Coronavirus: Handydaten plus dumme Menschen gleich Ausgangssperre

Gestern wurde bekannt, dass die Telekom anonymisierte Handydaten ans Robert-Koch-Institut weitergibt, um den Kampf gegen das Coronavirus zu unterstützen. Zeigen diese Daten an, dass wir uns nicht an die aktuellen Regeln halten, droht die Ausgangssperre!

von Carsten Drees am 19. März 2020

Wir haben noch längst keine Ausgangssperre, dennoch scheint es mir immer häufiger so, dass die Corona-Krise die ersten Lagerkoller längst ausgelöst hat. Die zunehmende Dichte an Verschwörungstheorien, “Ich hab das schon vor Monaten gesagt”-Schwurblern und der Trend zu Corona-Parties bringen mich zu dieser Annahme.

Fakt ist jedenfalls, dass wir tatsächlich mittlerweile vielfach dazu aufgefordert wurden, nach Möglichkeit die Regeln des “Social Distancing” zu beachten und möglichst zuhause zu bleiben. So lange es noch keine Ausgangssperre gibt, bin ich natürlich dennoch täglich an der frischen Luft. Nicht, weil ich zur “Jetzt erst recht”-Fraktion gehöre, sondern weil es meiner psychischen Hygiene dient, wenn an meine Birne zwischendurch mal ein wenig frische Luft kommt.

Dabei beachte ich natürlich die Regeln für den angemessenen Umgang mit meinen Mitmenschen. Ich bin also alleine unterwegs und nicht mit einer Gruppe, halte Abstand zu anderen Personen und dergleichen. Für mein Wohlbefinden sind diese Spaziergänge in der Tat wichtig und ich hoffe inständig, dass wir alle miteinander vernünftig genug sind, die Regeln auch so einzuhalten, dass unsere Regierung sich nicht genötigt fühlen muss, die Regeln weiter zu verschärfen.

Ausgehend vom Ist-Zustand gibt es nur noch eine weitere Verschärfung: Die Ausgangssperre für uns alle! In vielen europäischen Ländern ist sie längst angelaufen, so dass man nur noch mit triftigem Grund das Haus verlassen darf, beispielsweise zum Einkaufen, oder um zur Arbeit zu gelangen.

In dem Zusammenhang ließ gestern die Nachricht aufhorchen, dass die Telekom das Robert-Koch-Institut jetzt mit Handydaten versorgt. Diese sind aggregiert und anonymisiert — es ist also keinesfalls so, dass hier einzelne Personen identifizierbar getrackt werden. Dazu wäre noch zu sagen, dass die Deutsche Telekom diese Daten bereits seit Jahren erhebt und zur Verfügung stellt, allerdings gegen klingende Münze. Das RKI bekommt in der Krise diese Daten jetzt von der Telekom und das kostenlos.

In anderen Ländern wird von den Mobilfunkanbietern ganz ähnlich verfahren. Im Gegensatz dazu hören wir aus asiatischen Ländern wie Südkorea, dass die Vorgehensweise deutlich schärfer ist. Dort prüft man sehr konsequent, ob sich Infizierte an die Kontaktregeln halten, indem man sie per GPS trackt. Zudem werden Kreditkarteninformationen, Daten von Überwachungskameras und Einreise-Infos genutzt, um die Leute im Blick zu haben. Auch Israel geht mittlerweile so vor und bedient sich in der Krise bei Überwachungs-Werkzeugen, die ansonsten lediglich im Kampf gegen den Terror zum Einsatz kommen.

Es ist wichtig, diesen Unterschied zu sehen, da es in unserem Fall bzw. im Fall der von der Telekom übermittelten Daten nicht darum geht, Menschen ausfindig zu machen bzw. sie zu tracken, sondern anonym Bewegungsströme zu erkennen. Mit den Daten von insgesamt 46 Millionen Mobilfunkkunden können die Wissenschaftler die Ausbreitung des Virus simulieren und genauere Prognosen zu Covid-19 treffen.

Wie es heißt, lassen sich die Daten auf Bundesländer- wie auch Kreisebene herunterbrechen, so dass das RKI höchstwahrscheinlich die kommenden Infektionszahlen realistisch prognostizieren können. Das wiederum dient dazu, um im Austausch mit unserer Regierung weitere Maßnahmen zu besprechen bzw. zu erkennen, ob die aktuellen Maßnahmen greifen.

Das bedeutet im Klartext: Je mehr und je dichter wir in der Öffentlichkeit aufeinanderhängen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Infektionszahlen sich in der Simulation so unerfreulich entwickeln, dass das Robert-Koch-Institut nicht umhin kommt, der Regierung eine Ausgangssperre zu empfehlen.

Das, was ich persönlich gestern beobachtet habe — und auch jetzt beim Blick aus dem Fenster sehe — lässt mich zumindest hoffen, dass auch die letzten Idioten erkannt haben, wie ernst die Situation ist. Natürlich kann man von meiner persönlichen Beobachtung oder generell von einer Stadt nicht auf das ganze Land schließen. Aber da ich immer häufiger davon lese, dass Fußgängerzonen und Parks deutlich leerer sind, bewahre ich mir diese Hoffnung noch, dass der Kelch der Ausgangssperre an uns vorüber geht.

Kummer macht mir dabei eigentlich nur die oben bereits erwähnte “Jetzt erst recht”-Fraktion. Ich finde da nichts witziges oder cooles dran, sich ganz bewusst in großen Gruppen draußen zum cornern zu treffen oder regelrechte Corona-Parties zu initiieren. Diese Dummheit kann uns im besten Fall temporär in unserer Freiheit beschneiden — im schlimmsten Fall kostet sie aber Menschenleben. Wenn ihr Menschen ansteckt, dann sind das am wahrscheinlichsten natürlich die aus eurem privaten Umfeld. Falls ihr also noch im Party-Modus seid, denkt daran, dass ihr vielleicht nicht mit eurem Leben spielt, sondern mit dem eurer Eltern und Großeltern und mit dem Leben eurer Freunde, die leider nicht so kerngesund sind wie ihr.

.Die Gleichung “Handydaten plus dumme Menschen gleich Ausgangssperre” geht nur auf, wenn wir die Appelle der Politik und der Virologen bewusst ignorieren und die Regeln nicht einhalten. Seid bitte nicht so dumm — im eigenen Interesse und im Interesse aller!

Quellen: Reuters, t3n

Artikelbild: Telekom