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Coronavirus: It’s the Solidarität, stupid

Gerade beginnt die Rede unserer Kanzlerin, in der sie vermutlich die Spielregeln angesichts des Coronavirus nochmals verschärfen wird. Damit ist dieser Artikel schon überholt, während ihr anfangt zu lesen.

von Carsten Drees am 22. März 2020

Mit einer meiner miesesten Denglish-Headlines aller Zeiten ist im Grunde schon so viel gesagt, dass ich mir die nächsten Zeilen so ziemlich sparen könnte. Und ja — eigentlich ist es tatsächlich so simpel: Es ist die Solidarität, Dummkopf! So einfach und augenscheinlich auch so schwer, dass es viel zu viele immer noch nicht kapieren.

Die Corona-Krise bedeutet Einschnitte und Probleme für so ziemlich jeden von uns. Zumindest für jeden von uns, der nicht vor einem Monat in Hakle-Aktien investiert hat. Ich höre in diesen Tagen immer, dass nach Machtworten gerufen wird und nach einheitlichen Regeln. Schwachsinn, ernsthaft. Ein “Bleib mit Deinem verdammten Arsch so oft es geht zuhause” ist echt universell verständlich, sollte man meinen.

Klar, wir haben dank Föderalismus unterschiedliche Regelungen in den einzelnen Ländern. Aber ob die Bayern sagen, dass es “verschärfte Ausgangsregeln” gibt, oder ob man es so kommuniziert, wie es NRW oder Berlin tun: Wir alle wissen doch unabhängig davon, dass wir uns nicht in großen Gruppen anlecken sollen, oder?

Es gibt immer eine gewisse Arschloch-Dichte, daran ändern auch hundert Machtworte nichts, auch nicht hundert Appelle von Angela Merkel und nicht mal Ausgangssperren mit saftigen Geld- und sogar Haftstrafen. Derzeit liest man von Kids, die beispielsweise in den USA in Lebensittelläden das Gemüse anhusten. Das Gleiche liest man hierzulande von Jugendlichen, die ältere Passanten anhusten und Corona rufen.

Dazu kommen die Geschichten mit geklauten Desinfektionsmitteln und Schutzmasken sowie die von Hamsterkäufern, die eigennützig und nur für sich Nudel- und Klopapier-Verfügbarkeit bis ins nächste Jahrzehnt sicherstellen. Damit müssen wir leben , leider. Der ein oder andere dieser Schwachköpfe sieht vielleicht irgendwann ein, dass er Mist gebaut hat und korrigiert seinen Kurs. Ganz Viele raffen das alles hier aber einfach nicht oder es ist ihnen schlicht egal.

Das ist wieder so ein Filterblasen-Problem, fürchte ich. Ich lese unendlich viele Appelle, in denen es darum geht, möglichst zuhause zu bleiben, sich beim Rausgehen an bestimmte Regeln zu halten, in Maßen einzukaufen und vielleicht auch mal ein nettes Wort an die Dame an der Supermarktkasse loszuwerden.

Das alle lese ich so geballt, dass es mir schon längst wieder auf den Sack geht, ebenso wie die verschiedenen Spielchen zum Zeitvertreib, die meinen Feed sowohl auf Instagram als auch bei Facebook eher unansehnlich machen. Es ist gerade aber scheißegal, ob mich sowas nervt und ob ich die Appelle doppelt und dreifach sehe. Wir alle müssen gerade irgendwie klar kommen. Jeder für sich und dennoch irgendwie miteinander. Dank Internet sind wir auch in häuslicher Quarantäne oder mit Ausgehverbot mit Millionen Menschen verbunden. Begreifen wir diese Tatsache also bitte als Segen und blicken einfach mal gnädig über lahme Klopapier-Witze und dumme Spielchen hinweg, ebenso über den x-ten Aufruf, eine Petition für dieses zu unterschreiben oder eine solidarisch Aktion für jenes zu teilen.

Viel zu viele glauben immer noch, dass sie es besser wissen als die meisten anderen. Strengere Maßnahmen vs laschere Handlungsweise, Herdenimmunität anstreben vs Ausgangssperre. Bis auf eine Handvoll Experten und nochmal eine Handvoll Politiker, die von diesen Experten entsprechend gebrieft werden, haben wir so ziemlich alle recht wenig Ahnung von dem, was jetzt angebracht ist. Und selbst wenn wir bei irgendwas besser Bescheid wissen als der ein oder andere: Vielleicht wäre es ja mal eine Option, sich dennoch nicht wie ein überhebliches, besserwisserisches Arschloch zu benehmen.

Auf Facebook und Twitter wird zu einer Million solidarischen Aktionen aufgerufen, das ist großartig! Es gibt aber auch die Meckerköppe, die sich jetzt immer noch virtuell die Birnen einhauen und alles besser wissen wollen. Lasst uns jetzt einfach mal alle ein oder besser zwei Gänge runterschalten. Einfach mal durchatmen, statt dem anderen die Meinung geigen. Einfach mal zuhören, bevor man losblökt.

Es geht nur um die Solidarität, Freunde. Hadert nicht mit Politikern, die nichts auf die Kette kriegen, nicht mit Banken, die die nötigen Mittel zur schnellen Hilfe nicht flott genug veranlassen usw. Auch diese Menschen erleben gerade eine absolute Ausnahmesituation und brauchen Zeit, um sich zu sortieren. Solidarität darf nicht nur zu einer leblosen Vokabel verkommen, egal wie oft wir sie in diesen Tagen hören. Wir alle müssen jetzt und für die nächste Zeit unsere Meisterprüfung im Fach “Solidarität” ablegen und es wird an unseren Kräften zehren.

Das ist schwierig für jeden von uns — denkt also bitte daran, dass das auch für euer Gegenüber zählt. Für jeden Politiker, jeden Polizisten, der euch nach Hause schickt, jeden Angestellten in den Krankenhäusern, Apotheken und Supermärkten. Und ja, es gilt auch für jeden, der im Internet mit euch diskutiert. Wir kommen aus dem ganzen Mist nur zusammen raus, vergesst das bitte nicht. Passt auf euch und auf eure Lieben auf und bleibt gesund!

Artikelbild: Luisella Planeta Leoni auf Pixabay