Mehr Nacktheit, weniger Cyber-Bullying
Google aktualisiert still die Nutzungsbedingungen für Google+, Hangouts & Photos

Datenschutz, Porno-Spam und Cyber-Mobbing - das sind die drei grossen Probleme, denen sich Social Networks wie Facebook, Twitter oder Google+ heute stellen müssen. Zumindest Google+ hat nun in in den beiden letztgenannten Bereichen neue Definitionen erstellt und geht bei den Do's and Don'ts wesentlich mehr ins Detail. Zusammengefasst lautet die neue Richtung: künstlerische Nacktheit wird akzeptiert, aber Cyber-Mobbing wird nicht mehr toleriert.

Rund um Google+ hat sich in den letzten Wochen eine ganze Menge getan. Zum einen wurde der Social Layer der Plattform wieder enger an Gmail gekoppelt, zum anderen gibt es nun mit Google Photos eine separate Foto-Plattform und App, die optional auch „ohne“ Google+ nutzbar ist.

Wenn sich Dienste und ihr Einsatzzweck ändern, sind oft Anpassungen der zugrundeliegenden Nutzungsbedingungen notwendig – ihr wisst schon, dass sind diese langen Texte, die nie jemand liest, obwohl sie letztendlich die Grundlage für das Verhältnis zwischen euch und dem Anbieter des Dienstes bilden. Im Falle eines Social Networks wie Facebook, Twitter oder Google+ regeln diese Nutzungsbedingungen aber auch das Miteinander auf der Plattform, zwischen euch und anderen Benutzern.

Es gibt im Rückblick auf die letzten Jahre neben dem Thema Datenschutz zwei große Baustellen bei jedem Social Network. Zum einen sind das – hey, das ist das Internet – Nacktbilder und der u.U. sehr restriktive, willkürliche, prüde bis bigotte Umgang amerikanischer Anbieter mit diesem Thema. Während Fotos und Videos von Hinrichtungen problemlos geteilt werden können, sorgt jede Brustwarze für hektische Ausschläge beim Bilderkennungs-Algorithmus und dem evtl. involvierten Mitarbeiter der Netzwerks.

Das andere Thema heißt Mobbing, mit all seinen ekeligen Spielarten wie sexueller Belästigung, Stalking, hunderten von Hasskommentaren und ähnlichen Auswüchsen. Twitter ist hier in den letzten Jahren besonders in die Kritik geraten, aber auch Facebook und Google+ haben mit diesem Problem zu kämpfen. Ganz offen oder im Schutz einer vermeintlichen Anonymität fallen Einzelne oder ganze Gruppen über eine Person her und versuchen, diese „fertigzumachen“.

Das dürfte bereits für den ein oder anderen Erwachsenen ein Problem sein. Frauen betrifft es oft mehr als Männer, und sehr oft hat eine solche Mobbing-Attacke Auswirkungen auf das „echte“ Leben. Eine digital ruinierte Reputation kann sich auf das Privatleben und den Arbeitsplatz erstrecken, von den psychischen Nebenwirkungen ganz zu schweigen. Doch ganz besonders sind ältere Kinder und Jugendliche von diesem Thema betroffen – sie wissen oft gar nicht, wie sie mit diesem geballten Hass umgehen sollen.

cyberbullying

Google ändert nun in beiden Bereichen seine Strategie. Während man beim Thema Nacktheit die Zügel etwas lockerer lässt und damit sicherlich den Anforderungen an einen Bilder-Dienst wie Google Photos gerecht werden will, werden beim Thema Belästigung und Mobbing die Zügel wesentlich straffer angezogen. Momentan kann man die Änderungen sehr schön nachvollziehen, weil die deutschsprachige Version der Nutzungsbedingungen noch nicht an die neuere, englischsprachige Version der Nutzungsbedingungen angepasst wurde.

In der deutschsprachigen Version findet sich momentan noch der Paragraph:

9. Eindeutig sexuelles Material
Verbreiten Sie keinen Inhalte, die Nacktheit, bildhafte sexuelle Aktivitäten oder eindeutig sexuelles Material enthalten. Leiten Sie Nutzer nicht an kommerzielle Pornografieseiten weiter.

Auf Ihrem Profilbild dürfen keine nicht jugendfreien oder anstößigen Inhalte zu sehen sein. Verwenden Sie beispielsweise nicht das Gesäß einer Person oder das Dekolleté einer Frau in Nahaufnahme.

Dieser Paragraph wurde in den englischsprachigen, ansonsten sinngemäss gleichen Nutzungsbedingungen um einen weiteren eingeschobenen Absatz erweitert:

9. Sexually Explicit Material
[…]
We do allow naturalistic and documentary depictions of nudity (such as an image of a breastfeeding infant), as well as depictions of nudity that serve a clear educational, scientific, or artistic purpose.
[…]

Das hört sich unspektakulär an, ist aber tatsächlich eine sehr umfassende Erweiterung, besonders für amerikanische Verhältnisse und ganz explizit im Vergleich zu Facebook. Wenn „sexuelle“ Bilder also einen bildenden, wissenschaftlichen oder künstlerischen Zweck verfolgen, dann dürfen diese in Zukunft nicht nur via Google Photos, sondern auch als öffentlicher Beitrag bei Google+ geteilt werden. Gleiches gilt, wenn vormals als „zu sexuell“ eingestufte Bilder im objektiven, gesellschaftlich akzeptierten Sinn rein naturalistische („naturgetreue“) Dinge darstellen, z.B. das Stillen eines Kindes.

Wesentlich weiter gehen die Änderungen im Bereich Belästigung und Mobbing, hier holt Google nun sprichwörtlich die Keule ‚raus.

In der deutschsprachigen Version findet sich noch der relativ kurze und ziemlich allgemein gehaltene Paragraph

10. Belästigung und Mobbing
Belästigen oder beschimpfen Sie andere nicht. Personen, die Google+ nutzen, um andere zu beleidigen oder zu beschimpfen, müssen damit rechnen, dass ihre anstößigen Inhalte entfernt oder ihr Zugang zur Website dauerhaft gesperrt wird. Online-Belästigung ist darüber hinaus in vielen Regionen illegal und kann ernste Folgen in der Realität haben.

In der englischsprachigen Version wurde dieser Paragraph bereits stark erweitert und lautet nun:

10. Harassment, Bullying, and Threats
Do not engage in harassing, bullying, or threatening behavior, and do not incite others to engage in these activities. Anyone using our Services to single someone out for malicious abuse, to threaten someone with serious harm, to sexualize a person in an unwanted way, or to harass in other ways may have the offending content removed or be permanently banned from using the Services. In emergency situations, we may escalate imminent threats of serious harm to law enforcement. Keep in mind that online harassment is also illegal in many places and can have serious offline consequences for both the harasser and the victim.

Google geht hier wesentlich mehr ins Detail und adressiert diesmal auch diejenigen Benutzer, die andere Benutzer zum Cyber-Mobbing anstacheln. Ganz besonders wird auch das Thema „Public Shaming“ angesprochen, im Speziellen die sexuelle Darstellung anderer (z.B. der Ex-Freundin) als Bloßstellung. Besonders deutlich ist jedoch der Hinweis, dass Google sich selbst in bestimmten Situationen das Recht einräumt, die Belästigung an die zuständigen Behörden weiterzuleiten, damit diese gegen den oder die Belästiger vorgehen. Und ja, man darf davon ausgehen, dass Google in solchen Fällen auch personenspezifische Daten wie IP-Adressen usw. herausgeben wird.

Für den englischsprachigen Raum gibt es zudem bereits einen umfangreichen Support-Beitrag, der u.a. Meldeformulare und Schritt-für-Schritt-Hilfestellungen enthält.

Dass Google sich tatsächlich mit dem Thema beschäftigt hat, zeigt auch ein neu hinzugefügter Absatz am Ende der Nutzungsbedingungen.

15. Use of Multiple Accounts

Do not create or use multiple accounts to evade our policies or bypass blocks or otherwise subvert restrictions placed on your account. For example, if you’ve been blocked by another user or suspended for abuse, don’t create a replacement account that engages in similar activity.

Während das Anlegen und Benutzen mehrerer Profile grundsätzlich gestattet ist, zieht Google nun beim Thema Belästigung eine klare Grenze. Wer mehrere Accounts nur unterhält, um seine Belästigungen im Falle einer Sperrung fortzusetzen, muss nun auch mit der Sperrung der anderen Accounts rechnen. Ja, das könnte in ganz extremen Fällen zu einem Katz-und-Maus-Spiel ausarten – fragt sich, wer den besseren Erkennungs-Algorithmus und den längeren Atem hat.

Wenn ihr mich fragt: beides, sowohl der lockerere Umgang mit Nacktheit als auch der härtere Umgang mit Mobbern und Hatern sind für ein (amerikanisches) Social Network ein Riesenschritt. Wenn Google das Erstrebte wirklich umsetzen kann, dürfte das für viele Benutzer die Plattform Google+ noch attraktiver machen. Und auch sonst muss man festhalten, dass solche Änderungen sicherlich eine gewisse Signalwirkung haben, besonders wenn in absehbarer Zeit tatsächlich die ersten Fälle mit Konsequenzen publik werden. Spätestens dann müssen sich auch Twitter und Facebook überlegen, wie sie diese beiden Probleme – das eine kleiner, das andere grösser – besser in den Griff bekommen.

Eine Randnotiz noch: während die deutschsprachigen Bedingungen noch allgemeingültig mit „Datenschutzerklärung & Nutzungsbedingungen“ überschrieben sind, werden die die englischsprachigen bereits mit „Policies for Google+, Hangouts & Photos“ betitelt. Das nur als kleiner Hinweis für alle Tech-Journalisten und Marketing-Experten da draussen, die regelmässig die Schliessung der Plattform Google+ vorhersagen.

Quelle: zdnet.com via Violet Blue

Titelbild: IDEA CAMPAÑA CONTRA BULLYING DE INTERNET von Cesarion__ unter CC BY 2.0, mit verwischtem spanischsprachigem Text und stattdessen eingefügten Logos