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Dänemark ab 2030 ohne Verbrenner und Umweltbundesamt will 1,5 m² für einen Autoparkplatz

von Robert Basic am 11. Oktober 2018

Fangen wir mit Dänemark an: Die Minderheitsregierung unter Lars Løkke Rasmussen hat einen Hammervorschlag erarbeitet, der dem Parlament zur Abstimmung vorgelegt wird.

Im Einzelnen:

  • Auslaufen des Verkaufs neuer Benzin- und Dieselfahrzeuge bis 2030.
  • Bis 2030 keine CO2-Emissionen und keine Luftverschmutzung durch Busse in dänischen Städten.
  • 80 Millionen Kronen (10 Mio. €) werden in Ladestationen für Elektroautos investiert.
  • Keine Registrierungsgebühren für nachhaltige Fahrzeuge im Wert von 400.000 Kronen (53.640 €) in den Jahren 2019 und 2020.
  • Keine Diesel- oder Benzintaxis bis 2030.
  • Umweltzonen in Städten mit erhöhtem Bedarf an Verkehrsmitteln und öffentlichen Fahrzeugen.
  • Klimafreundlicher Asphalt für den Einsatz auf öffentlichen Straßen.
  • Kamine vor dem Jahr 2000 müssen beim Kauf von Häusern entfernt werden.
  • Klimakennzeichnung auf Lebensmitteln.
  • Forschung zur Entwicklung von Technologien zur CO2-Abscheidung und -Speicherung für den Einsatz in Feldern und Wäldern.

Die Regierung hat bzgl. der E-Autoförderung vorgeschlagen, die geplante Erhöhung der Zulassungssteuern auf Elektro- und Plug-in-Hybridfahrzeuge um ein Jahr zu verschieben und gleichzeitig den Steuerabzug für Stromer-Besitzer auf 40.000 Kronen (5.364 €) im Jahr 2019 und 77.500 Kronen (10.393 €) im Jahr 2020 zu erhöhen.

Nun, Kenner werden Dänemark als das Land kennen, was Vorreiter bei der Energiewende war und ist. Das Land selbst gehört in allen Belangen zur Weltspitze. Trotz der höchsten Abgaben überhaupt. Dänemark kann ohne Weiteres als ein Staat betrachtet werden, bei dem alle mehr oder minder an einem Strang ziehen. Zumal die Einwohner als die glücklichsten überhaupt weltweit gelten. Irgendwie muss dieses Land also Einiges richtig machen. Selbst die Einkommensverteilung weist einen exzellenten Gini-Wert auf.

Ob die Maßnahmen die deutsche Autoindustrie hart treffen? Überhaupt nicht, im Gegenteil!

Nun, Dänemark weist per se eine recht niedrige PKW-Dichte (Länderprofil Dänemark, .pdf) mit 429 Pkws/1.000 Einwohner (D: 555) auf. Der Pkw-Bestand beläuft sich auf 2,6 Millionen (D: 46 Mio). Alle Daten dazu bitte dem statistischen Amt Dänemarks anhand einer simplen Datenbankabfrage entnehmen. 2017 wurden rund 235.118 neue Pkws & Vans zugelassen. Einen markanten Unterschied zu Deutschland gibt es im Bereich Neuzulassungen Privat zu Geschäftlich: Die Dänen liegen bei 50%. Das ist in D komplett anders: 1/4 werden auf Private zugelassen. Geschäftswagen machen bei uns die deutliche 3/4 Mehrheit bei +3 Mio Neuzulassungen je Jahr aus.

Aus dem 2017er Statistikjahrbuch (.pdf) zur Verteilung der Pkws: „In 2017, there were 429 passenger cars per 1,000 inhabitants. The largest stock of passenger cars is in Nordsjælland with 501 passenger cars per 1,000 inhabitants, while Copenhagen City have the lowest number with 258 passenger cars per 1,000 inhabitants.

Wie sich die Dänen mit was fortbewegen? „On average, every Dane covered a distance of 13,000 km in 2015, corresponding to 35 kilometres a day which is unchanged compared to the previous year. The development reflects the unchanged use of motorised vehicles. The majority of passenger transport performance is by car (78 per cent), while 9 per cent is by bus and 8 per cent by train. The share of transport by bicycles/mopeds is 4 per cent“.

Welche Autos kaufen die Dänen und was müssten die deutschen Hersteller in E-Autos aufbringen? Das sollte bis 2030 alles kein Thema sein. Denn VW hat gewaltig an Pace aufgenommen, um bezahlbare (!) E-Autos schon ab 2020 auf die Straßen zu bringen. Auch Audi, BMW, Mercedes und Porsche haben die Beine in die Hand genommen. Bis zu diesem Zeitpunkt 2030 sollte eigentlich genug Zeit sein, eine vernünftige Breite  an Angeboten auf die Beine zu stellen. Das gilt ebenso für alle anderen Hersteller.

Dänemark Autoverkäufe

Weitere Charts:

Bestand Pkw
Bestandsverlauf Pkws 2010 – 2018

 

Zulassungsverlauf
Zulassungsverlauf 2010 – 2018

 

Bestand Benziner/Diesel, Pkw und Vans 2010-2018
Bestand Benziner/Diesel, Pkw und Vans 2010-2018

Warum die Daten so wichtig sind? Nun, ihr könnt euch grob ausrechnen, bis wann der Bestand an Verbrennern durch Elektroautos ausgewechselt wurde. Theoretisch. Spätestens nach 10 Jahren sind Verbrenner im Straßenbild eine Seltenheit. Nach 20 Jahren fahren sie auf Oldtimerteffen mit Sondergenehmigung herum. Wahrscheinlich außerhalb der Städte.

Derweil in Deutschland: Parkplatzrückbau

Es ist ja nicht so, dass die Deutschen untätig wären, was die Energiewende angeht. Wobei man sich fragt, ob man mehr Energie für die Energiewende aufbringt oder aber die Energiewende aktiv gestaltet und von allen Seiten mitträgt? Ebenso sprechen wir zunehmend auch im Mutterland des Automobil von einer Verkehrswende. In diesem Rahmen wurde das Umweltbundesamt auf einmal aktiv.

Der Plan? Bitte alles Weitere im Detail der neuesten Publikation Geht Doch entnehmen. Kurzfassung? Vollzitat aus der Pressemeldung:

Die Ziele sind: Mehr Menschen legen mehr Wege zu Fuß zurück, der Fußverkehr wird sicherer und barrierefrei, das Thema wird mit festen Zuständigkeiten in Verwaltungen von Bund, Ländern sowie Kommunen verankert und die Aufenthaltsqualität für zu Fuß-Gehende steigt. Maria Krautzberger, Präsidentin des UBA: „Fußgängerinnen und Fußgänger sind die blinden Flecken der Verkehrspolitik. Dabei ist Gehen die natürlichste und grundlegendste Form der Mobilität. Unser Konzept zeigt, wie wir den Fußverkehr stärken können – für mehr Umweltschutz und lebenswertere Städte. Wir brauchen eine bundesweite Strategie zum Fußverkehr, wie es sie bereits in mehreren europäischen Ländern gibt.“

Aus der Publikation Geht Doch die Einzelziele:

Ziel 1: Mehr Menschen gehen zu Fuß
Der Anteil des Fußverkehrs an den Wegen in Deutschland steigt bis 2030 an: von durchschnittlich 27 % in Kernstädten um etwa die Hälfte auf 41 % und von durchschnittlich 24 % in ländlichen Kreisen um etwa die Hälfte auf 35 %.

Ziel 2: Zufußgehen in Deutschland wird sicherer
Reduzierung der Zahl der durch Verkehrsunfälle getöteten Fußgängerinnen und Fußgänger bis 2030 gegenüber dem Basisjahr 2015 um mindestens 107 Personen (20 %) , langfristig gänzliche Verhinderung von tödlichen Unfällen (Vision Zero).

Ziel 3: Aktive Fortbewegung hält immer mehr Menschen gesund
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung bewegt sich länger als 30 Minuten täglich. Ziel 4: Die meisten mobilitätseingeschränkten Menschen sind ohne fremde Hilfe mobil Eigenständige Mobilität ist zukünftig für nahezu alle möglich – ohne fremde Hilfe.

Ziel 5: Fußverkehrsförderung trägt dazu bei, die Umwelt zu entlasten
Die Belastungen mit Treibhausgasen, Lärm und Luftschadstoffen verringern sich. Im ersten Schritt bleiben für den ruhenden motorisierten Individualverkehr am Straßenrand und auf Wohngrundstücken maximal 3 m² pro Einwohner (EW). Nach dem Rückbau der autogerechten Stadt wird dieser Wert auf 1,5 m² pro EW reduziert.

Ziel 6: Zufußgehen in Städten und Gemeinden wird attraktiver
Durch Anwendung des Leitbildes der kompakten, funktionsgemischten Stadt bei der Stadtentwicklung verringert sich die durchschnittliche Weglänge auf 8 km pro Weg oder 28 km pro Person und Tag. Die Pkw-Dichte reduziert sich auf einen langfristigen Zielwert von 150 Pkw/1000 EW in Großstädten über 100.000 EW.

Ziel 7: Wahrnehmung und Bedeutung des Fußverkehrs erhöhen sich
Fußverkehr findet auf allen Ebenen mehr Beachtung – von der Gesetzgebung bis hin zur Realisierung konkreter Infrastruktur in den Städten und Gemeinden. Fußverkehr wird nach außen sichtbar in den Verkehrsressorts von Bund, Ländern und Kommunen verankert.

Liest sich gut und fußgängerfreundlich. Allerdings? Ich bin – das betone ich immer wieder und wieder – ein Freund davon zu schauen, wo wir stehen und wie realistisch Umstellungen in welcher Zeiteinheit für wen sind. Zusammen. Nicht Gegeneinander. Dazu zunächst einmal eine Übersicht von Greenpeace zu Städten in Deutschland (Städteranking zur nachhaltigen Mobiliät), was Pkw-Dichten auf 1.000 Einwohner und den modalen Split (Nutzung diverse Fortbewegungsmittel) angeht, achtet dabei auf die letzte Spalte:

STÄDTERANKING ZUR NACHHALTIGEN MOBILITÄT

Eine Rückführung auf eine Pkw-Dichte von 150 je 1.000 Einwohnern ist gelinde gesagt eine sehr radikale Forderung. Ebenso der Rückbau der Parkfläche. Die beträgt momentan 4,5 m². Und soll demnach in einem Zwischenschritt auf 3 m² und im letzten Schritt auf 1,5 m² zurückgebaut werden. Na dann mal viel Spaß bei den Umbaukosten und der faktischen Wegnahme der Pkws. Es würden pauschal gerechnet 2/3 (!) aller Fahrzeuge aus dem innerstädtischen Verkehr verschwinden, mangels Parkmöglichkeiten. Wenn sowas funktionieren soll, dann wird das nur mit Robocars machbar sein. Die voraussichtlich keine Dauerparkplatzmöglicheiten in der Stadt brauchen. Einen entsprechenden Umbau mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bus und Bahnen halte ich kommunal für unbezahlbar. Aber ich habe jetzt auch keine Lust mehr sagen wir für Hamburg die absoluten Nutzungszahlen der Öfis versus Pkws gegenüberzustellen, um das Ganze in einen Datensatz zu gießen. Ein anderes Mal.

Titelbild von Pathum Danthanarayana