Coronavirus: SO lest ihr News richtig

Man kann dem Coronavirus nicht entkommen. Das gilt fürs Virus an sich, aber auch für die Berichterstattung darüber. Es ist nicht immer einfach, an Fake-News und Verschwörungstheorien vorbei Fakten zu finden - aber es geht. 

von Carsten Drees am 8. April 2020

Seit wie vielen Tagen läuft diese Corona-Nummer jetzt eigentlich schon? Es ist ziemlich unwirklich, wenn man nur ein paar Monate zurückschaut, als das neuartige Coronavirus nur irgendwas war, was ein paar Chinesen betraf. Seitdem ist sehr viel passiert — sehr vieles, von dem nicht wenige Menschen sagen, dass es unsere Gesellschaft dauerhaft verändern könnte.

Eine Veränderung, die ich mir persönlich wünschen würde, wäre die Medienkompetenz jedes Einzelnen. Schon oft haben wir darüber gesprochen auf diesem Blog und schon oft haben wir das getan im Zusammenhang mit Fake-News, die sich wie Lauffeuer im Netz ausbreiten.

Auch in diesen Zeiten ist das natürlich wieder der Fall, zu den Fake-News gesellen sich zudem noch Verschwörungstheorien und beides verbreitet sich mindestens ebenso flott wie das Virus, geht also quasi viral. Dazu gesellen sich aber auch noch News, die nicht die Absicht haben, uns falsche Informationen zu vermitteln. Hier wird sich oft auf wissenschaftliche Aussagen oder Texte bezogen, die jeweilige Newsquelle deutet oder gewichtet das Gesagte dann aber falsch. Oft wird dann falsche Hoffnung geschürt, definitiv wird aber vieles geschrieben und prognostiziert, welches sich definitiv so nicht verifizieren lässt.

Unsere Probleme: Eine Pandemie und eine Infodemie

Wir leben in einer schwierigen, äußerst ungewohnten Situation. Nicht mal die Finanzkrise 2008 mit all ihren Auswirkungen hat uns annähernd so in den Hintern getreten, wie es die Corona-Pandemie aktuell tut. Da ist es logisch, dass jeder von uns versucht, so gut wie möglich informiert zu sein. Die Wege, sich zu informieren, sind natürlich vielfältig und gerade jetzt werden wir förmlich erschlagen von all der Corona-Berichterstattung.

Bei Quartz hat man aus diesem Grund die Vokabel “Infodemie” verwendet, die mir sehr gut gefällt und die ich direkt mal in meinen Sprachgebrauch übernommen habe. An der News-Front passiert das, was immer passiert, wenn ein Thema alle anderen News dominiert: Es regnet Sondersendungen und Specials, Gerüchten zufolge soll es mittlerweile auf deutschen Nachrichtensendern sogar schon mehr Corona-Berichterstattung als Hitler-Dokus geben. Selbst RTL zeigt Sonder-Nachrichtensendungen — allein das sollte den Ernst der Lage verdeutlichen. Den Ernst der Lage, oder aber die Chance, mit dem Thema Quote machen zu können!

Ich mache niemandem einen Vorwurf, der derzeit das Thema Corona prominent beackert, schließlich dominiert das Virus nicht zu Unrecht die Nachrichten. Wie ihr auch hier auf dem Blog lesen könnt, hat Covid-19 ja auf so ziemlich jeden Bereich des Lebens einen Impact, in unserem Fall also darauf, wie welche Smartphones veröffentlicht werden, ob sie derzeit überhaupt produziert werden können, welche Events abgesagt werden müssen, welche Apps man nutzen soll und vieles mehr.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir als Leser werden förmlich erschlagen mit Angeboten, was man übers Thema lesen kann. Wir möchten euch daher dafür sensibilisieren, wie ihr euch durch diesen Wust kämpft, so dass am Ende ein möglichst gut informierter Leser steht und kein verzweifelter Verschwörungstheoretiker. Alles, was wir hier schreiben, passt auf diese Corona-Krise, gilt aber natürlich auch darüber hinaus.

Nicht vergessen: SARS-CoV-2 ist brandneu!

Beim Lesen aktueller News über das Coronavirus dürfen wir vor allem nicht vergessen, dass vor wenigen Monaten — inklusive der versammelten Wissenschaft — niemand das neuartige Coronavirus aka SARS-CoV-2 aka Covid-19 kannte. Es ist unsinnig, an der Seriosität der Experten zu zweifeln, denn weltweit wird da ein tatsächlich bemerkenswerter Job gemacht. Dennoch befindet sich die Forschung zum Thema noch in den Kinderschuhen.

Das bedeutet, dass die Wissenschaftler bislang noch überhaupt keine Zeit hatten, das Virus eingehend zu untersuchen. Vieles von dem, was sie lernen, basiert auf dem, was aus epidemiologischer Sicht beobachtet werden kann und was Experten über andere Viren, wie die Grippe und SARS, wissen.

Weltweit wird auf sehr hohem Niveau zusammengearbeitet — so weit ich das als Außenstehender beurteilen kann — und ich glaube sogar, dass es dieses gemeinsame an-einem-Strang-Ziehen auf internationalem Niveau vorher so noch nicht gegeben hat. Das ändert aber nichts daran, dass wir uns immer noch in einem sehr frühen Stadium der Forschung befinden.

Das bedeutet, dass viele Wissenschaftler, die sich mit ersten Arbeiten und öffentlichen Äußerungen zu Wort melden, zwar zweifellos richtig liegen können mit ihren Erkenntnissen — es gibt aber keine Instanz, die das umgehend verifizieren kann! Im Normalfall werden neue Erkenntnisse und Theorien umfassend überprüft, bis irgendwann feststeht, dass man sie wasserdicht bestätigen kann. Genau aus diesem Grund sollten wir aktuell skeptisch sein, egal welcher Wissenschaftler sich mit neuen Hinweisen zur Bekämpfung des Coronavirus zu Wort meldet. Nicht, weil man gegenüber der Wissenschaft grundsätzlich skeptisch sein sollte, sondern weil einfach die Zeit zum Verifizieren fehlt. Emma Frans, Forscherin für Epidemiologie an der Universität Oxford in Großbritannien und am Karolinska Institutet in Schweden, sagte dazu gegenüber TED:

Diese Art von gesunder Skepsis bedeutet nicht, dass Sie alles als falsch abtun – es bedeutet einfach, dass die Dinge, die Sie hören, falsch sein könnten, aber sie könnten auch wahr sein… oder sie könnten etwas dazwischen sein. Emma Frans, Forscherin für Epidemiologie und Psychiatrie

Immer wichtig: News-Quellen verifizieren

Jeder von uns sollte sich angewöhnen, ebenfalls wissenschaftlich an die Sache zu gehen. Soll heißen: Wenn ihr etwas Neues erfahrt, nehmt es nicht blind für bare Münze, sondern verifiziert die Information. Vieles von dem, was derzeit durch die Nachrichten geistert, hat mit dem eben Geschriebenen zu tun: Unendlich viele Wissenschaftler weltweit arbeiten an einem Medikament, an Behandlungsmethoden, an der Diagnostik und natürlich am Impfstoff.

In der Folge werden also auch unzählige Fallstudien dokumentiert und die Medien stürzen sich gierig auf jeden Fetzen, jede Info und jeden Satz, der möglicherweise eine neue Erkenntnis und damit verbunden auch Hoffnung verspricht. Daher ist es jetzt um so wichtiger, dass ihr schaut, woher eine Info stammt, wenn ein großes News-Portal in einer Headline ein neues Corona-Medikament oder einen Impfstoff ankündigt.

Schaut also, auf welche Studien sich bezogen wird. Im besten Fall sind diese Quellen verlinkt, so dass ihr selbst einmal einen Blick drauf werfen könnt, worüber da geschrieben wird. Nochmal: Es geht nicht darum, Wissenschaftlern ihre Erkenntnisse nicht zu glauben! Viel mehr geht es darum zu verifizieren, ob in einem wissenschaftlichen Text tatsächlich das geschrieben steht, was eine News-Seite daraus macht.

Oft geht es dabei nämlich sogar gar nicht mal um Covid-19 explizit, sondern eher um einen anderen biologischen Prozess, der Auswirkungen auf die Ausbreitung oder den Schweregrad der Krankheit haben könnte. Außerdem muss berücksichtigt werden, auf welcher Basis etwas beobachtet wurde. Wenn ein Wissenschaftler eine Entdeckung aufgrund einer Beobachtung von einer Handvoll Menschen macht, kann das zweifellos dennoch richtig sein, aber es ist dennoch kein gesichertes, aussagekräftiges Wissen. Verifiziert also, dass eine Studie auf einer Basis von 1.000 oder mehr Personen erstellt wurde — nur dann sind bestimmte Muster aussagekräftig.

Aktuell weiß die Wissenschaft selbst noch nicht viel über das Virus. Wieso stecken sich bestimmte Menschen leichter an, andere wiederum nicht? Wieso erwischt es ältere Menschen häufiger als junge und wieso trifft es dennoch nicht vorbelastete Jugendliche gelegentlich? Wir müssen bei den Erkenntnissen aktuell auch immer berücksichtigen, dass uns möglicherweise wichtige Parameter fehlen, um die Lage seriös einschätzen zu können.

Beispiel: Wir hören jeden Tag, dass X Menschen positiv getestet wurden, Y Menschen verstorben sind und Z Menschen wieder gesund geworden sind. Damit kann man vielleicht über den Daumen gepeilt erkennen, wie dramatisch die Lage derzeit ist. Aber selbst Vergleiche mit anderen Nationen funktionieren im Grunde nicht, weil überall anders getestet wird. Wir wissen nicht, wie viele Menschen negativ getestet wurden und wir wissen auch nicht immer, auf welcher Basis getestet wurde. Manchmal muss man in einer Krisenregion leben oder dort gewesen sein, um getestet zu werden, manchmal erfolgt ein Test aber auch nur dann, wenn man dabei zudem Symptome entwickelt.

Wenn ein Wissenschaftler für eine Studie nun Corona-infizierte Menschen in Krankenhäusern beobachtet, erhält er ein anderes Ergebnis als ein anderer Wissenschaftler, der für seine Studie auch Menschen in häuslicher Quarantäne berücksichtigt. Auch hier ist wieder nicht gesichert, welcher der Wissenschaftler das sinnigere Ergebnis liefert und das solltet ihr im Hinterkopf behalten, wenn eine Nachrichten-Seite solche Zahlen aus Studien aufgreift.

Oftmals stellen Experten auch Hypothesen auf auf unterschiedlichster Basis. Wird das als wissenschaftlicher Artikel veröffentlicht, kann selbst eine eher abwegige Theorie dazu beitragen, dass man mehr Erkenntnisse und neue Denkansätze gewinnt, die die Wissenschaft weiter bringen. Diese Hypothesen sind aber nicht dazu geeignet, als feststehender Fakt in Nachrichten-Beiträgen verkauft zu werden. Ein prominentes Beispiel dafür ist die Hypothese, dass Ibuprofen einen negativen Impact auf Corona-Infizierte haben könnte.

Ein paar allgemeine Regeln zum Lesen von Nachrichten

Abschließend noch ein paar Zeilen dazu, was ihr grundsätzlich immer berücksichtigen solltet beim Konsumieren von Nachrichten und nicht nur in Pandemie-Zeiten. Wie kommt ihr an eine Nachricht? Lest ihr sie auf einer bestimmten Nachrichten-Seite oder wird sie via Social Media an euch rangetragen? Auch hier gilt immer: Verifiziert das, was ihr da lest.

Seid ihr auf einer Nachrichten-Seite unterwegs, die ihr noch nicht kanntet, reicht oft schon ein Blick auf die Startseite, um einen Eindruck zu gewinnen, wie seriös hier tatsächlich berichtet wird. Schaut euch beispielsweise mal die BILD oder den Focus an, zieht eure Schlüsse — und vergesst bitte umgehend wieder, dass beide Namen in diesem Artikel genannt wurden und nutzt sie bitte auch nicht, um euch eine Meinung zu einer Pandemie oder zu irgendwas zu bilden.

Schaut bei einer Headline, beispielsweise über einen möglichen Impfstoff, wer noch darüber berichtet. Gibt es eine besonders erfreuliche oder eine besonders verstörende Nachricht, so dürfte es ausgeschlossen sein, dass nur eine oder nur sehr wenige Seiten darüber berichten. Schaut also immer noch auf ein paar andere Seiten, ob diese bestimmte Nachricht auch dort ein Thema ist.

Je nach Thema könnt ihr euch auch unabhängige Institutionen heranziehen. Beim Beispiel Coronavirus bedeutet das: Informiert euch beim Gesundheitsministerium, beim Robert-Koch-Institut und bei Infektionsschutz.de, für den internationalen Überblick schaut auf die Seiten der World Health Organisation.

Allgemein würde ich mir wünschen, dass wir wieder mehr auf seriöse Nachrichten zurückgreifen und weniger auf Verschwörungstheorien und Behauptungen auf YouTube. Wenn ein Wissenschaftler auf YouTube seine These vertritt und 99 Prozent der Wissenschaftler komplett anderer Meinung sind, dann hat das seine Gründe — und diese Gründe haben nichts mit einer Verschwörung oder einer neuen Weltordnung zu tun, versprochen.

Ich hab es schon mehrfach empfohlen und möchte es auch heute wieder tun: Streut ein wenig bei der Auswahl eurer Newsquellen. Schnuppert also auch als liberaler Mensch mal in konservativere Medien rein und umgekehrt und schaut vor allem auch über den regionalen Tellerrand. Soll heißen, dass ihr nicht nur deutsche Medien im Blick behaltet, sondern auch mal schaut, was beispielsweise in England (The Guardian) oder in der Schweiz (NZZ) über eine Nachricht gedacht wird.

Letzter Satz: Nehmt die Leute an die Hand, die es nicht so gut wissen wie ihr. Pöbelt sie nicht dafür an, dass sie Fake-News teilen, sondern erklärt ihnen, was sie da falsch machen und wieso das gefährlich ist. Nennt ihnen die richtigen Quellen und versucht, ihren Horizont zu erweitern. Das klappt sicher nicht immer, empfiehlt sich aber dennoch.

Quelle: Quartz