Kommentar

Corona: Können wir uns bitte alle mal zusammenreißen?

Die Pandemie hält an, aber die Menschen - auch in Deutschland - werden wieder leichtsinniger. Können wir uns einfach mal weiter am Riemen reißen und an eine Handvoll Regeln halten? Ein Kommentar. 

von Carsten Drees am 29. Juli 2020

Das Ende ist nah! Okay, pathetischer kann man hier nicht einsteigen, aber die Nummer mit dem Pathos und Populismus funktioniert ja augenscheinlich derzeit recht gut bzw. verfängt bei unangenehm vielen Menschen. Ich meine aber nicht das Ende der Menschheit, des Planeten oder sonst was in der Art: Die Rede ist vom Ende der Pandemie!

Das wird nämlich am Samstag, den 1.8. in Berlin feierlich verkündet — natürlich nicht von der Regierung oder von Wissenschaftlern, sondern von sogenannten Querdenkern, die zu einer fetten “Freiheits”-Demo aufgerufen haben. Wie viele Menschen da kommen sollen? Eine halbe Million Menschen, glauben die Organisatoren. “Deutlich weniger” glauben alle anderen oder zumindest diejenigen, die sich darüber, wieso man in Berlin für besagtes Datum immer noch ein Füllhorn an Hotelzimmern findet.

Querdenken 711 nennt sich die Gruppierung, die das Event organisiert und nach wie vor dazu auffordert, dass sich Menschen aus allen Teilen des Landes auf den Weg in die Hauptstadt machen sollen. Ganz ehrlich: Mir fehlt hier gerade die Muße und die Geduld, die Veranstaltung aufzubröseln und zu erklären, wieso man die Gestalten, die dort reden werden, mit Vorsicht betrachten sollte. Wer da mehr wissen möchte, lest bitte beispielsweise den Artikel im Tagesspiegel dazu.

Es macht mich so wütend!

Weil ich dumm bin, verschwende ich immer noch meine Zeit mit Diskussionen darüber, ob Covid-19 nun schlimmer ist als eine normale Grippe oder eben nicht. Ich versuche tatsächlich inständig, diese Menschen zu verstehen. Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich mich auf so viele sinnlose Talks einlasse, deren Sinnlosigkeit schon vor dem ersten Wort feststeht. Aber ich bin noch wütender auf Menschen, die auf die Regeln scheißen, die dazu geführt haben, dass uns viele Nationen der Welt darum beneiden, wie glimpflich wir durch die Pandemie kommen. Diese Regeln sind immer noch genau so simpel wie vor Monaten: Wascht euch ordentlich die Flossen, haltet Abstand, tragt die verschissenen Masken, wo sie vorgeschrieben sind bzw. wo ein Mindestabstand nicht gewährleistet ist.

Es sind so fucking simple Regeln und so ziemlich jeder von uns sollte in der Lage sein, diese zu befolgen. Ja, es gibt sicher ein paar Ausnahmen — ein paar Menschen, denen es tatsächlich aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich ist, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Aber wir brauchen nicht drüber diskutieren, dass das nicht mal annähernd identisch ist mit der Zahl der Menschen, die behauptet, nicht ein paar Minuten mit so einer Maske herumlaufen zu können.

Meine Wut angesichts dieser Ignoranz kann aber noch gesteigert werden: Dann nämlich, wenn Leute nicht nur sinnlos rumjammern, dass sie diese Masken nicht tragen können/wollen, sondern die Regeln dann auch aktiv verletzen, indem sie dennoch in Läden reinrennen und dort schlimmstenfalls noch einen Streit anzetteln und irgendwas von Grundrechten faseln.

Was ist mit solchen Leuten los? Weiß man da schon Genaueres? Mittlerweile gibt es sogar eine Karte, auf der man angezeigt bekommt, in welche Läden man problemlos ohne Maske reinkommt. Seht es mir nach, wenn ich keinen Bock habe, den Scheiß hier zu verlinken.

Lasst uns eine Party feiern

Ein Leben ohne Parties funktioniert — ist aber irgendwie kacke. Das denkt natürlich nicht jeder, aber vermutlich doch der größte Teil von uns. Die gute Nachricht daher: Das Feiern ist nicht verboten. Ich reue mich darauf, dass ich im August endlich wieder auf ein Konzert gehen kann und wir haben vor Wochen bereits im kleinen Rahmen den Geburtstag eines Freundes feiern können.

In einigen Tagen feiern wir erneut und das befreundete Paar, welches zur Party einlädt, hat in der entsprechenden Facebook-Veranstaltung bereits ausführlichst die Regeln kommuniziert. Jeder wird nur aus seinem mitgebrachten Behältnis trinken, alle Gäste haben bereits jetzt ihre Anschrift hinterlassen, die Party findet an der frischen Luft an, wer doch das Gebäude betritt (beispielsweise zum Pinkeln), muss dabei eine Maske tragen und darauf achten, dass sich immer nur eine maximal zulässige Zahl Personen dort aufhält. Werde ich dennoch dort Spaß haben? Selbstverständlich!

Niemand muss also einsam zuhause sterben, weil er keine netten Abende mit seinen Leuten verbringen darf. Wir dürfen reisen und wir dürfen im Rahmen der Hygiene-Regeln eben auch feiern. Lasst uns das also ruhig tun — tut der Seele gut und hilft dabei, diesen derzeitigen Irrsinn eben doch noch ein wenig länger durchzuhalten.

Was ich aber zum Kotzen finde: Groß-Demos wie die oben beschriebene, bei der ganz bewusst die Regeln gebrochen werden sollen. Ebenso platzt mir der Arsch, wenn ich lese, was da beispielsweise in Berlin in der Hasenheide passiert. Im Artikel erzählt einer der Partygänger:

Meine Freunde und ich wussten, dass wir uns beim Rave einem Risiko aussetzen. Aber wir haben die Freiheit, mit unserem Körper zu machen, was wir wollen. Einige Leute hatten da Sex im Gebüsch – so weit würde ich nicht gehen.

Freiheit — immer Ansichtssache

Mich stört bei solchen Geschichten grundsätzlich immer dieser vermeintliche Anspruch auf Freiheit. Nicht, weil ich Leuten ihre Freiheit nicht gönne — im Gegenteil. Aber mich macht es rasend, dass dieser Freiheitswunsch immer mit einem Ego-Trip einhergeht, unter dem andere leiden müssen. Meine Freiheit hat eine natürliche Grenze und die verläuft exakt dort, wo ich Gefahr laufe, die Freiheit eines anderen zu beschränken.

Wer jetzt also auf Superspreader-Events geht und dafür sorgt, dass wieder mehr Menschen erkranken und sterben und die dafür sorgen, dass in der Folge wieder strengere Lockdown-Regeln verhängt werden müssen, schränken die Freiheit anderer massiv ein und gefährden zudem Leben. Wie viel mehr kann man Freiheit beschneiden, als wenn man einem anderen sein Leben nimmt?

Ich raffe das alles nicht und es macht mich wahnsinnig und lässt mich in diesen Tagen ratlos zurück. Damit meine ich eben nicht nur die Menschen, die zu Tausenden feiern und vermeintliche Querdenker, die sich in irgendwelchen Verschwörungs-Schwurbel-Gruppen für Hygiene-Demos verabreden (Was für ein Irrsinn ist eigentlich schon der Name Hygiene-Demo?). Ich meine damit auch die Menschen, die zwingend jetzt im Urlaub die Regeln in anderen Nationen verletzen. Die Menschen, die eben nicht mal für 15 Minuten im Supermarkt eine Maske aufsetzen wollen. Menschen, die pauschal davon ausgehen, dass Experten und Regierung gemeinsam das absolut Schlechteste für die Bevölkerung wollen.

Ich weiß nicht, woher das alles kommt und ich weiß nicht, wo all die Besonnenheit hin ist. Wir sind doch keine Nation von Schwachköpfen, oder? Wie oft muss man noch erklären, dass diese Pandemie eben keine normale Grippe ist? Wie oft muss man Leuten noch klar machen, dass die glücklicherweise überschaubaren Infektions- und Todeszahlen nicht auf einen Fehlalarm oder eine Verarsche hinweisen, sondern bestätigen, dass die Regeln funktionieren?

Weil ich das alles nicht raffe, haue ich jetzt hier wieder einen Text raus, der mit dem eigentlichen Fokus des Blogs herzlich wenig zu tun hat. Einfach, weil ich nochmal eindringlich darum bitten möchte, besonnen vorzugehen und bitte, bitte noch durchzuhalten. Das, was wir derzeit durchstehen müssen, kostet Kraft, kostet Nerven, kostet Geld und kostet Jobs. Halten wir uns weiter an die Regeln, ist diese Scheiße irgendwann vorbei. Halten wir uns nicht dran, ist die Scheiße auch irgendwann vorbei — irgendwann deutlich später! Ich vermisse auch so vieles, was für uns sonst immer selbstverständlich war. Aber kommt schon, Leute: Wir vegetieren aber doch nicht dahin, nur weil wir Masken tragen müssen und auf Abstand bedacht sein sollen, oder?

Dass die Kultur-Branche und viele andere derzeit auf dem Zahnfleisch gehen, will ich nicht unterschlagen. Auch nicht, dass Eltern an ihre Grenzen gelangen, wenn sie weiterhin Home-Office, Home-Schooling und den Haushalt unter einen Hut bekommen müssen. Aber diese Probleme muss man anders adressieren als durch das Ignorieren von Regeln. Das würde nämlich nur dazu führen, dass wir noch deutlich länger mit diesen Regeln leben müssen und vielleicht sogar wieder mit noch strengeren.

Mir sind diese ganzen “die da oben”-Schwurbler und Verschwörungs-Affen normalerweise egal, aber in diesem Fall sorgen diese Menschen dafür, dass Millionen andere Menschen länger leiden müssen und das sehe ich einfach nicht ein. Haltet also bitte noch ein bisschen durch. Ich sagte es bereits: Wir kommen da nur gemeinsam durch — aber ich weiß, dass wir da durchkommen und das ist die Hauptsache!