Kommentar

Corona-Krise: Ganz Facebook ist eine Challenge

Coronavirus, Hamsterkäufe und Ausgangsbeschränkung stecke ich locker weg. Eine Sache aber macht mich verrückt: Der Challenge-Irrsinn auf Facebook. Ein Kommentar mit Augenzwinkern.

von Carsten Drees am 30. März 2020

Das Coronavirus und alles, was da dranhängt, macht uns aktuell das Leben mal richtig schwer. Wir kämpfen an vielen Fronten — beruflich, finanziell, gesellschaftlich und nicht zuletzt gesundheitlich. Wie wir da wieder rauskommen, wie lange all das dauern wird und wie die Welt danach aussehen wird — wir haben keinen Schimmer.

Aber ich weiß jetzt schon, dass ich reif für die Klapse sein werde, wenn Facebook so bleibt, wie es gerade ist oder sich die Situation gar noch verschlimmert. Damit meine ich gar nicht, dass Mark Zuckerberg und seine Jungs mal wieder irgendwas verbockt haben. Vielmehr sind es die Nutzer, die mich förmlich in den Irrsinn treiben.

Vermutlich haben viele Menschen in diesen Zeiten Facebook für sich wieder entdeckt. Man konnte in den letzten ein, zwei Jahren beobachten, dass nicht wenige Nutzer dem blauen Riesen den Rücken zukehrten, sich vielleicht Alternativen wie Twitter oder Instagram suchten oder Social Media direkt mieden.

Jetzt sind sie jedenfalls fast alle wieder da und wollen anscheinend binnen Wochen alles aufholen, was sie in den letzten Jahren verpasst haben: Jedes Meme, jeder alte Gag, jedes Spiel, jede Challenge und vor allem jeder Kettenbrief taucht plötzlich wieder auf — ergänzt um jeweils neue Beiträge dieser Art.

Wenn ich schon den Satz lese, dass man der Negativität was entgegensetzen möchte und daher jetzt Facebook mit irgendwas füllen möchte, platzt mir der Sack. Ich bin jemand, der sehr gerne Musik auf Facebook postet. Manchmal, weil mir gerade nicht danach ist, über Musik hinaus irgendwas auf Facebook zu kommunizieren. Manchmal, weil mich ein Film, ein Dialog oder sonst irgendwas an einen Song erinnert. Manchmal einfach nur so, weil ich finde, mehr Leute sollten ein bestimmtes Lied kennen — oder einfach mal wieder hören.

Uns steht eine ganze Musikwelt dafür offen, wir finden auf Facebook sehr viele Videos, können Vimeo oder YouTube einbinden, ebenso Soundcloud, Spotify und sonst was. Wieso also sollte ich darauf warten, dass ich durch eine Scheiß-Challenge nominiert werde, um einen Song zu posten? Und wieso muss ich mich dann an Regeln halten? — “Text kopieren, nicht teilen“. Gibt man dem Video ein Like, bekommt man von der jeweiligen Person einen Buchstaben zugeteilt und darf dann auch nur einen Künstler posten, der mit diesem Buchstaben anfängt. Ernsthaft, Freunde — so ein Scheiß war schon vor fünf Jahren lame und er wird nicht besser dadurch, dass es einem jetzt an jeder Ecke über den Weg läuft.

Wisst ihr, was toll ist? Man kann dieses Video liken, wenn man es mag – und wird zu nix nominiert. #nurMusik

Gepostet von Carsten Drees am Montag, 30. März 2020

Das Schlimmste dabei für mich: Man sieht ein Video, welches einem gefällt, darf es aber nicht mehr liken, weil man direkt wieder damit genervt wird, dass man jetzt gefälligst was mit dem Buchstaben X posten muss. Schwachsinn, ernsthaft. Postet doch die Musik, die ihr mögt und ganz ohne Regeln hat man was Positives in meinen Feed gehustet. Negativ wird es doch erst dadurch, dass ich euch in den Kommentaren wegen der blöden Spiele beschimpfe ;-)

Apropos Spiele: Stadt Land Fluss? Ernsthaft? Ein Spiel, welches seinen Reiz dadurch bezieht, dass mehrere Mitspieler gleichzeitig gegen die Uhr antretend eine gewisse Menge an Begriffen auflisten müssen, um zu gewinnen. Wie viel Sinn macht es, wenn alle Mitspieler erst antreten können, nachdem der erste Spieler — der, der es gepostet hat — bereits fertig ist? Das ist genau so pfiffig, als läuft man ein 100-Meter-Rennen gegen jemanden, der erst später auf dem Sportplatz ist. Man sitzt längst geduscht am Rande der Tartanbahn, schaut dem Konkurrenten zu, wie er eine deutlich bessere Zeit läuft — und man hat trotzdem gewonnen, weil man ja schließlich schon vor 15 Minuten da war. Eben — ergibt einfach keinen Sinn.

Und dann ist da auch wieder dieser Buchstaben-Shizzle: Man soll — entgegen der eigentlichen Spielregeln — nicht mit allen Spielern den selben Buchstaben nehmen, sondern den Anfangsbuchstaben des eigenen Vornamens. Xavier, Quentin und Yvonne gefällt das! Mit dem Buchstaben “C” am Anfang bin ich da auch nicht wirklich gesegnet. Aber ich verspreche euch: Spätestens beim vierten mal könnte ich da alle Begriffe runterbeten. Wäre das dann ein feines Spiel, um mir die Zeit zu vertreiben? Nein, eher nicht.

Dann gibt es da noch diese Listen. Erinnert ein kleines bisschen an die Poesie-Alben, in die man früher in der Schule geschrieben hat. Beliebt, wie ich war, bekam ich solche Bücher immer frühestens in die Finger, wenn schon mindestens Dreiviertel der Klasse sich dort verewigt hatten. Ich war sowas wie die Pflichtaufgabe — der Typ, den man reinschreiben lassen musste, weil man ja die ganze Klasse komplett haben wollte. Ist es diese Verbitterung, die mich genervt auf diese Listen auf Facebook reagieren lässt? Nein, es ist diese Scheißegaligkeit meinerseits, ob ihr lieber duscht oder badet. Es interessiert mich einen Scheiß, ob ihr einen Cheeseburger einem Hotdog vorzieht oder ob ihr Blaukäse mögt.

Hui, ne Super-Liste als Zeitvertreib, da mach ich natürlich mit. 1 .Lieblingsessen? – Alles!2. Magst Du…

Gepostet von Carsten Drees am Donnerstag, 26. März 2020

Auch in letzter Zeit wieder sehr beliebt: Jemand postet irgendwas — “Ich werde heiraten” — und jeder, der blöd genug ist, darauf was zu kommentieren, wird privat angeschrieben und informiert, dass es sich um ein Spiel handelt. Er kann sich jetzt aus einer Liste eine behämmerte Statusmeldung aussuchen und muss die dann ebenfalls posten. Uralte Kettenbrief-Kacke, die anscheinend auch 2020 noch Leute bei Laune hält.

Falls ich antworte, weil ich nicht raffe, dass es ein Spiel ist, habe ich doch längst gezeigt, dass ich mit dieser Person interagieren möchte. Gehe ich jetzt davon aus, dass irgendein Statement vermutlich wieder nur so ein behämmertes Spiel ist, halte ich eben die Fresse und kommentiere lieber nichts. Ist das der Effekt, den man erreichen möchte? Nee, oder?

Ich könnte jetzt noch ‘ne Stunde so weiter schreiben, glaube ich. Weil es einfach so viele dieser Zeitvertreib-Monster gibt, die derzeit die Runde auf Facebook (und nicht nur dort) machen. Leider gibt es sowas auch schon (oder wieder) auf Twitter, auch auf Instagram. Besonders anstrengend bei Instagram: In einer Story teilt man seinen Leuten mit, dass sie irgendwie auf diese Story reagieren sollen. Tun sie das, schaut sich der Mensch, der die Story gepostet hat, das jeweilige Profil an und postet in einer weiteren Story sein Lieblingsbild von dort. Das endet dann oft so, dass eine Person 20 Stories aneinanderreiht, die allesamt nur aus diesen Lieblingsbildern bestehen. Lieblingsbildern von Personen, die ich aber alle nicht kenne. Interessiert mich ‘nen Scheiß, wo der Kumpel eines Instagram-Kontaktes letztes Jahr Urlaub gemacht, Eis gefressen oder sonst was gemacht hat.


All das sind Beispiele dafür, wie mir die sozialen Medien just in der Zeit, in der ich sie dringend bräuchte, förmlich unbrauchbar gemacht werden. Ich hab schon keinen Bock mehr, durch Instagram-Stories zu scrollen, bei Facebook bin ich dazu übergegangen, die Leute dieser Spiele-Fraktion einfach mal für 30 Tage zu snoozen — in der Hoffnung, dass es in 30 Tagen nicht nur in Sachen Corona besser aussehen wird, sondern auch, was diese merkwürdigen Spielchen angeht.

Alles nicht so wild

Ich könnte mir jetzt vorstellen, dass sich diejenigen, die den Beitrag bis hierhin gelesen haben, in zwei Lager aufteilen: Einmal das “endlich sagt es mal einer”-Lager — und natürlich das “hat der Affe echt keine anderen Sorgen?”-Lager. Letzteren kann ich versichern: Oh doch, ich hab gerade ganz andere Sorgen, glaubt es mal ruhig.

Aber unterm Strich bringt es mich auch ganz sicher nicht um, wenn Menschen auf Facebook behämmerte Dinge posten. Ich mag nicht verstehen können, dass ihr sowas tatsächlich zum Zeitvertreib macht, weil ich in meiner Zeit lieber ganz andere Dinge tue, aber das kann ja nicht euer Maßstab sein. Hin und wieder lache ich mal Leute virtuell aus, weil sie wieder mal auf einen uralten “Du gewinnst dies oder das, wenn Du dieses Posting teilst”-Kettenbrief reingefallen sind. Manchmal pöble ich auch — im Spaß — Leute an für ihre bekackten Facebook-Spielchen.

Entscheidend ist aber, dass es keine Facebook-Gebrauchsanweisung gibt, die für jedermann gilt. Es gibt Regeln, an die man sich zu halten hat, klar. Aber es gibt nicht diesen einen Weg, den man gehen muss, um auf Facebook Spaß zu haben. Ihr wollt fröhlich Kettenbrief teilen und/oder “Stadt Land Fluss” spielen? Feel free — ich bin dann gerne mal mit ‘nem blöden Spruch dabei, aber das muss euch nicht abhalten.

Manchmal vergisst man es auch, dass man beruflich bedingt fast den ganzen Tag im Netz verbringt. Wenn ihr auch so jemand seid, der online malocht und somit viele Stunden am Tag Facebook, Twitter und ähnliches im Blick hat: Vergesst nicht, dass viele Leute gerade vielleicht tatsächlich erstmals über den Gag, das Meme oder das Spielchen stolpern, die für uns anderen alte Hüte sind.

Was ist also mein Fazit? Ich werde euch online auch weiterhin anpöbeln und mich unangemessen echauffieren, wenn ich das Gefühl habe, dass mir das Vorbeiscrollen an einem eurer Spielchen-Postings einige Zehntel Sekunden meines Lebens geraubt hat. Aber ich werde es genau so augenzwinkernd tun, wie ich diesen Artikel hier geschrieben habe. Lasst euch also nicht vorschreiben, wie ihr Social Media benutzen müsst — schon gar nicht von einer Pfeife wie mir ;)

Das Einzige, was ich unabhängig davon anregen möchte: Geht mal in euch, ob es wirklich Langeweile ist, die euch dazu bringt, diese Kettenbrief-Postings weiter zu verteilen — und ob die Postings tatsächlich nachhaltig Langeweile vertreiben können. In den “Spielregeln” wird oft gesagt, dass man nur ein Video oder ein Album-Cover posten soll, komplett ohne Erklärung. Meine Meinung dazu ist: Postet doch ruhig das Musikvideo oder das Platten-Cover — aber scheißt auf die restlichen Regeln. Man muss niemanden nominieren und ganz sicher muss man sich auch keine Erklärung verkneifen. Erzählt mir doch, wieso ihr gerade genau dieses Album-Cover postet, welche Geschichte dahintersteckt und wieso es für euch besonders ist. DAS sind doch die Dinge, die Facebook positiv machen, die einem die Zeit vertreiben und es sind diese Postings, die man dann auch gerne kommentiert.

Darüber hinaus gilt nur: Wir müssen allesamt durch die aktuelle Krise, also machen wir uns gegenseitig das Leben nicht zu schwer. Ihr könnt ja mal überlegen, ob ihr das ein oder andere sinnfreie Posting zugunsten eines durchdachteren Postings opfert — und ich gehe mal in mich, ob ich euch künftig auf Facebook etwas weniger auslache oder beschimpfe für eure Beiträge? ;) Wirklich wichtig sind aber nicht die Spielchen auf Facebook oder Leute, die sich unnötig drüber aufregen. Wichtig ist, dass wir möglichst alle gesund und wirtschaftlich intakt aus dem ganzen Corona-Mist rauskommen. Also: Passt auf euch und eure Lieben auf und bleibt gesund — wir lesen uns auf Facebook oder so :)

PS: Freut euch schon auf den zweiten Teil namens “Ernsthaft jetzt? Noch ein Livestream?” ;-)