen, wirklich ernsten Corona-Krise: Dass wir bei ganz vielen Dingen jetzt endlich die Schritte angehen, von denen wir ewig schon wissen, dass wir sie gehen müssen, aber jetzt erst realisieren, dass wir keine andere Chance mehr haben. Die FFF-Kids um Greta haben sich den Mund fusselig geredet, ohne dass sich wirklich viele Dinge geändert haben. Jetzt drückt uns ein Virus die Pistole auf die Brust — und wir handeln endlich (hoffentlich). Privatpersonen bemühen sich mehr, Unternehmen stellen Produktionen um — und internationale Regierungen und Behörden arbeiten gezwungenermaßen Hand in Hand. Klingt euch ein bisschen zu schräg oder zu esoterisch? Ja, kann sein. Ich will auch gar nicht so tun, als wäre es ein verdammter Spaß, dass gerade überall in der Welt Menschen sterben. Ich glaube aber tatsächlich daran, dass diese Krise gleichzeitig auch eine unfassbar große Chance sein kann. Warten wir mal ab, ob wir sie zu nutzen verstehen.

 

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