Kommentar

Corona-Krise: Wollen wir wirklich dahin zurück?

Ein Ende der Corona-Krise ist noch nicht in Sicht, aber es gibt zumindest erste Lockerungen und Hoffnung auf eine weitere Normalisierung. Aber zu welchem Zustand wollen wir wirklich zurückkehren?

von Carsten Drees am 4. Mai 2020

Ende in Sicht? Nein, nein, Freunde — natürlich nicht. Lasst euch nicht dadurch blenden, dass einige Bundesländer in der Corona-Krise mit Lockerungen vorpreschen und so wie Niedersachsen schon in der nächsten Woche wieder Menschen in Restaurants und Biergärten lassen möchten. Richten wir uns lieber in der Krise ein, akzeptieren das “New Normal” und erwarten besser nicht, dass wir in diesem Jahr noch zu genau dem Zustand zurückkehren, der vor Covid-19 herrschte.

Heute findet — wieder einmal — wieder ein sogenannter “Autogipfel” statt, bei dem Industrie und Politik zusammenfinden und über die Bedingungen debattieren, zu denen die Autoindustrie wieder Fahrt aufnehmen kann. Harter Themenwechsel? Ja, kann sein — aber ich will euch erklären, wieso beides für mich zusammengehört: Wie andere Branchen auch, ist auch die Autoindustrie von dem neuartigen Coronavirus empfindlich getroffen worden.

Kein Wunder also, dass man sich von der Regierung ein wenig Starthilfe erhofft — erste Stimmen bringen eine neue Abwrackprämie ins Gespräch, wie es sie zur Finanzkrise bereits gab. Persönlich fände ich, dass das der ganz falsche Impuls wäre, jetzt eine solche Prämie auf den Weg brächte, die bewirken soll, dass möglichst viele Menschen ihr Auto durch ein neues Auto ersetzen. Schließlich wollen wir dahin kommen, dass weniger Autos auf den Straßen zu finden sind und die Fahrzeuge, die unterwegs sind, zudem weniger umweltschädlich sind.

Ja genau — wir haben nämlich nach wie vor mit der Klima-Krise immer noch eine, die nochmals schlimmer ist als die akute Corona-Krise und wünschenswert wäre es, dass das “New Normal” nicht identisch mit dem “Old Normal” ist. Erinnert euch an die letzten Entwicklungen in diesem Bereich, an Fridays For Future, an den Aufwind bei den Grünen und an all die Bestrebungen, eine riesige Industrie komplett umzubauen.

Deswegen möchte ich die Frage stellen, wohin wir eigentlich zurück wollen nach dem derzeitigen Corona-Irrsinn. Wollen wir wirklich alles 1:1 genau so, wie es war? Wäre es nicht das Dümmste, was man tun kann? Also einfach mal nichts daraus lernen, was über viele Jahre schief gelaufen ist und genau da weiter machen, wo wir vor einigen Monaten standen, bloß mit noch einem halben Jahr weniger Zeit?

Bleibt alles anders?

Ich finde, wir sollten aus der Not eine Tugend machen und die einmalige Gelegenheit nutzen, die sich uns gerade bietet. Stellt euch mal vor, dass ihr in einem Unternehmen seit vielen Jahren schon mit der gleichen Software arbeitet. Diese wird immer wieder ergänzt, erweitert, verbessert, damit sie den wechselnden Ansprüchen gerecht und sicherer wird. Ich habe seinerzeit mit solcher Software arbeiten müssen, die Jahrzehnte auf dem Buckel hatte und die ein reiner Code-Flickenteppich war.

Als Unternehmen kommt man dann irgendwann an dem Punkt, an dem man sieht, dass es deutlich bessere Software gibt und man da mit kleineren Korrekturen und ewigen Ausbesserungen nicht mithalten kann. Also entscheidend man sich irgendwann für einen brutalen Schnitt und tauscht eine Software aus. Von einem Tag auf den anderen sieht alles andere aus, bestimmte Funktionen finden sich woanders oder sind gar nicht mehr an Bord usw. Das verlangt dann dem Personal erst einmal eine Menge ab, lohnt aber unterm Strich natürlich, weil man jetzt zukunftssicher ist, die Software deutlich schlanker und flotter programmiert wurde und alles irgendwie besser funktioniert.

Anderes Beispiel: Stellt euch vor, dass ihr einen riesigen Turm aus Bauklötzen gebaut habt. Ihr wollt nun aus diesem Turm etwas neues, besseres bauen. Werdet ihr jetzt so lange hier und da Steine entfernen und woanders hinbauen? Ja, könntet ihr, aber es wäre äußerst mühselig und umständlich. Wahrscheinlicher wäre es, dass man den ganzen Turm einstürzen lässt und für das neue Gebilde wieder ganz von vorne anfängt.

Im richtigen Leben funktionieren solche Dinge aber meistens nicht so unkompliziert wie in diesen Beispielen. So müssen wir eben Städte nach und nach modernisieren, statt einfach auf der grünen Wiese eine ganz neue zu bauen. In der Autoindustrie muss man einen neuen Kurs einschlagen, ohne dass man damit massig Arbeitsplätze vernichtet und seine treue Kundschaft verprellt.

Aber diese Pandemie, die fraglos furchtbar ist und sehr vielen Menschen elendiges Leid gebracht hat und die eben noch lange nicht überwunden wurde, gibt uns jetzt diese einmalige Chance in vielen Bereichen. Dieser Software-Wechsel oder der eingestürzte Turm, aus dem man was komplett neues bauen kann, das findet gerade auf so vielen Ebenen und in so vielen Branchen statt. Der Einzelhandel erkennt, wie er mit dem Internet arbeiten kann, statt dagegen. Viele Firmen erkennen die Vorteile, wenn sie ihre Leute von zuhause arbeiten lassen und diese Angestellten erkennen, dass das tatsächlich funktioniert. Wir lernen, dass man viele Konferenzen, für die wir sehr viel Zeit, Reisekosten und umweltschädigende Flüge investieren, durch digitale Meetings ersetzen können. Wir lernen, wie viel moderner Kinder unterrichtet werden können und Lehrer wie Schüler zeigen bei der Gewöhnung an andere Technologien eine steile Lernkurve.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir würden von allein niemals auf die Idee kommen, so einschneidende Veränderungen von heute auf morgen und gleichzeitig mit vielen anderen Veränderungen einzuleiten. Aber dieses ganze Konstrukt ist nun mal in weiten Teilen eingestürzt und wir können jetzt anfangen — Stein für Stein — alles wieder aufzubauen. Und wäre es da nicht pfiffig, wenn wir es jetzt eben nicht exakt wieder so aufbauen wie früher und uns dann überlegen, wie wir es in winzigen Mäuseschritten korrigieren, sondern uns unsere Welt direkt vernünftig aufbauen?

Es wird uns nicht gut tun, dass der Staat Milliarden Euro in die Hand nehmen muss, um uns aktuell zu helfen, um der Industrie zu helfen, um gesellschaftliche Schieflagen zu korrigieren usw. Aber wir werden vermutlich nie wieder an einen Punkt wie jetzt kommen, an dem das Kind bereit in den Brunnen gefallen ist. Der Staat verschuldet sich jetzt bereits maßlos, um alles am Laufen zu halten bzw. wieder ans Laufen zu bringen — sollte man da nicht auch jetzt dann die Weichen stellen, um beispielsweise die Pflegekräfte finanziell und im gesellschaftlichen Ansehen auf ein neues Level zu heben?

Sollte man bei einem Autogipfel jetzt nicht beschließen, dass man der Industrie nur unter die Arme greift, wenn sie dafür die andere, schlimmere Krise — die Klimakrise — bei allen Schritten im Blick hat? Damit will ich der Branche nicht unterstellen, dass sie längst schon im Umbruch ist und viele neue Ansätze verfolgt, um sich neu zu erfinden. Aber die Chance ist jetzt eben da, noch drastischer auf den neuen Kurs umzuschwenken — gerade, wenn man sieht, dass Konkurrenz-Nationen wie die USA wirtschaftlich deutlich schlechter aufgestellt sind als wir? Wir haben derzeit 10 Millionen Menschen in Kurzarbeit, was schlimm genug ist, aber das deutlich geringere Übel im Vergleich zu einem verlorenen Job. Und selbst die 300.000 Arbeitslosen, die neu hinzugekommen sind, sind vergleichsweise überschaubar. Die USA haben seit Mitte März mehr als 30 Millionen (!) neue Arbeitslose.

Ich könnte jetzt vermutlich noch zehn weitere Beispiele bringen, die mit unseren Städten, mit Kitas, mit der Gesellschaft, dem Handel und sonst was zu tun haben, aber ich denke, ihr wisst, worauf ich hinaus will. Wir sind mitten in einer furchtbaren Krise und viele Branchen — Gastronomie beispielsweise und alles, was mit Live-Events und Unterhaltung zu tun hat — kämpfen um ihre Existenz, genau in dieser Sekunde, in der ich an diesen Zeilen tippe.

Aber es gibt eben auch Branchen, die sich jetzt bereits wieder langsam darauf konzentrieren können, wie genau man weitermacht und da sollten wir doch nach Möglichkeit die richtigen Bedingungen schaffen für eine tatsächlich bessere Welt. Wir können die Architekten eines Landes sein, in dem die Großstädte wieder grüner werden, die Pflegekräfte fair verdienen, weniger Autos auf den Straßen sind, weil viele Menschen einfach weiter im Home-Office arbeiten und und und.

Kann sein, dass wir es verkacken und weiter Fehler machen. Aber Fehler machen ist okay, solange man auch daraus wieder lernt. Der größte Fehler hingegen wäre es, wenn wir jetzt ganz genau wieder dahin zurückkehren, wo wir direkt vor der Corona-Krise standen. Auch, wenn es erst wenige Monate her ist, fühlt es sich ganz weit weg an und dennoch erinnern wir uns: Es war ganz sicher keine faire, perfekte Welt, in der wir da Ende 2019 noch gelebt haben. Ich bin guter Dinge, dass wir das besser können — und eine perfektere Steilvorlage als die aktuelle Situation werden wir so schnell nicht mehr bekommen, ganz viel in eine richtigere Richtung zu korrigieren.

 

Artikelbild: K. Kliche auf Pixabay