Coronavirus: Bill Gates erklärt, wie man die Krise in den Griff bekommen kann

Microsoft-Gründer und Kopf der Gates-Foundation - Bill Gates - hat noch Hoffnung für die USA und glaubt, dass in der Corona-Krise immer noch das Schlimmste abgewendet werden kann. Er weist auf drei Punkte hin, die auch für andere Länder passen.

von Carsten Drees am 2. April 2020

Ich weiß nicht, wie es bei euch aussieht, aber ich sitze so wie immer im Home-Office, entwickle aber trotzdem in dieser Krise neue Routinen. Eine davon ist, dass ich spätestens ab nachmittags viel in CNN reinschaue. Dort sieht man schön im Vergleich, wie man mit der Corona-Krise umgehen kann bzw. sollte — und wie man es genau nicht macht. New Yorks Gouverneur Cuomo macht das mit seinen täglichen Briefings einfach großartig — die Briefings der Corona Task Force der US-Regierung hingegen sind das absolute Gegenteil und an Peinlichkeit oftmals nicht zu überbieten.

Für mein Empfinden ist es auch in Deutschland wichtig, Richtung USA zu schauen in solchen Zeiten, weil vieles, was dort passiert, immer auch Auswirkungen auf den Rest der Welt haben kann. Letzte Woche konnte man auf CNN im Rahmen der vielen Experten-Interviews, die dort geführt werden, auch Bill Gates lauschen, der dort sehr präzise Vorstellungen äußerte, wie man in den USA noch Herr der Krise werden könnte.

Dazu gehört natürlich auch, dass man aufzählt, was alles nicht so richtig läuft und Gates lässt keinen Zweifel daran, dass die US-Regierung jede Menge Zeit verschwendet hat. Einen Teil des Interviews seht ihr hier im Video:

Hier auf dem Blog müssen wir zum Glück niemandem mehr einen Bill Gates vorstellen oder erklären, dass nach seiner aktiven Microsoft-Zeit die Gates Foundation, die er mit Frau Melinda führt, in seinen Lebensmittelpunkt gerückt ist. Bill Gates ist natürlich steinreich, haut aber u.a. für seine Foundation auch erstaunliche Beträge wieder raus, um jede Menge gute Dinge anzustoßen.

Er bringt sich bei der Lösung der Probleme, die diese Welt in Schach halten, jedoch nicht nur finanziell ein, sondern versucht auch selbst daran mitzuarbeiten, dass Steine aus dem Weg geräumt werden können, die uns bei der Lösung dieser Probleme behindern. Es empfiehlt sich also grundsätzlich, diesem intelligenten Mann zuzuhören, wenn er sich zu einem dringenden Thema wie beispielsweise Covid-19 äußert.

Bei CNN hat er das wie erwähnt kürzlich getan, jetzt hat er zudem einen Artikel für die Washington Post verfasst, in der er sich dem Thema Corona mit Blick auf die USA nähert. Bei aller Kritik, die wir hier gerne Richtung unserer eigenen Regierung abfeuern und im Hinterkopf behaltend, dass auch bezüglich Covid-19 in Deutschland hier und da fraglich reagiert wurde, können wir wohl festhalten, dass unsere Regierung die Krise deutlich seriöser angeht, als es die US-Regierung tut.

Ich habe das Gefühl, dass es erst in diesen Tagen überhaupt erst zu Donald Trump durchgedrungen ist, dass er da tatsächlich ein riesiges Problem vor der Brust hat. Logisch also, dass Bill Gates sich auf die Krise in den USA fokussiert. Er ist der Meinung, dass es trotz der verschenkten Zeit noch nicht zu spät ist, das Ruder herumzureißen und die richtigen Schritte zu unternehmen, damit die USA das Problem noch bestmöglich in den Griff bekommen kann.

Konkret nennt er drei Punkte, die jetzt berücksichtigt werden müssten und bei allen Unterschieden zwischen unserer Regierung und der Trump-Administration sind das Punkte, die im Wesentlichen global so gelten dürften.

Seine drei Thesen:

  1. Das Land braucht einheitliche Regelungen
  2. Es muss deutlich mehr getestet werden
  3. Man braucht einen datenbasierten Ansatz für die Entwicklung von Behandlungen und eines Impfstoffs

Viren kennen keine Grenzen

Bei den einheitlichen Regelungen gibt es ja auch in Deutschland immer wieder Kritik. Allerdings muss man fairerweise sagen, dass es eine einheitliche Basis gibt, die unsere Regierung zusammen mit den jeweiligen Landesregierungen erarbeitet hat. Darüber hinaus gibt es jedoch einige Länder, in denen strenger durchgreift.

Bill Gates stellt für die USA fest, dass es dort deutlich schlechter aussieht, weil es immer noch einzelne Staaten gibt, in denen man noch in Restaurants sitzen oder die Strände geöffnet sind. Gibt es irgendwo in den Staaten einen Shutdown, muss es überall einen Shutdown geben, fordert Gates daher. Genauso, wie die Menschen über Landesgrenzen reisen, so lässt sich auch ein Virus nicht durch solche Grenzen abhalten.

Er geht davon aus, dass es durchaus noch zehn Wochen oder gar mehr dauern könnte, bis die Zahlen der Infizierten in den USA wieder zurück gehen und solange muss man diesen Shutdown überall durchziehen. Tut man das nicht oder lockert man zu früh die Bedingungen, riskiert man nicht nur ökologisch einen Totalschaden, sondern erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass man die Krise in die Länge zieht und noch mehr Menschen ihr Leben verlieren.

Tests, wir brauchen Tests

Als zweiten Punkt nennt er die Corona-Tests, die deutlich häufiger stattfinden müssten und die auch entsprechend priorisiert durchgeführt werden müssten. Ansätze für schnellere Tests sowie für das Bereitstellen größerer Mengen dieser Tests gibt es in den USA ebenso wie hier in Deutschland. Das ist auch bitter notwendig, damit man auch nur im Ansatz erfassen kann, wie stark betroffen eine Region tatsächlich ist.

Bill Gates nennt den Staat New York als positives Beispiel, weil dort zuletzt die Zahl der ausgeführten Tests deutlich raufgeschraubt werden konnte. Gleichzeitig wird aber auch der Rückstau immer größer: Es werden mehr und mehr Tests ausgeführt, aber durch die Überlastung der Labors dauert es bis zu einer Woche, bis die Patienten ihre Ergebnisse bekommen.

Deswegen fordert Bill Gates ganz klare Prioritäten, in welcher Reihenfolge getestet werden muss. Zunächst sei das medizinische Personal an der Reihe sowie Ersthelfer, danach dann Menschen, die deutliche Symptome aufzeigen. Aktuell leiden wir weltweit darunter, dass aufgrund der fehlenden bzw. der nicht schnell genug ausgeführten/ausgewerteten Tests die tatsächlichen Ausmaße der Krise und die Verbreitung des Virus noch gar nicht wirklich abgebildet werden können.

In Deutschland werden derzeit etwa 60.000 Menschen täglich getestet, bei unseren europäischen Nachbarn in Großbritannien sind es sogar nur 10.000 Tests pro Tag. Ihr könnt euch also denken, dass die tatsächlichen Fallzahlen entschieden höher sein dürften, als derzeit kommuniziert werden können.

Zu diesem Punkt verweist Bill Gates übrigens auch noch auf die Materiallage jenseits dieser Tests, denn auch bei Schutzkleidung, Krankenhausbetten und Beatmungsgeräten sieht die Lage äußerst miserabel aus. Hier gibt es auch eine Parallele zu Deutschland bzw. Europa: In den USA überbieten sich derzeit die einzelnen Länder bei ihren Geboten, um benötigtes Material von chinesischen Unternehmen zu erwerben. Als wäre es nicht schon schlimm genug, kommt schließlich auch noch die US-Regierung als Käufer ins Spiel und treibt die Preise zusätzlich hoch.

Auch wir haben diesen Bieterstreit, der nicht nur für Ärger sorgt, sondern auch die Preise unnötig in die Höhe treibt. Hier ist es dringend geboten, dass zentral von einer Stelle aus agiert und dann nach Dringlichkeit verteilt wird.

Der Impfstoff muss her

Zu den Lichtblicken in diesen Tagen gehört zweifellos die Erkenntnis, dass sehr viele Experten fieberhaft an einem Impfstoff arbeiten und wir feststellen können, dass das Prozedere schneller vonstatten geht, als das üblicherweise der Fall ist. Bill Gates fordert hier einen datenbasierten Ansatz.

Es wird in verschiedene Richtungen geforscht, nicht jeder Ansatz wird letzten Endes erfolgreich sein. Dennoch ergibt es Sinn, dass man aktuell vielen Ansätzen nachgeht. Sobald belastbare Ergebnisse vorliegen, müssen dann die ersten Impfdosen an die Menschen gehen, die sie auch am dringendsten benötigen.

Das sollte sich im Grunde von selbst erklären, ist aber dennoch leider nicht selbstverständlich. Bill Gates verweist darauf, dass der günstigste Fall zur Erstellung eines Impfstoffs eine Entwicklungszeit von 18 Monaten vorweist. So emsig, wie derzeit gearbeitet wird an allen Ecken und Enden der Welt, könnte diese Zeit vielleicht tatsächlich sogar noch kürzer ausfallen.

Allerdings bedeutet ein vorhandener Impfstoff noch lange nicht, dass er auch breit verfügbar ist. Es wird also auch darauf ankommen, dass man ihn breit verfügbar macht und schnellstmöglich riesige Mengen produziert. Dafür schlägt Gates vor, dass die entsprechenden Anlagen jetzt schon gebaut werden müssen. Das Problem dabei ist, dass die Ausrüstung dabei so speziell ist, dass man sich womöglich bei der Errichtung einer Produktionsstätte verrennt, wenn sich herausstellen sollte, dass man beim Impfstoff einen falschen Ansatz verfolgt hat. Das Risiko kann und will natürlich kein Unternehmen auf sich nehmen und deshalb ist hier der Staat gefragt, der die entsprechenden Mittel bereitstellen muss.

Ich glaube, auch dieser Ansatz ist auf Deutschland übertragbar, auch wenn wir generell nicht so weit hinter dem Virus her rennen, wie es die USA derzeit tun. Man muss in den sauren Apfel beißen, dass man einen Produktionsort vielleicht wieder rückbauen muss, dafür aber schnellstmöglich mit einem anderen gerüstet ist, sobald man Impfstoffe produzieren kann.

Diesen Teil seines Beitrags nutzt Bill Gates auch erneut für Kritik an der US-Regierung. Bekanntlich hatte Trump unter seinen vielen Falschaussagen zum Thema Corona auch falsche Hoffnungen geschürt, was das Medikament Hydroxychloroquin angeht. Ohne jeglichen wissenschaftlichen Hintergrund ließ Trump seine Anhänger glauben, dass man hier ein verfügbares Medikament möglicherweise auch als Corona-Medikament nutzen könnte. Das Ergebnis: Viele Bürger stürzten sich auf das Medikament und die Menschen, die es aufgrund ihrer Erkrankung dringend benötigen, schauen in die Röhre.

 

Natürlich nutzt Gates hier auch nochmal die Gelegenheit, auf seinen TED-Talk von 2015 zu verweisen. Bereits damals sagte er voraus, wie hart uns eine solche Pandemie treffen könnte, die entscheidenden Hebel wurden aber nicht in Bewegung gesetzt — weder in den USA noch in Europa, wie man derzeit leider erkennen muss. Für die Zukunft sollten wir aufgrund der aktuellen Katastrophe dann besser aufgestellt sein, aber Bill Gates hat auch die Hoffnung für die aktuelle Krise nicht aufgegeben:

Aber ich glaube immer noch, dass wir, wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen und uns dabei auf die Wissenschaft, die Daten und die Erfahrung der Mediziner stützen, Leben retten und das Land wieder in Gang bringen können. Bill Gates, Gates Foundation

Was mich beunruhigt: Das Wörtchen “wenn” in seiner Aussage. Ja, man kann die Lage noch unter Kontrolle bekommen mit sehr viel Kraftanstrengung und mit Vertrauen unserer Politiker in die Expertise der Experten. Mir fehlt nur ein bisschen der Glaube, dass das global der Fall sein wird. Für die USA sehe ich da ziemlich schwarz, ehrlich gesagt — in Deutschland sind wir da deutlich besser aufgehoben derzeit, glaubt es mir.

Quelle: Washington Post (erfreulich übrigens, dass die Washington Post diese Corona-Beiträge nicht hinter der Bezahl-Schranke versteckt!)